Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2007. Die Welt erinnert an die wenig bekannte Beteiligung griechischer Freiwilliger am Massaker von Srebrenica. Die FAZ macht sich Sorgen über den kommenden Bücherherbst, bei dem die Hechte die Karpfen vor lauter Heringen nicht mehr sehen könnten (oder war es umgekehrt?) Die FR warnt vor einer selbst gebauten Gedenkfalle und empfiehlt die Freigabe aller Drehorte für Tom Cruise. Und der Perlentaucher wehrt sich gegen die FAZ.

Perlentaucher, 11.07.2007

Der Perlentaucher wehrt sich gegen den FAZ-Artikel vom 29. Juni. "In diesem Artikel spielt die FAZ unter der Maske eines recherchierten Berichts über den Perlentaucher ihr eigenes Spiel: Sie macht Stimmung in eigener Sache für einen Prozess, in dem sie Partei ist, ohne diesen Prozess zu erwähnen. Und sie versucht die Perlentaucher Medien GmbH bei potenziellen Auftraggebern anzuschwärzen, indem sie unterstellt, wir würden unseren Auftrag schlecht erfüllen. Sundermeyers Artikel macht deshalb einige Klarstellungen erforderlich", schreibt Anja Seeliger.

"Die Walser-Affäre, die Spiralblock-Affäre und jetzt also die Perlentaucher-Affäre. Es ist immer dasselbe: Wenn's drauf ankommt, dann nutzen der Feuilleton-Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, und der innere Zirkel der ihm Ergebenen ihre Zeitung als Waffe zur Durchsetzung eigener Zwecke", schreibt Thierry Chervel.

NZZ, 11.07.2007

"Extraterrestrischen" Wesen ist Ueli Bernays beim Montreux Jazz Festival 2007 begegnet, sie traten unter dem Namen Lemmy Kilmister und Chick Corea auf: "Sie mögen uns Irdischen gleichen, aber sie übertrumpfen uns durch ihr Können oder Gelten. Gerade weil sie größer scheinen im Guten und Schlechten, stärker im Leiden und Triumphieren, erwählen wir sie zu Idolen, an deren Emotionalität und Expressivität wir uns ergötzen."

Weiteres: Ulrich Ruh widmet sich der Wiederzulassung der lateinischen Messe durch den Papst. Besprochen werden zwei Aufführungen beim Festival von Garsington, nämlich Rossinis "Donna del lago" und Strauss' "Ariadne auf Naxos", das Programm des neugegründeten Suhrkamp-Ablegers Verlag der Weltreligionen und Bücher, darunter Martin Mulsows Band über die Gelehrtenrepublik der frühen Neuzeit, Thomas Steinfelds Biografie des Schriftstellers Axel Munthe und Erzählungen von Keto von Waberer (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 11.07.2007

Cord Riechelmann hat sich gründlich den "Atlas der Schöpfung" angesehen, ein von Harun Yahya herausgegebenes Buch, mit dem Darwins Evolutionstheorie widerlegt werden soll. Das Buch ist also gewissermaßen ein Atlas für Evangelikale. Interessant findet Riechelmann an dem Band aber vor allem die aufwändige Bebilderung. Denn: "Modern sein heißt, die Welt als Bild zu begreifen. (...) Die neuen Evangelikalen haben diese Implikation der Moderne auf eine Art lernen müssen, die sie jetzt in die Lage versetzt, mit den Mitteln der Wissenschaft die Wissenschaft auszuhöhlen. Das Perfide an Yahyas Schöpfungsatlas ist, dass er sich der Methoden und Darstellungsweisen der modernen Biologie bedient und sie ohne die alten protestantischen Skrupel vor dem Bild gegen die Bilder der Biologie kehrt. Der Witz an der Sache ist, dass Yahya das kann, weil speziell Darwin selbst die Bildtechnik zum Instrument seines Denkens gemacht hat."

