Heute in den Feuilletons vom 01.07.2013

Mit der angemessenen Heiterkeit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2013. Jeff Jarvis kann es nicht fassen: Es ist Prism-Skandal, und die amerikanischen Journalisten fragen sich vor allem, wer als Journalist gelten und die Öffentlichkeit informieren darf. In der New York Times protestiert der Grünen-Politiker Malte Spitz gegen den Skandal, während der Guardian neue Details zur Bespitzelung europäischer Botschaften bekanntmacht. In der taz bezweifelt der NSA-Experte James Bamford, ob die ganze Bepitzelung überhaupt etwas bringt. Die Presse fragt, sich, ob man den Bachmann-Wettbewerb wirklich vermissen sollte. In der NZZ freut sich die kroatische Autorin Slavenka Drakulic trotz allem auf die EU.

Weitere Medien, 01.07.2013

Die NSA spioniert nicht nur Einrichtungen der EU aus, sondern auch 38 diplomatische Vertretungen u.a. von Frankreich, Italien und Griechenland in Washington und bei den Vereinten Nationen, berichtet der Guardian unter Berufung auf weitere veröffentlichte Dokumente von Edward Snowden. Und der Spiegel meldet weiter: "Zudem werden ... in Deutschland monatlich rund eine halbe Milliarde Telefonate, E-Mails oder SMS überwacht- systematisch wird ein Großteil der Telefon- und Internetverbindungsdaten kontrolliert und gespeichert. Die USA betrachten Deutschland in Geheimdokumenten zwar als Partner, zugleich aber auch als Angriffsziel. Die Veröffentlichungen stoßen auf heftige Empörung: EU-Kommissarin Viviane Reding drohte damit, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen EU und den USA ruhen zu lassen, sollten die Berichte zutreffen."

Der Grünen-Politiker Malte Spitz bekennt in der New York Times seine Enttäuschung über Barack Obama, der in seiner Berliner Rede kaum auf den Prism-Skandal einging: "Even as a Green Party politician, I wasn't impressed with Mr. Obama's focus on fighting global warming. While his renewed enthusiasm is appreciated, it served as a distraction from the criticism he is currently facing for allowing invasive state surveillance. He cannot simply change the subject. His speech caused many Germans to question whether Americans actually share our understanding of the right balance between liberty and security."

Vielleicht waren doch nicht die Kritiker naiv, die sich über die Datenschnüffelei der Amerikaner empörten, sondern Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, der offenbar keine Ahnung hatte, dass auch er zu den Ausspionierten gehört, spottet Udo Vetter im lawblog. Und er fordert: "Die Bundesregierung und die EU müssen langsam aufhören, mit Wattebäuschen nach den USA zu werfen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wären nicht nur deutliche Worte, sondern auch ein Untersuchungsausschuss des Europarlaments. Dann würden wir möglicherweise auch erfahren, wie weit es mit der Kooperation zwischen europäischen und amerikanischen Sicherheitsbehörden wirklich ist, über die der Guardian aktuell berichtet."

(via neunetz) Ist die Idee vom Netz als "grenzenlosem Menschheitsnetz" gestorben? Jürger Geuter lehnt das auf irights.info ab: Das Netz sei heute Mainstream. "Doch gerade damit ist es viel näher am 'grenzenlosen Menschheitsnetz', das die Internet-Pioniere sich erhofften, als noch vor wenigen Jahren. Deshalb drängen die, die bisher in der analogen Welt große Macht und Einfluss haben, so stark darauf, das Internet zu regulieren und sein disruptives Potential zu bändigen."

Auf Telepolis erzählt Markus Kompka eine kurze Geschichte der Geheimverträge der Bundesrepublik mit den westlichen Siegermächten zur Überwachung, die mit folgendem Absatz endet: "Am 01.07.2013 tritt in Deutschland das Gesetz zur Bestandsdatenauskunft in Kraft, das zu Großteilen mit Prism identisch ist. Eine Geheimhaltung war nicht erforderlich, weil offenbar weder die Öffentlichkeit noch ein Großteil der beteiligten Politiker realisierten, was die Bestandsdatenauskunft überhaupt ist."

TAZ, 01.07.2013

Im Interview mit Wolf Schmidt spricht der amerikanische Journalist und NSA-Experte James Bamford über den Geheimdienst, der sich zu einer unkontrollierbaren Überwachungsbehörde ausgewachsen habe. Und ob dies wirklich der Sicherheit dient? "Das kaufe ich denen nicht ab. Das sagen die schon seit Jahren. Und jedes Mal hätte man die Anschlagspläne auch durch normale Ermittlungen vereiteln können, ohne auf den Rechten aller Bürger herumzutrampeln. Gleichzeitig sind den Diensten die Boston-Bomber entgangen, obwohl sie ständig mit Tschetschenien kommunizierten. Dasselbe gilt für den sogenannten Unterhosenbomber … obwohl sein Vater vorher in die US-Botschaft in Nigeria gelaufen war und den dortigen CIA-Chef vor der Radikalisierung seines Sohnes warnte."

