Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2007. In der SZ schreibt Jürgen Habermas zum Tod von Richard Rorty. Ebenfalls in der SZ analysiert Ernst-Wilhelm Händler die Krise des Ich in der Ökonomie. Die taz erklärt, warum sich Rechtsextreme plötzlich für Theater interessieren - besonders in den Neuen Ländern. Im Tagesspiegel bekennt sich der neue Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger zur Idee des Humboldtforums. Die NZZ versucht, die Unterschiede zwischen China und Taiwan auszuloten.

TAZ, 11.06.2007

In Halberstadt ist eine Theatergruppe von Rechtsextremen angegriffen worden, während die Polizei müde zuschaute. Der Neubrandenburger Dramaturg Matthias Wolf erklärt im Interview mit Ralph Bollmann, warum Theater zu Aggressionszielen der Szene werden: "In Städten mit einer funktionierenden kulturellen Infrastruktur können die Rechten nicht so leicht die Hegemonie erlangen. Wenn man ein lokales Bündnis für Demokratie und Toleranz organisiert, von der Feuerwehr bis zum Sportverein, dann spielt das Theater eine wichtige Rolle - schon weil es an vielen Orten die größte Institution ist."

Weitere Artikel: Im Kulturteil stellt Ulrike Münter die "Fairytale"-Aktion des chinesischen Künstlers Ai Weiwei vor, der 1001 Chinesen nach Kassel holen wird. Rene Martens schildert die ökonomischen Interessen bei Revivals längst tot geglaubter Rockbands. Sebastian Lütgert theoretisiert über den "riot porn" in Heiligendamm. Und nachdem drei Farbbeutel auf die Glasfassade des taz-Neubaus geschmissen wurden, fragt Tobias Rapp: "Ist die Zeit des gegenseitigen Desinteresses von taz und radikaler Linker nach langen Jahren der friedlichen Koexistenz vorbei?" Besprochen wird Frank Castorfs Dramatisierung von Louis-Ferdinand Celines Roman "Norden" in Wien.

Und Tom.

Tagesspiegel, 11.06.2007

Im Interview mit Amory Burchard bekennt sich der neue Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger unter anderem zur Idee des Humboldtforums: "Die Idee, das Stadtschloss mit seiner historischen Fassade wieder aufzubauen, innen aber völlig neu zu gestalten, hat mich immer fasziniert und überzeugt. Der Inhalt soll ja eine ganz andere Seite Preußens zum Ausdruck bringen, den Aufbruch in Gelehrsamkeit und die Förderung von Wissenschaft und Forschung. Dies mit den Brüdern Humboldt zu verbinden, ist ein vorzüglicher Gedanke."

Welt, 11.06.2007

Als "einmalige Reverenz" an die Stadt Dresden wertet Dankwart Guratzsch die honorarfrei im Rahmen einer Perspektivenwerkstatt erarbeiteten Gegenentwürfen zur Waldschlösschenbrücke, die vor allem auf die Unsichtbarkeit der Brücke setzen. Rechtlich sind sie allerdings chancenlos. Für eine gute Entscheidung hält es Matthias Heine, den bisherigen Chef-Dramaturg des deutschen Theaters Berlin, Oliver Reese, als Intendanten an Frankfurter Schauspiel zu holen. Auch auf einer Tagung im Schloss Neuhardenberg hat Alexander Cammann nicht herausfinden können, ob es sich bei der Rede von der neuen Bürgerlichkeit um den Indikator einer neuen Klassengesellschaft oder nur eine neue "Diskurseruption" handelt. Im Interview mit Michael Loesl erklärt Phil Collins, warum Peter Gabriel bei der Reunion von Genesis nicht fehlt. Marisa Buovolo schreibt anlässlich von Steven Soderberghs "Ocean's 13" eine kleine Filmgeschichte des Herrenanzugs. Und Peter Dittmar weiß zu berichten, dass der Kunstmarkt inzwischen für Graffitis Hunderttausende zahlt.