Enttäuscht zeigt sich Dirk Knipphals von David Yates' Verfilmung des bisher vorletzten Harry-Potter-Buchs "Harry Potter und der Orden des Phoenix". "Es ist, als ob die Möglichkeiten dieser Figur und auch der ganzen Geschichte nicht mehr zu den Bildern passen, die man sich längst zu dieser Zauberwelt gemacht hat. Warum nicht einmal groß denken? Warum nicht träumen? Schließlich geht es hier ja auch um Magie!"

Weiteres: Jörg Magenau berichtet von einem Übersetzertreffen im Literarischen Colloquium Berlin, auf dem Bachmannpreisträger Lutz Seiler noch einmal seinen Siegertext vorlas. Und auf der Wahrheitseite ist ein Nachruf auf den Autor Michael Rudolph zu lesen.

Schließlich TOM.
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Welt, 11.07.2007

Zum Jahrestag von Srebrenica widmet sich Berthold Seewald einem bisher wenig bekannten Aspekt: der Beteiligung griechischer Freiwilliger an dem Massaker, das auch der Bestsellerautor Petros Markaris in seinem neuesten Krimi behandelt: "Vielleicht 100 Mitglieder, schätzt man, zählte die hellenische Freiwilligentruppe, die im bosnisch-serbischen Drina-Korps kämpfte. Das ist wenig, gemessen an der öffentlichen Meinung, die leidenschaftlich für die Serben Partei nahm. Lakonisch zählt Markaris auf, die Bürgerkriege während des Freiheitskrieges im 19. Jahrhundert, die Bürgerkriege während des Ersten, des Zweiten Weltkrieges, bis 1949, dazu die Guerillakriege des 19. Jahrhunderts, die Katastrophe gegen die Türken, die Niederlage gegen die Deutschen, zuletzt die Selbstzerfleischung unter der Obristendiktatur 1967 bis 1974. Griechenland ist ein trauriges Beispiel dafür, wie Kriege und Unterdrückung die Völker des Balkan geprägt haben und prägen. Dass nur 100 gegen Srebrenica zogen, darf schon der mäßigenden Wirkung der EU zugeschrieben werden."

In einem Interview mit Kai Luehrs-Kaiser spricht Opernregisseur Peter Konwitschny über seine persönliche Schaffenskrise und die allgemeine Malaise des deutschen Theaters: "Es liegt am Desinteresse der Gesellschaft an gutem Theater und an der Wahrheit. Diese Gesellschaft wird so lange existieren, wie sie verdrängen kann. Im Theater bedeutet das: immer mehr Unterhaltungsindustrie, immer mehr Event. Da stirbt alles. Auch die Ausbildungsverhältnisse an den Schulen sind katastrophal. Die Gesangslehrer sind ganz kaputte Typen, die sich untereinander bekriegen. Bei Eignungsprüfungen werden gute Leute oft nicht angenommen. Die Regieausbildung ist genauso katastrophal."

Weiteres: In der Randspalte behandelt Eckhard Fuhr die Ankündigung Max Holleins, nicht neuer Generaldirektor der Berliner Museen zu werden. Als "Einstieg in die multimediale Zukunft" wertet Manuel Brug den Kauf eines DVD-Labels durch das Londons Royal Opera. Thomas Lindemann besucht in London die Macher des Harry-Potter-Videospiels. Ulrich Baron war bei der Präsentation von Hoffmann und Campes neuem Kuriositäten-Buch "Ripley's". Kail Luehrs-Kaiser schreibt zum Achtzigsten des Dirigenten Herbert Blomstedt.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ronald Reagans Rede vor dem Brandenburger Tor im Berliner Alliiertenmuseum, eine Inszenierung von Glucks "Ezio" in Ludwigsburg und eine Ausstellung mit Aquarellen des Schockrockers Marilyn Manson in Köln.

