Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2007. In der NZZ wendet sich der Medienforscher Lutz Hachmeister gegen einen neobourgeoisen "Neo-Journalismus" um Frank Schirrmacher und Co., dem es nur noch um travail, famille, patrie gehe. Die FAZ bringt eine Stefan-George-Biografie als Feuilletonroman, der die unterschiedlichsten Charaktere in einen elektrischen Kreislauf zwingt. Die Welt enthüllt: die Kapitolinische Wölfin ist jünger als der Braunschweiger Löwe. Die SZ bringt ein Porträt des russischen Nationalbolschewiken Eduard Limonov. Die taz entlarvt die vermeintlichen Tabubrüche deutscher Gangsta-Rapper als Reproduktion reaktionärer Bilder über das vermeintliche Migranten-Ghetto.

NZZ, 03.08.2007

Journalismus als ein Instrument, die Wirklichkeit zu beschreiben und die Wahrheit herauszufinden, ist in Deutschland nie recht angekommen, meint der Medienhistoriker Lutz Hachmeister in einem Essay auf der Medienseite der NZZ. Er nennt Friedrich Sieburg als einen Urvater der deutschen Journalismusverweigerung und kommt dann auf einen neobourgeoisen "Neo-Journalismus" um Figuren wie Frank Schirrmacher zu sprechen, der ihm nicht behagt: "Die wesentliche Formel dieses Neo-Journalismus ist jener Wahlspruch, den Marschall Petain für das kollaborierende Frankreich der 1940er Jahre gefunden hatte: travail, famille, patrie - Arbeit, Familie, Vaterland, angereichert heute noch um Gottesfürchtigkeit und Papstbegeisterung. Diese Entwicklung hat mit dem Abgang einer ganzen Generation von prägenden Nachkriegspublizisten und Herausgebern zu tun, mit Posen der Abgrenzung jüngerer Wortführer von allem, was sich politisch und pädagogisch mit 1968 verbinden lässt, mit dem Gefühl von latent bedrohtem deutschem Wohlstand in der Globalisierung, vor allem mit einem politischen Vakuum - es fehlt ein modernes linksliberales Projekt in der handelnden Politik, das auch für den Journalismus sinnstiftend sein könnte."

Nach den Bombenattentaten in Casablanca vor einigen Monaten resümiert Beat Stauffer im Feuilleton marokkanische Diskussionen und unterhält sich unter anderem mit dem an der Universität Mohamedia lehrenden Politikwissenschafter Mohamed Darif. Der Befund: "Zum einen irritiert der Umstand, dass die Attentäter nicht aus einem Armenviertel, sondern vielmehr aus der Mittelschicht stammten und zuvor ein absolut unauffälliges Leben geführt hatten. Zum andern weist einiges darauf hin, dass sich im Land noch weitere Zellen befinden, die Selbstmordanschläge planen könnten."

Weitere Artikel: Gabriele Detterer erzählt von Skandalen und Verboten um eine Ausstellung über "Arte e Omosessualita" in Mailand. Roman Hollenstein resümiert städtebauliche Diskussionen in Locarno, das sich "der hässlichen Seiten seines Stadtbilds bewusst" werde. Besprochen werden die Gruppenschau "Mythos" in Bregenz, und CDs und DVDs mit klassischer Musik, darunter eine DVD-Reihe des Dirigenten Michael Tilson Thomas und zwei Musiktheaterstücke von Beat Furrer.

Welt, 03.08.2007

Uta Baier berichtet, dass nach jüngsten Erkenntnissen die legendäre Bronzestatue der Kapitolinischen Wölfin nicht in der Antike, sondern erst im Mittelalter geschaffen wurde: Restauratoren gehen davon aus, "dass das Bronzetier irgendwann zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert entstanden sein muss - und damit wahrscheinlich sogar jünger ist als der Braunschweiger Löwe, dessen Entstehung auf 1166 datiert wird. Sie könnte dann auch keinesfalls das Werk des legendären etruskischen Bildhauers und Baumeisters Vulca sein, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte." Klarheit wird eine C14-Untersuchung bringen.

