Heute in den Feuilletons

Eine Performance im First Life

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.04.2009. In der Welt erklärt der Ökologe Hansjörg Küster, warum er den Begriff des "Naturschutzes" verabscheut. In der NZZ besorgt sich David Albahari den Grundstock für das Museum einer Liebe. Die SZ besucht das landschaftlich und geopolitisch attraktive Kirgistan.

Welt, 11.04.2009

In einem instruktiven Gespräch mit Michael Miersch erklärt der Ökologe Hansjörg Küster, warum ihm der Begriff des "Naturschutzes" suspekt ist: "Die Behauptung, es gäbe so etwas wie einen Naturzustand, widerstrebt mir als Biologe. Alles entsteht, wächst und stirbt ab. Die Vorstellung, einen Zustand erhalten zu können, ist vollkommen unbiologisch. Die Festlegung einer Idee, wie Natur zu sein hat und sich dann den Erhalt dieses Zustandes auf die Fahnen zu schreiben, ist totalitär."

Weitere Artikel: Eine ganze Seite ist Georg Friedrich Händel gerwidmet, der in diesem Tagen zum 250. Mal gestorben wäre. Manuel Brug erklärt ihn zum unverwüstlichen Genie. Er fragt außerdem, warum der "Messias" ausgerechnet in Deutschland nicht Händels populärstes Werk ist. Außerdem interviewt er Donna Leon, die ein großer Händel-Fan ist und den Complesso barocco (Website) unter dem Dirigenten Alan Curtis unterstützt. In der Leitglosse über Freuden und Tücken der Digitalisierung prägt Michael Pilz den folgenden denkwürdigen Satz: "Das Handy ist der digitale Enkel des Transistorradios, das die Großväter in ihrer Jugend durch die Vorstadt trugen, um die Urgroßväter zu erschrecken." Michael Stürmer stellt die Unruhen in Moldawien in einen historischen Rahmen. Wieland Freund gratuliert Seamus Heaney zum Siebzigsten. Ulrich Weinzierl schreibt den Nachruf auf die Lyrikerin Elfriede Gerstl.

Die Literarische Welt bringt ein langes Gespräch Mathias Döpfners mit Marcel Reich-Ranicki, dessen Lebensverfilmung heute auf Arte läuft. MRR findet ein pragmatisches Argument für die These, dass der Computer den Journalismus verbessert hat: "Man schreibt einen Satz, stellt fest, dass eine Kleinigkeit noch besser sein könnte, und sofort kann man es verbessern. Also tut man es. Früher, mit der Schreibmaschine, tat man es nicht."

NZZ, 11.04.2009

Die Beilage Literatur und Kunst ist heute dem Abfall gewidmet, der viel schwerer zu vernichten ist, als gemeinhin angenommen.

Der Schriftsteller David Albahari ist gerade sitzengelassen worden, bestellt Crepes mit Schokoladensauce und denkt über die materiellen Reste seiner Liebe nach: "Alles hatte damit angefangen, dass ich die Unterwäsche haben wollte, die sie an dem Abend trug, als wir uns zum ersten Mal liebten. Eigentlich trug sie sie da nicht, weil wir uns schon beim Vorspiel völlig entkleidet hatten, und als sie sich später anziehen wollte, legte ich die Hand auf ihr Höschen und den BH und sagte: 'Das bleibt hier.' Magda protestierte, sie behauptete, ohne Unterwäsche könne sie nicht durch die Stadt laufen, gab aber schließlich nach. 'Kannst du mir verraten', fragte sie, 'was du damit vorhast?' Ich sagte das Erste, was mir in den Sinn kam: 'Das soll der Grundstock für das Museum unserer Liebe sein.'"

Weiteres: Der Autor Navid Kermani erzählt, wie er zum professionellen Abfallerzeuger wurde. Bettina von Lintig schreibt über die Kunst der Wiederverwertung. Roman Bucheli hält fest, dass wir heute viel zu wenig Abfall produzieren und viel zu viel Archiv. Uwe Justus Wenzel denkt ganz unmetaphorisch darüber nach, was genau Abfall ist. Max Nyffeler erzählt, wie der Komponist Wolfgang Rihm seinen musikalischen Abfall in einer Art mentalen Restekammer lagert. Martin Girod beschreibt das Problem der Trennung zwischen Bewahrenswertem und Abfall am Beispiel von alten Filmrollen.

Im Feuilleton überlegt Silke Leopold, warum gerade Händels Opern heute so populär sind. Andrea Köhler stellt die "First Lady der Bio-Kost", Alice Waters vor. Friedhelm Rathjen gratuliert dem irischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Seamus Heaney zum Siebzigsten. Paul Jandl schreibt zum Tod der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Gerstl.

