Heute in den Feuilletons

Der Rest ist Rampe

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2012. Lawblog und Heise verabschieden das Fernmeldegeheimnis. Zeit online kommentiert die Verlängerung der Schutzfristen auf Musik: So erdrosselt sich eine Kultur selbst. Die NZZ staunt über die Geilheit europäischer Medien nach der Apokalypse in Amerika, die dann doch vertagt wurde. Der Observer erklärt, warum der einflussreiche amerikanische Kunstkritiker Dave Hickey die Nase voll hat vom Kunstbetrieb. Und die Welt hat jetzt verstanden, wie bei Herbert Grönemeyer das Wort zur Musik findet.

Weitere Medien, 02.11.2012

(via lawblog) Fernmeldegeheimnis adieu! Das Bundeskabinett hat am Mittwoch einen Gesetzentwurf durchgewunken, wonach Internetprovider künftig auch dynamische IP-Adressen zuordnen und dies auf schlichte Anfrage - es gibt keinen Richtervorbehalt - den Behörden übermitteln müssen, meldet Stefan Krempl bei heise online: "Es wird klargestellt, dass Provider die Netzkennungen den Inhabern von Internetzugängen automatisiert zuordnen dürfen - was einen Eingriff ins Fernmeldegeheimnis bedeutet - und die entsprechenden Informationen im sogenannten manuellen Auskunftsverfahren an Sicherheitsbehörden herausgeben müssen. Im heise online vorliegenden Entwurf wird betont, dass die Auskunftspflicht auch für Daten wie PIN-Codes und Passwörter gilt, mit denen der Zugriff auf Endgeräte oder damit verknüpfte Speichereinrichtungen geschützt wird. Dies könnte sich etwa auf Mailboxen oder in der Cloud vorgehaltene Informationen beziehen." Auf Twitter gibt es einen Link zum Entwurf (pdf).

Schon länger wurde über Nachwuchsprobleme bei der Wikipedia berichtet. Rebecca J. Rosen fragt im Atlantic, ob es schlicht damit zu tun haben könnte, dass die Wikipedia "fertig" ist: "What if the decline in engagement has little to do with culture or the design of the site? What if, instead, it's that there's just less for new Wikipedians to do? It may seem impossible for an encyclopedia of everything to ever near completion, but at least for the major articles on topics like big wars, important historical figures, central scientific concepts, the English-language Wikipedia's pretty well filled out."

Oh, und gestern hat das Bundeskabinett laut Spiegel online ein Gesetz beschlossen, wonach die "Schutzfristen" für Musikaufnahmen von 50 auf 70 Jahre verlängert werden. So erdrosselt sich eine Kultur selbst, wie Kai Biermann auf Zeit online sehr anschaulich beschreibt. Mehr dazu auch hier bei irights.info.

(via bookslut) Der einflussreiche amerikanische Kunstkritiker Dave Hickey hat die Nase voll vom Kunstbetrieb und steigt aus, melden Edward Helmore und Paul Gallagher im Observer. Mit 72 wird es eh Zeit, könnte man sagen, aber Hickey steigt aus, weil er keine Lust mehr hat, immer reichere und ahnungslosere Sammler zu beraten: "Dave Hickey, a curator, professor and author known for a passionate defence of beauty in his collection of essays 'The Invisible Dragon' and his wide-ranging cultural criticism, is walking away from a world he says is calcified, self-reverential and a hostage to rich collectors who have no respect for what they are doing. 'They're in the hedge fund business, so they drop their windfall profits into art. It's just not serious,' he told the Observer. 'Art editors and critics - people like me - have become a courtier class. All we do is wander around the palace and advise very rich people. It's not worth my time.'"

NZZ, 02.11.2012

Andrea Köhler schildert, wie sich die europäischen Medien mit apokalyptischen Vorberichten über "Sandy" gegenseitig übertrafen: "Bereits am Samstag, wo hier in New York noch kaum die Rede von 'Sandy' war, erreichten uns schon besorgte Anrufe; Spiegel online hatte einen 'Massenexodus aus Manhattan' herbeifantasiert. Je unberechenbarer die Wetterlage zu werden schien, desto klarer war auf der anderen Seite des Atlantiks das Bild."

Weiteres: Max Nyffeler referiert die Geschichte des Klassiklabels Naxos vom "belächelten Außenseiter der Branche zum Weltmarktführer". Besprochen werden eine Ausstellung mit Glasobjekten des italienischen Baukünstlers Carlo Scarpa in der Fondazione Cini in Venedig ("ein einziges Fest für die Augen", schwärmt Roman Hollenstein), diverse Aufnahmen zum hundertsten Geburtstag des Dirigenten Georg Solti und eine Inszenierung von Franz Schrekers "Der ferne Klang" an der Rhein-Oper in Strassburg.