Weiteres: Kai Luehrs-Kaiser hat sich in Bayreuth noch einmal Tankred Dorsts "Ring des Nibelungen" angesehen und hält ihn einfach für "nicht zu retten". Eckhard Fuhr nimmt positiv auf, dass die Museen von Berlin, München und Dresden nun an einem Strang ziehen wollen. Klaus Honnef erinnert daran, dass die Brüder Lumiere vor hundert Jahren die Farbfotografie entwickelten. Und Uwe Schmitt meldet, dass die Ausstellung im Washingtoner Holocaust-Museum überarbeitet wurde und nun auch auf Aktionen hinweist, bei denen mit amerikanischer Hilfe europäische Juden gerettet wurden. Und Alexander Soyez stellt den neuen Schauspielstar Shia LaBeouf vor, der von Vanity Fair bereits als neuer Tom Hanks gehypt wird. Und Norbert Zonker gibt einen Überblick darüber, wie Theologen das Jesus-Buch des Papstes aufgenommen haben.

Besprochen werden die Ausstellung "Neu Bau Land" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt und eine Schau der Künstlerin Josephine Meckseper im Kunstmuseum Stuttgart.

TAZ, 03.08.2007

Die deutsche Gangsta-Rap Szene wird von Einwandererkindern dominiert, die Geld verdienen, indem sie die Vorurteile gegen sich reproduzieren und verfestigen, erklärt der ehemalige Rapper und jetzige Autor Murat Güngör im Meinungsteil. "Was als vermeintlicher Tabubruch daherkommt, ist nichts anderes als die Reproduktion rückständiger und reaktionärer Bilder über das vermeintliche Migranten-Ghetto. Die Rapper sind dabei Täter und zugleich Opfer dieser Bilder: Ihren Erfolg verdanken sie der Wirkungsmacht rassistischer Stereotype über den krassen Jungen aus dem Ghetto."

Für das Feuilleton hat Tilman Baumgärtel auf YouTube ein Video entdeckt, auf dem Häftlinge eines Gefängnisses in Manila zum Beispiel Michael Jacksons "Thriller" nachtanzen. In der zweiten taz verrät Barbara Dribbusch die neueste Form des ökologisch-inspirierten Protests, das Luftablassen bei Oberklasseautos.

Besprochen werden Raul Zeliks Kreuzberg-Roman "Der bewaffnete Freund", das Album "Faking To Blend In" von Phillip Boa & the Voodooclub und neue Platten des Queer-Hop.

Und Tom.
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FR, 03.08.2007

Wolfgang Kunath spürt die Selbstzweifel, die Brasilien nach dem Flugzeugunglück in Sao Paulo plagen. "Und dann noch ein Flugzeug! Die Lüfte zu beherrschen, das ist geradezu die brasilianische National-Metapher für Fortschritt, seit der Kaffeefarmerssohn Alberto Santos Dumont vor hundert Jahren im Bois de Boulogne den ersten Hüpfer mit einem Flugapparat unternahm, der schwerer als Luft, also kein Ballon war. Egal, ob der brasilianische Luftfahrtpionier nun wirklich der erste oder vielleicht doch nur der zweiterste war nach den Brüdern Wright - er ist bis heute ein Nationalheld. Der Zeppelin, der über dem Zuckerhut schwebt, die aus dem Nichts erbaute Hauptstadt Brasilia, deren Grundriss einem Flugzeug ähnelt, der Embraer-Konzern, der zum drittgrößten Flugzeugbauer der Welt wurde - das sind weitere Beweise für die Ernsthaftigkeit der Nation. Selbst Congonhas, der überlastete Unglücks-Airport mitten in Sao Paulo, war einst ein Symbol dafür, dass Brasilien sein schroffes Fahnen-Motto ernst nahm."

