Heute in den Feuilletons

Sonderfall des Irrealen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2008. In der SZ spricht Tony Judt über die Banalisierung des Bösen. Die FR feiert die Sängerin Elza van den Heever. Die Welt plädiert für eine Pflichtabgabe beim deutschen Film. Die FAZ porträtiert den rumänischen Autor Mircea Cartarescu, für den die Realität selbst nur ein Sonderfall des Irrealen ist.

NZZ, 07.01.2008

Wiederholt sich die Geschichte in Russland? Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Olga Martynova bestreitet das rundweg. "Alles ist durcheinander, als ließe ein wahnsinniger Karussellmeister ein gigantisches Karussell geschwind drehen." Auch die großen Oppositionellen von früher - Solschenizyn, Limonow, Kasparow - haben sich verändert. Oder doch nicht? Vielleicht hat man früher nur nicht so genau hingeguckt. "Bei Kasparow wurde die Parteikarriere (ja, Sie werden lachen, auch er war Mitglied des ZK des Komsomol) gerne übersehen. Er war ja so nett! Und schien ein Außenseiter zu sein! Und hat gewonnen, für uns alle! - Oder doch für das ZK des Komsomol?" Und heute marschiere Kasparow mit dem nationalbolschewistischen Limonow, sie "organisieren kooperierend 'Märsche der Nichteinverstandenen', geben gemeinsam Interviews und lassen sich zusammen fotografieren".

Im koreanischen Jeonju wurde das erste asiatisch-afrikanische Literaturfestival veranstaltet, berichtet Fakhri Saleh, Kulturredakteur der jordanischen Zeitung Al-Dustur. "Die Teilnehmer strichen die Bedeutung einer 'direkten Zusammenarbeit zwischen asiatischen und afrikanischen Schriftstellern ohne westliche Mediation und Intervention' hervor. Dieser Aufruf, die eigenen Literaturen mit einem nicht von westlichen Wertvorstellungen geprägten Blick zu betrachten, war das Resultat intensiver und durchaus nicht immer einvernehmlicher Debatten über asiatische und afrikanische Identitäten, über die Beziehung zum Westen, die Geschichte des Imperialismus und die Möglichkeiten, 'über den Eurozentrismus hinauszudenken', wie es das Motto des Festivals forderte."

Bei dem Festival war ausgerechnet Englisch, "das Idiom der einstigen Kolonialherren", die Hauptverkehrssprache. Makarand Paranjape, Professorin für englische Literatur in Delhi, findet das in Ordnung. Für sie ist "eine strategische Nutzung westlicher Mittel - auf sprachlicher wie auf technischer Ebene - durchaus sinnvoll: Denn paradoxerweise sind wir sogar dort, wo wir der westlichen Dominanz Paroli bieten wollen, auf jene Elemente der westlichen Kultur angewiesen, die uns zu diesem Zweck nützen können. Kurz gesagt, wir müssen uns des Westens bedienen, um den Westen zu überwinden."

Weiteres: Peter Urban-Halle schickt einen sehr informativen Brief über die Literaturszene in Kopenhagen. Besprochen werden eine Gursky-Ausstellung im Kunstmuseum Basel und eine Ausstellung zum Militärarchitekten Vauban in Paris.

Tagesspiegel, 07.01.2008

Joachim Hentschel schickt für die Seite 3 eine schöne Reportage von den Dreharbeiten zu Anton Corbijns Film über die Rockband Joy Division. "Der Regisseur muss bei seinem ersten Film - 'Control' heißt er, am Donnerstag kommt er in die Kinos, nur drei Millionen Pfund sollen Corbijn dafür zur Verfügung gestanden haben - alles können. Als die Kinder nicht so kicken, wie er will, greift er kurz als Fußballtrainer ein. Der Hauptdarsteller wartet derweil am Kopf des Fußwegs: Sam Riley, heute 27, mit Schlaghose und einer roten Windjacke, die später im schwarz-weißen Film ganz besonders grau aussehen wird. Kommando, noch mal laufen, starren, Fußball, 'Ian, du Arschloch!' Und im selben Moment wird, ganz weit oben im Wohnblock gegenüber, ein Fenster aufgerissen und eine Stereoanlage aufgedreht: Es ist 'Warsaw' von Joy Division. Die Crew-Mitglieder starren mit hell erleuchteten Gesichtern hoch in den Regenhimmel, als sei das, was sie da hören, ein Zeichen."

