Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2001.

NZZ, 12.04.2001

Die britische Popmusik serbelt (so heißt es doch in der Schweiz?) Und Hanspeter Künzler weiß warum: "Der große Vorteil, den das Land gegenüber den USA früher genoss, bestand darin, dass es klein war und rasch erschlossen werden konnte; frische Ideen griffen sofort um sich, selbst wenn sie nicht vom Werbebudget einer Grossfirma profitierten. Die nun so extrem gewordene Versteifung der großen Firmen auf Manufaktur-Pop, auf sichere Grössen wie Madonna oder auf funktionelle Tanzbodenfüller, macht diesen Vorteil zunichte. Denn in all diesen Bereichen liegt die amerikanische Industrie (samt MTV) meilenweit voraus."

Weitere Artikel: Thomas Veser war in Nepal und hat bei deutschen Projekten zum Denkmalschutz festgestellt: "Bringt Denkmalpflege auch Nutzen für die Stadtbewohner, so das Fazit, dann sind sie eher bereit, sich für die Rettung des Kulturerbes zu engagieren." Besprochen werden einige Bücher, darunter "Der Kameramörder" von Thomas Glavinic und Denis Johnsons Roman "Schon tot".

SZ, 12.04.2001

Vor vierzig Jahren startete Juri Gagarin zum ersten bemannten Flug ins All. Das SZ-Feuilleton widmet diesem denkwürdigen Anlass seine ganze Seite 1. Steffen Kopetzky liefert Episoden aus der Kindheit: "Eines der nervenaufreibenden Spiele meiner Kindheit bestand darin, mit verbundenen Augen auf meinem Stuhl zu sitzen, während der beste Freund unerbittlich bis zum Start des Raketenstuhls herunterzählte. Mir war nie ganz klar, wieso keiner von uns beiden es jemals bis zum Ende des Countdowns aushielt, sondern man sich spätestens bei 'zwei' die Binde von den Augen riss und aufsprang. Wahrscheinlich hatte es mit kindlicher Empfänglichkeit mit Magie zu tun - man bekam Angst, dass man vielleicht doch abheben würde, sobald die unheimliche 'Null' erst ausgesprochen wäre."

Auch weitere mehr oder weniger prominente Autoren zerbrechen sich bei der Gelegenheit den Kopf, Sibylle Berg etwa oder Roger Willemsen. Albert Ostermaier hat gar ein Gedicht geschickt:

"was soll die ganze fronauthentisch zu sein zieheine line sternenstaub undklick dir einen klon raub dirdie kopie von meinerdns und es ist schluss mitdem stress..."

In der Familie Christian Nürnbergers hat sich eine neue vorösterliche Tradition ergeben. Jedes Jahr fragen seine Kinder, warum der Gründonnerstag "Gründonnerstag" heißt. Jedes Jahr schaut er im Internet nach, um zu prüfen, wie recht Bill Gates mit seiner These hat, das man im Netz "zu jeder Zeit an jedem Ort die gewünschte Information" erhält. Vor sechs Jahren erhielt Nürnberger null Antworten (das Netz kannte den umlaut noch nicht), im Jahr darauf 12. Heute sind es (bei Fireball) 2617. Auch die Erklärung ist darunter, aber sie ist so enttäuschend, dass wir die Surfer bitten müssen, selber nachzulesen." Übrigens produzierte Fireball bei uns 2678 Treffer.

Weitere Artikel: Henning Klüver bespricht eine Mailänder Ausstellung über da Vincis Abendmahl. Der Kulturphilosoph Slavoj Zizek denkt über Lust und Askese im Liberalismus und deren Begriffe bei Jacques Lacan nach. Claus Koch schimpft in seinen Noten und Notizen auf den Kapitalismus. Auf der Filmseite erzählt Fritz Göttler, dass vor 50 Jahren, also genau zehn Jahre vor dem ersten bemannten Flug ins All, die erste Nummer der Cahiers du Cinema erschien. Susan Vahabzadeh bekennt ihr Unverständnis über die Entscheidung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmindustrie, den Kinderfilm "Die grüne Wolke" erst ab 12 Jahren freizugeben. Besprochen wird der Film "Zusammen!"

