Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.04.2001.

NZZ, 14.04.2001

Peter Hagmann liefert ein kleines, sehr wohlwollendes Porträt des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Kent Nagano in Berlin: "Die Identifikation des Orchesters mit seinem Künstlerischen Leiter ist sozusagen total. Und Nagano hat sich mit ganzer Energie in seine neue Aufgabe gestürzt. Nicht weniger als fünfzehn Programme hat er sich für die Saison 2000/01 vorgenommen. Vor allem hat er, wie eine Begegnung mit dem Orchester in der Berliner Philharmonie erweist, schon ein gerüttelt Maß an Basisarbeit geleistet."

Weitere Artikel: Judith Kuckart legt ein kleiens Tagebuch einer Schriftstellerreise nach Kaliningrad vor. Ulrich Meister berichtet über ein Augustinus-Kolloquium in Algier. Ursula von Arx gratuliert Peter Ustinov zum Achtzigsten. Besprochen werden einige Bücher, darunter Helmut Kraussers "Schmerznovelle".

Die Beilage Literatur und Kunst bringt die letzte Folge ihrer Serie über die Intellektuellen heute. Für Dieter Thomä kann der Intellektuelle nicht von gestern sein. Sein Essay fängt so an: "An Intellektuellen ist auffällig, dass sie nie von gestern sind. Gerne beruft man sich auf 'zeitgenössische Intellektuelle' und nennt dann Namen wie Michael Walzer, Ralf Dahrendorf, Karl Heinz Bohrer, Hans Ulrich Gumbrecht, Dirk Baecker, Christina von Braun (die ihrerseits in dieser Zeitung zu einer Debatte über den 'Intellektuellen' beigetragen haben). Aber es klänge seltsam, würde man Georg Simmel oder Max Weber, Sartre oder Foucault im Rückblick als 'Intellektuelle' bezeichnen. Was für Lebende ein Gütesiegel ist, wirkt bei Toten als Fehlbezeichnung, fast schon als Herabwürdigung. Als Philosophen, Soziologen usw., nicht als Intellektuelle gehen sie in die Geschichte ein. Aus diesem Befund ergibt sich auch schon die Bestimmung des Intellektuellen: Er ist Zeitgenosse. Der Streit um seine Rolle kann nur im Streit um die Art der Zeitgenossenschaft bestehen, die ihm zukommt." In einem zweiten Essay zum Thema denkt Sighard Neckel über "intellektuelle Praxis und das Beispiel Siegfried Kracauers" nach.

Weitere Artikel: Michael Schmitt porträtiert den Science-Fiction-Autor Richard Powers (von dem anscheinend noch keine Bücher auf deutsch vorliegen). Andreas Essl widmet Cormac McCarthy einen Essay. Urs Bühler schreibt über die Lazarus-Ikonographie in der Kunstgeschichte. Ulrich M. Schmid bespricht einen Band des litauischen Lyrikers Tomas Venclova. Eberhard Jüngel betrachtet den "Umgang mit Vergangenheit in theologischer Perspektive". Und Hanno Helbling setzt sich mit dem Werk des Theologen Jacques Dupuis auseinander, der eine nach einer "christlichen Theologie des religiösen Pluralismus" sucht.

SZ, 14.04.2001

Die SZ bringt einen bedenkenswerten Text von Jeremy Rifkin, Präsident der "Foundation of Economic Trends" in Washington. Darin umreißt Rifkin die eigentliche Bedrohung, die für ihn vom Klonen von Menschen ausgeht, als Gefahr, unsere Humanität zu verlieren: "Künftige Generationen könnten viel weniger tolerant gegenüber Menschen werden, die nicht technisch reproduziert sind und von den genetischen Standards und Normen des bioindustriellen Marktes mit seinen "optimalen Praktiken" abweichen. Wenn dies geschähe, könnten wir das kostbarste Geschenk überhaupt verlieren: die Fähigkeit des Menschen zur Empathie. Empathie mit dem Mitmenschen bedeutet, dass wir seine Verletzlichkeit, seine Schwächen und sein Leiden, aber auch seinen einzigartigen Kampf um Behauptung seiner Menschlichkeit mitfühlen und miterleben. Aber kann Empathie wirklich in einer Welt überleben, die letztlich von ihrem Nachwuchs Vollkommenheit erwartet?"