Auf der Medienseite illustriert Lars Weisbrod, wie die NSA-Zentrale zur Kaaba des Informationszeitalters werden konnte.

Weiteres: Catarina von Wedemeyer liest die beiden Magazine Polar und Hohe Luft, die sich beide der Frage nach dem guten Sex widmen. Darius Ossami erzählt von der Punkszene in Indonesien, die sich ihre Freiräume sehr hart erkämpfen muss. Jan Scheper informiert über die Drohung des ORF, sich vom Bachmann-Wettbewerb zurückzuziehen. finanziellen Besprochen werden eine Retrospektive der belgischen Künstlerin Joëlle Tuerlinckx' im Münchner Haus der Kunst und Albrecht Koschorkes Frankfurter Adorno-Vorlesung.

Und Tom.

Aus den Blogs, 01.07.2013

Jeff Jarvis kann es nicht fassen. Angesichts der Prism-Affäre stellen sich amerikanische Journalisten offenbar vor allem die Frage, ob Edward Snowden oder Glenn Greenwald ernstlich als Journalisten gelten dürfen. Das ist aber die ganz und gar falsche Fage, meint Jarvis in Buzzmachine: "Anything that reliably serves the end of an informed community is journalism. Anyone can help do that. The true journalist should want anyone to join the task. That, in the end, is why I wrote 'Public Parts': because I celebrate the value that rises from publicness, from the ability of anyone to share what he or she knows with everyone and the ethic that says sharing is a generous and social act and transparency should be the default for our institutions."

(Via buchreport.de) "Gibt es ein Leben nach Amazon", fragt Martin Groß-Albenhausen im Blog des Bundesverbands des Deutschen Versandhandels und präsentiert eine Grafik, wonach inzwischen 75 Prozent der deutschen Konsumenten angeben, schon Bücher bei Amazon gekauft zu haben.



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Weitere Medien, 01.07.2013

Anne-Catherine Simon weiß in der Presse nicht so recht, ob sie ein Ende des Bachmann-Wettbewerbs wirklich bedauern würde: "Es war die erste Castingshow im Fernsehen, als noch niemand von Castingshows sprach. Nie war das Bachmann-Wettlesen so modern, ja visionär wie in seinen Anfängen, als es grundlegende Grausamkeiten heutiger Showprozesse vorwegnahm: die öffentliche Bloßstellung der Kandidaten, deren Gesichter den Zuschauern präsentiert werden, während sie die Kritik demütig über sich ergehen lassen müssen... Dass Kritiker Autoren verbal vernichteten, war damals natürlich nichts Neues. Dass ihnen dabei alle so ins Gesicht schauen durften, war dagegen neu und ein Meilenstein der medialen Beschämungskultur."
Stichwörter: Bachmann-Wettbewerb

NZZ, 01.07.2013

Ab heute gehört Kroatien zur EU, die Schriftstellerin Slavenka Drakulic ringt sich allen Vorbehalten zum Trotz zu einem positiven Blick auf den Beitritt durch: "Was aber sollte die Alternative sein? Aus dem Zug auszusteigen? Sich den Nachbarn im Osten zuzuwenden? Meiner Meinung nach tun die Menschen in den ehemals kommunistischen Staaten gut daran, sich stets vor Augen zu halten, wie die Dinge für sie vor zwanzig Jahren lagen. Nichts gegen weiches Toilettenpapier, aber für uns sollten Friede und Sicherheit Priorität haben, besonders auf dem Balkan. Und wenn wir in der EU sind, haben wir mehr Gelegenheit, dazu beizutragen."

Weiteres: Beat Stauffer berichtet von dem gewaltigen marokkanischen Projekt, an der lange verkommenen Mündung des Flusses Bouregreg in Rabat ein Luxusquartier zu errichten. Marko Martin besucht den argentinischen Schriftsteller Robert Schopflocher, der in seinen Bücher der Welt jüdischer Einwanderer, dem "Pampa-Schtetl", ein Denkmal setzte.

