Heute in den Feuilletons

Hier steht der junge Bruno Ganz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2008. Die Welt feiert den Schauspieler Jens Harzer, der sanfte Grübler und eifersuchtsrasende Dämonen und jetzt den Astrow in Tschechows "Onkel Wanja" spielen kann. Die NZZ schildert Reaktionen kenianischer Schriftsteller auf die Krise des Landes. Die Debatte über die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist nicht nur Wahlkampfpopulismus, meint die FAZ. Die SZ übersetzt einen Blogartikel des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei, der sich nicht auf Olympia freut.

NZZ, 11.01.2008

Der Afrikanist Axel Timo Purr schildert, wie Kenias Schriftsteller auf die gewalttätigen Konflikte reagieren. Der Autor David G. Maillu zum Beispiel schlägt eine neue Regierungsform für das Land vor: Das System der Altersklassen. "Maillu hat ein Dreikammerparlament vor Augen, das sich aus einer Partei für Männer, einer für Frauen und einer für Jugendliche zusammensetzt; diese Struktur soll sich basisdemokratisch bis ins kleinste Dorf fortsetzen. Gewählt wird nur innerhalb der jeweiligen Gruppe, der Präsident wird allein von Frauen und Männern gewählt; die Jugendlichen, die sich aus der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen rekrutieren, stellen dafür den Ministerpräsidenten."

Weiteres: Jonathan Fischer versucht, sich die Nähe des Pop zum Buddhismus zu erklären: "Beide missionieren nicht, setzen den Konventionen der Gesellschaft eine grundsätzlich amoralische Haltung entgegen, animieren aber dazu, mit ausgefahrenen Sinnen durch die Schaumkronen des Lebens hindurchzusegeln." Thomas Veser schildert die Geschichte des historischen Industriegelände in der einst blühenden Textilstadt Lodz.

Besprochen werden eine Schau zur Möbelkunst von Diego Giacometti im Gelben Haus in Flims, die Ausstellung "Beste aller Frauen" zu weiblichen Dimensionen im Judentum im Jüdischen Museum Frankfurt am Main und das Album "Haubi Songs" von Züri West.

Auf den Medienseiten kommentiert Heribert Seifert die Diskussion um die Kriminalität ausländischer Jugendlicher, die nach der Schweiz nun auch Deutschland erfasst hat - wie er registriert. Seifert hält nichts von zu viel Verständnis: "Nicht nur die Berliner taz, sondern auch Kommentatoren der Süddeutschen Zeitung und der Zeit sind sehr viel engagierter darin, das Verhalten der Jugendlichen mit den sozialen Verhältnissen, in denen sie leben, zu erklären, als mit Hinweisen auf ethnokulturelle Kontexte. In einer sehr einfältigen Form von materialistischem Determinismus erscheinen die jungen Schläger selber als Opfer der Verhältnisse, die die Mehrheitsgesellschaft für sie geschaffen hat. Die Vorstellung, ethnische Herkunft und religiös-kulturelle Prägungen könnten eine ebenso wichtige Rolle spielen, gilt als reaktionär."

Außerdem geht es in mehreren Artikeln um die Informatiik, der in der Schweiz das ganze Jahr 2008 verschrieben ist.

FR, 11.01.2008

In der Diskussion um Jugendstraftäter plädiert Harry Nutt für Soziologie und Augenmaß. Hannes Gamillscheg berichtet aus der neuen europäischen Kulturhauptstadt Stavanger. In Suffolk hat Cornelia Jentzsch das in seinem Bestand gefährdete pomologische Hauptwerk des im letzten Jahr verstorbenen Dichters, Essayisten und Übersetzers Michael Hamburger besichtigt, "seinen über dreißig Jahre lang gehegten einzigartigen Garten". In einer Times Mager meldet Martin Dahms, dass ein rekonstruiertes antikes Theater im spanischen Sagunt auf Geheiß der Gerichte jetzt wieder in den Ruinenzustand zurückversetzt werden muss.