FR, 12.04.2001

Rüdiger Suchsland fragt sich, ob die Ablehnung der Sterbehilfe in Deutschland wirklich nur auf das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zurückzuführen ist: "Worum es bei der Tabuisierung der Sterbehilfe in Wahrheit geht, ist weniger eine Einsicht aus historischer Erfahrung. Es ist vielmehr die Furcht vor der Freiheit, die Angst, auf die Demokratisierung weiter Lebensbereiche könnte auch die des Todes folgen. Sichtbarer als in den meisten anderen Fällen wird hier eine antiliberale Abneigung gegen den Hedonismus der Selbstbestimmung, der sich dem Fundamentalansatz mancher Gesellschaftsplaner entzieht."

Gabriella Vitiello berichtet über den Wahlkampf Silvio Berlusconis: "Angefangen hat er ganz unten, bei den Hausfrauen. Dann deklarierte er: 'Ich bin ein Arbeiter'. Anschließend war er Landwirt, Handwerker, Angestellter, Unternehmer ... Neuerdings ist er wahlweise Napoleon, Kaiser Justinian oder Moses, denn Berlusconi will, wird er gewählt, das Gesetzbuch umschreiben lassen. Als nächstes dürfte der Cavaliere in metaphysische Gefilde abheben. Damit ihn auch die Engel wählen."

Paolo Rumiz hat auf seiner Fahrradtour durch Mitteleuropa jetzt die Strecke von Triest nach Wien zurückgelegt: "Neustift, Güssing, Deutsch Tschantschendorf. Was kann man anderes tun, als in einer Stadt mit dem Namen Deutsch Tschantschendorf Station machen, wenn man den Geruch von Gulaschsuppe in der Nase hat und es zu regnen beginnt? Wir können warten: Wien rückt näher, die Namen der Orte beginnen musikalisch zu werden wie die von Kakanien, dem imaginären Land der Operette: Antau, Müllendorf, Wimpassing an der Leithe. Es regnet, die Kellnerin bringt uns ein Kartenspiel bei."

Weitere Artikel: Wladimir Kaminer erzählt Neues aus der Schönhauser Allee, und Lars Reppesgaard berichtet über die gemeinsame Internetplattform der fünf größten Musikkonzerne der Welt ? MTVi: "Die Downloads werden allerdings teuer: Für ein Album muss man bei MTVi ungefähr so viel bezahlen wie im Schallplattengeschäft um die Ecke. Dass MTVi Napster bald ablösen wird, ist also unwahrscheinlich."

Besprochen werden die Zaha-Hadid-Lounge im Kunstmuseum Wolfsburg, Fridrik Thor Fridrikssons Film "Engel des Universums", Hermann Pitz' Arrangements im Krefelder Haus Lange, Ferdinand Raimunds "Komisch-Romantisches Original-Zauberspiel mit Gesang" in Basel und Bücher, darunter Sister Souljahs Romandebüt "Der kälteste Winter aller Zeiten" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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TAZ, 12.04.2001

Filmseiten in der taz: Diedrich Diederichsen bespricht Claire Denis' Film über die Fremdenlegion "Beau Travail": "Viel stärker als das Gefühl, moralische Grundsätze - des Soldatenlebens, jeder kollektiven Lebensführung - seien durch ästhetische - des Balletts, der männlichen Schönheit, der Pflicht, 'schön' miteinander umzugehen - einfach nur ersetzt, wird hier allerdings der Eindruck, dass die ästhetischen Regeln, die Umgangsformen der immer tendenziell tanzenden Truppe einen Modus des Ernstnehmens bestimmen, der eine viel fundamentalere Verpflichtung einschließt, als eine 'nur' moralische sein könnte: nicht begründbar und absolut erschütternd."