Zum Thema passend und gleichfalls wissenschaftskritisch geht Andreas Bernard der Frage nach, ob wir bei der Verwendung des Begriffs "genetischer Code" nicht einem Selbstbetrug aufsitzen. Bernard beruft sich auf die Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay: "Kays Thesen zeigen ... dass die vermeintlichen Erkenntnisfundamente einer Wissenschaft häufig eher metaphorische Konzepte sind. Was ist das Versprechen eines "Codes"? Dass sich hinter den unverständlichen Zeichen der DNA-Struktur eine sinnvolle Botschaft verbergen möge, freigelegt von den Künsten einer genetischen Entschlüsselungstechnik ... Lily Kay aber betont, dass diese Schrift ? auch nach beendeter Sequenzierung der DNA durch das "Human Genome Projekt" ? immer noch verschwommen ist; dass man 'keine Semantik hat, nur Syntax'. Bekannt ist die Anordnung der einzelnen Gene, nicht aber ihre spezifische Bedeutung." Wenn in der Öffentlichkeit dennoch vom Verbrecher-, Schizophrenie- oder Homosexualitätsgen die Rede sei, meint Bernard, so zeuge dies von jener Sehnsucht, welche die Metapher des 'Codes' heraufbeschwört: dass das Rätsel der Identität lokalisierbar sei."

Weitere Artikel: Richard Chaim Schneider berichtet von einem Besuch auf dem streng bewachten Tempelberg, wo der islamische Waqf angeblich dabei ist, antike jüdische Tempelanlagen zu zerstören, und Hennig Klüver erzählt, wie sich Berlusconi selbst zum (Literatur-)Klassiker machen will: Seine soeben fertiggestellte Biographie schickt er jeder italienischen Familie einfach per Post; macht 15 bis 20 Millionen Exemplare!

Außerdem: Rainer Stephan verreißt Thomas Bischoffs Berliner "Baal", Christine Dössel hat Elfriede Jelineks "Macht Nichts" in Zürich gesehen, Martina Knoben rätselt über Fridrik Thor Fridrikssons Film "Engel des Universums" und Fritz Göttler gratuliert Peter Ustinov zum 80., während Heinrich Vormweg seinerseits dem schwedischen Dichter Tomas Tranströmer zum 70. huldigt.

Und weil Ostern ist, berichtet Reinhard Schulz vom Innsbrucker Osterfestival 2001, schreibt Wolfgang Schreiber über Abbado, Pollini und Mehta bei den Salzburger Osterfestspielen und erinnert sich Christian Nürnberger für uns an "Verblasste Mythen".

FR, 14.04.2001

Im Feuilleton weist Kulturstaatsminister Nida-Rümelin Kunst und Wissenschaft in ihre Grenzen. Zwar sei eine kontrollierte Wissenschafts- und Technikentwicklung ebenso wenig denkbar wie eine kontrollierte Kunstentwicklung, zugleich aber gebe es Grenzen der Autonomie: "Diese Grenzen hängen im wesentlichen mit der Einbettung in den gesellschaftlichen, auch den politischen Kontext von Kunst und Wissenschaft zusammen ... Die Verständigung in die Lebenswelt hinein ist für Kunst und Wissenschaft nicht einfach vernachlässigbar. Es muss Berührungspunkte geben, Menschen müssen z. B. wissen, was an den Universitäten, was in den Forschungsinstituten, was in den wissenschaftlichen brain-trusts tatsächlich getrieben wird, um auch bereit zu sein, diese Wissenschaft mit ihren Steuermitteln zu fördern ... Die Wissenschaft kann durch Öffnung auf die Erwartung der Menschen hin, die selbst nicht als Wissenschaftler arbeiten, gewinnen, wenn sie merkt, was erwartet wird, welche gesellschaftlichen Entwicklungen, welche wissenschaftlichen Antworten erforderlich machen."

