Heute in den Feuilletons

Groß und kalt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2008. Die FAZ bringt das nächste ganz große Ding - den Vorabdruck von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten", samt Leseraum im Internet und Verständnishilfestellung von führenden Experten. In der FR spricht Philip Roth über seine Arbeit als Schuster. In der NZZ ruft der Althistoriker Christian Meier den Homer-Thesen Raoul Schrotts entgegen: Wir sind Kinder des Okzidents. Die SZ sieht Italien in Klientelismus versinken. In der taz fordert Geert Mak Personenschutz für Ayaan Hirsi Ali.

FR, 02.02.2008

Im Interview mit Sacha Verna sagt Philip Roth ein paar ernste Dinge - zum Beispiel über das Schreiben als Verzicht aufs Leben: Und "der Lohn für alles, was ich als Schriftsteller nicht habe, liegt im Akt des Schreibens an sich. Man steht morgens voller Angst auf, weil man keine Ahnung hat, wie man eine bestimmte Szene schreiben soll. Am Abend hat man eine Seite gefüllt und fühlt sich großartig. Nicht wegen dem, was in der Szene geschieht, sondern weil man diese eine Seite geschafft hat. Ich bin wie ein Schuster."

In Times Mager schildert Ina Hartwig, wie Hans Magnus Enzensberger vor Mitgliedern der Familie Hammerstein aus seinem "Hammerstein" las, und das auch noch im Bendler-Block. Marcia Pally führt ein in die höhere Mathematik des amerikanischen Wahlkampfs.

Besprochen wird Simon Stephens' Stück "Motortown" in Inszenierungen von Andrea Breth, Dieter Giesing und Dominik Günther.

NZZ, 02.02.2008

"Wir sind Kinder des Okzidents", betont der Althistoriker Christian Meier in einer Kritik an Raoul Schrotts Thesen, wonach Homer aus Kilikien stamme, und nahezu ungebrochenen in orientalischer Tradition stand: "Die Griechen zeichneten sich dadurch aus, dass sie im Unterschied zu allem, was ihnen im Orient begegnete, ihre Kultur nicht vom Gedanken der Herrschaft her - sei es Monarchie, sei es kräftig disziplinierte Aristokratie -, sondern aus Freiheit oder um der Freiheit willen ausbildeten. Was das bedeutet und was es (bis heute) für Folgen hat, ist nicht leicht zu verstehen: keine irgend beachtliche Herrschaft, keine Herrschaftssicherung durch mächtige Priesterschaften. Keine Einfügung in Hierarchien."

Außerdem in der Beilage Literatur und Kunst: Hans-Joachim Müller erinnert an den vor 200 Jahren geborenen Carl Spitzweg. Und in der Reihe "Bildansichten" schreibt Ilma Rakusa über Kasimir Malewitschs "Zur Ernte".

Im Feuilleton: "Woher also die fatalistische Neigung, die Freiheit aufs Altenteil zu schicken und sich im Gewitter feuernder Neuronen dahintreiben zu lassen?", fragt Uwe Justus Wenzel angesichts zunehmender Versuche durch Hirnforscher und Juristen, den Menschen nicht als selbstbestimmmtes, sondern elektrochemisches Wesen zu betrachten: "Selbstbestimmung macht Arbeit, der fortgesetzten Anstrengung wird auch das an sich freiheitsliebende Tier namens Mensch gelegentlich überdrüssig. Zumal in Zeiten eines entfesselten Kapitalismus, in denen die Freiheit zur Karikatur, Selbstverantwortung zur Selbstvermarktung werden kann. - Welches Mittel hilft gegen Freiheitsmüdigkeit? Auf diese Frage wird niemand eine Antwort von der Hirnforschung erwarten."

