Heute in den Feuilletons

Vor einer tiefen Grube

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2011. Der New Yorker porträtiert den Internetpionier und -kritiker Jaron Lanier. In der taz beteuert die Reformmuslimin Amina Wadud, dass Gleichberechtigung von Mann und Frau auch im Islam möglich ist. In FR/Berliner Zeitung erklärt Götz Aly, warum er erst mal nicht mehr für diese Zeitungen schreibt. Die NZZ fragt: Was nützt es der albanischen Volksmusik und der französischen Küche, wenn sie von der Unesco unter Schutz gestellt werden?

Weitere Medien, 17.08.2011

(via ald) Im New Yorker hat Jennifer Kahn ein sehr schönes Porträt Jaron Laniers geschrieben. Lanier, der eine so ungewöhnliche - und dramatische - Kindheit erlebt hat, wie man sie sich nur in Amerika vorstellen kann, ist ein Internetpionier, der in seinem Manifest "Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht" scharfe Kritik an Facebook und Co übt. Die heutige Technologie, so sein Hauptargument, verkommt immer mehr zur zweckbezogenen Daten- und Informationssammelei. Dabei könnte sie unser Leben so bereichern. "'Die Technologie hat die Welt der Information noch dominanter gemacht', sagt Lanier. 'Das ist so ein Verlust. Es scheint wirklich so, als ob wir einer Zwergenwelt Ergebenheit geschworen hätten statt einer Riesenwelt.'" Was genau er damit meint, erfährt Kahn, als sie in einem virtuellen Raum vor einer tiefen Grube steht und einfach drüber gehen soll.
Stichwörter: Facebook, Zukunft, Gadgets

Welt, 17.08.2011

Der Fernsehmoderator Jörg Thadeusz singt ein recht erwartbares (und dafür wieder recht langes) Hohelied auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen ("Ich vermisse Uli Wickert. Diesen maliziösen Träumer, den sperrigen Weltmann"). Peter Dittmar fragt, was aus den zahllosen Darstellungen des nackten Jesus-Kindes werden soll, wenn eine australische Tugendwächterin mit ihrer Forderung nach einem Verbot der Darstellung nackter Kinder in der Kunst durchkommt. Jenny Hoch porträtiert den jungen Regisseur Nuran David Callis, der in seiner Eigenschaft als Immigrantenkind aus dem "Bielefelder Ghetto" seine Sympathie für die Londoner Randalierer bekennt. Und der Kurator Julian Heynen verteidigt seine ein bisschen ins Gerede geratene Tätigkeit des Kuratierens.
Stichwörter: Jenny Hoch

FR/Berliner, 17.08.2011

Götz Aly hört bei der FR auf, bei der Berliner Zeitung auch, wo er eine Kolumne hatte. In seiner letzten Kolumne erklärt er, warum: "Am vergangenen Freitag ist mein neues Buch erschienen 'Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 - 1933'. Es handelt vom speziellen, am Ende mörderischen Antisemitismus der Deutschen. Diese Zeitung hat das Buch in die Tonne getreten, die Süddeutsche Zeitung, der Tagesspiegel, Die Welt, die Mitteldeutsche haben es hoch gelobt."

Auf der Medienseite berichtet Julia Gerlach vom drohenden Prozess gegen die ägyptische Bloggerin Azmaa Mahfouz, weil sie die Militärs beleidigt haben soll. Die Klage zeigt, wie sich der Wind inzwischen gegen die Protestbewegung dreht: "Auch in einem anderen Punkt will das Militär gegen die Jugend der Revolution vorgehen: Es soll ermittelt werden, ob die Jugendbewegung des 6. April, die von Mahfouz mitgegründet wurde, und die bei der Vorbereitung der Revolution eine große Rolle spielte, vom Ausland finanziell unterstützt wurde. Dies zielt darauf ab, die Bewegung zu diskreditieren. Mit Agenten des Auslands will niemand etwas zu tun haben. Die Helden der Revolution sollen vom Sockel gestoßen und entmachtet werden."

Im Feuilleton schildern mehrere kürzere Artikel, wie die Regierungen in Italien, Frankreich, Britannien, Griechenland und den Niederlanden an der Kultur sparen. Das Fazit: In Deutschland geht es der Kultur "vergleichsweise prächtig". Christian Thomas betrachtet in Dresden Bellottos frisch restaurierten "Canaletto-Blick" über die Elbe. Birgit Walter beschreibt am Beispiel des Tränenpalastes, wie dumm und sinnlos Berliner Beamte wertvolle Grundstücke an Immobilienunternehmer verschleuderten. Bernhard Bartsch erklärt, warum Frau Dai Qing mit der Anrede "Herr" geehrt werden soll.

Besprochen werden die Ausstellung "Donald Judd: A good chair is a good chair" in Münchens Pinakothek der Moderne, ein Konzert mit Mayer Hawthorne in Frankfurt und Richard Wagners Roman "Belüge mich" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Aus den Blogs, 17.08.2011

Ben Parr bringt in Mashable allen, die gern fernsehen, schlechte Nachrichten - Fernsehen kann tödlich sein: "A study by researchers at the University of Queensland in Australia has concluded that, for every hour of television watched after age 25, the average human lifespan drops by 22 minutes. A person who watch six hours of TV per day will, on average, live five years less than people who spent less time on the couch and in front of the television screen. Those are some scary numbers."