Besprochen werden Leos Janaceks Oper "Jenufa", inszeniert von Barbara Frey in München und Bücher, nämlich Irmtrud Wojaks Biografie des Juristen Fritz Bauer und zwei Bücher über die Entdeckung des Nordpols (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 11.04.2009

Sylvia Staude besucht die Ausstellung "Krieg und Medizin" im Hygienemuseum in Dresden. Es geht darin um vergangene Praktiken und sehr gegenwärtige: "Verschiedene so genannte Triage-Karten sind in Dresden ausgestellt, aus den Weltkriegen, aber auch nagelneue. Denn auch heute noch wird mit Hilfe dieser Karten bei größeren Zahlen an Verletzten - das muss kein Krieg, das kann auch eine Naturkatastrophe sein - von medizinischem Personal möglichst schnell vorsortiert: Indem sie die Karte so knicken, dass eine Farbe oben ist, die etwa vom OP-Personal in Sekundenbruchteilen gedeutet werden kann. Rot für sofort, gelb für zügig behandeln. Grün für: kann warten. Weiß für: tot."

Weitere Artikel: Wolfgang Kraushaar meint zu Barack Obamas in seiner Prager Rede geäußertem Vorsatz, die Atomwaffen abzuschaffen: "Der 5. April 2009 ist ein historisches Datum. Der Anspruch ist formuliert. Ob sich die entsprechenden Taten einstellen werden, muss sich freilich erst zeigen." In ihrer US-Kolumne berichtet Marcia Pally, dass die immensen Gefängniskosten in Krisenzeiten zum Problem werden. Hans-Jürgen Linke kommentiert in einer Times Mager den Goldenen Handschlag für Hartmut Mehdorn.

Besprochen werden die Daimler-Hauptversammlung aus Rimini-Protokoll-Perspektive ("genial", findet Eva Behrendt), Johannes Schaafs Inszenierung von Ottorino Respighis Oper "Marie Victoire" an der Deutschen Oper in Berlin, das Ensemble-Projekt "Karadzic. Guru" am Theater in Freiburg, der Ostermontags-Tatort "Häuserkampf".
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TAZ, 11.04.2009

Andreas Fanizadeh war mit Rimini Protokoll auf der Daimler-Hauptversammlung. Er hat Stimmen gesammelt: "Die 25-jährige Studentin Felicitas Zeeden fand es reizvoll, in eine Welt einzutauchen, mit der man sonst nichts zu tun hat. 'Das ist nicht das Theater der Zukunft, aber ich würd's noch mal machen', sagt sie. Wie die meisten hat sie über die Presse von der geplanten Rimini-Aktion gehört und sich spontan als Publikum gemeldet. Ebenso der 38-jährige Mathematiker Jochen Garcke, Besitzer eines kleinen Aktienpakets. Es habe ihn interessiert, mit Rimini-Blick auf die Hauptversammlung zu schauen. Ob man das nun als Theater bezeichnen solle? 'Nein, das ist kein Theater, eher eine Performance im First Life', so Garcke."

Weitere Artikel: Im Interview meint der Radiostar und alttazler Jürgen Kuttner zur Lage linker Kritik an den herrschenden Krisenzuständen: "Kapitalismuskritik mit Ideologiekritik zu verbinden, das wäre in Ordnung. Dann machte Ersteres wieder Sinn." Der Ex-Bauhaus-Dessau-Leiter Omar Akbar ärgert sich im Gespräch über die "Diktatur der Bauhaus-Erben". Klaus Ebenhöh denkt über Philosophie und Küche nach. Titel und Themen-des-Tages-Seite widmen sich ausführlich dem Schicksal von Jürgen Klinsmann und des FC Bayern.

In der zweiten taz fragt sich Felix Lee, ob es in diesem Jahr angesichts von Obamas Abrüstungsvorschlägen besonders viele oder besonders wenige Oster-Marschierer geben wird. Frida Thurm porträtiert den werdenden Priester Johannes Prestele. Klaus-Peter Klingelschmitt sieht Neid der Kinderhabenden als Grund für die "Hetze" gegen die Kinderlosen.

Besprochen werden Johannes Schaafs Inszenierung von Ottorino Respighis Oper "Marie Victoire" an der Deutschen Oper Berlin, das neue Album "Dark Days/Light Years" der Super Furry Animals, und Bücher, darunter Peter Michalziks Vademecum "Gebrauchsanweisung fürs Theater" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Wo tazmag war, soll sonntaz werden. Außerdem findet am nächsten Wochenende zum dreißigjährigen Zeitungs-Bestehen der taz-Kongress statt. Hintergrundgespräche dazu unter anderem mit den Designern des neuen taz-Layouts Lukas Kircher und Nelli Havemann, dem Ex-Kommunarden Fritz Teufel, dem (Ex)-taz-Sympathisanten Wolfgang Niedecken und dem Menschenrechts-Theoretiker Heiner Bielefeldt.