Weiteres: Ziemlich mitgenommen ist Barbara Villiger Heilig von Andrea Breths Inszenierung von Simon Stephens' Soldaten-Heimkehrer-Stück "Motortown": "Selten war Andrea Breth so unerbittlich explizit im Nachbuchstabieren einer Vorlage. Sie exekutiert das Stück mit brutaler Eleganz - und mit zusammengebissenen Zähnen. Das tut weh." Marc Zitzmann besucht das Privatmuseum Würth France in Erstein bei Straßburg. Christian Schaernack berichtet von schleppend anlaufenden Altmeisterauktionen in New York. Christian Herchenröder bilanziert das Kunstjahr 2007.

Besprochen werden die Uraufführung der Oper "Das Märchen" von Emmanuel Nunes in Lissabon ("grandiose Musik, aber keineswegs einfach zu hören") und Bücher, darunter die Briefe des Schriftstellers und Verlagslektors Italo Calvino, eine Monografie zum Essayisten Erich Auerbach, Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung".

Berliner Zeitung, 02.02.2008

Andreas Kopietz erzählt die traurige Geschichte vom Ende des Karlheinz Schädlich (Bruder des Schriftstellers mit gleichem Namen) der einst als IM auch Günter Grass ausspionierte: "Als sich Karlheinz Schädlich am 16. Dezember 2007 auf eine grüne verschlissene Holzbank in Berlin-Prenzlauer Berg setzte, war die Polizei schon mit Blaulicht zu ihm unterwegs. Gäste eines Dönerladens hatten gegen 18 Uhr die 110 angerufen und gewarnt, dass in dem Park am Stierbrunnen im Bötzowviertel ein Mann mit Pistole in der Gegend umherirre, wirres Zeug schreie und damit drohe, sich zu erschießen."

Außerdem im Magazin ein Gespräch mit dem Buchautor und ehemaligen Arbeitsminister der USA, Robert Reich.
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Stichwörter: Günter Grass

SZ, 02.02.2008

Italien versinkt in Klientelismus, mafiösen Strukturen und bald wieder den Berlusconismus, schreibt Henning Klüver. Die abgewirtschaftete Regierung ist daran nicht unschuldig: "L'espresso rechnet der Regierung ihre Mutlosigkeit und Versäumnisse in 20 Monaten Amtszeit vor: kein Gesetz zur Regelung des Interessenkonfliktes Berlusconis wurde verabschiedet, der private Medienmarkt wurde nicht neu geordnet, und warum wurden all die skandalösen Gesetze aus der Berlusconi-Ära nicht zurückgenommen?"

Weitere Artikel: Ijoma Mangold wundert sich in der Leitglosse schon ein bisschen über Martin Walser und die FAZ, die seinen neuen Roman nach der extrem hysterisierten Debatte um "Tod eines Kritikers" nun wieder vorabdrucken wird: "Man könnte sagen: Schön, wenn sich die Gemüter beruhigen. Aber passt eine solche entdramatisierende Abgeklärtheit zum Antisemitismusvorwurf?" Die Gesichter der Schauspieler aus Bernd Eichingers kommendem RAF-Film werden mit denen der Originale verglichen. Harald Eggebrecht freut sich über den Ernst-von-Siemens-Musikpreis für die Geigerin Anne-Sophie Mutter.

Besprochen werden unter anderem Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro" unter Philippe Herreweghe in München und Bücher, darunter Erzählungen und Kurzromane von D.H. Lawrence.

Die SZ am Wochenende präsentiert Dankesbriefe an den Krupp-Manager Berthold Beitz, der in Kriegszeiten in Polen Hunderte von Juden rettete und später niemals viel Aufhebens darum machte. Joachim Käppner interviewt Beitz auch zum Thema. Oft fühlte er sich allein, sagt er, "aber stellen Sie sich vor: Es gab einen Landwirt Helmrich, der die umliegenden Güter bewirtschaftete und auch meinen Betrieb versorgte. Mit ihm saß ich oft zusammen. Wir redeten über dies und das - aber keiner von uns vertraute sich dem anderen an. Erst nach dem Krieg erfuhr ich, dass auch Helmrich mit seiner in Berlin lebenden Ehefrau Rettungsaktionen für Juden durchgeführt hatte. Misstrauen, Angst vor Denunziation verschlossen uns den Mund."

