Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2007. Die NZZ nahm das Risiko auf sich und las Ulrich Becks neues Buch "Weltrisikogesellschaft" bereits vor dessen Erscheinen. In der FR erklärt der Soziologe Trutz von Trotha, dass ein unsentimentales Verhältnis zu Kindern zu mehr Kindern führt. Während die Engländerinnen das Datum des Kaiserschnitts von den Aufnahmedaten der Grundschulen abhängig machen. Der Tagesspiegel fuhr nach Riga, hörte Andris Nelsons die "Walküre" dirigieren und ist immer noch ganz weg. Die SZ feiert 50 Jahre freies Afrika. In der Welt erklärt Gregor Schneider, warum er seinen Kaaba-Kubus in Hamburg bauen will.

NZZ, 06.03.2007

Martin Meyer hat Ulrich Becks neue Studie über die "Weltrisikogesellschaft" (die vom Verlag erst für den 19. März angesagt ist) mit Grauen und Gewinn gelesen: "Fazit: Ulrich Beck unterschätzt - eher absichtlich? - die Kräfte der Selbsterneuerung, die im Verstand aufgeklärter Modernität am Werke sind; und er überschätzt - eher unabsichtlich - die Macht der Emotionen zur Mobilisierung der Menschheit. Und während uns einzelne Kapitel - wie wenn sie von einem tüchtigen Famulus beigesteuert worden wären - in die Abstraktionen soziologischer Analyse einweihen wollen, dominiert in anderen die Prosa des Rufers in der Wüste."

Besprochen werden außerdem die Fotoausstellung "Spectacular City" über zeitgenössische Metropolen in Düsseldorf, Schillers "Wallenstein" in der Regie von Wolfgang Engel in Leipzig, James Camerons "dubioser Dokumentarfilm" über das Grab der Familie Christi (mehr hier) und ein Bartok-Zyklus in der Tonhalle Zürich.

FR, 06.03.2007

Der Soziologe Trutz von Trotha vergleicht das Verhältnis der Deutschen und der Franzosen zu Kindern und diagnostiziert bei den Deutschen eine zu hohe "Kindzentrierung", die einen solchen Anspruch stellt, dass man häufig lieber auf Kinder verzichtet - während man die Sache in Frankreich pragmatisch sieht: "Nach der Geburt eines Kindes schenken französische Mütter der möglichst schnellen Wiederherstellung ihrer körperlichen Attraktivität große Aufmerksamkeit. Anders als deutsche empfehlen französische Mütter ebenfalls, vor rigideren Tagesrhythmen für ihre Kinder nicht zurückzuschrecken, und geben dabei den Rat, Babies zugunsten eines festen Schlafrhythmus auch einmal schreien zu lassen - was unter deutschen Müttern uneingeschränkte Verachtung und blanken Abscheu hervorruft."

Weiteres: Arno Widmann schickt dem kolumbianischen Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez Glückwünsche zum Achtzigsten. Harry Nutt resümiert eine Berliner Tagung zur europäischen Verkehrsgeschichte, bevor er sich in Times mager dem "Leben der Anderen" und der ARD-"Flucht" widmet.

Besprochen werden die "Monster"-Inszenierung von Schillers "Wallenstein"-Trilogie an drei Spielorten in Leipzig, Guillaume Bernardis Aufführung von Mozarts "Le Nozze di Figaro" an der Oper Frankfurt sowie die neuen Alben von Kaiser Chiefs und Arcade Fire.

Tagesspiegel, 06.03.2007

Christine Lemke-Matwey fuhr nach Riga, um einen der angesagtesten jungen Dirigenten, Andris Nelsons (mehr hier), Wagners "Walküre" dirigieren zu hören - trotz etwas problematischer Akustik des Hauses: "Nelsons mag im Graben die herrlichsten Pirouetten seit Carlos Kleiber drehen, mit feenlangen Armen Siegmund (Jirki Antila), Sieglinde (taufrisch: Elisabet Strid) und die wilde weite Welt liebkosen, mal den Derwisch geben, mal, bei Fricka (überlegt: Martina Dike), mit leisem Schulterzucken den Torero: Es will einfach nicht klingen. Wenig Obertöne, kein Bauch. Und doch gehört dieser Abend am Ende musikalisch zum Erregendsten, was die Saison zu bieten hat, landauf, landab."
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Stichwörter: Dirigieren, Andris Nelsons

TAZ, 06.03.2007

Im Frieder Burda Museum in Baden-Baden präsentieren drei Sammler Sigmar Polke. Georg Patzer bemängelt die kleinen Räume und den lückenhaften Katalog, wird aber durch die Werke versöhnt, "auch geheimnisvollere Bilder wie die prall-schwebenden, realistisch gemalten Würste, oder ein Beispiel seiner Rechenkünste ('1 + 1 = 3'), die eine Bank einmal nicht kaufte, weil sie ihre Kunden nicht verunsichern wollte. Oder seine sehr schöne Collage 'So sitzen Sie richtig' auf bedrucktem Stoff, wo er die Aquatinta-Radierung 'Ya tienen asiento' von Francisco de Goya mit Max Ernsts 'Une semaine de bonte' überblendet hat, und Ernsts Schlange vor Goyas junger Dame fliehen lässt, die balancierenden Stühle durch die Zimmer fliegen - und das alles auf einem mit kleinen Hündchen bedruckten Stoff gemalt: ein wahrer Wirbelwind an Kunstgeschichte."