SZ, 11.04.2009

Sonja Zekri hat Kirgistan besucht, den Staat, der in den Schlagzeilen ist, weil er den amerikanischen Luftwaffenstützpunkt schließen will. Es ist schön da, aber der Bär steppt nicht: "Kirgistan, dieser blinde Flecken zwischen Moskau und Teheran, Kabul und Shanghai, Kirgistan hat kein Öl, kein Gas, kein Hightech und kaum High Potentials, jedenfalls kaum welche, die bleiben. Es hat nur sich selbst. Aquamarinblaue Seen, Berge unter ewigem Eis, 93 Prozent der Fläche unbebaubar, aber dafür in geopolitisch attraktiver Lage."

Weitere Artikel: Als Mythos, auf dem die Moderne gründet, werden auf Seite eins des Feuilletons traditionsfromm die Kathedralen gefeiert. Mit kurzen Artikeln zu französischen Kathedralen im allgemeinen, zu Notre Dame und Victor Hugo, zum Kölner Dom - und Gustav Seibt liest nach bei Proust und vor allem Goethe. Dirk Peitz ist dem Schauspieler Philip Seymour Hoffman begegnet. Nico Bleutge gratuliert dem Nobelpreisträger Seamus Heaney, Alexander Menden dem britischen Dramatiker Alan Ayckbourn zum Siebzigsten.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Leos Janaceks "Jenufa" an der Bayerischen Staatsoper, Frank Castorfs Boulevardstückgegenwartsannäherung "Amanullah Amanullah" an der Berliner Vollksbühne (vergeigt, weil vergagt, findet Till Briegleb), Johannes Schaafs Inszenierung von Ottorino Respighis kaum gespielter Oper "Marie Victoire" an der Deutschen Oper in Berlin, Jan Schüttes Isaac-Bashevis-Singer-Verfilmung "Bis später, Max!" (dazu: Willi Winkler besucht den Hauptdarsteller Otto Tausig) und Bücher, darunter Topias Rapps Techno-Studie "Lost and Sound" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende porträtiert Jens Malte Fischer die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Vorabgedruckt wird Sibylle Lewitscharoffs Erzählung "Insel der Glücklichen". Holger Liebs spricht mit der Künstlerin Maria Lassnig über nichts Geringeres als das Leben.

FAZ, 11.04.2009

Thomas Strobl liefert eine ausführliche Zusammenfassung von Alfred Müller-Armacks Theorie der Sozialen Marktwirtschaft, die 1946 in einem 157 Seiten Büchlein unter dem Titel "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" veröffentlicht wurde. Julia Voss freut sich, dass immer mehr Nilgänse in Europa heimisch werden. Jürgen Dollase isst im Kölner Le Moissonniere. Paul Ingendaay schreibt über den Wechsel an der Spitze des spanischen Kulturministeriums. Abgedruckt ist ein Vortrag, den Wolfgang Pehnt während des Bauhaus-Colloquiums über Walter Gropius hielt. Auf der letzten Seite besucht Kerstin Holm den früheren russischen Millionär German Sterligow, der all sein Geld verloren hat und jetzt als Schafhirte im Wald lebt, von wo aus er die Menschen von der Geldwirtschaft erlösen will.

Besprochen werden die Ausstellung "Künstlerfürsten. Liebermann, Lenbach, Stuck" im Berliner Liebermann-Haus am Brandenburger Tor und zwei Aufführungen im Berliner Prater: Rene Polleschs "Ein Chor irrt sich gewaltig" und Frank Castorfs "Amanullah Amanullah". Auf der Schallplatten- und Phonoseite zeigt Eleonore Büning am Beispiel neuer Händel-Einspielungen, wie sich die historische Aufführungspraxis wandelt. Besprochen werden CDs mit Händel-Arien und eine Aufnahme von Richard Mudges "Six concertos in Seven Parts".

In Bilder und Zeiten präsentiert Gerhard Stadelmaier eine kleine Kulturgeschichtes des Typus der Jungschaupielerin in den letzten Jahrzehnten. Die zweitjüngste Generation (Nina Hoss, Birgit Minichmayr, Constanze Becker, Anna Müller) nennt er "Gegenwartsgefrorene". Aber die Hymne kommt zum Schluss: auf die "blutjunge Schauspielerin" Nirupama Nityanandan. Anita Albus greift (wie auch die SZ) Prousts Essay über die Kathedralen aus dem Jahr 1906, also dem Jahr nach der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich, auf. Andreas Platthaus bringt eine Reportage über die Arbeit der Restauratoren an Dresdner Museen. Lorenz Jäger erinnert sich an einen Vormittag, den er im Jahr 1980 mit Gerschom Scholem verbrachte. Sarah Elsing porträtiert die Berliner Modesdesignerin Elisabeth Prantner. Und Jürgen Kesting unterhält sich mit der Sopranistin Anne-Sofie von Otter.

Für die Frankfurter Anthologie liest Dirk von Petersdorff Luise Hensels "Abendlied -

Müde bin ich, geh zur Ruh
Schließe beide Augen zu -
Vater, lass die Augen dein
Über meinem Bette sein (...)"