FAZ, 11.07.2007

Hubert Spiegel macht sich Sorgen über den kommenden Bücherherbst, in dem so viele literarische Neuerscheinungen deutscher Autoren auf den Markt kommen, dass sie sich gegenseitig neutralisieren könnten: "Bei aller Freude über den reichen Bücherherbst: Es soll schon Karpfenteiche gegeben haben, in denen die Hechte vor lauter Heringen gar nicht mehr zu sehen waren. Und der Ausweg aus der ökonomischen Krise kann wohl auch nicht darin liegen, möglichst viele Titel schlecht zu verkaufen."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger bewundert in der Leitglosse anhand neuer Forschungsergebnisse, wie diskret Kafka den Beginn des Ersten Weltkrieges in seine Erzählung "Blumfeld" eingearbeitet hat. Gemeldet wird, dass der letzte Überlebende der Widerstandsgruppe vom 20. Juli, Philipp von Boeselager, in der Bild-Zeitung einer Freigabe aller historischen Drehorte für Tom Cruises' Stauffenberg-Film das Wort redete. Christian Schwägerl besucht die neu präsentierte Sammlung des Naturkundemuseums in Berlin und ist begeistert von einer nicht platt didaktischen Aufbereitung der Exponate. Eleonore Büning gratuliert dem Dirigenten Herbert Blomstedt zum Achtzigsten. Der Fernsehautor Thomas Irmer erinnert sich, wie er mit Kurt Vonnegut, kurz vor dessen Tod, noch einmal den Dresdner Schlachthof besuchte, in dem sein berühmtester Roman spielt. Ernst Horst verfolgte eine Münchner Vortragsreihe über "Glück". Nicholas Eberstadt (mehr hier) und Hans Groth, beide Spezialisten für Medizin und Ökonomie, legen auf einer ganzen Seite dar, dass die Alterung der Bevölkerung in Europa nicht so ein Problem wäre, wenn diese Alten länger arbeiteten - gerade auch weil sie länger gesund sind als etwa die Alten in den USA (eine kürzere Fassung des Artikels kann man auf der Website von Pfizer nachlesen, das Original in Foreign Affairs ist kostenpflichtig, lässt sich bei Pfizer aber als pdf herunterladen.)

Auf der Medienseite stellt Henning Hoff ein neues britisches Magazin für unkonventionelle Herren, The Chap, vor. Und Jochen Staadt empfiehlt eine ARD-Dokumentation über eine Gruppe von sieben Philosophiestudenten in der DDR, die verbotene Klassiker lesen wollten, und dabei von einem Stasi-IM - dem heutigen Chefredakteur der Jungen Welt Arnold Schölzel - verraten wurde.

Für die letzte Seite besucht Dirk Schümer jene Villen am Gardasee, in denen Mussolinis Republik von Salo ihrem Ende entgegen dämmerte. Catherine Newmark liest einen Bericht einer prominent besetzten Kommission zur "Patientensicherheit" in der Charite, an der man nach einer Mordserie einer Krankenschwester auf der Intensivstation berechtigte Zweifel haben konnte. Und Paul Ingendaay porträtiert den neuen spanischen Kulturminister Cesar Antonio Molina (mehr hier).

Besprochen werden eine große Ausstellung mit französischer Plastik des 19. Jahrhunderts in Karlsruhe, eine Ausstellung mit Prunkstücken der berühmten Möbelbauer-Dynastie Röntgen in Berlin, der neue "Harry-Potter"-Film und eine Ausstellung mit Ruhrgebietsfotografien von Joachim Brohm in Bottrop.

Das Interview mit dem letzten Nazi-Jäger des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, aus der FAZ von gestern, ist heute freigeschaltet.

FR, 11.07.2007

Tom Cruise soll Claus Graf Schenk von Stauffenberg spielen, wo er will, also "auch im Bendlerblock", schreibt Arno Widmann. "Wir haben allen Grund, Tom Cruise und den Produzenten des Films 'Valkyrie' dankbar zu sein. Die Reaktionen auf ihr Vorhaben sind dabei uns klarzumachen, dass wir uns längst in einer selbst gebauten Gedenkfalle befinden. An den entscheidenden Stellen, in den zentralen Institutionen scheinen Menschen zu sitzen, die glauben, die Erinnerung an die Vergangenheit gepachtet zu haben. Sie wissen, wie wir uns mit ihr auseinanderzusetzen haben. Sie wissen, was bei dieser Auseinandersetzung herauszukommen hat."