Weiteres: Rene Hamann begleitet die Hamburger Popband Kante bei den Arbeiten zur neuen Revue des Friedrichstadtpalastes. Robert Misik beobachtet die ungehinderte Ausbreitung der Stars und Sternchen in Kunst und Kultur.

Auf der Meinungsseite schreibt Isolde Charim zu dem Manifest jüdischer Intellektuelle aus Großbritannien. Die Unterstützung Israels, betont sie, muss nicht gleichbedeutend sein mit der Unterstützung der israelischen Regierungspolitik.

Im Medienteil beschreibt Gerhard Dilger all jenen, die kein venezolanisches Fernsehen empfangen, die beliebte Show "Alo Presidente", in der Hugo Chavez jetzt fünfmal die Woche als Alleinunterhalter auftritt. "Anhand einer Landkarte erläutert Chavez auch schon mal seine Handelspolitik mit den karibischen Kleinstaaten, aus Schaubildern über die steigenden Lebensmittelpreise leitet er die Notwendigkeit ab, mit harter Hand gegen Spekulanten vorzugehen. Immer wieder stimmt er dabei unvermittelt ein Liedchen an oder macht sich über US-Präsident Bush lustig."

Besprechungen widmen sich Jan Bosses "kunstvoll ironischer" Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" in Zürich und eine Schau mit Christin Lostas Fotografien der Haute-Couture-Produktion im Museum für Angewandte Kunst in Köln.

Und Tom.

FAZ, 06.03.2007

Die enorme Diskrepanz in der Qualität der Schulen in England hat, wie Gina Thomas berichtet, groteske Folgen: "An manchen Sekundarschulen bewerben sich mehr als zehn Kinder um einen Platz. Ein Drittel aller Kinder verfehlt die Schule ihrer ersten Wahl. In den vergangenen Jahren haben diese Verhältnisse dazu geführt, dass Paare, die es sich leisten können, in die Nähe einer angesehenen Schule ziehen." Der Versuch, per Auslosung für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, führt wiederum zur Flucht in die Privatschulen, mit entsprechenden Folgen: "Bei den Grundschulen, wo Leistung noch nicht als Aufnahmekriterium gilt, geht es dahin, dass werdende Mütter den Kaiserschnitt auf den Monatsanfang legen lassen. Die begehrtesten Schulen vergeben nämlich jeden Monat nur eine bestimmte Anzahl von Plätzen für Neugeborene, und wer sich zuerst meldet, hat die besten Chancen."

Weitere Artikel: Auf die Klimawandel-Ausgabe des Feuilletons antwortet der Physiker Konrad Kleinknecht mit einem Plädoyer für die Atomkraft als Zwischenlösung. In der Glosse macht sich Jürgen Kaube über Michael Schindhelms Absprung ins fantastillionenreiche Dubai lustig. Den Nachruf auf den Schriftsteller Henry Troyat schreibt "han". Auf der DVD-Seite werden unter anderem ein Paket mit DEFA-Filmen für den Unterricht und eine Box mit Werken Aki Kaurismäkis vorgestellt.

Auf der letzten Seite porträtiert Lisa Zeitz den New Yorker Autor, Verleger und Herausgeber Dan Nadel. Paul Ingendaay referiert einen anlässlich des heutigen 80. Geburtstags von Gabriel Garcia Marquez erschienenen Artikel von Juan Luis Cebrian - der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung El Pais schreibt darin über die Männerfreundschaft zwischen dem Schriftsteller und Fidel Castro. Manfred Lindinger informiert über die Arbeit des Cern an einem Teilchenbeschleuniger, der den Urknall simulieren soll - oder jedenfalls einen nur Sekundenbruchteile später gelegenen Moment.

Besprochen werden eine Frankfurter Ausstellung mit teils altbekannten, teils erstmal in Deutschland zu sehenden amerikanischen Fotografien aus den Jahren 1939-1943, Johan Simons Münchner Inszenierung von Kleists "Prinz von Homburg", Guillaume Bernardis Frankfurter "Figaro"-Inszenierung, CDs mit Einspielungen der Belcanto-Stars Elina Garanca und Simone Kermes, das "Programm XXIII" des Balletts Mainz und eine Ausstellung mit Plänen für die ehemals letzte Autobahnraststätte vor der DDR-Grenze "Dreilinden". Besprochen werden Hanno Millesis Kindergeschichten "Wände aus Papier" und Politische Bücher (mehr in der Bücherschau des Tages).