Außerdem stellt Alex Bohn in der SZ am Wochenende das kalifornische Modelabel Rodarte vor.

TAZ, 02.02.2008

Im Interview mit Daniel Bax über die Stimmung zwischen Mehrheitsgesellschaft und Muslimen in den Niederlanden äußert der Autor Geert Mak Kritik an Ayaan Hirsi Ali (mehr hier und hier). In der Frage des Personenschutzes allerdings verteidigt er sie: "Formal hatte die holländische Regierung recht damit, dass sie im Ausland nicht für ihre Sicherheit aufkommen kann. Trotzdem war ihre Haltung sehr dumm. Denn Hirsi Ali ist wirklich bedroht. Ich bin in vielen Punkten anderer Meinung als sie. Aber es ist sehr wichtig, dass sie ihre Meinung frei äußern kann und ihr nichts passiert."

Im Kulturteil stellt Katrin Bettina Müller die neueste Großproduktion von Simon Rattles Intiative Zukunft@BPhil unter Beteiligung von Heiner Goebbels, Jocelyne B. Smith und 120 Tänzern vor. Andreas Fanizadeh unterhält sich mit dem Schweizer Autor Martin Suter über seine Figur Adrian Weynfeldt.

Besprochen werden der israelische Film "Die Band von nebenan" von Eran Kolirin, Simon Stephens' Stück "Motortown" in der Inszenierung von Andrea Breth, Silker Enders' neuer Film "Mondkalb" und Bücher, unter anderem der Essay "Nach Bush - Das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten" des New-York-Times-Kolumnisten Paul Krugman.

Welt, 02.02.2008

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf beziehen die Literaten Stellung. Der Schriftsteller Jonathan Franzen schlägt sich im Interview mit Wieland Freund in der Literarischen Welt auf die Seite Barack Obamas, stellt aber klar, dass eine Frau an der Spitze der USA die vielleicht noch größere Veränderung wäre. "Schwarze Männer haben in Amerika das Wahlrecht - wenigstens in der Theorie - viele Jahrzehnte vor den Frauen bekommen. In der Welt der Großunternehmen, ganz besonders an der Spitze, gibt es für schwarze Männer weniger Barrieren als für weiße Frauen. Und das Geschlecht ist, biologisch gesprochen, eine viel schärfere Trennlinie als die Rasse. Selbst in einer ethnisch vielfältigeren und gemischteren Welt bleiben Männer Männer und Frauen Frauen. Niemand hier sagt, dass Obama dem Job nicht gewachsen ist, weil er schwarz ist. Aber man hört immer noch Leute sagen, dass eine Frau als Präsident keine gute Idee sei."

Das von David Chipperfield renovierte Neue Museum in Berlin, dessen Fassade jetzt zu besichtigen ist, gefällt Dankwart Guratzsch im Feuilleton überhaupt nicht: "Eine künstlich auf bruchstückhaft getrimmte Schimäre" sei das, was der britische Architekt für 233 Millionen Euro da hingestellt habe. (Das sind nämlich 50 Millionen Euro mehr als die so schön auf original getrimmte Dresdner Frauenkirche!)

Weiteres: Hannes Stein referiert die in ein erfolgreiches Buch verpackte These des amerikanischen Historikers David Levering Lewis, dass ein Sieg der Araber bei Poitiers im Jahr 732 gut für Europa gewesen wäre. Tilman Krause beschwert sich über die Flut an ausufernden Romanen, für ihn ein Zeichen schlechten Stils und mangelnden Gehirnschmalzes. Fjodor Bondartschuk, Sohn des Regisseurs Sergej Bondartschuk, produziert gerade den teuersten russischen Film "Die bewohnte Insel", informiert Manfred Quiring. Besprochen wird das Album "Jukebox" von Cat Power.

