Heute in den Feuilletons

Extrem unwichtige populäre Trottel

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2013. Es gab auch schon Whistleblower, denen Amerika dankbar war, erinnert Gawker. Zeit Online wundert sich über die Untätigkeit der Politiker angesichts der britischen Spionage. In den Blogs und bei Spiegel Online wird gefragt, inwieweit in Deutschland noch von einem Rechtsstaat die Rede sein kann. New Republic und NZZ beleuchten die Lage in Ägypten und Tunesien. In der SZ erteilt der Internetforscher David Weinberger der Brockhaus-Nostalgie eine Absage. Die FAZ besucht das ehemalige Lager Maly Trostinez bei Minsk.

Weitere Medien, 16.07.2013

In Ägypten hat die Straßenkunst eine ungeahnte Blüte erreicht, berichtet The New Republic: "A living record of Egypt's mercurial political situation, these murals have once again proliferated in the wake of the recent coup d'état. Mystical, angry, hopeful, irreverent-many draw inspiration from the art of ancient Egypt." Don Karl und Basma Handy haben diese Entwicklung drei Jahre begleitet und jetzt ein Buch mit den Kunstwerken aus jüngster Zeit zusammengestellt, aus dem TNR hier einige Beispiele zeigt.
Stichwörter: Ägypten, The New Republic

NZZ, 16.07.2013

Beat Stauffer informiert über den Fall einer tunesischen Theatertruppe, die nach einem tätlichen Angriff von Salafisten wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" angezeigt wurde, während die Angreifer unbehelligt blieben: "Der Fall erregte zu Recht landesweit Aufsehen, denn er demonstriert exemplarisch, von welcher Gesinnung die gegenwärtigen tunesischen Justizbehörden geleitet werden und wie ungleich die Maßstäbe sind, die sie gegenüber Gesetzesübertretungen anwenden: größte Nachsicht und fast unbegreifliche Milde gegenüber religiös oder pseudoreligiös inspirierten Tätern, gnadenloses Durchgreifen gegenüber all denjenigen, welche an religiösen Traditionen zu kratzen wagen oder sich auf ihre künstlerische Freiheit berufen."

Weiteres: Marcus Stäbler berichtet vom Kammermusikfestival Lockenhaus im Burgenland.

Besprochen werden die Karlsruher Ausstellung "Cross-border" mit Werken zeitgenössischer arabischer Künstlerinnen (die leider an einem "unscharf geratenen Konzept" krankt, bedauert Ursula Seibold-Bultmann. Bild: "Mama", von Arwa Abouon), eine Ausstellung über Hermann Hesse und München im Münchner Literaturhaus und Bücher, darunter Jürgen Habermas' Plädoyer für eine europäische Solidarität "Im Sog der Technokratie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 16.07.2013

Julian Weber spricht mit Anne Waak und Markus Heidingsfelder über die Anthologie "Spex: Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop". In einem begleitenden Gespräch mit Diedrich Diederichsen lässt sich Weber aus erster Hand die Geschichte der Spex erzählen und erfährt, warum die im Buch getroffene Textauswahl nicht ganz repräsentativ ist: "Ich finde es manchmal besser, etwas zu ignorieren. Die Simple Minds hätten nicht einmal verdient, von uns kritisiert zu werden. Durch dieses Buch sieht es nun so aus, als wären die Simple Minds eine relevante Band für die Spex gewesen. Und da sind noch ein paar andere extrem unwichtige populäre Trottel großflächig erwähnt, während wir in der Wirklichkeit ein ganzes Jahrzehnt mit Nikki Sudden trinken waren."

Weiteres: Die Kölner Diskussion über Flüchtlingslager und ihre Alternativen belegt den Stellenwert der Kölner Akademie der Künste der Welt als "Debatten-Generator", berichtet Hans-Christoph Zimmermann. Michael Brake unterhält sich mit dem britischen Comiczeichner Luke Pearson.

Besprochen werden und Bücher, darunter Parinoush Saniees iranischer Emanzipations-Bestseller "Was mir zusteht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Weitere Medien, 16.07.2013

30 Prozent aller Rezensionen bei Amazon sind gefälscht und werden auf Bestellung geschrieben, schätzt Thomas Otto im Deutschlandradio Kultur. "Die Nachfrage ist so groß, dass nicht nur Privatleute, sondern ganze Agenturen falsche Rezensionen anbieten... Auf die Anfrage nach einem Angebot bei einer solchen Agentur antwortet ein Mitarbeiter: 'Buchrezensionen kosten 12 Dollar das Stück mit bis zu 100 Worten. Jedes weitere Wort kostet 3 Cent. Im Preis enthalten ist die Veröffentlichung auf Amazon.'" Otto hat auch herausgefunden, warum Amazon sich offenbar nicht allzu engagiert gegen die grassierenden Fälschungen wehrt: Positive Rezensionen nützen dem Geschäft.