Weiter werden besprochen die Filme "¡Zusammen!" von Lukas Moodyssons und "Engel des Universums" von Fridrik Thor Fridrikssons, Gioconda Bellis Buch "Die Verteidigung des Glücks" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr) und eine CD von Anne Sofie von Otter und Elvis Costello (glauben Sie's einfach): "An mangelnder Virtuosität liegt es natürlich nicht, wenn das Album wie die passende Hintergrundmusik selbstgefälliger Dinners in der Oberstadt daherkommt. Anne Sofie von Otter singt, umzärtelt von Streichern und Jazzschlagzeug, herausgefordert durch verschachtelte Arrangements, mit wohltemperierter Atemtechnik und beherztem Ausdruck, sie umweht die Aura derjenigen, die nichts zu verlieren hat auf ihrem Parcours durch die Unterhaltungsmusik." Hier eine kleine Hörprobe. Gruselig!

Es gibt noch ein Gedicht von Pablo Neruda: Ein Loblied auf die Faulheit. Und schließlich Tom.

FAZ, 12.04.2001

Die FAZ hatte heute morgen um acht noch das Feuilleton von gestern im Netz. Wir können also vorerst keine Links setzen.

Morgen vor hundert Jahren - angeblich war damals auch ein Karfreitag - wurde Jacques Lacan geboren. Friedrich Kittler erzählt, wie er ihn als Freiburger Student entdeckte und wie er einmal nach Straßburg hinabstieg: "Wir sitzen auf einem kleinen Podium, zwölf elsässische oder deutsche Jüngerinnen und Jünger, unten im Saal hat sich eine kleine Öffentlichkeit versammelt. Auf den Straßen Schneesalz und Schneeschmelze, auf den schmalen Schultern Lacans, wie er durch die Hintertür stürmt, ein riesiger brauner Pelzmantel. Gloria nimmt das Stück aus der letzten Damenmodenkollektion ab und wirft es über die Stuhllehne. Während Lacan den ersten von vielen krummen Zigarillos anzündet, geben sich Anzug und Hemd als selbstentworfen zu bewundern. Aus feinsten Stoffen geschnitten, aber zum Öffnen und Abwerfen. Unsere Fragen sind danach. Ob Freud das Unbewusste entdeckt hat, weil Es Ich werden soll, oder ob Es Ich werden soll, weil Freud beide entdeckt hat."

Franz Xaver Ohnesorg, noch Intendant der Carnegie Hall und bald der Berliner Philharmoniker, schimpft im Interview mit Jordan Mejias auf die New York Times: "Die Times .. hat sich um meine Arbeit wenig gekümmert, aber um so mehr Stimmung dagegen gemacht. Dass ich als erster Nichtamerikaner und zumal Deutscher dieses Haus leite, überschreitet für manche sehr national denkenden Journalisten offenkundig die Grenze des Annehmbaren. Bezeichnenderweise stützten sich diese 'Berichte' immer nur auf anonyme Quellen.

Weitere Artikel: Dokumentiert wird ein Artikel John Updikes aus der New York Review of Books über die die Passion darstellenden Druckgraphiken von Dürer. Patrick Bahners versucht am Gegenstand der Präimplantationsdiagnostik die Moral der CDU zu ermessen. Mark Siemons resümiert den Berliner Streit um die Benennung der neu geschaffenen Großbezirke - sollen sie nummeriert werden? Christian Geyer meditiert über dme Dialog zwischen den Konfessionen. Walter Haubrich gratuliert dem Baron Thyssen-Bornemisza zum Achtzigsten und Hans-Dieter Seidl dem Regisseur Michel Deville zum Siebzigsten. Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Ralf Konersmann über Ernst Cassirer.

In einer Meldung erfährt man, dass die Gründung einer Bundeskulturstiftung unmittelbar bevorzustehen scheint. Sie soll immerhin einen Etat von 75 Millionen Mark bekommen und die Innovation in den Künsten fördern.

Besprochen werden eine Stephan-Huber-Ausstellung in Hannover, ein Paul-Weller-Konzert in Karlsruhe, "Geschichten aus dem Wiener Wald" in Oberhausen, ein "Maskenball" in Hamburg und eine Tagung des "hagiographischen Arbeitskreises" in Hohenheim (hier ging es keineswegs um Politikerbiografien, wie man vermuten könnte, sondern um mittelalterliche Dokumente).