Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2006. Alle Zeitungen kommentieren natürlich Klaus Staecks Wahl zum neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste: Die SZ hält dies für eine sehr deutsche Entscheidung, die Welt findet sie zeitgemäß. Die taz berichtet vom wachsenden Antisemitismus in der Türkei. Auf dem Genfer Salon du livre hat die NZZ Spielzeug, Schmuck und Kristalle gefunden, aber kaum Bücher. Die FR lobt das neue Programm von Gerhardt Polt und den Biermösl Blosn als völlig sinnlos und völlig wahnsinnig.

TAZ, 02.05.2006

Der Antisemitismus in der Türkei und damit auch unter den deutschen Türken wächst, berichten Daniel Bax und Michael Kiefer. "Der neueste Renner sind Bücher, die vor einer Unterwanderung der Türkei durch die so genannten Dönme warnen. Mit Dönme werden die Anhänger des ehemaligen Rabbiners von Izmir, Sabbatai Zwi, und deren Nachfahren bezeichnet. Dieser hatte sich vor über 300 Jahren zum neuen Messias erklärt und damit Juden aus ganz Europa angelockt. Doch als er im Jahre 1666 verhaftet und vom Sultan zum Tode verurteilt wurde, traten er und seine Gefolgsleute zum Islam über. In die jüdische Geschichte ging Sabbatai Zwi als 'falscher Messias' ein. Die Nachfahren seiner Anhänger aber wurden noch in der modernen Türkei als Kryptojuden misstrauisch beäugt und angefeindet, weil sie bestimmte jüdische Rituale und Gewohnheiten beibehalten haben sollen. Tatsächlich sind Nachfahren dieser Dönme unter engagierten Publizisten, liberalen Politikern und linken Journalisten stark vertreten gewesen."

Als erfrischend physisch und lustvoll hat Sabine Leucht das zweite Festival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater für Regisseure unter Dreißig erlebt. "Bei Susanne Zaun, die mit ihrer ersten Regiearbeit 'Dreckig tanzen' gleich einen Hit landete, geht es um die Einverleibungswünsche der Liebe selbst. Zaun lässt ihre vier Darstellerinnen zeitgleich Wassermelonen aus hoch hängenden Netzen schneiden, dass sie saftig am Boden aufklatschen, um anschließend wollüstig ausgenommen und, ja, gefressen zu werden. Stellvertretend für das männliche Objekt der Begierde wurde den Früchten zuvor mit stierem Blick ein Bekenntnis dargebracht: 'Ich war noch nie so glücklich wie mit dir.' Eine Drohung!"

Weiteres: Dirk Knipphals findet, dass der schnell sprechende neue Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck und seine "eher bedächtig agierende" Vizepräsidentin Nele Hertling sich zumindest rhetorisch gut ergänzen. Robert Misik weist darauf hin, dass die Wirtschaft die Kunst vereinnahmt hat, die der Gesellschaft nun fehlt. Brigitte Werneburg kommentiert den "klammheimlichen" Ankauf von Warhols von "Big Electric Chair" für den Hamburger Bahnhof. Die einzige Rezension widmet sich dem zweiten Teil von Peter Zadeks Autobiografie.

Auf den Tagesthemenseiten würdigt Philipp Gessler den am Sonntag verstorbenen Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel. In der zweiten taz erfährt Adrienne Woltersdorf vom Entwickler der Vergnügungsparks von Disney, Joe Rhode,dass am Anfang jeder Attraktion das Wort ist. "Wir Imagineure glauben, dass die Geschichtenerzähler die ersten Beweger aller Aktivitäten sind."

Und Tom.