Besprochen werden Anton Corbijns Joy-Division-Film "Control" (und, hey, die FR lernt Internet: mit eingebettetem YouTube-Trailer!), und neue Bücher, nämlich Hans Magnus Enzensbergers inszenierte historische Recherche "Hammerstein oder der Eigensinn" und Susan Blackmores Interview-Band "Gespräche über Bewusstsein" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 11.01.2008

Auf einer Doppelseite werden Listen zur kulturellen Produktion des Jahres 1968 in allen Sparten präsentiert: ein recht lebendiges Kulturleben damals, besonders natürlich in Film und Popmusik. Auf den übrigen Feuilletonseiten meditiert Ulrich Baron über die Bindung männlich-jugendlichen Gewaltpotenzials in früheren Jahrhunderten (zum Beispiel durch ihre Kanalisierung in Kreuzzügen). Matthias Heine kommentiert bewundernd, dass eine Theaterübertragung im französischen Fernsehen mit Line Renaud Rekordquoten erreichte. Robert Schöpfer stellt eine neue Studie vor, die belegt, wie reibungslos sich die Reichsbahn in die Vernichtungspläne der Nazis einbinden ließ.

Und Ingolf Kern porträtiert den Theaterstar Jens Harzer, der jetzt am Deutschen Theater den Astrow in Tschechows "Onkel Wanja" gibt: "Er spielte fiebrige, sehnsüchtige Figuren. Sanfte Grübler und eifersuchtsrasende Dämonen, gescheite Verlorene und unbekümmerte Lebensverderber. Immer knappe Gesten, immer ein Spiel neben der Geschichte. Wer ihm besonders um den Bart gehen wollte, der packte die Verzückung in die Worte: Hier steht der junge Bruno Ganz."

Auf der Magazinseite unterhält sich Peer Teeuwsen mit Johannes Mario Simmel (leider nicht online). Und die Forumsseite bringt einen Auszug aus einem Buch der russischen Journalisten Waleri Panjuschkin Und Michail Sygar über den Gasprom-Konzern.
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FAZ, 11.01.2008

In der Debatte um junge männliche Straftäter mit Migrationshintergrund freut sich Regina Mönch über die aktuelle Diskussion, denn sie sieht dringenden Handlungsbedarf: "Es gibt in den Vierteln von Berlin-Kreuzberg, Neukölln oder Wedding inzwischen auch eine verunsicherte Bevölkerung, die dem Staat und seiner Durchsetzungsfähigkeit misstraut. Die hinter vorgehaltener Hand einander zuraunen, das nächste Mal setzten sie sich nicht den Folgen einer Zeugenaussage vor Gericht aus - den Einschüchterungsversuchen der Familienclans aus der Nachbarschaft, den unverhohlenen Drohungen der Brüder und Onkel. Das nächste Mal, so kündigen sie trotzig an, setzten sie ihr Wählerkreuzchen bei der richtigen Partei, einer radikalen, und statt zur Polizei gingen sie künftig an den nächsten Imbiss zu den Glatzköpfen, die regelten das vielleicht besser." Zum selben Thema gibt es auch ein Gespräch mit der Politologin Sophie Body-Gendrot über die Probleme der Pariser Banlieue.

Weitere Artikel: Der Germanist Gerhard Lauer fordert, dass Amazon bei seinen Laienrezensionen darüber aufklären sollte, "nach welchen Regeln Buchkritik und ökonomische Interessen miteinander verknüpft sind". Keiner, muss Josef Oehrlein bedauernd feststellen, interessiert sich im brasilianischen Paraty für das dort befindliche verfallende Geburtshaus der Mutter von Thomas Mann. Der emeritierte Theologe Hermann Häring empfiehlt dem naturwissenschaftlichen Atheisten Richard Dawkins, Hans Küng zu lesen. In der Glosse befasst sich Gina Thomas mit dem Winter-Blues der Briten und ihren "Detox"-Ritualen. Den "Schauerschriftsteller" Richard Matheson, dessen "I am Legend" gerade zum dritten Mal verfilmt wurde, porträtiert Dietmar Dath. Lorenz Jäger gratuliert dem nicht gänzlich unumstrittenen revisionistischen "Geschichtsdenker" Ernst Nolte mit warmen Worten zum Fünfundachtzigsten. Auf der Medienseite kommentieren die Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler Rudolf Gerhardt, Thomas Zerback und Hans Mathias Kepplinger eine Befragung von Richtern und Staatsanwälten, die ergab, dass diese sich des Einflusses der Medienberichterstattung über Prozesse und Urteile sehr bewusst sind. Stefan Tomik versucht zu verstehen, "wie Hillary Clinton die Demoskopen ausspielte".