Weiteres: Im Gespräch mit Harry Nutt über die Auswärtige Kulturpolitik fordert die Grünen-Abgeordnete Uschi Eid, dass Neueröffnungen des Goethe-Instituts im Nahen Osten oder Asien nicht auf Kosten der anderen Standorte gehen, sondern zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Rudolf Walther schreibt zum Tod von Isidore Isou, rumanischstämmiger Dichter und Kopf der existenzialistisch inspirierten "Lettristen" (mehr). In einer Times mager schildert Harry Nutt die deutsch-türkische Auseinandersetzung um die Sphinx von Bogazköy.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Josephine Meckseper im Kunstmuseum Stuttgart.

SZ, 03.08.2007

Sonja Zekri besucht den Anführer der russischen Nationalbolschewiken, Eduard Limonow. Für gefährlich hält sie den routinierten Aufrührer nicht mehr, eher amüsant. "Ein stilles Viertel hinter dem Kursker Bahnhof, zwischen den Wohnblöcken ragt das Gerippe eines Spielplatzes auf. Ein junger Mann öffnet die Tür, schwarzer Anzug, todernste Miene. Dann kommt Limonow. Er ist schmaler als früher, trägt eine schwarze Krawatte zum schwarzen Hemd und einen grauen Spitzbart: Ein bisschen Trotzki, ein bisschen Catweazle. Das Händeschütteln kostet ihn Überwindung, er schaut dem Besuch nicht in die Augen. Ziemlich verdruckst, der Mann, und sehr übernächtigt (das Kind!). Nur seine Worte klingen wie immer nach einem ausgewachsenen Napoleon-Komplex."

Weiteres: Bei seiner Halbzeitbilanz lässt Holger Liebs kein gutes Haar an der documenta, die wahlweise "spießig verkrampft", "schlicht esoterisch" oder "labyrinthisch verschachtelt" daherkommt. Christopher Schmidt beobachtet, dass sich das Regietheater immer mehr mit dem Regisseur beschäftigt als mit dem Stück. Oliver Hochkeppel stellt das Vienna Art Orchestra vor, dass sich zu seinem dreißigjährigen Bestehen jetzt gleich drei eigens komponierte Jazzalben geleistet hat. Andreas Schubert verkündet einen Kompromiss zwischen Italien und dem Getty-Museum, der eine teilweise Rückgabe der geraubten Kunstwerke vorsieht. Renate Klett resümiert das Theaterfestival Butrinti in Albanien, auf dem sie besonders das Belgrader Drama Theater mit Elfriede Jelineks "Eine kleine Trilogie des Todes" überzeugt hat.

Besprochen werden Tankred Dorsts "stadttheaterroutinierte" Version von "Siegfried" und "Götterdämmerung" in Bayreuth, Stefano Battaglias Hommage an Pier Paolo Pasolini, die er gerade in Siena spielt, eine Ausstellung über deutsche Emigranten in Luxemburg nach 1933 im Literaturhaus Mersch, eine Ausstellung über Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen, und Bücher, darunter der Gedichtband "Beim Erwachen aus dem Schlaf" des südkoreanischen Dichters Ko Un, Harald Haarmanns "Weltgeschichte der Sprachen" und Jugendbücher (mehr in unserer Büscherschau des Tages ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 03.08.2007

Im Interview mit Anke Westphal spricht der Regisseur Christoph Hochhäusler über die Schwierigkeit, vom Fernsehen produzierte Kinofilme zu drehen: "Es hängt immer auch von Persönlichkeiten ab, vom eigenen Prestige, auch von der eigenen Chuzpe und Geschicklichkeit, ob man seinen eigenen Film macht oder den der anderen. Aber dass die Sender am längeren Hebel sitzen, ist keine Frage. Es gibt in Deutschland keine Filmindustrie. Es gibt nur eine Fernsehindustrie, die sich die Kinoauswertung von Filmen gewissermaßen leistet. Auf der anderen Seite stehen Regisseure wie ich, die zumindest im Kopf für die 'Vorführsituation Kino' arbeiten. Denn ich wünsche mir natürlich, dass meine Filme aus freien Stücken gesehen werden, konzentriert und unter technisch optimalen Bedingungen. Die Fernsehrealität sieht anders aus. Das Fernsehen zu Hause passiert mitten im Leben, zwischen Telefon und dem Nachbarn ohne Zucker, im Halbdunkel. Da das Bild so klein ist, ist das Verhältnis des Zuschauers viel eher eines der Kontrolle - man informiert sich mehr über eine Geschichte als dass man sie erlebt - während man im Kino von einer Leinwand 'erleuchtet' wird, die um ein Vielfaches größer ist, als man selbst."