SZ, 02.05.2006

Mit verhaltener Begeisterung kommentiert Jens Bisky die Wahl des Plakatkünstler Klaus Staeck zum neuen Präsidenten der Akademie der Künste: "Staeck ist, obwohl er 1993 Mitglied der Ost-Akademie wurde, ein Mann des alten Westens, ein Vertreter jenes Milieus, das gern von 'Einmischung' redet und kämpferische Rhetorik so sehr schätzt wie das behagliche Gefühl, immer auf der richtigen Seite zu stehen, im Namen höherer Moral zu sprechen. Es wirkt nun schon seit zwanzig Jahren anachronistisch. Die neue Vizepräsidentin Nele Hertling gehört seit Jahren zum inneren Zirkel des Berliner Kulturbetriebs. Die Wahl der beiden ist eine sehr deutsche Entscheidung, nämlich dem Geist der alten Westberliner Akademie verpflichte." Tobias Lehmkuhl hat sich bei der Langen Brecht-Nacht daselbst angesehen, was die Akademie programmatisch zu leisten imstande ist.

Andrian Kreye berichtet von der Diskussion, die signandsight.com respektive der Perlentaucher beim New Yorker PEN-Festival zu Identität und Integration veranstaltet hat: "Integration sei ein aktiver Prozess, mahnte Necla Kelek schließlich. Pascal Bruckner stimmte dem prinzipiell zu. Allerdings, so gab er zu bedenken, habe Amerika immer noch die Fähigkeit, seine Fehler zu überwinden. Europa aber sei längst einer kollektiven Depression verfallen, die zu einer Lähmung der gesellschaftlichen Prozesse führe. Dabei liege die Wurzel des modernen Gedanken doch eben dort, ergänzt Richard Rodriguez. 'Wir bekamen das Pronom des Ich von der französischen Aufklärung', schloss er. 'Höchste Zeit, die alte Kultur des Wir hinter uns zu lassen.'"

Weiteres: Zutiefst schockiert ist Oliver Fuchs über die neue CD von Blumfeld, und das nicht wegen der Naturlyrik darauf: "Das Album ist zutiefst mittelmäßig und über weite Strecken stinklangweilig." Steffen Kraft fordert von der angeblichen Generation Praktikum "mehr Mut und mehr Wut" und weniger Larmoyanz und Reflexionsverweigerung. Stefan Ulrich berichtet, dass die Kirche Santo Stefano Rotondo nach Jahrzehnten der Restaurierung nun wieder eröffnet wurde. Hans Schifferle berichtet vom Filmfest Linz: "Das junge europäische Kino, das war zu beobachten, entdeckt die peripheren Landstriche des Kontinents." Gerhard Matzig sieht eine Konkurrenz der Städte in den nächsten Jahrzehnten aufziehen: "Allmählich spricht sich herum, dass die vielbeschworene 'Renaissance der Stadt' nicht nur ein Sieg für die urbane Gesellschaft von morgen sein wird. Sondern dass es vor allem auch Verlierer unter den Städten geben wird."

Besprochen werden die neue "Bayern-Sause" von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn am Münchner Residenztheater ("Irgendwie ist selbst die weißblaue Wirklichkeit nicht mehr recht satisfaktionsfähig"), die Ausstellung "Das Spiel" im Deutschen Historischen Museum Berlin und Bücher, darunter die beiden neuen Rathenau-Biografien und die Liebesgedichte von Theodor Kramer "Lass still mich bei dir liegen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 02.05.2006

Eckhard Fuhr sucht nach Gründen für die Wahl Klaus Staecks zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste: "Jahrelang haben in der Republik Modernisierungs-Berserker Takt und Ton angegeben. Der Stress, den sie verursachten, steht in keinem Verhältnis zu substantiellen Veränderungen, die das Land voran brächten. Jetzt ruft das Publikum nach Altbewährtem. Die SPD wird wieder von einem richtigen Sozialdemokraten geführt. Und die Berliner Akademie der Künste auch. Klaus Staeck passt in die geistige Landschaft."

In einem Interview, das die Welt aus der Moskauer Wochenzeitung Moskowskije Nowosti übernommen hat, redet der Schriftsteller Alexander Solschenizyn von der völligen Umzingelung Russlands durch den Westen . "Eine Anbindung Russlands an eine solche euroatlantische Allianz... würde nicht zur Ausweitung, sondern zum Niedergang der christlichen Zivilisation führen."

