Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2007. Die Welt fragt sich, warum für Kultur nie genug Geld da ist, für dicke Abfindungen aber immer. In der taz fragt sich Ilija Trojanow, warum die Schweizer nicht den Bankraub legalisieren - wo sie schon die Buchpreisbindung abgeschafft haben. In der FR stellt Elif Shafak ihre fünf Istanbuls vor. Die SZ denkt über die deutsch-französische Verdrossenheit nach. In der FAZ freut sich Katharina Hacker über den Friedenspreis für Saul Friedländer.

Welt, 20.06.2007

Manuel Brug kommentiert die Verirrungen am Opernhaus Leipzig, die auch mit der Ablösung des Intendanten Henri Meier nicht enden. "Ein finanziell stark eingeschränktes deutsches Repertoire-Opernhaus, ein doch nur im Gewandhaus präsenter Maestro, ein pragmatisch wuseliger Intendant und eine Stadtverwaltung, die nicht wirklich weiß, was für einen Kulturkurs sie fahren will - das wird jetzt an der Pleiße eine dicke Abfindung kosten. Dafür scheint immer Geld vorhanden zu sein."

Weitere Artikel: Michael Pilz vergleicht den Pop-Politiker Tony Blair mit Popkünstlern - sehr zum Nachteil letzterer: "Heutige Brit-Pop-Bands wirken wie Gordon Brown, der künftige Premierminister: kompetent aber verwechselbar." Spanische Kinobesitzer sollen künftig ein Viertel ihrer Vorstellungen mit spanischen oder europäischen Filmen bestreiten, berichtet Hanns-Georg Rodek. Warum dagegen jetzt protestiert wird, findet er kurzsichtig, denn "das Wachstumspotenzial für das Kino liegt in den regionalen Märkten." Matthias Heine schreibt zum Tod des Schauspielers Klausjürgen Wussow. Sven Felix Kellerhoff berichtet von einer Diskussion in Bautzen zwischen Bundespräsident Horst Köhler und Gymnasiasten. Ulrich Clauss war dabei als der Albert Einstein der Computerspiele, Ralf H. Baer ("Pong"), die Berliner Games Academy besuchte. Eine Meldung informiert uns, dass die Gegner der Waldschlösschenbrücke in Dresden eine Schlacht vor Gericht verloren haben.

Besprochen werden die Ausstellung "Berg heil" des Fotografen Uli Wiesmeier im Alpinen Museum in München, eine Ausstellung von Magnum-Fotografen in der Pariser Cinematheque, die neue CD von Stereo Total, eine Aufführung des "Großen Gatsby" bei den Wiener Festwochen und eine "Lucia di Lammermoor" in Mainz.

NZZ, 20.06.2007

Manfred Schwarz besucht eine Ausstellung über das englische Kinderporträt des 18. Jahrhunderts im Frankfurter Städel und begegnet "den leibhaftigen Früchten dieses neuen Menschen- und Erziehungsideals, wie es von Rousseau oder auch Shaftesbury propagiert wurde: heiteren, heiter umhertollenden, unbeschwerten und ungezierten Kindern. Hübschen und wohlgenährten Kindern, die vor idyllischer Landschaftskulisse nichts anderes sind - als eben Kinder."

Weiteres: Paul Jandl schreibt zum Tode des ehemaligen österreichischen Staatspräsidenten und Uno-Generalsekretärs Kurt Waldheim. Roman Bucheli gratuliert dem Autor Gerhard Meier zum 90. Geburtstag. Lutz Seiler schickt einen Brief aus der Provinz.

Besprochen werden: ein Liederabend der Sopranistin Nina Stemme bei den Zürcher Festspielen und Bücher, wie jenes von Robert Gerwarth über den Mythos Bismarck, Will Selfs Roman "Dorian", der als Variation auf Wildes "Bildnis des Dorian Gray" gedacht ist sowie der Roman "Tiepolo und die unsichtbare Stadt" des katalanischen Autors Emili Rosales.

