Heute in den Feuilletons

Dreißig Jahre aufgestaute Frustration

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2010. In der FR kritisiert die iranische Publizistin Haideh Daragahi die westlichen Medien für ihre Fixierung auf die Machtfiguren im Land. Die Welt erzählt, wie chinesische Internetsurfer plötzlich Zugang zum gesamten Netz hatten - vermutlich wegen Wartunsarbeiten an der Großen Firewall. Ilja Braun kritisiert im Perlentaucher die neue "Vergütungsregel" für freie Journalisten: Haben sich die Gewerkschaften die Festschreibung kümmerlicher Zeilensätze durch eine Zustimmung zur Forderung nach Leistungschutzrechten abkaufen lassen.? Carta sieht die "Vergütungsregel" als Augenwischerei.

Welt, 06.01.2010

Plötzlich hatten die chinesischen Internetsurfer freien Zugang zum World Wide Web, berichtet Johny Erling auf Seite 1 der Welt: Twitter, Youtube, Tibetseiten - alles war lesbar: "Aber ihre Freude dauerte nur wenige Stunden. Von Mitternacht am vergangenen Sonntag bis in die frühen Morgenstunden des Montags hatten die Zensoren unangekündigt den Zutritt zum virtuellen Raum freigegeben. Vermutlich (die Behörden geben keine Auskunft) ließen sie die Große Firewall wegen Wartungsarbeiten an ihrer Abfangsoftware abschalten. Zu nachtschlafender Zeit hofften sie wohl, nicht aufzufallen. Keiner weiß, welche Nachteule als erste die offene Mauer entdeckte."

Und im Feuilleton: Der Schriftsteller und Filmemacher Jürgen Lodemann schreibt aus Anlass des Kulturhauptstadtjahrs eine Hommage auf das Ruhrgebiet. Hendrik Werner freut sich sehr: Nach Klagen in Frankreich, Deutschland und jetzt auch China gegen Google Booksearch werden Hunderttausende Bücher nicht im Netz zu lesen sein. Peter Dittmar porträtiert die Malerin Carmen Herrera, die erst im Alter von über neunzig Jahren allgemeine Anerkennung erfuhr. Wieland Freund sinniert , angeregt von einem Essay in Prospect, über die Konjunktur der bürgerlichen Vampire und den Niedergang der proletarischen Zombies. Der Verleger Frank Böttcher antwortet auf eine Polemik Udo Scheers gegen eine Biografie über den Spitzel und Freund tschechischer Dissidenten Eugen Mühlfeit.

Besprochen werden eine große CD-Box mit dem Gesamtwerk von Robert Wyatt und Tanzaufführungen zur Erinnerung an die Ballets russes, die vor hundert Jahren triumphierten, in Monaco.

Perlentaucher, 06.01.2010

Überraschend haben Journalistengewerkschaften und Zeitungsverleger zu einer "Vergütungsregel" für freie Journalisten gefunden. Ilja Braun analysiert sie im Perlentaucher: "Das Ergebnis ist ein Armutszeugnis. Die Vereinbarung wird nicht nur die Misere eines ganzen Berufsstands auf Dauer zementieren, sondern auch den Qualitätsrückgang im Tageszeitungsjournalismus beschleunigen. Und die Gewerkschaften lassen sich die Absicherung kümmerlicher Zeilensätze mit ihrer Zustimmung zu den Forderungen der Verleger nach Leistungsschutzrechten abkaufen."

Aus den Blogs, 06.01.2010

Als Augenwischerei kritisiert auch Wolfgang Michal in Carta die neue "Vergütungsregel" für freie Journalisten, auf die sich die Journalistengewerkschaften in Verhandlungen mit Zeitungsverlegern eingelassen haben. Denn als "angemessene Vergütung" lassen sich die Zeilenhonorare freier Journalisten auch nach der Vereinbarung nicht bezeichnen: "Wer als freier Journalist zum Beispiel eine 200-Druckzeilen-Reportage für eine größere Tageszeitung schreibt (Auflage 180.000 Exemplare), bekommt dafür ab 1. Februar 2010 (und vermutlich auch in den folgenden fünf bis zehn Jahren) 'angemessene' 240 Euro... 240 Euro berechnet inzwischen jeder durchschnittliche Handwerker für fünf Stunden Arbeitszeit. Eine Reportage aber (also eine, die sich aufgrund ihrer Merkmale auch Reportage nennen darf) kostet mit Vorbereitung, An- und Abreise, Vor-Ort-Recherche, Schreiben und Prüfen mindestens drei, vier Tage Arbeit."
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Stichwörter: Euro, Zeitungsverleger

NZZ, 06.01.2010

Aldo Keel sammelt nach dem Attentatsversuch auf den dänsichen Karikaturisten Kurt Westergaard einige Meldungen aus den nordischen Ländern. Besprochen werden die Ausstellung "Lagrimas de Eros" im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid, die Bauhaus-Schau "Workshops for Modernity" im New Yorker Moma, eine Aufführung von Merce Cunninghams letzter Choreografie "Nearly 90" in Paris und Julius H. Schoeps' Familiengeschichte "Das Erbe der Mendelssohns" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 06.01.2010