Weiteres: Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller glaubt im Interview, dass die seit je bestehenden Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen heute stärker ins Bewusstsein treten. Besprochen werden die Premiere des neuen Programms von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn am Münchner Residenztheater, der 9/11-Film "United 93" des britischen Regisseurs Paul Greengrass, und der gelungene Start des 10. Musik-Festivals Heidelberger Frühling.
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NZZ, 02.05.2006

Ein wenig irritiert kehrt Sabine Haupt vom Genfer Salon du livre zurück, den sie vor allem als "lärmigen Basar" erlebt hat, "dessen Kerngeschäft, der Vertrieb von Büchern, gar von Literatur, immer mehr in den Hintergrund gerät": "Dass man auf der Genfer Buchmesse unter anderem Schmuck und Mode-Accessoires, Kristalle, graphologische Gutachten, Spielzeug, Gesundheits- und Fitnessgeräte erwerben kann, damit hat man sich ja inzwischen abgefunden. Dass man jedoch wie in der Einkaufszone oder vor dem Bahnhof nun auch hier von Werbeleuten belästigt wird, die nichts als eine neue Kreditkarte oder einen neuen Telefonvertrag anzubieten haben, ist noch gewöhnungsbedürftig. Vermutlich sind die Standmieten in Genf für solche Unternehmen erschwinglicher als für so manchen Deutschschweizer Literaturverlag, der sich, spätestens seit der Gründung der Basler Buchmesse, Genf als zweiten nationalen Auftritt einfach nicht mehr leisten kann."

Weiteres: Claudia Schwartz kommentiert die Wahl Klaus Staecks zum neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste: "Gut möglich, dass es mit der idyllischen Ruhe in der altehrwürdigen Akademie nun vorbei ist." Caroline Kesser erzählt vom bewegten Leben des Jan Krugier, der Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hat und einer der größten Kunstsammler der Schweiz geworden ist. Christoph Egger war auf dem Dokumentarfilmfestival Visions du reel in Nyon. Peter Hagmann berichtet von Veranstaltung anlässlich des hundertsten Geburtstags des Mäzens Paul Sacher. Brigitte Schneebeli schreibt zum Tod des indonesischen Autors Pramoedya Ananta Toer. Besprochen wird Paul Greengrass' 9/11-Film "United 93".

FR, 02.05.2006

Das Münchner Residenztheater war zwar zu groß, dennoch hat sich Michael Skasa mit dem neuen Programm von Biermösl Blosn und Gerhard Polt prächtig unterhalten. "Aus der Tiefe des dunklen Raums stiefelt er da mit gigantischer Bischofsmitra an die Rampe, einen Laubbläser vorm Soutanenbund im Anschlag. Aus dem Munde fährt ihm, wie von Ratzinger dialektal gequetscht, italienischer Salbader über das Wunder solcher Geräte, 'Un regalo di Dio', 'prezzo ecceptionale' und mitten im Italo-Rhabarber die schönen deutschen Wörter 'Hobbymarkt' und 'Laubbläser'. Völlig sinnlos und völlig wahnsinnig."

Rudolf Walther erinnert an den Staatsrechtler und Marxisten Wolfgang Abendroth, der vor hundert Jahren geboren wurde. Harry Nutt begründet die Wahl von Klaus Staeck zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste mit dem "erhöhten Pragmatismusbedarf" der Institution. In Times mager konnotiert Christian Thomas munter das frühjährliche Ausschlagen der Natur mit den (ausgebliebenen) Randalen von gestern.