TAZ, 20.06.2007

Ilija Trojanow ist entsetzt, mit welchem Lob die Schweizer Presse die Abschaffung der Buchpreisbindung bedacht hat. "Nicht nur sind die Folgen katastrophal, sie greifen auch schneller um sich als die Pest im Mittelalter: Die Zahl der Buchhandlungen nimmt rapide ab, die Zahl der Neuerscheinungen verringert sich, die Bücher werden überwiegend teurer (in den USA etwa innerhalb von nur fünf Jahren um 62 Prozent), der Zwischenbuchhandel stirbt ab und somit die Möglichkeit, Bücher zuversichtlich und schnell zu bestellen, und die großen Filialisten wachsen ins Unermessliche, bis der Markt von einigen wenigen Ketten völlig dominiert wird. Diese Entwicklung ist allgemein bekannt und hinlänglich dokumentiert - wieso also wird die Frage der Buchpreisbindung immer wieder problematisiert, seitens der EU, seitens unserer deutschsprachigen Nachbarn und sogar von einigen Eiferern bei uns? Die Antwort ist deprimierend einfach: Einerseits ist der Glaube an den freien Markt ein Dogma, andererseits bringt seine Umsetzung für einige wenige viel Reichtum - es wirkt sich in etwa so aus, als würde in Ausnahmen Bankraub legalisiert werden."

Im Kulturteil berichtet Hans-Christoph Zimmermann vom Festival Theaterformen in Hannover, das abseits des Mainstream experimentiert. Auf der Debattenseite räsoniert Josef Winkler über den Umgang mit popmusikalisch relevanten Geburtstagen. Und auf der Alltagsseite ist ein Selbstversuch von Alfred Hefele zu lesen, der ein Striplokal besuchte.

Besprochen werden die Ausstellung "18 Bilder pro Sekunde" von Christoph Schlingensief im Münchner Haus der Kunst, der Band "People - Kunst heute" von Charlotte Mullins und der Roman "Das Herz aus Seide" von Remco Campert (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.
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FR, 20.06.2007

Vier Istanbuls kennt die türkische Autorin Elif Shafak, und ein fünftes erfindet sie selbst: "Das Istanbul der Dichtung. Das Istanbul der Literatur und Fantasie. In diesem fünften Istanbul gehen Farben und Kategorien ständig ineinander über. Für mich sind 'Ost' und 'West' eng aufeinander bezogen. Sie sind weder feststehend, noch schließen sie sich gegenseitig aus. Ich glaube, es gibt eine Stadt in der Welt, wo man sofort lernt, der Einteilung in 'Ost' und 'West' zu misstrauen."

Weitere Artikel: Arno Widmann hat den Regisseur Christof Loy bei einer Unterrichtsstunde beobachtet und "eine großartige Lektion" gesehen. Insa Wilke porträtiert die polnische Autorin Dorota Maslowska, deren Rap-Band "Die Reiherkönigin" gerade auf Deutsch erschienen ist. In Times mager räsoniert Harry Nutt über den "therapeutischen Charakter" der fiktiven Sprengung des Weißen Hauses im Film "Die Hard 4.0".

SZ, 20.06.2007

Mit der Stoßrichtung "Spannung null" denkt Burkhard Müller über das derzeitige deutsch-französische Verhältnis nach. Sein Resümee: "So sitzen sie heute verdrossen mit dem Rücken zueinander am Rhein, um dessen Ufer sie sich einmal so lebhaft von Angesicht zu Angesicht gerauft haben. Wer nimmt heute in Deutschland noch wahr, was für Debatten in Frankreich geführt werden? Nennen Sie drei lebende französische Schriftsteller! Also: Houellebeq - Beigbeder - und? Nichts und, das war?s. Auf der Gegenseite sähe das entsprechende Ergebnis wahrscheinlich nicht anders aus. (...) So sieht er praktisch aus, der tiefste Frieden, den es in Europa je gab."

