Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.03.2006. In der FAZ kritisiert Robert Gernhardt die Ängstlichkeit der westlichen Zeitungen, die es nicht wagten, die dänischen Mohammed-Karikaturen abzudrucken. Die taz sah in Paris "Nutten der Finsternis" defilieren. In der Welt beschimpft Arnulf Baring den Dresden-Zweiteiler des ZDF als "ängstlichen Kompromiss". Kritikergott Stadelmaier zeigt sich in der FAZ gnädig mit Thomas Ostermeiers Inszenierung von Eugene O'Neills "Elektra", die der Tagesspiegel allenfalls "Spiralblockfreunden" empfehlen möchte. Außerdem verlinken wir auf die Oscars.

FAZ, 06.03.2006

Zu den Oscars hat das FAZ.Net ein kleines Dossier zusammengestellt.

Auf der Medienseite interviewt Hans Riebsamen den Dichter Robert Gernhardt zum Karikaturenstreit, der vor allem die Ängstlichkeit der westlichen Medien kritisiert: "Für mich bestand das größte Ärgernis darin, dass ich diese Karikaturen nicht zu Gesicht bekam. (...) Alle westlichen Zeitungen hätten sie zeigen sollen, um ihre Leser zu informieren, worum es bei dem Streit eigentlich geht. Jetzt werden wir in einem Zustand der Unmündigkeit gehalten. Ich jedenfalls habe besagte Karikaturen nur einmal schnell bei den Abendnachrichten über den Bildschirm flackern sehen." (Im Internet zirkulieren die Karikaturen dagegen, zum Beispiel hier.)

Im Aufmacher des Kulturteils stellt Jordan Mejias Robert Ferrignos in den USA erfolgreichen Science-Fiction-Thriller "Prayers for the Assassin" (Auszug) vor, der in der Islamischen Republik Amerika im Jahr 2040 spielt: "Es blieben einige islamfreie Rückzugsgebiete. Im zweiten amerikanischen Bürgerkrieg erlangte der Süden als Bible Belt doch noch seine Unabhängigkeit, deren evangelikale Natur ihn allerdings weder vor Pest noch sozialem Chaos bewahrte. Die mormonischen Territorien kapselten sich um Salt Lake City ab, und im angrenzenden Freistaat Nevada herrscht nun erst recht und richtig Kapitalismus pur, eine Brechtsche Mahagonny-Vergnügungsdiktatur..."

Weitere Artikel: Thomas Ostermeiers Schaubühnen-Inszenierung von Eugene O'Neills "Trauer muss Elektra tragen" fand einen "für diesmal" gnädigen Kritikergott Stadelmaier vor, dem vor allem Susanne Lothar als Mutter Christine zusagte: "Ihr Herz liegt unter Panzerglas, dessen Risse und Splitter ihr durch Augen und Kopf zu geistern scheinen." Felicitas von Lovenberg erinnert in der Leitglosse an die in Deutschland wenig bekannte Dichterin Elizabeth Barrett-Browning, die in diesen Tagen 200 Jahre alt würde. In der Reihe "Leitsprachen" zitiert Kerstin Holm Klagen über den Verfall des Russischen durch Anglizismen und Provinzialismen. Angelika Heinick geht der Frage nach, ob es sich bei zwei im französischen Städtchen Loches nahe Tours aufgefundenen Gemälden tatsächlich um Caravaggios (Bilder) handelt und winkt ab.

Auf der letzten Seite porträtiert Alexander Müller den äußerst schreibfreudigen Romancier und Reporter William T. Vollmann, der jüngst für seinen Roman "Europe Central" den National Book Award erhielt. Kerstin Holm verweist auf einen Aufsatz in der Zeitung Wremja nowostej, in dem der Soziologe und Filmhistoriker Daniil Dondurej den allgemeinen kulturellen Niedergang Russlands beklagt. Und Cord Riechelmann meditiert über "Zugvögel".

Besprochen werden letzte Konzerte Kent Naganos mit dem Deutschen Symphonie Orchester, Roland Mosers Oper "Avatar" in Gelsenkirchen, Pieter de Buyssers Stück "Robinson Cruso, die Frau und der Neger" an den Münchner Kammerspielen, Gerhard Friedls Filmmeditation mit dem zauberhaften Titel "Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?" sowie Sachbücher, darunter ein bisher nur auf Englisch erschienenes Dictionary of Gnosis and Western Esotericism.