FAZ, 02.05.2006

Andreas Kilb kommentiert die Wahl des Politgrafikers Klaus Staeck zum neuen Präsidenten der Akademie der Künste. Keine schlechte Wahl findet er, die Erfolgsaussichten sind dennoch ungewiss: "Wenn die Akademie bei aktuellen Themen mit dem nötigen Gewicht auftreten, sprich: auf Anlässe wie die Rechtschreibreform oder den Karikaturenstreit intellektuell und ausstellungstechnisch angemessen reagieren soll, müssen die Direktoren einen Teil ihrer Programmkompetenz ans Präsidium abtreten. Ob ihnen dieser Verzicht gelingt, darf bezweifelt werden. "Scheitern kann man immer", stellte Staeck am Abend nach seiner Wahl stoisch fest. Wenn nicht alles täuscht, wird er entweder sehr kurz oder sehr lange im Amt bleiben, je nachdem, wie weit die Akademie bereit ist, ihm auf seinem Weg zu folgen." Thomas Wagner porträtiert den neuen Präsidenten.

Jordan Mejias meldet vom PEN-Festival in New York, zu dem 135 Schriftsteller aus aller Welt angereist sind - fast alles Atheisten, wie Mejias erfahren haben will -, um über "Glaube und Vernunft" zu diskutieren (Unter anderem auf einer Veranstaltung des Perlentauchers und seines englischsprachigen Dienstes signandsight.com): "Zwischen Ehrenmord, gescheiterter Integration und der Stärkung des Clans auf Kosten des Individuums ließen die düsteren Gegenwartsanalysen wenig Raum für Lichtblicke. Pascal Bruckner traute Europa immerhin zu, der Welt einen säkularen Islam zu schenken. Und das Video, mit dem Tariq Ramadan die Einwanderungsbehörde umging, signalisierte nebenbei, wie heute selbst die Kontrollmechanismen einer Supermacht versagen."

Weiteres: Vom Streit um die spanischsprachige Version der US-Hymne berichtet ebenfalls Jordan Mejias. Alexandra Kemmerer hat einen Vortrag des amerikanischen Rechtsphilosphen Ronald Dworkin (mehr) gehört, der die Menschenrechtsverstöße der US-Regierung scharf kritisierte. Gemeldet werden die Namen der Kandidatinnen für den britischen Orange-Literaturpreis der nur an Frauen verliehen wird. Katja Gelinski berichtet, dass ein Kinderbuch um ein schwules Prinzenpaar jetzt die Gerichte in Massachusetts beschäftigt. Paul Ingendaay studiert den Jahresbericht und die Besucherstruktur der spanischen Dali-Stiftung. Judith Lembke erzählt von einem Experiment: Sie hat sich mit Kopftuch durch die deutsche Großstadt bewegt. Kurz vorgestellt wird eine Erklärung der Rechte und Würde des Menschen der russisch-orthodoxen Kirche, in der besonderer Wert auf "Glaube, Moral und Vaterland" gelegt wird. Swantje Karich berichtet vom Kulturforum der European Cultural Association in Istanbul - und bemerkt kritisch, dass es in der türkischen Metropole keine kompetente Kunstkritik gibt. Den Nachruf auf den französischen Philosophen und Publizisten Jean-Francois Revel hat Jürg Altwegg verfasst. Jürgen Tietz lobt den Erweiterungsbau des Museums Abtei Liesborn.

Auf der DVD-Seite finden sich Besprechungen zu Filmen von Damiano Damiani, Eric Rohmer, zu Alan Pakulas "Die Unbestechlichen" und zum Schulmädchen-Report. Michael Althen kann in der Glosse nicht fassen, dass es in Deutschland nur einen einzigen Film von Roberto Rossellini - der nächste Woche seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte - auf DVD gibt.

Besprochen werden das neue Programm von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn mit dem Titel "Offener Vollzug", das neue Album der Dresden Dolls, Jonathan Caouettes Film "Tarnation", eine Brecht-Nacht in der Berliner Volksbühne, eine Ausstellung mit Werken des Künstlers Jonathan Meese in den Hamburger Deichtorhallen, eine Inszenierung der Oper "Proserpina" von Joseph Martin Kraus in Schwetzingen und die Fußballtheaterveranstaltung unter dem Motto "Brot und Spiele" in der Nicht-WM-Stadt Düsseldorf. An Literatur wird Michael Wallners Roman "April in Paris" rezensiert (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).