Das Wandern der Daten durch die Speicherformate hat ein Ende, meldet Gizmodo und zeigt eine kleine Glasscheibe, in die Kratzer geritzt werden - so viele, dass es einer Blue Ray Disk entspricht - und diese Glasscheibe, die von Forschern der Universität Southhampton entwickelt wurde, ist haltbar!

NZZ, 17.08.2011

Zum Welterbe der Unesco zählen inzwischen deutsche Buchenwälder, wallonische Glockentürme und die Weihrauchbäume in Oman. Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott wüsste gern, nach welchen Kriterien die Unesco eigentlich arbeitet und worauf ihr Ehrgeiz zielt. Will sie ganz Kontinente vor Veränderung bewahren? "Wie wenig es allerdings nützt, die Zeit anhalten zu wollen, lässt sich an der französischen Küche sehen, die auch bereits unter Artenschutz steht. Was dem touristischen Pilger jedoch wenig nützt, wenn er zwischen Lyon und Lille durch zahllose, wie ausgestorben wirkende Kleinstädte kommt und in den wenigen dort noch verbliebenen Restaurants schier Ungenießbares vorgesetzt bekommt. Wenn die vielgerühmte französische Küche fast nur noch in Sterne-Tempeln überlebt, kann auch kein Unesco-Stempel mehr deren Verfall aufhalten. Auch wird die albanische Volksmusik morgen anders als noch gestern klingen, und gambische Initiationsriten werden sich genauso wandeln wie unsere hiesigen Dörfer."

Weiteres: Lilian Pfaff besichtigt das neue, von Belzberg Architects entworfene Los Angeles Museum of the Holocaust. Besprochen werden die große Tracey-Emin-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery, Jose Eduardo Agualusas angolanischer Roman "Barroco Tropical" und der Architekturführer Pjöngjang (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 17.08.2011

Die amerikanische Feministin und Muslimin Amina Wadud erklärt im Interview, warum Islam und Feminismus durchaus vereinbar sind: "Denn wir ziehen den Islam heran, um die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ins Bewusstsein zu rufen. In den letzten zehn Jahren ist eine neue Dimension hinzugekommen. Es geht uns nicht mehr nur um Gleichberechtigung innerhalb der Gesellschaft, also im öffentlichen Leben, sondern auch um Gleichberechtigung innerhalb der Familie. Derzeit arbeiten wir sehr intensiv daran, unter anderem das Familienrecht zu reformieren."

Susanne Messmer begleitet Liao Yiwu zur Berliner Mauer: "Es geht vorbei an der japanischen Botschaft in der Hiroshimastraße, vorbei am Holocaustmahnmal und schließlich am Dokumentationszentrum 'Topographie des Terrors'. Liao Yiwu will wissen, wie es ist, wenn man an jeder Ecke zum Erinnern aufgefordert wird. Er will wissen: Gibt es so etwas wie ein staatlich verordnetes Erinnern?"

Weiteres: Ingo Arend berichtet über eine Podiumsdiskussion zur Lage der "Kreativcluster" in Berlin. Besprochen wird Woody Allens Film "Midnight in Paris".

Und Tom.

SZ, 17.08.2011

Das Feuilleton der SZ ist streikbedingt arg verknappt und muss sich mit zwei Seiten begnügen. Jan Füchtjohann befasst sich anlässlich einer Verfilmung des Comics "Captain America" mit den Gründen für die neue Konjunktur der Superhelden. Johan Schloemann liest David Camerons große Moralrede nach den Ausschreitungen der letzten Woche als "nostalgisches konservatives Genrebild". Lothar Müller meldet, dass US-Autoren bei Amazon jetzt die regionalen Unterschiede ihrer Buchverkäufe in den Vereinigten Staaten ermitteln können.

Besprochen werden Ereignisse des um sein Überleben kämpfenden Rossini-Festivals in Pesaro, ein Klavierabend Arcadi Volodos' in Salzburg und Jan Peter Bremers (Leseprobe hier) Roman "Der amerikanische Investor". (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 17.08.2011

Der Schriftsteller Thomas Glavinic hat von ihm selbst verfasste Texte am auf der FAZ-Homepage angebotenen "Ich schreibe wie..."-Automaten eingegeben und staunt, wie sehr sein Stil zwischen Uwe Johnson, Rilke und Melinda Nadj Abonji zu oszillieren scheint. Über die Zukunft des Kultursponsoring von EON spekuliert Andreas Rossmann. Den neuen musealen Erfolgstrend zum nicht ganz so Bekannten glossiert Dieter Bartetzko. Auf der DVD-Seite schreibt Dietmar Dath über die ersten Ausgaben in einer auf 100 Filme angelegten "Bibliothek des Widerstands" (hier die Verlagswebsite).

Besprochen werden ein Salzburger Abend mit Anna Netrebko als Tschaikowskys "Iolanta", ein Konzert der Avett Brothers in Köln, die Ausstellung "Riemenschneider im Chor" in der Johanniterhalle Schwäbisch Hall, Woody Allens "Midnight in Paris"-Film und Bücher, darunter Henry Vaughans Biografie der "Nazi-Agentin" Coco Chanel (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).