Besprochen werden "Control", der Debütfilm des Fotografen Anton Corbijn, gleich drei Ausstellungen im Washingtoner "Katzen Arts Center" und Bücher, darunter Lorenz Schröters Roman "Das Buch der Liebe" und Richard Sennetts neues Buch "Handwerk" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Netzeitung, 11.01.2008

Der Schriftsteller und Borderliner Joachim Lottmann packt aus. Über seine Zeit als Spiegel-Kulturredakteur, seine sensationellen Erfolge im Internet und manches mehr. In zwei Teilen (Teil eins, Teil zwei) und wie immer bei Lottmann sind Dichtung und Wahrheit nicht verlässlich voneinander zu trennen. Hier etwas über die Spiegel-Nichtberichterstattung über Spiegel-Personalien: "Manche altgediente Redakteure, seit den siebziger Jahren im Haus und die Pensionierung ersehnend, machten nun ihre ersten eigenen Erfahrungen mit so seltsamen Phänomenen wie zum Beispiel der Netzeitung, um den neuesten Stand im Machtkampf ihrer Chefs mitzukriegen. Die Anzahl meiner täglichen Klicks vervielfachte sich. Das war schön. Zum anderen tat mir alles furchtbar leid. Diese Zeitschrift war der letzte Stützpfeiler in meinem Leben, der bis in die frühe Kindheit zurückreichte."
Stichwörter: Internet, Joachim Lottmann

Aus den Blogs, 11.01.2008

Gestern Abend fand in Berlin eine Podiumsdiskussion über Qualität und Journalismus und das Internet statt, das nicht immer nett ist zu den Journalisten. Don Alphonso denkt seitdem nicht besser über die Kollegenschaft aus den großen Medien: "Ich traue denen zu, dass sie sich dazu hinreißen lassen würden, mit den Zensurapparaten gegen die Konkurrenz der Blogs loszugehen, während ein Winterreifenspezial von Firma C. journalistisch aufbereitet wird."

Der DJV - Veranstalter der Diskussion - hat ein Video der Debatte ins Netz gestellt.

TAZ, 11.01.2008

Sehr freut sich Dirk Knipphals über den überraschenden Erfolg des taz-Autors Detlef Kuhlbrodt, der mit "Morgens leicht, später laut" einen Überraschungserfolg bei Publikum und Kritik gelandet hat. Einen Erfolg, den man eher groß- als kleinreden sollte, findet Knipphals: "Den Anspruch, den dieses Buch stellt, schöpft man nur ganz aus, wenn man es geradezu groß macht und hochhält. Hier hat jemand eine Form für seine Wahrnehmungen und Erfahrungen gefunden. Die strikte Trennung von Literatur und Journalismus lehnt er dabei ebenso ab wie die Anforderungen des Betriebs nach repräsentativen erzählerischen Umgebungen. That's it."

Weitere Artikel: Christian Werthschulte konstatiert: "Das neue Spielfeld für Indiekids ist Musik aus Afrika." Besprochen wird die Dubtechno-CD "Deepchord presents Echospace: The Coldest Season".

In der zweiten taz beklagt der Brite Sam Wild den in Großbritannien grassierenden Sicherheitswahn: "Browns neue 'Nationale Sicherheitsstrategie' beinhaltet, einen Stab von bis zu 160 spezialisierten Designern einzusetzen, die die Bauwirtschaft darüber beraten soll, wie man aus Bahnhöfen, Kinos, Bibliotheken und sogar Andachtsorten 'bombensichere' Gebäude macht." Jan Feddersen kommentiert die Grand-Prix-Vorauswahl.