NZZ, 06.03.2006

Angelika Timm berichtet, wie kühl Steven Spielbergs "München" und Hany Abu-Assads "Paradise Now" in Israel aufgenommen wurden. Susanna Kumschick betrachtet den Futon in seiner kulturanthropologischen Bedeutung für die Schweiz. Claudia Schwartz besichtigt die erheblich verbesserte neue Dauerausstellung im Haus der Wannseekonferenz. Helmuth Mojem erzählt von einem bisher unbekannten Brief Friedrich Schillers an seinen Jugendfreund Carl Philipp Conz, der kürzlich als Legat dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben wurde. Rüdiger Görner erinnert zu deren zweihundertstem Geburtstag an die Lyrikerin Elizabeth Barrett Browning.

Stichwörter: Israel, Steven Spielberg

TAZ, 06.03.2006

"Nutten der Finsternis" hat Katrin Kruse bei John Gallianos Dior-Defilee bei den Pariser Pret-a-porter-Schauen gesehen: "Es begann schwarz, recht kurz und sehr eng, Röcke mit knappen Jacketts, ging über Offwhite zu Rot und lang und kam als Materialmelange: latexisiertes Leinen, lurexisierte Organza, Schlangenleder und in Streifen gearbeitetes Fell. 'Hässliche Kleider für reiche dumme Frauen', sagt ein Kollege."

Weiteres: Schwere Einwände erhebt Andreas Resch gegen das Verbot des Kannibalen-Films "Rothenburg": "Hier versucht jemand, der durch seine Tat zur Person der Zeitgeschichte wurde, die Kontrolle über seine öffentliche Darstellung zu erlangen." Besprochen werden die Ausstellung "chaplin in pictures" in den Hamburger Deichtorhallen und Johan Simons "kluge" Inszenierung "Robinson Cruso, die Frau und der Neger" nach J.M. Coetzees Robinsonade "Foe" an den Münchner Kammerspielen.

Und hier noch TOM.
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Welt, 06.03.2006

Ein "ängstlicher Kompromiss" ist der "Dresden"-Film, schimpft Arnulf Baring, der 1945 die Bombardierung erlebt hat. Statt den Untergang einer bürgerlichen Kultur und die Folgen zu zeigen, habe politische Korrektheit die Regisseure dazu getrieben, "einen englischen Piloten, obendrein mit einer deutschen Mutter, zur zentralen Person dieses Films zu machen ... Da geht eine Welt, stellvertretend für das Bürgertum ganz Deutschlands, zugrunde, eine Kulturstadt des Barock, eben Elbflorenz, und das wird in Beziehung gesetzt zur Geburt eines deutsch-englischen Kindes! Das unklar Gefühlte, das Verhunzte solch schräger Erwägungen lässt den ganzen Film verrutschen."

Weitere Artikel: Gabriela Walde stellt eine Werkausgabe zu Ehren des Bildhauers und Grafikers Johann Gottfried Schadow vor. Gerhard Gnauck schreibt zum 80. Geburtstag des Filmregisseurs Andrzej Wajda. Manuel Brug würdigt den Dirigenten Kent Nagano, der jetzt von Berlin nach München wechselt.

Das Forum hat Andre Glucksmanns Artikel aus Le Monde übernommen, in dem er den Unterschied zwischen Witzen über Mohammed und Witzen über den Holocaust erklärt. Und Paul Kirchhof versucht am Beispiel eines Verkehrsstaus zu erklären, wie sich der Reformstau auflösen lässt.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Eugene O'Neills "Trauer muß Elektra tragen" an der Berliner Schaubühne, Ang Lees "Brokeback Mountain" ("ein Meilenstein, weil er Homosexualität normalisiert", findet Hanns-Georg Rodek), zwei Aufführungen anlässlich der 29. Händel-Festspiele und eine CD von David Gilmour.

Tagesspiegel, 06.03.2006

"Selten hat man eine so ungeschickte, hölzerne, sich selbst immerzu verratende Aufführung gesehen", schreibt Rüdiger Schaper erschüttert über Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Trauer muss Eletkra tragen". Aber sie habe auch etwas Gutes: "Immerhin begreift man, dass die nun auch vom Spiegel aufgenommene Debatte über Schmuddel- und Regietheater selbst nur eine fahle Inszenierung falscher Gegensätze ist. Denn an der Schaubühne erleben wir den wohl ernst gemeinten, aber vollständig missglückten Versuch, mit Schauspielern und Rollen zu arbeiten und sich mit einem Text auseinander zu setzen. Eben das, was die Spiralblockfreunde fordern. Sex und Körperschmiere halten sich in Grenzen bei Ostermeier. Er hat seinen O?Neill nur ein bisschen gemordet. Das ist das Ärgste."