Besprochen werden Frank Castorfs Celine Adaption "Nord" und der ZDF-Zweiteiler über den Untergang der "Wilhelm Gustloff".
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FR, 11.06.2007

In seinem Nachruf auf Richard Rorty, einen der bedeutendsten Denker der Gegenwart, zeichnet Christian Schlüter ihn als Linken, für den Toleranz, Ironie und Misstrauen gegenüber philosophischem Snobismus zusammengehörten: "Rortys Interesse für 'urlinke' Fragen - Gleichberechtigung, Bildungschancen, Sozialversicherung, Mindestlöhne - mag einem altmodisch vorkommen. Doch passt es zum Profil des vielleicht europäischsten aller amerikanischen Denker: Es ist im besten Sinne sozialdemokratisch. Bleibt noch die Frage, ob der Philosoph Richard Rorty tatsächlich ein Feind der Philosophie war. In typisch selbstironischer Weise gab er die folgende Antwort: 'Ich bin sehr froh darüber, alle diese Jahre mit der Lektüre philosophischer Bücher zugebracht zu haben. Denn dabei habe ich etwas gelernt, was offenbar immer noch äußerst wichtig ist: Misstrauen gegenüber dem geistigen Snobismus, der mich anfangs zu dieser Lektüre bewogen hat.'"

Weitere Artikel: Von der Art Basel (Website) berichtet Sandra Danicke, auf der Architekturbiennale in Rotterdam (Website), dem "nachdenklichen Pendant zur glamourösen Schau in Venedig", hat sich Dieter Bartetzko umgesehen. Daniel Kothenschulte kommentiert einen vermeintlichen Skandal um die Förderung eines Films, in dem "15- und 16-jährige Mädchen einem ältlichen Verführer die Brustwarzen saugen sollen".

Besprochen werden eine Ausstellung zur Kunst nach dem Mauerfall in den Rüsselsheimer Opelvillen, eine Ausstellung mit Kunst zum Thema Hafen im Frankfurter Portikus, neue Alben von Queens of the Stone Age und The White Stripes, einer Inszenierung von Nikolai Gogols "Der Revisor" zur Eröffnung der Burgfestspiele Bad Vilbel und die Schwetzinger Uraufführung von Bernhard Langs Oper "Der Alte vom Berge".

FAZ, 11.06.2007

Dirk Schümer erkennt im Großherzogtum Luxemburg, in diesem Jahr zum zweiten Mal europäische Kulturhauptstadt, "die Zukunft der europäischen Wohlfahrtsstaaten". Heinrich Wefing malt die Gegenwart und Zukunft der Weimarer Kultur in finsteren Farben - mit einem kleinen Hoffnungsschimmer zum Schluss. Vorsichtig optimistisch kommentiert Gerhard Stadelmaier die Berufung Oliver Reeses zum neuen Frankfurter Schauspielchef. In der Glosse erzählt Paul Ingendaay, dass er während einer spanischen Trash-Fernsehsendung immerzu an Shakespeare denken musste. Beim Blick in osteuropäische Zeitschriften bemerkt Joseph Croitoru eine gewisse Faszination für den Schick des Ostens. Den Nachruf auf den Philosophen Richard Rorty hat sein Stanforder Kollege Hans-Ulrich Gumbrecht verfasst, von Thomas Poiss stammt der Nachruf auf den Dichter und Übersetzer Michael Hamburger. Lisa Zeitz porträtiert den Historiker Ken Libo, Irene Bazinger berichtet über Theater im Berlin-Tegeler Knast.

Auf der Sachbuchseite finden sich Rezensionen unter anderem zu einer Biografie des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich und Bildbänden zu Ernst Haeckel und Rene Binet. Weiter vorne werden Ulrike Draesners Band mit Reden "Zauber im Zoo" und eine Karl-Valentin-Biografie besprochen (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden eine Ausstellung zur Kunst des Informel in der Villa Hammerschmidt, die Kollektion des Sammlers Thomas Olbricht im Essener Museum Folkwang, eine Inszenierung von Molieres "Menschenfeind" an der Comedie Francaise und eine Leipziger Aufführung von Jean-Georges Noverres Ballett "Jason et Medee"

NZZ, 11.06.2007

Matthias Messmer versucht, die Unterschiede zwischen China und Taiwan auszuloten. Seinen Beobachtungen zufolge ist es vor allem die Postmoderne, die die beiden Länder trennt: "Manchmal offenbaren sie sich kurioserweise an Örtlichkeiten, die auf den ersten Blick keinen sonderlich gewichtigen Denkanstoß versprechen: 'Ein kleiner Schritt nach vorn bedeutet einen großen Schritt hin zur Zivilisation', heißt es auf der Männertoilette des Flughafens der nordchinesischen Stadt Harbin. In einem Bahnhofspissoir von Taiwans Hauptstadt Taipeh wird der Besucher dagegen unverblümt und in englischer Sprache an seine eigene Begrenztheit erinnert: 'Würden Sie bitte etwas näher treten, Ihr 'Big John' ist nicht so groß, wie Sie denken.' Hüben das politisch Korrekte, drüben das postmodern Amüsante - beides Ausdrücke unterschiedlicher chinesischer Mentalitäten, die sich im Laufe der Geschichte unabhängig voneinander entwickelt haben."