FAZ, 03.08.2007

Der israelische Schriftsteller Amos Oz sieht eine historische Chance für Israel und Palästina: "Kaum jemand scheint in letzter Zeit die guten Nachrichten aus dem Nahen Osten registriert zu haben. Dass der Gazastreifen und das Westjordanland getrennte Wege gehen, ist eine historische Friedenschance für Israel und die Autonomiebehörde von Präsident Abbas. Beide Regierungen akzeptieren die Zwei-Staaten-Lösung, das Prinzip 'Land gegen Frieden' und das Ziel, die israelische Besatzung zu beenden. Gewiss gibt es viele Streitpunkte, aber die Kluft ist nicht unüberbrückbar. In ernsthaften Verhandlungen wird man diese Differenzen überwinden und einen Vertrag formulieren können."

Im Aufmacher des Feuilletons wurde der Name des Autors im Print seltsamerweise vergessen, aber vom Pathosquotienten her deutet alles auf Frank Schirrmacher. Ganzseitig angekündigt wird hier der Vorabdruck von Thomas Karlaufs großer Stefan-George-Biografie. Und Stefan George ist, wie wenig auch gelesen, für immer wichtig, argumentiert Frank Schirrmacher, weil er den Widerständlern vom 20. Juli Mut eingeimpft hat. "Karlaufs 'Stefan George' kam als achthunderseitiges Lesexemplar. Wir begannen zu blättern, wir begannen zu lesen, wir haben innerhalb von drei Tagen ausgelesen und dann wieder gelesen - und dann die Anrufe und Briefe der privilegierten Mitleser empfangen. Es war, als hätte diese Biografie eine Art elektrischen Kreislauf in Gang gesetzt, der die unterschiedlichsten Temperamente zum Austausch zwingt." Auch die letzten Geheimnisse des George-Kreises werden entschlüsselt: Der Dichter war schwul.

In der Leitglosse kommentiert Lorenz Jäger den Widerstand einer katholischen Adoptionsorganisation gegen ein neues Gesetz, das ihr vorschreibt, unterschiedslos auch an gleichgeschlechtliche Partner zu vermitteln - ein Gesetz, das, so Jäger, unverantwortlicherweise nicht Toleranz, sondern die "Marginalisierung der 'Intoleranten'" fördert. Edo Reents spottet über Prince, der in London 21 Konzerte gibt, die aber früh enden müssen, weil er als braver Zeuge Jehovas hinterher noch die Bibel liest. In seiner "Kunststücke"-Kolumne denkt Eduard Beaucamp über Werner Tübkes künstlerische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nach. Günter Kowa hat sich die neuen Fenster der Klosterkirche in Jerichow angesehen.

Auf der letzten Seite porträtiert Patrick Bahners die hoch einflussreichen Washingtoner Gerichtsreporterinnen und Urteilskommentatorinnen Linda Greenhouse und Jan Crawford Greenburg. Im Interview erklärt der CDU-Politiker Armin Laschet, Familienminister von Nordrhein-Westfalen, dass der Wunsch, frühkindliche Betreuung bereitzustellen, mit Krippenzwang nichts zu tun hat.

Besprochen werden der umgearbeitete Bayreuther "Ring" ("eine konzertante Sensation", so Eleonore Büning), die große Brice-Marden-Retrospektive im Hamburger Bahnhof in Berlin, und Bücher, darunter Marlon Brandos (mit Donald Cammel) verfasster Roman "Madame Lai" und der afrikanische Betrugsmails illustrativ umsetztende Band "Cry For Help" von Henning Wagenbreth. Auf der Sachbuchseite gibt es außerdem Rezensionen zu einer Monografie zum Werk des Theatervisionärs Adolphe Appiah und einem Band zur Architektur in Nordrhein-Westfalen.