Heute in den Feuilletons

Unterhaltungsschock!

Wochentags ab 9 Uhr, am Sonnabend ab 10 Uhr
04.12.2007. Die SZ stellt klar: Kunstkritiker sind keine Grenzschützer. Die FR sucht in den Texten deutscher Rapper mit Migrationshintergrund vergeblich nach Verständigungsbotschaften. Die taz staunt: In Großbritannien gibt's Historiker, die erzählen können. Im Tagesspiegel spricht der rumänische Regisseur Cristian Mungiu über einen großen Schock nach 1989: den Unterhaltungsschock. Und im Titel-Magazin wirft Wolfram Schütte einen bewundernden Blick auf Frank Schirrmacher, der als einziger deutscher Journalist einen Walkürenritt auf einem Bambi hinlegen kann.

FR, 04.12.2007

Harry Nutt weist auf die provokanteren Seiten einiger deutsch-muslimischer Rapper nach den verbalen Ausfällen des Rappers Muhabbet hin, die nach Kräften Unterlegenheitsgefühle verbreiten. Ammar 114 ist so ein Beispiel. "Mit gefälligen Rap-Rhythmen werden Opfergeschichten (re)konstruiert: 'Diese Geschichte ist traurig aber leider wahr. Europa der Tatort, 2001 das Jahr. Es stellte sich heraus, alles falscher Verdacht. Mit Gottes Hilfe und viel Kraft, hat ers raus geschafft. Hat es nach Hause geschafft. Und all das geschah, im Namen der Demokratie.' Und im Refrain heißt es: 'Weltweit suchen sie Streit. Verbreiten Hass und Ungerechtigkeit. Zerstören und Töten, sind zu allem bereit. Denn sie machen das im Namen der Demokratie.' Das klingt nicht nach Sozialkundekurs, und eine Verständigungsbotschaft ist auch nicht enthalten."

Weiteres: Tilmann P. Gangloff beschreibt, wie die Düsseldorfer Landesanstalt für Medien den Zugang zu Sexprogrammen im Kabel und per Satellit erschweren will. Elke Buhr besucht für die Times mager die Protestveranstaltung gegen die Schließung der Tucholsky-Bücherei im Berliner Prenzlauer Berg.

Besprochen werden ein neuer "Ring" an der Wiener Staatsoper mit einer wenigstens musikalisch ansprechenden "Walküre", dirigiert von Franz Welser-Möst, ein Konzert von Bruce Springsteen in Mannheim, eine Box mit zehn CDs mit Aufnahmen von Herbert von Karajan, dessen 100. Geburtstag im nächsten Jahr ansteht und eine Neuausgabe von Edward Bernays' Klassiker "Propaganda - Die Kunst der Public Relations".

TAZ, 04.12.2007

Stefan Reinecke und Christian Semler erfahren von Stalin-Biograf Simon Sebag Montefiore, mit welcher Einstellung britische Historiker regelmäßig so lesenswerte Bücher schreiben. "Über Stalin, den Theoretiker, wurde schon sehr viel veröffentlicht, ich hätte dem wenig hinzuzufügen gehabt. Ich habe für 'Der junge Stalin' sehr detaillierte und umfangreiche Quellenstudien betrieben, möchte aber, dass mein Buch nicht nur von Spezialisten gelesen wird. Ein gelehrtes, aber langweiliges Buch kann schließlich jeder schreiben. Was ich hier sage, ist vulgär, aber ich schäme mich nicht dafür."

Isolde Charim erklärt in ihrer vorweihnachtlichen Theoriekolumne, wie und warum Erwachsene den Balanceakt vollbringen, nicht an das Christkind zu glauben, aber jedes Jahr wieder Weihnachten zu inszenieren: "Freuds Fetischist löst dieses Dilemma durch seinen Fetisch, der es ihm ermöglicht, den Glauben an den weiblichen Phallus gegen das 'Dementi der Realität' aufrechtzuerhalten."

Weiteres: Katrin Bettina Müller trifft in der von allen Seiten kritisierten Schaubühne auf eine eher empörte als erschütterte Chefdramaturgin Gabriele Gysi. Rolf Lautenschläger hat zugehört, wie der Architekt Deyan Sudjic bei den "Berliner Lektionen" im Renaissance-Theater seine Kollegen als "geldgierige Huren" umschrieb, die für jeden bauen.

Eine Besprechung widmet sich Sonja Heiss'"umwerfend komischem" Film "Hotel Very Welcome".