Nida-Rümelin-Tag in der FR. Martina Meister stellt die Pläne des Ministers zur Bundeskulturstiftung vor: "eine Art kreativer Think-and-Money-Tank ... der Projekte nicht nur mitfinanziert, sondern auch anstößt. 'Innovationsförderung' ist das Schlüsselwort ... Die neue Stiftung soll keinesfalls eine 'Antragsbewältigungsmaschine' sein, sondern ein Drittel ihrer Kapazitäten darauf verwenden, konkrete Programme zu initiieren, ein weiteres Drittel, um den internationalen Austausch zumal mit Osteuropa zu fördern." Meister erklärt auch, wieso dieser Stiftung eine beträchtliche kulturpolitische Bedeutung zukommt: "An der Gestalt, die sie in den nächsten Monaten annimmt, wird man ablesen können, wo sich das Zünglein an der bundesrepublikanischen Waage zwischen den Extremen Föderalismus und Zentralismus wird platzieren können."

Weiter in der Rundschau: Ina Hartwig erinnert an Jacques Lacan, der vor hundert Jahren geboren wurde, Roland H. Wiegenstein unternimmt einen Streifzug durch die Landschaft politischer Periodika und rekonstruiert en passant das Jahr 1968. Und der Bauhistoriker Bruno Flierl lädt zum Ortstermin an einen funktionellen und stadträumlichen Nullpunkt ? den "Schlossplatz" in Berlin, der die Anführungszeichen wirklich nötig hat.

Und besprochen werden: Fotos von Evelyn Hofer, zu sehen in Bochum, Bilder des Schweizer Künstlers Lori Hersberger in Basel und Klaus Bischoffs Volksbühnen-"Baal", ferner ein Handbuch über die deutschen Südseekolonien, Urs Faes' siebter (und laut Rezensent auch bester) Roman "Und Ruth", zwei Bildbände des Lichtkünstlers James Turrell, ein Band mit Erzählungen von Gianni Celati und - ganz wunderbar - eine unbekannte Ostergeschichte von Thomas Bernhard: "Der Schweinehüter" von 1956.
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TAZ, 14.04.2001

Die taz hatte die geniale Idee, Georg M. Oswald, den Autor der Kapitalismussatire "Alles was zählt" auf die Hauptversammlung von Daimler-Benz zu schicken. Zum Glück traf er nach der Veranstaltung einen erprobten Aktionär namens Schultheiß, der ihm die Augen öffnete: "'Haben Sie das Blau bemerkt?', fragte Schultheiß. "Die blaue Beleuchtung im Eingangsbereich und an der Bühnenwand?' - 'Ja, das sah hübsch aus, und wirkte angenehm beruhigend. Der ganze Messesaal war in dieses Blau getaucht, sah aus wie in einer künstlichen Grotte.' 'Das ist nach modernsten psychologischen Gesichtspunkten gestaltet', sagte Schultheiß, 'die machen das, um die Aktionäre einzulullen. Haben Sie gesehen, was hinter Schrempp auf der Projektionswand erschienen ist, als er seine Rede gehalten hat?' 'Nein.' - 'Die Köpfe der drei Firmengründer, Gottlieb Daimler, Karl Benz, und Dings, Chrysler eben. Und die Kamera hat Schrempp so aufgenommen, dass sein Kopf ... immer zwischen denen der beiden deutschen Urväter schwebte.' ... Das war mir nicht aufgefallen. Schultheiß hatte verdammt recht. Sollte damit etwa gesagt sein, Schrempp sei der einzig rechtmäßige Nachfahre von Gottlieb Daimler und Karl Benz?"

Besprochen werden Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Macht nichts" in Zürich, der Film "Viktor Vogel - Commercial Man" und "Bye Bye Baby", ein Buch über die Bay City Rollers von der britischen Rockkritikerin Caroline Sullivan.

Für das taz-Mag hat Toni Keppeler die Schweinebucht besucht vor vierzig Jahren fast ein Atomkrieg begonnen hätte: "Die Siedlung hat realsozialistischen Charme. Ein Bungalow wie der andere, davor jeweils zwei Schaukelstühle. Man kann sich leicht vorstellen, dass am Wochenende verdiente Arbeiter mit ihren Familien hierher geschickt werden. Aber weil verdiente Arbeiter unter der Woche arbeiten, sind nur ein paar kapitalistische Touristen da. Ältere Herren meist, weiß- oder schon rothäutig. In viel zu knappen Badehosen warten sie am Rand eines Pools darauf, dass schöne junge Mulattinnen vorbeikommen. Kaum zu glauben: Dies ist der Ort, an dem nach kubanischer Lehre 'der Yankee-Imperialismus seine erste Niederlage erlebt hat'." So kann's gehen!
Zum Schluss wie immer Tom.