SZ, 06.03.2007

Die SZ feiert 50 Jahre unabhängiges Afrika. Am 6. März 1957 wurde die britische Goldküste unabhängig und benannten sich in Ghana um. Die Schriftstellerin Amma Darko ist stolz, wie rechtsstaatlich sich ihr Heimatland heute präsentiert. "Heute können wir einfach herausschreien, was uns an Präsident Kufour nicht passt und dann wieder zu unserer Arbeit zurückkehren. Als Kufour nach seinem Amtsantritt Ghana für bankrott erklärte und sich für die 'Hochverschuldete-arme-Länder'-Nummer entschied, schüttelten die Ghanaer ungläubig den Kopf. Wie konnte er uns das antun? Diese Schande, diese Erniedrigung? Die Ghanaer zahlten ihm das sofort heim. Nicht weit vom Haus des Präsidenten in Accra bekam eine Straßenkreuzung den Spitznamen Hoch-Verschuldete-Arme-Länder-Kreuzung."

Außerdem erklärt der Afrikaforscher Andreas Eckert, warum die afrikanischen Herrscher sich bald wie die vertriebenen Kolonialherren benahmen. Und Axel Timo Purr beschreibt David G. Maillus alternatives politisch-demokratisches System, in dem nach traditionellem Vorbild nach Altersklassen gewählt wird.

Weiteres: Evelyn Roll beklagt in einer Zwischenzeit die "kesselflickerhafte, niveaulose Derbheit" in der Diskussion um Familie und Frauen hierzulande. Adrienne Braun befragt den neuen Leiter der Staatsgalerie Stuttgart, Sean Rainbird, nach seinen Plänen zur Besuchersteigerung. Jörg Häntzschel glaubt, dass nicht die riesigen Oline-Communities wie MySpace, sondern kleine Nischen-Foren das nächste Ding im Interent sind. Johannes Willms erzählt die Baugeschichte des Louvre. Stefan Koldehoff meldet, dass das expansionswillige Auktionshaus Christie's sein Debüt auf der European Fine Art Fair in Maastricht gibt. Auf der Literaturseite gratuliert Lothar Müller dem kolumbianischen Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez zum achtzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Jan Bosses Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" in der Zürcher Schiffbauhalle, Andrei Serbans Version von Jules Massenets Oper "Manon" in der Wiener Staatsoper, in der Anna Netrebko in der vielfältigen Rolle der Manon an ihre schauspielerischen Grenzen stieß, und Bücher, Karsten Jedtlischkas Biografie des Münchner Historikers Ulrich Crämer und eine Auswahl von Henri Michaux' "Frühen Schriften" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 06.03.2007

Im Interview mit Uta Baier erklärt der Künstler Gregor Schneider, warum er unbedingt seinen schwarzen Kaaba-Kubus, den er auf der Biennale in Venedig nicht bauen durfte, nun in Hamburg errichten will: " Das Faszinierende an der Kaaba in Mekka ist, dass es für mich ein unbekannter Raum ist, einer der schönsten und geheimnisvollsten Räume der Menschheit. Das ist das Eine. Beim schwarzen Kubus sprechen wir hingegen über eine Skulptur, die noch nicht gebaut ist. Erst wenn sie gebaut ist, können wir sie anschauen und physisch erleben."

Für wen will Michael Schindhelm in Dubai eigentlich Kultur machen?, fragt sich Manuel Brug nach der Ankündigung, der gescheiterte Direktor der Berliner Opernstiftung wolle nun im Ölemirat Kulturdirektor werden: "Dubai ist reich. Aber ist es wirklich auch sexy, wie Schindhelm in Abwandlung des längst notorischen Wowereit-Ausspruchs über Berlin zitiert wird? Ist der fremde Osten nicht eher Fluchtpunkt für die, die inhaltlich gescheitert sind und sich jetzt weit weg mit Gold ihre Feenschlösser falscher Kunstträumereien errichten?"

Weiteres: Berthold Seewald berichtet, dass Ägyptens Antikenbehörde jetzt die Zusammenarbeit mit allen ausländischen Institutionen einstellen wird, die mit Israel kooperieren. Der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der TU Berlin, Adrian von Buttlar, antwortet Wolf Lepenies' kürzlichem Aufruf "Bitte schaden Sie der Technik". Peter Dittmar weist darauf hin, dass Goldtapeten meist nur aus einer gelbangemalten Silberfolie bestehen. Besprochen werden Martin Schläpfers neue Choreografien im Mainzer Ballett, Wolfgang Engels "Wallenstein"-Inszenierung in Leipzig, Händels "Resurrezione" in Karlsruhe und Arcadi Volodos' neue Liszt-Einspielung.