FR, 07.01.2008

Hermann Simon, Leiter des Centrum Judaicum in Berlin, spricht über das jüdische Leben in der DDR und die Arbeit des Zentrums heute. "Wo bleibt die Bahn? Wir brauchen einen Generalstreik. Sofort", ruft Christian Schlüter in times mager angesichts der Härtere-Strafen-für-harte-Jungs-Hysterie. Arno Widmann bewundert bei einem "Oper extra" in Frankfurt eine neue Sängerin: "Elza van den Heever heißt die junge Frau mit mächtigen Armen und einer gewaltigen Stimme. Viel zu viel für das Holzfoyer der Frankfurter Oper. Wenn sie durchgesungen hätte, wäre der Saal geplatzt wie Oskar Matzeraths Glühbirnen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Jeroen de Rijke und Willem de Rooij im K21 in Düsseldorf, Peter Handkes Roman "Die morawische Nacht" sowie Lothar Müllers Buch über "Die zweite Stimme" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 07.01.2008

Wiebke Porombka hat sich mit den ehemaligen Kleinverlegern Tom Kraushaar (Tropen) und Wolfgang Farkas (Blumenbar) unterhalten, die jetzt neue Wege gehen. Tropen wird zum Imprint, Kraushaar zum Programmleiter bei Klett-Cotta, Blumenbar hat einen Finanzinvestor gefunden. Kraushaar will nichts davon wissen, dass die Verlage und die Verleger so gerade das verlieren, was sie ausmachte: ihr sehr spezielles Profil. "Sehen Sie einfach mal die andere Seite. Zunächst ist es eine große Bereicherung, dass man sich jetzt auch mit Autoren wie Jünger oder Benn auseinandersetzen kann, die zum Klett-Cotta-Programm gehören. Dazu kommt die Unterstützung durch die Kollegen in der Presse- und Marketingabteilung, mit der man einen Titel groß machen kann. Das ist doch genau das, was man als Verleger will. Da geht es nicht um so etwas Abstraktes wie ein Unternehmen oder darum, ob das jetzt ein großer Verlag oder ein Kleinverlag ist."

Weitere Artikel: Kirsten Riesselmann kommentiert das Ende des Deutschrap-Labels "Royal Bunker". Besprochen werden Uli Gaulkes Filmvorführer-Dokumentation "Comrades in Dreams" und Bücher, darunter Dan Simmons' Roman "Terror" (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der zweiten taz erklärt der Sozialpädagoge Lars-Oliver Lück im Interview die aktuelle Jugendstraftäter-Debatte für populistisch, das Problem aber für sehr real. Über Burka-ähnliche Teenagermode in Großbritannien schüttelt Ralf Sotscheck den Kopf. Auf der Medienseite staunt Michael Aust über die RTL-2-Qualitätsoffensive zur neuen "Big Brother"-Staffel: "Wird 'Big Brother' also zum Coaching-Format, in dem Akademiker im Sabbatical abendelang über Derrida diskutieren - und zwischendurch über den Putzplan?"

Und Tom.

Welt, 07.01.2008

Hanns-Georg Rodek plädiert für die Abgabe eines Pflichtexemplars von jedem deutschen Film bei einer zentralen Sammelstelle, so wie bei Büchern in der Deutschen Bibliothek. Sein Argument ist bestechend: eine Menge Filme sind bereits auf ewig verloren: "Es gibt eine Statistik des Bundesarchivs, wie viel von der deutschen Spielfilmproduktion in den sieben großen deutschen Archiven überliefert ist. Beim Stummfilm sieht es ziemlich traurig aus (rund ein Viertel), springt mit der Einführung des Tons 1930 auf 60 Prozent und bei den gründlichen Nazis auf nahezu 100; auch die DDR hat fast alles aufgehoben. In der privatwirtschaftlich-chaotischen Bundesrepublik jedoch sank der Prozentsatz kontinuierlich, von rund 90 (in den Fünfziger/Sechzigern) auf zuletzt 47 Prozent - das war der Wert für 1995."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann malt sich in der Leitglosse eine Golden-Globes-Verleihung ohne Stars aus und möchte lieber darauf verzichten. Nach einem spektakulären Urteil in den USA annonciert Uta Baier weitere Rückgaben von Raubkunst. Der Kunsthistoriker Klaus Honnef betrachtet die Kirchenfenster von Markus Lüpertz und Gerhard Richter in Köln und findet, dass Richters radikaler Ansatz dem gotischen Geist des Genres näher komme. Alexander Kluy macht sich aus Anlass des von der Unesco ausgerufenen "Jahrs des Planeten Erde" Gedanken über die Geschichte der Geowissenschaften. Nikolaus Nowak berichtet über einen Streit um eine Ausstellung im Guggenheim-Museum von Bilbao, in der sich Künstler nach Auffassung von Kritikern ein wenig allzu ETA-freundlich mit ihrer Heimat befassen.

Besprochen werden eine Dramatisierung von Storms "Schimmelreiter" am Hamburger Thalia-Theater, die Ausstellung "Schlangen und Drachen - Kunst und Natur" in Braunschweig und eine CD-Box mit Miles-Davis-Aufnahmen aus seiner Jazzrockzeit.