Welt, 02.11.2012

Richard Kämmerlings folgte einer Leipziger Poetikvorlesung des größten deutschen Popstars Herbert Grönemeyer, der erklärte, wie seine Melodien über lautmalerische Hilfsdichtungen langsam zur Spreche finden: "Sprache zu Musik müsse im Deutschen besonders 'rau und kantig' sein: 'Musik absorbiert so viel Kraft, zieht so viel Energie aus Worten, dass es sehr schnell milde, blöd und schlagerhaft klingt. Ist der Text zu schlapp, macht die Melodie ihm den Garaus.'"

Weitere Artikel: Andreas Rosenfelder unterhält sich mit Vince Gilligan, Drehbuchschreiber der Serie "Breaking Bad", der seinen Helden Walter White am Ende der fünften Staffel sterben lassen wird. Berthold Seewald bereitet sich mit einem vierminütigen Werbevideo schon mal auf die Verfilmung des "Hobbit" vor. Claire Horst besucht das Kabatepe Simulation Center (Website), in dem die Türkei ihren Sieg in der Schlacht von Gallipoli im Jahr 1915 mit frommen und patriotischen Schaubildern nachstellt.

Besprochen werden eine Doppelinszenierung von Stücken Franz Xaver Kroetz' und Stephan Kaluzas durch Stephan Kimmig in Stuttgart, eine neue CD des nicht mehr ganz im Zenith des Ruhms stehenden Robbie Williams, und Merle Krögers Krimi "Grenzfall".
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Aus den Blogs, 02.11.2012

(via BoingBoing) Das Pariser Théâtre du Grand Guignol, 1897 gegründet, war spezialisiert auf Horrorstücke. Erstklassiges Makeup trug zu seinem Erfolg maßgeblich bei, wie diese Life-Fotos von 1947 zeigen. Als das Theater 1962 zumachte, schrieb Time: "The last clotted eyeball has plopped onto the stage. The last entrail has been pulled like an earthworm from a conscious victim. The Grand Guignol is closed forever."

(via BoingBoing) Wie bringt man Analphabeten das Lesen bei? Ganz einfach, man schafft ein paar verschlossene Kisten mit Tablets in ein äthiopisches Bergdorf und wartet, was passiert. So in etwa beschreibt es Nicholas Negroponte, Gründer der Organisation One Laptop Per Child in Mashable: "Children there had never previously seen printed materials, road signs, or even packaging that had words on them, Negroponte said. Earlier this year, OLPC workers dropped off closed boxes containing the tablets, taped shut, with no instruction. 'I thought the kids would play with the boxes. Within four minutes, one kid not only opened the box, found the on-off switch ... powered it up. Within five days, they were using 47 apps per child, per day. Within two weeks, they were singing ABC songs in the village, and within five months, they had hacked Android,' Negroponte said. 'Some idiot in our organization or in the Media Lab had disabled the camera, and they figured out the camera, and had hacked Android.'"
Stichwörter: Androide, Apps, Lesen, Idiot

TAZ, 02.11.2012

Auf der Wahrheitseite verspricht der Schriftsteller Gerhard Henschel "alles über die zum Flüstern gesenkte Stimme" in der Literatur; alles schafft er nicht, aber immerhin: "Der Gefahr der Klischeebildung sind die Autoren im Laufe der Zeit mit stetig wachsendem Einfallsreichtum ausgewichen. Es ist wahrlich bemerkenswert, wohin eine Stimme sinken kann - 'zu einem angstvollen Flüstern' (Leo Perutz: 'Der Meister des jüngsten Tages', 1923), 'zu einem verschwörerischen Flüstern' (Fritz von Hermanovsky-Orlando: 'Das Maskenspiel der Genien', 1929), 'zu einem wehmütigen Flüstern' (Karl Bartz: ,Lilienbanner und Preußenaar', 1940), 'zu einem unverständlichen Geflüster' (Franz Carl Weiskopf: 'Abschied vom Frieden', 1950), 'zu einem geschäftsmäßigen Gelehrtenton' (Alfred Paul Schmidt: 'Das Kommen des Johnny Ray', 1976)" und immer so weiter.