Nicht fehlende Nacktscanner sind die große Sicherheitslücke, meint Ilija Trojanow in seiner Schlagloch-Kolumne, sondern die Doofheit der Geheimdienste. Aus der Weihnachtsausgabe des Playboys kolportiert er folgende Geschichte: "Jahrelang hat die CIA einem Aufschneider und Hochstapler namens Dennis Montgomery blind vertraut, der behauptete, die kodierten Botschaften al-Qaidas geknackt zu haben, die in den digitalen Signalen von al-Dschasira enthalten seien. Dank einer von ihm entwickelten Technologie könne er diese Signale in Zahlen übersetzen, und diese stellten die Längen- und Breitengrade zukünftiger Anschlagsziele dar. Aufgrund dieser Information wurde die nationale Terrorwarnstufe mehrfach hochgesetzt und eine Vielzahl von Flügen abgesagt. Städte wie Tappahannock in Virginia oder Galveston in Texas wurden in Angst und Bange versetzt. Die CIA zahlte dem Mann insgesamt sage und schreibe 30 bis 40 Millionen Dollar. Als der Betrug offensichtlich wurde, ging Montgomery zum Pentagon, wo er Anfang 2009 mit einem Vertrag über 3 Millionen Dollar belohnt wurde."

Im Kulturteil schaudert Cristina Nord über die Nacktheit, die der Ganzkörperscanner produziert: "Nacktheit ist nicht mehr einfach nur Nacktheit, sie definiert sich eher wie bei James Cameron: Man zieht dem Gescannten die Haut ab, darunter liegen dann Muskeln aus flüssig-flexiblem Stahl." Christian Werthschulte macht sich an eine Positionsbestimmung der Cultural Studies. Besprochen wird die Retrospektive des Wiener Künstlers Franz West im Kölner Museum Ludwig.

Und Tom.

FR, 06.01.2010

Die westlichen Medien sollten aufhören, sich auf die Machtfiguren im Iran - egal ob Konservative oder Reformer - zu konzentrieren, meint die in Schweden lebende Anglistin und Aktivistin Haideh Daragahi. In der Revolte stecke nämlich viel mehr als nur Wut über die Wahlfälschungen: dreißig Jahre aufgestaute Frustration. Daragahi hat drei Fotos ausgewählt, um das zu illustrieren, und schließt: "Niemand kann den Ausgang der Volksbewegung vorhersagen. Wie dem auch sei, jeder Kompromiss, bei dem am Ende mit westlichem Segen die eine oder andere Fraktion an die Macht gelangt, wird sich auseinandersetzen müssen mit der Minimalforderung einer Trennung von Religion und Staat, der Forderung nach bedingungsloser freier Meinungs- und Kunstausübung, der Gleichberechtigung der Frau und der vollen Staatsbürgerrechte für homosexuelle und ethnische, bzw. religiöse Minderheiten. Eine Regierung, die auf Scharia-Recht gründet, wird diese Forderungen nicht erfüllen können."

Besprochen werden die Ausstellung "Waren und Welten - Alltagskultur der fünfziger Jahre" im Badischen Landesmuseum/ Museum beim Markt in Karlsruhe und Bücher, darunter Jean Echenoz' Roman über den tschechischen Läufer Emil Zatopek "Laufen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 06.01.2010

Paul Ingendaay freut sich über ein nun bestätigtes Urteil, das ein spanisches Gericht gegen einen Immobilienbetrüger verhängt hat. In der Glosse stellt Patrick Bahners nach Zusammenfassung der jüngsten Vorgänge im Streit um die Vertriebenenstiftung fest: "Erika Steinbach hat Guido Westerwelle den Grund für sein Veto geliefert." Gina Thomas besucht das neue Kunstmuseum Nottingham Contemporary (Website). Carolin Pirich porträtiert den am Münchner Doerner Institut arbeitenden Kunst-Restaurator Jan Schmidt, der gerade Hand an ein Werk von Andrea del Sarto legt. Egon Ammann schreibt den Nachruf auf die Autorin und Übersetzerin Gisela Kraft. Auf der DVD-Seite gibt es Empfehlungen unter anderem für eine Box mit Filmen des linken Dokumentaristen Joris Ivens und eine deutsche Edition von Andrej Zulawskis "Possession".

Besprochen werden die Ausstellung "La Splendeur des Camondo" im Musee d'art et d'histoire de Judaisme in Paris, die auf Lackschachteln und im Buch existierenden phallozentrischen Illustrationen des Rostislaw Lebedjew, Caroline Bottaros Film "Die Schachspielerin" (mehr) und Bücher, darunter Victor Lodatos Romandebüt "Mathilda Savitch" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 06.01.2010

Die SZ feiert heute Dreikönigstag.