Wir unterbrechen unser Programm mit einer Werbung für britische Butter:



Diese Werbung hat ihn finanziell gerettet, erzählt John Lydon im Interview mit Hugo Cassavetti von Télérama: "Ich konnte alle meine Schulden zurückzahlen und mein letztes Album finanzieren. Welch ein Glück, endlich unabhängig zu sein! Man hat diese Werbesports für Butter kritisiert - wie man alles kritisiert, was ich tue, aber ich stehe dazu. Immer derselbe Vorwurf: die Sache verraten, sich verkauft zu haben. Ich finde, das ist Punk, das passt zusammen. Das Geld hat mir die künstlerische Freiheit finanziert. Außerdem esse ich tatsächlich viel Butter." Ja, leider.

Aus den Blogs, 16.07.2013

(Via Longreads) Der 1988 verstorbene Physiker Richard Feynman über Schönheit in der Wissenschaft in einm Video von Fraser Davidson.



Christoph Kappes erinnert in seinem Blog an ein paar Ideen von Legalität, die nun leider nicht mehr gelten: "Wenn Teile der Exekutive die Oberhand über andere Gewalten erlangen, weil sie Entscheidendes über diese wissen ('Kompromate'), wäre dies der Beginn eines Zustandes, den man als Beginn des Zusammenbruchs des Rechtsstaates betrachten muss. Ganz deutlich: Wem Parlament und Gerichtsverfahren wichtig sind, der lässt anlasslose Überwachung nicht zu."

Welt, 16.07.2013

In China wird gerade die erste Ausstellung über Auschwitz gezeigt. Viele Besucher reagieren mit großer Betroffenheit, berichtet Johnny Erling über die von polnischen Kuratoren des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau betreute Ausstellung: "Es ist auch eine Abkehr von einem jahrzehntelang politisch vermittelten vereinfachenden Geschichtsbild, wonach die Chinesen zu den hauptsächlichen Opfern aller Untaten des Faschismus wurden, besonders der japanischen Aggression und Barbarei."

Weitere Artikel: BHL beklagt die fortwährende Verteufelung Deutschlands durch französische Politiker, meldet Wolf Lepenies. Im Forum ist Marko Martin erleichtert über die laschen Reaktionen auf die Bespitzelungen westlicher Bürger durch ihre Geheimdienste: Schließlich tun es ja alle, selbst der Bürger googelt seinen Mitbürger aus.

Besprochen werden Zal Batmanglijs Film "The East", Neil Gaimans Roman "The Ocean At The End Of The Lane", eine Ausstellung im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf über Heines Verhältnis zu seinen Musikern und eine grandiose, von Patrice Chereau inszenierte und Esa-Pekka Salonen in Aix en Provence dirigierte "Elektra", die bis zur sechsten Magd hinab eindrucksvoll besetzt war, schwärmt Manuel Brug: "von Chereau besetzt als Liebesgeste zu legendären Darstellern wie Donald McIntyre (78), Franz Mazura (89) - beide einst in seinem Bayreuther 'Ring' dabei -, Renate Behle (70) und Roberta Alexander (64)".

Weitere Medien, 16.07.2013

Bei Spon stellt Konrad Lischka an Politiker und Bürger einige ganz einfache, klare Fragen: "Was dürfen unsere Nachrichtendienste? Welche Informationen sollen sie nutzen, welche nicht? Deutsche Geheimdienste nutzen seit Jahren Informationen, die von der NSA kommen und aus der Internetüberwachung stammen. Wollen wir das? Wenn unseren Diensten bestimmte Arbeitsweisen verboten sind - dürfen sie sich dann von anderen Diensten Infos stecken lassen, ohne nachzufragen, woher diese kommen? Sollen deutsche Geheimdienste Hinweisen nachgehen, die anlassloser Vorratsdatenspeicherung, Facebook-Überwachung, der Bespitzelung Minderjähriger, vielleicht sogar Erpressung oder Folter zu verdanken sind?"

Keine der Altparteien hat irgendeinen konkreten Vorschlag, wie die Bespitzelung durch die Geheimdienste beendet werden kann, meint Patrick Beuth auf Zeit online. "Immerhin: Die NRW-Piraten haben einen Aufruf an die EU-Kommission veröffentlicht, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Großbritannien einzuleiten. Das haben bislang rund 1.250 Menschen unterschrieben. Auch unter EU-Parlamentariern gibt es Sympathisanten für ein solches Verfahren. Es wird Zeit, dass Bundesregierung und Opposition klarstellen, welche weiteren rechtlichen Möglichkeiten sie sehen, Prism und Tempora zu stoppen oder wenigstens zu bremsen. Momentan wäre ein solcher Vorschlag ein Alleinstellungsmerkmal im Wahlkampf."

Die USA waren schon sehr großzügig gegenüber Whistleblowern, erinnert Adrian Chen bei Gawker: "Take the case of Swiss whistleblower Michel Christopher Meili, highlighted recently by the blog Document Exploitation. In 1997, Meili, then a 29-year-old security guard at UBS bank, pilfered documents that contained account information related to assets stolen by the Nazis in the Holocaust. The documents were slated to be destroyed, but Meili gave them to a Jewish organization instead; the revelations ultimately led to a $1.25 billion settlement between Swiss banks and Holocaust victims." Als die Schweiz Anklage gegen Meili erheben wollte, floh er in die USA, wo man ihn freudig aufnahm: "Congress even wrote a special law granting Meili and his family permanent residency".