Ulf Meyer weist nicht nur darauf hin, dass Kansas City in Missouri liegt (und nicht in Kansas), sondern auch, dass die Stadt mit dem nun erweiterten Nelson-Atkins-Museum eine der besten Sammlungen europäischer und asiatischer Kunst des Mittelwestens beherbergt.

Besprochen werden eine Ausstellung über Ernst Ludwig Kirchner und seine Schüler "Expressionismus aus den Bergen" im Kunstmuseum Bern und die zum letzten Mal stattfindenden Festival der Berner Tanztage.

SZ, 11.06.2007

Der Online-Boulevard stellt vom Intellektuellen-Print mal wieder nichts frei.

Jürgen Habermas schreibt zum Tod von Richard Rorty: "Eine kleine autobiografische Notiz trägt den Titel 'Wilde Orchideen und Trotzki'. Rorty beschreibt, wie er als Junge in der blühenden Hügellandschaft im Nordwesten von New Jersey herumstreift und den betäubenden Duft der Orchideen einsaugt. Zur selben Zeit findet er in seinem linken Elternhaus ein faszinierendes Buch, das Trotzki gegen Stalin verteidigt. Damals entsteht die Vision, mit der der junge Rorty aufs College geht: die Philosophie ist dazu da, die überirdische Schönheit der Orchideen mit Trotzkis Traum von der Gerechtigkeit auf Erden zu versöhnen."

Der Autor und Manager Ernst-Wilhelm Händler analysiert die "Krise des Ich", die in Kunst und Philosophie schon beschrieben sei, in der Wirtschaft aber ihre reinste Ausprägung finde. Beispiel: Jürgen Schrempp: "Der CEO steht als Angestellter an der Spitze einer Hierarchie von Angestellten, aber von ihm wird erwartet, dass er nicht wie ein Angestellter, sondern wie ein Unternehmer handelt. Der CEO wirtschaftet nicht, wie der Unternehmer, mit eigenem Geld, er muss deshalb kontrolliert werden. Die Kontrolle ist nicht immer erfolgreich. Ein CEO kann kaum größere Fehler machen als Jürgen Schrempp. Hätte ein Hedge-Fonds entsprechende Anteile an Daimler-Benz gehalten, wäre es mit Sicherheit nicht zu der Hochzeit im Himmel gekommen."

Weitere Artikel: Jens Bisky verfolgte eine Berliner Tagung, die fragte, was man aus dem Erbe der Humboldts für das geplante Humboldt-Forum im wiederzuerstehenden Berliner Schloss lernen könne. Alex Rühle glossiert die Meldung, dass Edmund Stoiber den Kinderbuchautor Janosch wegen einer religionskritischen Zeichnung (ein Pfarrer hämmert einem Säugling ein Kreuz ein, und das ganze heißt "Taufe") aus den Kinderzimmern verbannen will. Günter Kowa stellt zwei Brückenentwürfe (beide "leicht, schmal, durchsichtig") von Werner Sobek und Jörg Schlaich (Bilder) für die Dresdner Waldschlösschenbrücke vor, mit denen die Stadt Dresden die Verwalter des Kulturerbestatus doch noch günstig zu stimmen hofft. Manfred Geier schreibt zum Tod von Richard Rorty. Stephan Gleitsch verweist in einer Netzkolumne auf die Musiker Erich Von Kneip und Curtis Eller, die den Grundstein für ihren Szeneerfolg im Netz legten. Ralf Bönt berichtet von der Autoren-Fußball-WM, beider die Deutschen Dritte wurden.

Besprochen werden neue DVDs, unter anderem von David Lean, Kieslowski und Bresson und Bücher, darunter Alice Schwarzers "Antwort" ("Für die veränderte Situation von heute hat sie außer der Rede im Ton der Achtundsechziger nur gouvernantenhafte Ermahnungen", kritisiert Hannelore Schlaffer).