Auf den Kulturseiten werden besprochen: die Premiere von Jörg Widmanns "Babylon" an der Münchner Staatsoper, für die Peter Sloterdijk "ein pompöses Libretto" geschrieben hat ("Überwältigungsbilder mit viel Projektion, der Rest ist Rampe"), das neue Album "Vengeance" des französischen Popstars Benjamin Biolay, das Album "Blood Rushing" der amerikanischen Folksängerin Josephine Foster und das schmale Bändchen "Alpenglühn 2011 - Ein Dialog zum deutschen Erotikkino" von Ulrich Mannes, worin er den Regisseur Siggi Götz porträtiert und der Frage nachgeht, weshalb dieser "die bleiernste Zeit des Kinos bereicherte und noch Siebziger-Jahre-Klamotten (mit Thomas Gottschalk/Mike Krüger) drehte, als die Achtziger fast schon wieder vorbei waren".

Und Tom.

FAZ, 02.11.2012

Der Kunsthistoriker Andreas Beyer findet die skeptischen Reaktionen (etwa zuletzt in der SZ vom 31.Oktober) auf das vom Frankfurter Städelmuseum "Raffael und Werkstatt" zugesprochene Porträt von Julius II. nicht gar so berechtigt und verteidigt das Museum zudem dafür, sich an den Koryphäen vorbei entschieden zu haben: "Man mag dem Städel vorwerfen, es habe sich einer vorgängigen, internen Abstimmung der Fachwelt entzogen und sei gleichsam ohne akademische Lizenz vorgeprescht. Das implizierte aber, dass Museen Orte seien, an denen ein einmal abgenickter Kanon abhänge und in Würde altere: vielerorts freilich weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Man kann Museen aber auch als Lokale verstehen, von denen noch belebende Provokationen und Diskussionen ausgehen, an denen Entdeckungen zu machen sind." Außerdem verteidigt sich Städel-Direktor Max Hollein im beigestellten Gespräch gegen die Kritik in der SZ.

Weiteres: Mark Siemons fragt sich anlässlich der Eröffnung des siebten Apple-Stores in China, ob das Unternehmen, wie angekündigt, ein "Agent des Wandels" im Land ist. Beim Konzert von "The Vaccines" verwechselt Eric Pfeil prompt Dienstag mit Freitag. Andreas Kilb begutachtet das frisch eröffnete Archäologische Zentrum in Berlin.

Besprochen werden die Ausstellung "Privat" in der Schirn in Frankfurt, das Videospiel "Dishonored" (das Klaus Ungerer in die Versuchung führt, "jeden einzelnen Mordbären heimlich, still und leise zu umschleichen"), das von Esa-Pekka Salonen dirigierte Auftaktkonzert des Dortmunder "Zeitinsel"-Festivals und Bücher, darunter Florjan Lipus' Roman "Bostjans Flug" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 02.11.2012

Nix mehr mit Anglomania, die Tate Modern in London gibt sich heute global, mit Schwerpunkt auf der Kunst aus Afrika, Asien oder aus Lateinamerika. Museumsdirektor Chris Dercon erklärt im Interview, wo das Interesse dafür herkommt: "London hat großes Potential - schon wegen der enormen Präsenz von Reichen. Dazu gehören Altreiche, aber noch öfter Neureiche, die aus Lateinamerika oder dem Mittleren Osten stammen und sich gerne in unseren Ankaufskommissionen engagieren. Wir treffen uns jährlich in New York und Miami und schlagen vor, welche Arbeiten wir ankaufen sollten. Derzeit arbeiten wir daran, das gesamte 'Musee d'art contemporain de l"Afrique' von Meschac Gaba anzukaufen."

Weitere Artikel: Peter Richter und Andrian Kreye sorgen sich um die von Sandy gebeutelten Hipster New Yorks, die alle am Wasser wohnen. Trotz angestrengten Spähens konnte Joachim Hentschel beim Hamburger Konzert von Grizzly Bear kaum "Menschen mit Waldwunsch" im Publikum ausmachen. Auf der Medienseite unterhält sich Roland Huschke mit Bryan Cranston, dem Darsteller des Walter White in der Serie "Breaking Bad". Und Lisa Priller-Gebhardt und Katharina Riehl porträtieren die neue Gruner + Jahr-Vorstandkraft Julia Jäkel.

Besprochen werden die Ausstellung "Entartete Kunst - Der Berliner Skulpturenfund" in der Neuen Pinakothek in München, Jan Ole Gersters Schwarzweiß-Film "Oh Boy" (mit dem Rainer Gansera den Berlinfilm auf dem internationalen Niveau von Jim Jarmusch und Woody Allen angekommen sieht) und Bücher, darunter Anthony McCartens Roman "Ganz normale Helden" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).