EU-Kommissarin Neelie Kroes versucht gerade, die Netzneutralität zu beerdigen, meldet Friedhelm Geis bei Golem. "Dies geht aus einem Entwurf für die Regulierung des europäischen Telekommunikationsmarktes hervor, den das Blog netzpolitik.org veröffentlichte. Demnach haben Inhalteanbieter und Telekommunikationsprovider das Recht, miteinander Vereinbarungen zum Umgang mit Volumentarifen der Kunden und der Übertragung von Daten unterschiedlicher Qualitätsklassen zu treffen (Artikel 20, Abs. 1). Die Kommission will zudem untersagen, dass die 'Ausübung dieser Freiheiten' durch nationale Regelungen eingeschränkt wird."

SZ, 16.07.2013

Harvard-Internetforscher David Weinberger plädiert im Gespräch mit Bernd Graff für ein vernetztes Wissen und erteilt der jüngsten Brockhaus-Nostalgie eine klare Absage: Während des Wissen von der Welt wuchs, blieb der Platz in den gedruckten Enzyklopädien derselbe - Kürzungen, also Wissensunterdrückungen, waren die Folge. "Der Grund für Wissenskürzungen war immer der begrenzte Platz. ... Und insofern mussten die Herausgeber ältere Artikel kürzen, und sie haben sie gekürzt nach Kriterien, die kulturell überformt und determiniert waren. Genauso wie es in den alten Enzyklopädien fast ausschließlich Literaten gibt, die weiße Männer waren, Frauen und andere Ethnien sind dagegen kaum zu finden."

Weitere Artikel: Der Historiker Adam Tooze denkt über einen Abschied vom Kampf gegen die Inflation nach, der unter heutigen Bedingungen keine Sicherheiten mehr bietet. Alexander Borchard wünscht sich nach dem gescheiterten Desertec-Projekt, das die afrikanische Wüste für die europäische Stromversorgung nutzen wollte, für die Zukunft "kleine, dezentrale Projekte".

Besprochen werden die Ausstellung "L'Europe de Rubens" im Louvre (die eigentlich jeden Europaskeptiker überzeugen sollte), eine Freiluftinszenierung in Dessau von Goethes "Iphigenie", eine den historischen "Wilhelm Tell" versprechende Rossini-Aufführung in Bad Wildbad ("ziemliches Schultheater", ächzt Michael Stallknecht) und Bücher, darunter Hans Peter Riegels Beuys-Biografie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 16.07.2013

Ingo Petz besucht das ehemalige Lager Maly Trostinez bei Minsk, einen weitgehend unbekannten Ort des Grauens, an dem Zehntausende von Juden - meist per Genickschuss - ermordet wurden. "Es ist still in Blagowtschina. Nur ein karger Gedenkstein erinnert an die Toten. An den Baumstämmen hängen dutzende gelbe Schilder mit Namen von Juden, die aus Wien nach Minsk deportiert wurden. Der österreichische Verein Im-Mer hängt die Schilder auf, um an die rund 10 000 österreichischen Juden zu erinnern, die hier ermordet wurden. Drei Männer spazieren lallend und lachend vorbei, bewaffnet mit halbleeren Wodkaflaschen."

Weitere Artikel: Gerhard Rohde berichtet über das Festival von Aix, wo unter anderem eine "Elektra" in der Regie von Patrice Chéreau aufgeführt wurde. Felicitas von Lovenberg erzählt die Geschichte, die alle erzählen: Joanne K. Rowling hat unter einem Pseudonym einen Krimi geschrieben, der in den Regalen lag wie Blei und nun erst an die Spitze der Charts schießen wird. Morten Freidel berichtet über einen Facebook-Nutzer, der scherzhaft zum Spaziergang zu einer NSA-Anlage in Griesheim aufrief und sofort Besuch vom Staatsschutz bekam (mehr bei Spon). Joseph Croitoru meldet den sensationellen Fund eines Fragments einer Sphinx-Statue in Israel. Hans-Christian Rössler besuchte das Filmfestival von Jerusalem. Patrick Bahners schreibt den Nachruf auf den Historiker Edmund S. Morgan, dem er für die Entzauberung der amerikanischen Gründerväter dankbar ist. Auf der Medienseite unterhält sich Michael Hanfeld mit der neuen Degeto-Chefin Christine Strobel, die den ARD-Schmonzetten am Freitagabend mehr gesellschaftliche Relevanz geben will.

Besprochen werden Ereignisse des Lockenhaus-Festivals, Skulpturen des australischen Künstlers Ron Mueck in Paris, eine CD der Sängerin Mina und Bücher, darunter Derf Backderfs Comic "Mein Freund Dahmer" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).