Und Tom.
Stichwörter: Isolde Charim, Stalin

Tagesspiegel, 04.12.2007

Im Interview mit Annett Müller spricht der rumänische Regisseur Cristian Mungiu über seinen Erfolg mit dem Film "4 Monate, 3 Wochen 2 Tage" und die Filmlandschaft Rumäniens, in dem es gerade mal 35 Kinos gibt. "Vor 1989 ging man in Rumänien ins Kino, weil es keine andere Unterhaltungsangebote gab. Der staatliche Fernsehkanal strahlte täglich eine zweistündige Propagandasendung aus, warum sollte man sich die ansehen? Heute bekommt man für den Preis einer Kinokarte -zig Sender per Kabel ins Haus. Wir haben nach der Wende förmlich einen Unterhaltungsschock erlitten. Und je mehr Unterhaltungsoptionen es gibt, desto weniger Publikum bleibt fürs Kino. Also verfielen die Säle, die Zuschauer blieben aus, ebenso der von den Produzenten erwartete Profit. Die Politik hat übrigens auf diesen Verfall hingearbeitet, denn die Kinos sind die letzten öffentlichen Räume in den Innenstädten, die noch nicht verkauft sind. Nun wartet man auf Immobilienhaie, um sie als profitable Bürogebäude auszubauen, anstatt sie wieder als Kinos zu beleben - denn diese Variante ist natürlich viel unrentabler."
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NZZ, 04.12.2007

Für Martin Krumbholz bleibt nach dem Festival Impulse offen, ob das Gegentheater einen "subversiven Homunculus" gebiert oder doch eher "bizarre Sumpfblüten, schillernde Biotope, die da im ästhetischen 'Off' gedeihen und gepflegt sein möchten". Für musikalisch vielversprechend, szenisch hingegen weniger gelungen hält Peter Hagmann die von einem Stimmverlust des Wotan leicht gebeutelte Aufführung der "Walküre" von Wagner an der Wiener Staatsoper unter Regie von Sven-Eric Bechtolf. Wenig abgewinnen kann Marianne Zelger-Vogt Giancarlo del Monacos Neuinszenierung von Verdis "Il Trovatore" im Zürcher Opernhaus.

Schwer beeindruckt ist Arnold Hottinger von Sumaya Farhat Nasers palästinensischem Tagebuch "Disteln im Weinberg". Besprochen werden außerdem Andrea Köhlers Reflexionen über die Kunst des Wartens "Lange Weile" und Halid Ziya Usakligils Roman "Verbotene Lieben" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 04.12.2007

Die "Machete-Literatur", die eine Schneise durch den wuchernden Kunstbetrieb schlagen will, ist selbst so zahlreich geworden, dass sich Holger Liebs berufen fühlt, für Überblick zu sorgen. Er registriert eine Schieflage. "Die Kunstpublizisten von heute glauben jedoch, die Kunst von heute müsse nicht mehr verteidigt werden. Also schlagen sie sich auf die Seite des Publikums - und sehen sich gezwungen, die Kunst zu maßregeln, zu bändigen, sie einzugrenzen und ihr Vorschriften zu machen. Doch ist diese Kunst weit darüber hinaus, sich eingrenzen zu lassen. Künstler spielen heute auf vielen Feldern der visuellen Kultur mit, agieren als Bildhauer und Installationskünstler, gründen Rockbands, veranstalten Performances - und gerade das regt die Grenzschützer auf."

Weitere Artikel: Einerseits lassen die Briten so viele Kameras in ihrem Land installieren wie sonst niemand, wundert sich Alexander Menden, andererseits wehren sie sich aus Datenschutzgründen vehement gegen einen simplen Personalausweis. Adrienne Braun zählt die Baustellen auf, an denen der Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie Sean Rainbird gerade gleichzeitig werkeln muss, darunter die Überführung in einen Landesbetrieb, eine Sanierung und die Korrektur des McKinsey-Konzepts von 1988. Sehr sympathisch findet Susan Vahabzadeh Martin Scorseses zehnminütige sektinspirierte Hitchcock-Hommage im Internet. Michael Ott informiert sich bei einer Konstanzer Tagung über Bürgerkriege und ihre Bewältigung. Johan Schloemann warnt vor einem rein wirtschaftlichen Verständnis der Bildung, wie es derzeit in der Pisa-Diskussion immer wieder ausgedrückt wird.

Besprochen werden der Beginn eines neuen "Rings" mit einer "einfallslos schwachen" Regie von Sven-Eric Bechtolf an der Wiener Staatsoper, Frank Castorfs Inszenierung von "Emil und die Detektive" an der Berliner Volksbühne ("Castorfs Theater ist vollends im Leerlauf angekommen", seufzt Peter Laudenbach.), Richard A. Evans' Film "Mr. Brooks" und Bücher wie Jürgen Neckams Schnell-Literaturlexikon "500 Romane in einem Satz" und dem von Marco Schöller herausgegebenen "Buch der Vierzig Hadithe", mit dem der Verlag der Weltreligionen von Suhrkamp in den Islam aufbricht (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Titel-Magazin, 04.12.2007

Wolfram Schütte schreibt über die denkwürdige Würdigung des hochcouragierten Tom Cruise durch Frank Schirrmacher und über seine Wette, dass uns Cruise' Film länger beschäftigen werde als eine Saison lang: "Die Wette hat er schon jetzt gewonnen, da ihn ein Film beschäftigt, den es noch gar nicht gibt; und wenn er erst einmal da ist, wird Schirrmacher schon dafür sorgen, dass er uns laufend beschäftigt (wie er das mit 'Dem Untergang' schon vorexerziert hat.)"