FAZ, 14.04.2001

Seltsam die Internetpräsentation der FAZ. Sie scheint heute im Feuilleton eine Art "Best of" der letzten Tage zu bringen. Neue Artikel sind darunter, aber auch ältere Artikel.

Frankreich debattiert über den "Tod des französischen Romans". Dummerweise diskutieren aber vor allem all jene, die ihn zu verantworten haben. Jürg Altwegg schildert die Lage so: " Wie tot auch immer der Roman sein mag - die Literaturszene, die wieder einmal seine Grablegung inszeniert, lebt. Sie ist von geradezu atemberaubender Geschäftigkeit. Schriftsteller bevölkern die Klatschspalten und treten in Talkshows auf, der Bekanntheitsgrad der prominentesten ist enorm. Die intellektuellen Trends und die Moden der Literatur beschäftigen die Publikumsmagazine. Sie beklagen das Versagen der Literaturkritik, die sie selber kaum mehr pflegen, und ihr Verschwinden. Das Buch ist in den Medien präsenter denn je, doch aufbereitet wird der Stoff nach den Kriterien der Kommunikationsgesellschaft: Sex und Geld sind auch in der seriösen Presse längst nicht mehr tabu."

Weitere Artikel: Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp legt eine große Besprechung der Kleist-Skulpturen Frank Stellas vor, die in Jena ausgestellt werden. Hubert Spiegel stellt Martin Walsers neuen Roman "Der Lebenslauf der Liebe" vor, der ab heute in der FAZ als Forsetzungsroman publiziert wird. Eleonore Büning erzählt vom Kampf der Berliner Rundfunksinfonieorchesters um Marek Janowski als Chefdirigenten. Peter Kemper porträtiert dem Schweizer Bluesgitarristen Hank Shizzoe, der sich auf Tournee begibt. Dietmar Polaczek berichtet von der Verleihung der europäischen Theaterpreise in Taormina. Dieter Bartetzko schreibt zum 750. Gebutstag der Lübecker Marienkirche. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Komödianten Peter Ustinov zum achtzigsten ("Selbst der Queen spielte er kniend vor, dass er sich von ihr zum 'Sir' schlagen lassen würde. Und sie konnte nicht anders als zuzuschlagen."). Thomas Steinfeld gratuliert dem Lyriker Tomas Tranströmer zum Siebzigsten. Lothar Müller erinnert an den Schriftsteller Martin Kessel, der heute hundert würde. Und Hans-Dieter Seidel gratuliert der Schauspielerin Julie Christie zum Sechzigsten.

Wenn die Leute nicht ständig Geburtstag hätten, würde die FAZ ihr Feuilleton nicht vollkriegen!

Besprochen werden eine Ausstellung mit Goyas privaten Zeichnungsalben in London, Jelineks "Kleine Trilogie des Todes in Zürich", Brechts "Baal" an der Berliner Volksbühne, der Film "Dungeons & Dragons", Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" in Bonn.

In Bilder und Zeiten meditiert Mark Siemons dem Anlass angemessen darüber, "wie die Osternachtsliturgie eine Sehnsucht der Avantgarde erfüllte". Christoph Peters legt die Erzählung "Ein Haus aus Haar, aus Plastikplanen vor. Kaspar Elme schreibt über Jerusalem an und für sich ("In Jerusalem hat der Monotheismus seine bleibende Statt", heißt der Untertitel - wer würde da anfangen zu lesen?).Lorenz Jäger stellt die Lacan-Manie in den sechziger Jahren in Zusammenhang mit den Krämpfen des Maoismus in eben jener Zeit. Und Volker Gebhardt unternimmt einen Rundgang auf den heiligen Bergen Oberitaliens. In der Frankfurter Anthologie stellt Sabine Doering ein Gedicht Herrmann Burgers vor:

"Zwei Koniferen, kegelförmig geschnitten, mit Spinnweb
Über und über durchspannt, ecken nadelvermummt
Jakob Hunzikers Denkmal ein an der westlichen Mauer..."