Weiteres: Susanne Schrör und Michael Marek beschreiben den Spagat der Museen zwischen anspruchsvoller Grundversorgung der Bevölkerung einerseits und Befriedigung der Sponsoren mit spektakulären Ausstellungen andererseits. Robert Kaltenbrunner denkt über die Funktionen künstlerischer Interventionen im Stadtraum nach. Daniel Bartetzko attestiert der Baupolitik Frankfurts und ihrer Abrisspraxis "Schizophrenie". Und in Times mager fragt sich Christian Schlüter, ob Schäuble einfach nur paranoid ist oder mehr hinter seinen Plänen steckt, wovon nur er und seine Dienste etwas wissen.

Besprochen werden Kerstin Grethers Artikelsammlung "Zungenkuss. Du nennst es Kosmetik, ich nenne es Rock'n'Roll" und ein Band mit Briefen 1959-1979 von Nicolas Born.

SZ, 11.07.2007

Alex Rühle berichtet über das Projekt New Assignment der New York University, in dem das Potential von Web 2.0 und gemeinschaftlich produzierter Seiten wie Wikipedia oder You Tube untersucht wird: "Eine Bloggerin beschreibt die Mühen der Ebene als Crowdsourcing-Journalistin: 'Ich möchte Neues erzählen, nicht PR. Ich möchte die Geschichten recherchieren, die eine zahme Lokalpresse links liegen lässt, aber ich weiß, dass ich nichts erreiche, wenn ich das im Alleingang probiere.' Und James Surowiecki differenziert den plakativen Titel seines Buches 'Weisheit der Massen': Natürlich (natürlich?, Anm. d. analogen Red.) liege im kollektiven digitalen Journalismus die Lösung. Allerdings brauche eine Gruppe Meinungsvielfalt, unabhängige, spezialisierte Mitglieder sowie einen Mechanismus, der die Meinungen bündelt."

Auch Tobias Kniebe ist enttäuscht vom fünften Harry-Potter-Film "Harry Potter und der Orden des Phoenix". "Der Ausgang wirkt völlig beliebig, und die Idee, dass nur die Liebe am Ende die Kraft zum Sieg geben kann, ist als Klischee ungefähr so alt wie die Menschheit selbst. So fürchtet man um die letzten beiden Filme, und noch mehr um den Inhalt des finalen Buchs: Es wird also noch ein Duell geben. Und noch eins. Und dann, ja richtig, noch mindestens ein weiteres."

Weitere Artikel: Anlässlich einiger Jubiläen denkt Johan Schloemann über "Stolz und Zweifel" der deutschen Universitäten nach und stellt das Projekt einer großangelegten Biografie der Berliner Humboldt-Universität des Wissenschaftshistorikers Rüdiger vom Bruch vor. Susan Vahabzadeh kommentiert die Irritationen des französischen Bildungsministers Xavier Darcos, der nicht so recht weiß, ob der diesjährige Siegerfilm von Cannes "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" nun für den Schulunterricht geeignet ist oder nicht. Christine Dössel berichtet über die Intendantensuche der Münchner Kammerspiele. Ralf Dombrowski informiert über eine ehemalige Mafia-Villa in Rom, aus der ein Kulturzentrum wird.

Auf der Schallplattenseite ist heute ein Interview mit dem Country-Musiker Porter Wagoner zu lesen. David Grubbs bespricht das neue Album des ehemaligen Punkrockers Daniel Higgs. Vorgestellt werden unter anderem CDs des sardischen Jazztrompeters Paolo Fresu, von The For Carnation, A.J. Holmes und der Pariser Musikdesignerin Beatrice Ardisson.

Außerdem besprochen werden die Ausstellungen "Die Kunst zu sammeln" im Museum Kunst Palast Düsseldorf und "Das Kapital. Blue Chips & Masterpieces" im Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Gerhard Schedls Kammeropern-"Tryptichon" im Wiener Museumsquartier und Bücher, darunter der Roman "Zirkuszone" von Jachym Topol und Robert Gerwarths Studie zum "Bismarck-Mythos".