Welt, 04.12.2007

Im Interview mit Paul Flückiger nimmt der neue polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski auch zur Frage des umstrittenen Zentrums gegen Vertreibungen Stellung: "Der Ort, falls es so ein Zentrum wirklich braucht, ist zweitrangig. Ich war aber immer dafür, dass polnische und deutsche Historiker dieses Zentrum zusammen errichten - und nicht nur die Historiker der einen Seite. Nun aber bauen weder polnische noch deutsche Historiker dieses Zentrum, sondern nur deutsche Politiker. Das ist schade."

Matthias Heine beginnt seine Kritik der Frank-Castorf-Inszenierungen "Emil und die Detektive" und "Berlin Alexanderplatz" so: "Am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz ist eine der merkwürdigsten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu besichtigen: Die Ruine eines Genies. Manchmal scheint zwischen den Trümmern irgendwo noch ein Licht zu glimmen, dann hofft man, es wäre vielleicht ein Rest der früheren Glut. Aber es ist nur ein Irrlicht aus Faulgasen oder eine blinkende alte Neonreklame aus einem ausrangierten Bühnenbild. Das ehemalige Genie heißt Frank Castorf."

Weitere Artikel: Michael Pilz stellt eine in Deutschland entwickelte E-Gitarre vor, die sich selber stimmt. Peter Dittmar kommentiert das Personalkarussell an der Kölner Oper.

Besprochen werden Martin Cruz Smith' neuer Russland-Thriller "Stalins Geist", die "Walküre" in Wien mit dem Ausfall des Wotans Juha Uusitalo, eine Ausstellung über den Politiker, Journalisten und Verleger Karl Anders in Frankfurt und Eugen d'Alberts "Tiefland" an der Deutschen Oper Berlin.

FAZ, 04.12.2007

Jordan Mejias liest in amerikanischen Zeitschriften von einer sehr düsteren Zukunft für das von Irakkriegskosten geschüttelte Land. Vom friedlichen Aufstand der Intellektuellen im indischen Westbengalen berichtet Martin Kämpchen. Ausgelöst wurde er durch brachiales Verhalten der kapitalistisch gewendeten Kommunisten, die in dem Staat an der Regierung sind. Von Karlsruher Streit um neue "Event-Architektur" berichtet Andreas Rossmann. Hannes Hintermeier porträtiert den neuen Münchner Kulturreferenten Hans-Jürgen Küppers, der seit Juli im Amt ist und vorsichtig begonnen hat, Dinge anzupacken, die seine Vorgängerin nicht angepackt hatte. Max Nyffeler hat, ebenfalls in München, einer öffentlichen Diskussion um die Aufführbarkeit der Musik des Antisemiten Hans Pfitzner beigewohnt, bei der herauskam: "Weghören geht nicht mehr." In der Glosse erzählt Michael Althen, wie er im Geiste schon mal seine Lotto-Millionen verteilt hat. Andreas Eckert erinnert zu seinem dreißigsten Todestag an den brutalen zentralfrikanischen Diktator Jean-Bedel Bokassa. Eduard Beaucamp feiert den FAZ-Zeichner Ivan Steiger, dessen Werk jetzt in einem umfangreichen Band gesammelt erscheint.

Auf der Medienseite stellt Nils Minkmar beinahe euphorisiert das von Ex-Tempo-Macher Markus Peichl herausgegebene neue Kulturmagazin Liebling vor, das ab März 2008 monatlich erscheinen soll - und ihn erfreulicherweise mehr an den Merkur als an Monopol erinnert. Kerstin Holm berichtet von Einschüchterungen im Vorfeld der russischen Wahlen.

Besprochen werden Sven-Eric Bechtolfs Wiener Inszenierung der "Walküre", Frank Castorfs Berliner Version von Erich Kästners "Emil und die Detektive" (Irene Bazinger erkennt auf "reinen Zynismus mit Kindern als liebreizenden Schutzschildern"), Pierre Boulez' nun auf CD erhältliche, mit der Berliner Staatskapelle eingespielte Version von Gustav Mahlers "Symphonie der Tausend", die Ausstellung "Vom Funken zum Pixel" im Berliner Martin-Gropius-Bau, ein Bruce-Springsteen-Konzert in Mannheim, und ein Buch, nämlich Robert Grays Lyrikband "Schwindendes Licht" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).