FAZ, 02.02.2008

Angekündigt war es schon lange, nun beginnt die FAZ tatsächlich den Vorabdruck von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten". Frank Schirrmacher schreibt, und zwar auffallend verhalten: "Dieses Buch hat einige große Passagen und Nebenstränge (Ernst Jünger im Kaukasus!), ist aber auch über einige Strecken fast unlesbar, es ermüdet durch die Darstellung ewiger Behördenquerelen... Es ist dies kein 'Krieg und Frieden', es ist, was sein literarisches Gelingen angeht, kein Jahrhundertbuch. Aber groß ist es dennoch. Groß und kalt." Eigens zu diesem Vorabdruck wurde auch ein Diskussionsforum im Faz.net eingerichtet, der Reading Room, in dem Historiker wie Götz Aly und Ulrich Herbert oder Publizisten wie Klaus Harpprecht und Lutz Hachmeister zu Wort kommen.

Heuchlerisch findet der Schriftsteller Kiran Nagarkar die Kritik westlicher Umweltschützer am Nano, den billigsten Kleinwagen der Welt, der der durchaus noble Tata-Konzern bauen will: "Wenn der Nano in Bombay (oder anderen Metropolen der Welt) auftaucht, wird sich die Situation drastisch, genauer gesagt exponentiell verschärfen. Für in- und ausländische Kritiker ist der Nano der Schuldige. Das ist wie mit dem Boten, den man für die schlechte Nachricht verantwortlich macht. Dieses Argument hat auch etwas Elitäres. Autos sind für die Reichen da, besonders für die Reichen mit dicken Limousinen. Die Armen und die untere Mittelschicht sollen zu Fuß gehen. Das ist gut für die Gesundheit."

Weiteres: An den "untersten Höllengrund" hat sich Gerhard Stadelmaier mit Andrea Breths Inszenierung von Simon Stephens' Stück "Motortown" in Wien begeben, das den andauernden Krieg eines aus dem Irak heimkehrenden Soldaten gegen sich selbst zeigt. Jürgen Dollase speist im Münchner "Franziskaner". Andreas Platthaus glossiert Juli Zehs Verfassungsklage gegen den von Otto Schily propagierten biometrischen Reisepass. Andreas Obst gratuliert Henning Mankell zum Sechzigsten, Edo Reents dem Germanisten Rudolf Vaget zum Siebzigsten. Max Nyfeler berichtet von Musikmesse Midem in Cannes. Helmut Mayer hat einen Vortrag von Jürgen Habermas zur Rückkehr der Religion in Münster gehört. Regina Mönch berichtet von der Eröffnung der Ausstellung "68 - Brennpunkt Berlin" im dortigen Amerikahaus. Auf der Medienseite geht es um das umstrittene Finanzierungssystem des ORF.

Besprochen werden auf der Plattenseite das Album "Made in the Dark" von Hot Chip ("Heißer kann man im Moment nicht tanzen", schwört Christina Hoffmann), das Progrock-Album "The Bedlam in Goliath" von The Mars Volta, das Requiem "Glaciers in Extinction" des Flötisten Roberto Fabbriciani und Pierre-Laurent Almands Version der "Die Kunst der Fuge" und Bücher, darunter Alonso Cuetos Roman "Die blaue Stunde" und David Albaharis "Die Ohrfeige" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Für die Beilage Bilder und Zeiten stürzt sich Julia Voss in Londons Kunstszene. Tobias Rüther instruiert uns über den Zusammenhang von Kaltem Krieg und Schach. Wolfgang Schneider war mit dem Proust-Vorleser Peter Matic im Aufnahmestudio. Felicitas von Lovenberg interviewt den Autor Philip Roth.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius Goethes Gedicht "Unbegrenzt" vor:

"Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß,
Und dass du nie beginnst, das ist dein Los..."