FR, 06.03.2006

Rudolf Walther vermisst bei Daniel de Roulets Icherzähler, der sich in dem Roman "Ein Sonntag in den Bergen" zum Brandanschlag auf Axel Springers Schweizer Ferienhaus 1975 bekennt, die Reflexion über die Tat. Daniel Kothenschulte gratuliert dem polnischen Filmemacher Andrzej Wajda zum Achtzigsten. Und Elke Buhr beobachtet in Times mager einen Zugnachbarn beim virtuellen Kampfeinsatz im Nahen Osten.

Im Medienteil rätselt Christian Sonntag, warum der spätere Chefredakteur Hans Zehrer 1946 die Welt verlassen musste. Eine Besprechung widmet sich Martin Nimz' "mittelmäßiger" Inszenierung von Edward Albees Klassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"

SZ, 06.03.2006

Am 19. März wird in Weißrussland der Präsident (wieder)gewählt, was Ingo Petz veranlasst, die sympathischen Seiten des "Nordkoreas Europas" vorzustellen. "Der Über-Intellektuelle war Wassil Bykau, zusammen mit Uladschimir Karatkewitsch der weißrussische Schriftsteller. Bykau wird von vielen der weißrussische Dostojewski genannt, weil er der Meinung war, dass seine Landsleute das Leiden so sehr lieben. Unglücklicherweise ist er schon tot. Um den Nachwuchs muss man sich aber keine Sorgen machen, wie das hohe Niveau der Zeitschrift Arche beweist. Dort schreibt auch der Dichter Andrej Chadanowitsch: 'Der deprimierte Poet aus Belarus schafft und singt über sein Unglück, dann holt er aus und zerschlägt in 500 Zeilen seine Landsleute - und endlich geht es ihm wieder gut.'"

Der ägyptische Filmemacher Ahmed Khaled hat einen kleinen Film über heimliche Zärtlichkeiten in einem Bus gedreht, der wohl keine Chance auf eine Aufführung hat, berichtet Sonja Zekri. Schon die Dreharbeiten waren schwierig. "Dem Direktor des Transportunternehmens log Khaled vor, er drehe einen Film über ein Paar auf dem Weg in die Ferien. 'Oh, sagte der, ich hoffe nur, Sie machen keinen Film über Sex in unseren Bussen. Ich antwortete: Sex im Bus? Nie gehört . . . ', erzählt er. Dabei liegt die Provokation gerade darin, dass alle davon gehört haben - 'die Strecke zwischen Giseh und dem Flughafen war berühmt' - und Freunde ihm mitteilten, nun müssten sie sich wohl eine andere Zuflucht suchen."

Weiteres: Peter Harry Carstensens Maßnahme, die Kultur in Schleswig-Holstein der Staatskanzlei zu unterstellen, kann Thomas Steinfeld nach einem Jahr nur Gutes abgewinnen. Alex Rühle schreibt über den Tod von Henry M. Morris, einer der Schöpfer des Kreationismus oder "Intelligent Design" (Wikipedia). H.G. Pflaum gratuliert dem polnischen Filmregisseur Andrzej Wajda zum achtzigsten Geburtstag.

Besprochen werden die Frankfurter Schauen zu Max Beckmann in der Schirn, dem Städel und dem Museum für Moderne Kunst, eine Ausstellung mit Shakespeare-Konterfeis in der Londoner National Portrait Gallery, Johan Simons "abstrakte" Inszenierung "Robinson Cruso, die Frau und der Neger" auf der Grundlage von J. M. Coetzees Roman "Foe" in den Münchner Kammerspielen, ein Londoner Konzert des Songwriters Jack Johnson, DVDs von Lukas Moodysson, Ed Wood und Richard Kelly, und Bücher, darunter Laurence Cosses Roman "Der 31. Tag des Monats August" und eine Hörversion von Heimito von Doderers "Die Merowinger oder Die totale Familie" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).