SZ, 07.01.2008

Abgedruckt wird die Rede des Historikers Tony Judt, in der er bei der Entgegennahme des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken die berühmte "Banalität des Bösen" sehr zweideutig auffasste: "Da ist die berühmte Banalität, von der Hannah Arendt gesprochen hat - das alltägliche Böse in uns Menschen wie etwa die beunruhigende, gewöhnliche Bösartigkeit unter Nachbarn. Doch daneben gibt es noch eine andere Banalität: die des Überstrapazierens - die verflachende, desensibilisierende Wirkung, die eintritt, wenn wir das selbe immer wieder sehen, sagen oder denken, bis unsere Zuhörer wie betäubt davon sind und immun gegenüber allem, was wir ihnen über das Böse mitteilen wollen. Genau darin liegt das Banale - oder die Banalisierung - von der wir heute betroffen sind."

Weiteres: Der Historiker Moritz Föllmer entlarvt sehr kulturkritisch den auch im amerikanischen Wahlkampf gebrauchten Begriff des "characters" als echt John-Wayne-mäßig und "Einfallstor des religiösen Konservatismus". Anlässlich der Nachricht, dass sich Hollywoods Schauspieler dem Streik der Drehbuchautoren angeschlossen haben, schildert Fritz Göttler Hollywoods Tradition als Gewerkschaftsstadt. Tobias Moorstedt meldet, dass Opas fleischfarbenes Hörgerät ausgedient hat - User tragen jetzt Audeo-Gadgets. Adrienne Braun freut sich, dass das Theaterhaus Stuttgart nun eine Kompanie für zeitgenössischen Tanz bekommt. Paul-Philipp Hanske feiert das Comeback der einst von Giorgio Moroder eingeführten Italo Disco.

Besprochen werden die neue Produktion "Breaking News" von Rimini Protokoll im Berliner Hebbel am Ufer, eine Ausstellung zu Eichendorff im Frankfurter Goethe-Museum, und Bücher, darunter Rolf Neuhaus' Kulturgeschichte des Stierkampfs, die "Nachrichten aus Berlin" des polnischen Grafen Sobanski und Politische Bücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 07.01.2008

Wolfgang Schneider porträtiert den rumänischen Autor Mircea Cartarescu, von dessen Trilogie mit dem Titel "Orbitor" soeben der erste Band "Die Wissenden" in deutscher Übersetzung erschienen ist: "Cartarescu ist beim Schreiben manchmal selbst verwundert darüber, wie die sehr konkreten Beschreibungen, mit denen viele Kapitel beginnen, regelmäßig ins Surreale kippen. Aber schließlich sei die Realität selbst nur ein Sonderfall des Irrealen. An einer Stelle des Romans ist von 'orkanartigen Albträumen' die Rede. Machen dem Autor die Monster und Dämonen, die seinem Kopf entspringen, nicht manchmal Angst? Wenn Menschen sich wie eine 'Prozession' von Milben' in einer Pracht-Architektur von titanischen Ausmaßen verlieren? Cartarescu bekennt, dass solche Albträume für ihn zeitweise höchst real waren. Mit Anfang Zwanzig war er so verstört davon, dass er zum Arzt ging. Das EEG ergab einen epileptischen Herd, der zwar nie einen Krampfanfall bewirkte, dafür aber diese irrwitzigen Träume."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus erzählt die Geschichte des Journalisten Ulf G. Stuberger, der nach Namibia floh, als er auf einer Todesliste der RAF auftauchte, und stellt sie in den Kontext der aktuellen Beugehaft-Diskussion. In der Glosse kommentiert "jau" die jüngsten, allerdings nur zu vertrauten Argumente in der Jugendstraftäterdebatte. Ingeborg Harms stößt beim Blick in die neueste Ausgabe des Merkurs doch etwas erstaunt auf "lustvollen Sexismus" (Rainer Paris' Artikel zu feministischer "Bescheuertheit" ist auch online nachzulesen). Knapp setzt sich Mark Siemons mit dem chinesischen Verbot für den Film "Lost in Beijing" (unsere Kritik) auseinander. Michael Hakenmüller lobt die Restaurierung der Villa Eugenia in Hechingen. Mit der Welt der Pressereferenten im Theater macht uns Irene Bazinger bekannt. Katharina Eulenburg verabschiedet die Galerie Brusberg am Kurfüstendamm. Der Musikkonzern EMI will jetzt ausgerechnet die Marketing-Ausgaben radikal zusammenstreichen - Richard Kämmerlings weiß nicht, wozu dann die Musikindustrie überhaupt noch gut sein soll.

Besprochen werden die Ausstellung "Mode: Bilder" mit Fotografien aus der Sammlung F.C. Gundlach in Düsseldorf, eine Pariser Ausstellung, die sich mit Helden von Achill bis Zidane befasst, ein Konzert mit Musikern aus der zweiten Reihe des "Buena Vista Social Club" in Frankfurt und Bücher, darunter Christine Pitzkes Roman "Nächste Nähe, weit entfernt" und Marc Thörners "Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror" mit dem Titel "Der falsche Bart" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).