Weitere Artikel: Henning Klüver beschreibt den Kulturkampf in Italien, in dem eine "immer aggressivere kirchliche Propaganda" den Laizismus auszuhebeln droht. Ijoma Mangold berichtet über Drohgebärden Irans und Pakistans gegenüber England als Reaktion auf den Ritterschlag für Salman Rushdie durch die englische Königin. Harald Eggebrecht hat für die Reihe "Bei der Arbeit" den Cellisten Janos Starker bei einem Meisterkurs beobachtet. Kathrin Hillgruber stellt das Literaturfestival European Borderlands in Bukarest und Iasi vor. Renate Klett schildert Eindrücke vom Reykjavik Arts Festival. Holger Liebs fühlt sich bei Roger Martin Buergels Audio-Guide zu seiner Documenta verbotenerweise an "frühe Otto-Parodien" erinnert. Fritz Göttler berichtet über den Streik spanischer Kinos gegen eine Quotenregelung. Lothar Müller resümiert eine Diskussionsrunde von Museumsdirektoren über Museen und ihre Antikensammlungen. Hans-Peter Kunisch gratuliert dem Schweizer Autor Gerhard Meier zum 90. Geburtstag. eye informiert über ein Verbot des Staats Nevada gegen falsche Popbands i.e.: Mogelpackungen.

Besprochen werden das Auftaktkonzert der Europatournee von Barbara Streisand in Zürich, die Uraufführung der neunten Sinfonie von Alfred Schnittke in Dresden, die Eröffnung der Privatsammlung Julia Stoschek "Destroy, she said" in Düsseldorf und Bücher, darunter eine Auswahl von Schriften von Michel Foucault "Ästhetik der Existenz" sowie eine Kritik derselben, herausgegeben von Wolfgang Kersting und Claus Langbehn (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 20.06.2007

Die Schriftstellerin Katharina Hacker schreibt einen recht persönlichen Glückwunsch zur Verleihung des Friedenspreises an Saul Friedländer, den sie seit ihrem Studium in Jerusalem kennt. Es geht aber auch um die Qualitäten seines Werks: "Das gelungene historiographische Werk scheint ... die zeitliche Entfernung außer Kraft zu setzen und zwingt dazu, die Geschichte des 'Dritten Reiches' und der Vernichtung als die eigene Geschichte aufzufassen, ohne etwa in die Distanz der Nachgeborenen zurückzuweichen. Die Erfahrung des Lesens wird dabei um so schmerzlicher, als ebenjene Achtung, jene Behutsamkeit und Sorge, die Friedländer auf die Menschen wendet, über die er schreibt, die er zitiert und beim Namen nennt, jene menschliche Haltung eben in Deutschland und auch sonst in Europa weitgehend gefehlt hat; denn sie hätte verhindert, was geschehen konnte."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru referiert die Reaktionen palästinensischer Schriftsteller auf den blutigen Machtkampf zwischen Fatah und Hamas. Kein gutes Haar lässt Konrad Adam in seiner recht gehässigen Leitglosse an Norbert Blüm, der als Politrentner gerade mit Peter Sodann durch die Republik tingelt. Hans Medick schreibt einen Nachruf auf das Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte. Einer von neun Zuhörern war Wolfgang Schneider bei der zweiten Vorlesung des somalischen Autors Nuruddin Farah, der gerade als Gastprofessor in Berlin lehrt. Timo John hat sich eine seiner Ansicht nach sehr gelungen umgestaltete Kirche in Stuttgart-Kaltental angesehen. Beim Blick in amerikanische Zeitschriften ist Jordan Mejias unter anderem auf einen Aufsatz in The New Criterion gestoßen, der die Gegenwartskunst zum pathologischen Fall erklärt. Knapp kommentiert wird der plötzliche Abgang des Intendanten der Leipziger Oper Henri Maier. Sabine Doering gratuliert dem Autor Gerhard Meier zum Neunzigsten. Ein im Netz ungenannter Autor hat sich im spanischen Plutokratenort La Zagaleta umgesehen, genauer gesagt mit Ferrari und Rolls-Royce durch die Siedlung bewegt. Gerhard Rohde porträtiert Dominique Meyer, den neuen Direktor der Wiener Staatsoper.

Besprochen werden die große Cindy-Sherman-Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau, der Animationsfilm "Shrek der Dritte" und Bücher, darunter der noch vor seinem kürzlichen Tode vollendete "Opernführer für Fortgeschrittene" von Ulrich Schreiber (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).