Welt, 01.07.2013

Gesine Borcherdt stellt die Fotosammlung vor, die Rudolf und Annette Kicken dem Frankfurter Städel überlassen haben und dort nun eine Lücke schließt von der vorletzten Jahrhundertwende bis in die Nachkriegszeit - mit Werken von Werner Mantz, August Sander, Lux Feininger oder Lucia Moholy. "Ein Werkkomplex der 1949 gegründeten Gruppe 'fotoform' bringt Namen wie Peter Keetman, Franz Roh und Ludwig Windstoßer ein, die sich als Erben des Bauhaus verstanden ... während der Rezensent einer Kölner Ausstellung der Gruppe noch 1952 von 'Entartung' sprach."

Daniel Kothenschulte trifft auf dem Filmfest München den 84jährigen chilenischen Regisseur und Comickünstler Alejandro Jodorowsky, der ihm verrät: "Ich lebe gesund und bringe mich jeden Tag auf neue Ideen. Ich glaube an nichts. Und dann ändere ich auch noch dauernd meine Meinung. Ich mache Kunst, die ganze Zeit."

Besprochen werden Benjamin Percys Krimi "Wölfe der Nacht" und ein Münchner Ballettabend mit Werken von Merce Cunningham und Richard Siegal.

SZ, 01.07.2013

Endlich wieder ein Meisterwerk in München, jubelt Reinhard J. Brembeck nach der Deutschlandpremiere von Karlheinz Stockhausens "Samstag aus Licht" (mehr). Am meisten begeisterte ihn die zweite Szene: "Welch ein Reichtum an Klängen, Färbungen, Ansätzen, Spielarten! ... Hier geht es zwar unverkennbar um letzte Dinge, doch die werden endlich mal, das ist ein genialer Zug dieser Musik, mit der angemessenen Heiterkeit formuliert." Hier eine andere Aufnahme der Szene:



Fasziniert stellt David Steinitz den Kinorebell Alejandro Jodorowsky vor, der mit seinem ersten Film seit 23 Jahren das Filmfest München besucht, wo man ihm auch eine Retrospektive widmet: "Ende der Sechziger [ging er] nach Mexiko und entlockte dem Kino Bilderräusche, wie es noch keiner gemacht hatte - Kater nicht ausgeschlossen. 'Ich erwarte von einem Film das, was andere von Drogen erwarten!' ... 'El Topo' wurde zum Kultfilm einer sinnsuchenden, LSD-gierigen Generation, und hat gerade in manchen Künstlerköpfen ein paar verödete Synapsen neu verknüpft."

Weitere Artikel: Mit Inkrafttreten des neuen deutschen Asylgesetzes begann heute vor 20 Jahren eine "Kälteperiode in der europäischen Flüchtlingspolitik", schreibt Heribert Prantl. Tim Neshitov besucht eine Tagung der Böll-Stiftung über die Protestkultur in Osteuropa, die auch inhaltlich so abwechslungsreich war, dass man rasch den Faden verlieren konnte.

Besprochen werden eine Ausstellung über Kleopatra als Ikone in der Bundeskunsthalle in Bonn, die beiden Eröffnungsstücke des "Foreign Affairs"-Festivals in Berlin, Ibsens "Gespenster" in München und Bücher, darunter David Vanns Roman "Dreck" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 01.07.2013

Wie jedes Jahr im Sommerloch geht Gerhard Stadelmaier die Programmhefte der Theater nach Uraufführungen der nächsten Saison durch - Stücke von John von Düffel und Andrzej Stasiuk sind dabei. Morten Freidel berichtet vom Münchner Filmfest, wo der neue Film von Caroline Link, "Exit Marrakech", vorgestellt wurde. Florian Balke freut sich über private Spenden für das von der FAZ so befürwortete Projekt eines Museums der Romantik in Frankfurt. Joscha Schmierer, einst Vorsitzender des maoistischen KBW, liest zwei Bücher über den Völkermord in Kambodscha, den er einst selbst aus der Wirklichkeit weglog (und berichtet doch recht trocken über die Bücher). Fünf russische Autoren liefern kurze bilanzierende Stücke zum Abschluss des deutsch-russischen Kulturjahrs (Wladimir Sorokin und Leonid Baschanow nennen Joseph Beuys als Vorbild für heutige russische Aktivisten).

Besprochen werden Balthasar Kormakurs Island-Film "The Deep" und zwei Choreografien von Richard Segal und Merce Cunningham an der Bayerischen Staatsoper.

Die FAZ am Sonntag dokumentiert die deprimierenden Antworten deutscher Spitzenpolitiker auf die Fragen nach ihrer kulturellen Praxis (auf die Frage, ob ein Film sie je tief aufgewühlt habe, antworten die meisten mit "nein", Jürgen Trittin nennt das "Dinner for one").