Und Tom.

Tagesspiegel, 11.01.2008

Welche Hautfarbe hat gute Rockmusik? Kai Müller greift die Debatte um die Rockmusik, deren Krise Sasha Frere-Jones im Oktober im New Yorker ausgerufen hatte: "Die fortschrittlichste Rockmusik, die es heute gibt, habe ein 'racial re-sorting' durchlaufen, ihre schwarzen Wurzeln gekappt und damit ihre Seele verloren. 'Warum', fährt er fort, 'haben sich so viele weiße Rockbands von der exstatisch-singenden Gitarre abgewandt, die die Stimme eines Bluessängers imitierte, wo ist der erdenschwere Downbeat des Reggae abgeblieben und wo die elaborierte Zurschaustellung, die schwarze Musik ein halbes Jahrhundert lang zum Vorbild machte?'... Schwarzweiß ist längst einer Regenbogen-Koalition gewichen. Im neuen Migrationsgefüge verliert die afro-amerikanische Erfahrung der Entwurzelung ihre Dominanz. Damit geht das Gespür für Grenzen und das Risiko verloren, das es bedeutet, sie zu übertreten. Viele Rockbands vermitteln nicht mehr - so anregend ihre Musik im Einzelfall sein mag - das Gefühl, etwas oder gar sich selbst aufs Spiel zu setzen."

Weitere Medien, 11.01.2008

Der Freitag bringt ein Tagebuch der in Nairobi lebenden Autorin Anja Bengelstorff über die Tage nach den Wahlen in Kenia. Aus dem Eintrag von Silvester: "Schon 120 Tote, mindestens 38 in Nairobi, aber weit weg von meinem Stadtteil. Vor dem kleinen Supermarkt in der Nähe eine Schlange. Das gab es noch nie. Die Leute sind in Panik. Es gibt weder Milch noch Eier. Außerdem kann ich kein Geld auf mein Handy laden, das ist fast noch schlimmer. Ich kaufe die letzten Kartoffeln."
Stichwörter: Der Freitag, Geld, Wahlen, Kenia

SZ, 11.01.2008

Der chinesische Künstler Ai Wei Wei hält nicht viel von Olympia als Feier der Nation - obwohl er selbst am Entwurf des chinesischen Olympiastadiums von Herzog und de Meuron mitgearbeitet hat. "Bei uns gibt es keine Demokratie, keine Gerechtigkeit und Gleichheit, nur Täuschung und Verrat. Und 'ein Traum' - welcher Traum? Noch mehr korrupte Behörden, unsaubere Geschäfte, endlose Lügen und zweifelhafter Wohlstand", schreibt er in seinem Blog, das die SZ übersetzt hat.

Weitere Artikel: Gar kein Problem mit China haben dagegen westliche Musikbands, erzählt Caroline von Lotzow im Aufmacher. Eine Tour durch China sei nämlich zur Zeit die einzige Möglichkeit für mittelbekannte Bands, Geld zu verdienen. Bernd Graff greift Internetrecherchen über die Geschäftsbedingungen bei StudiVZ auf, das die Daten seiner User zur zielgruppengerechten Werbung nutzen will (hier ein Interview aus dem Blog turi2 mit Xing-Gründer Lars Hinrichs zum selben Thema: "Die Kritik war berechtigt.") . Nur für Investoren, nicht für den Kiez gebaut wurde nach Ansicht von Gert Kähler die "Hamburger Hafenkrone", ein Quartier auf dem Gelände der St.-Pauli-Brauerei. Alexander Kissler war bei einer Münchner Gedankveranstaltung für den Historiker Hans Lamm. Alexander Menden hat sich in der Londoner National Gallery die Entwürfe für die Neugestaltung des vierten Denkmalsockels am Trafalgar Square angesehen. Auf einer Seite wird ein vergleichender Blick auf den Umgang mit Jugendgewalt in den USA, Schweden, Frankreich, Großbritannien und der Schweiz geworfen.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).