Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.01.2005. Im Perlentaucher warnt Andre Glucksmann vor Wladimir Putin, der sich angesichts der ukrainischen Demokratiebewegung mal wieder als unverbesserlicher Tschekist erwies. In der Welt beklagt der Berliner Baustadtrat den mangelnden Respekt der Stadt Schanghai vor der Berliner Traufhöhe. Die NZZ fragt anlässlich der RAF-Ausstellung, warum sich die Kunst mehr für Täter als für Opfer interessiert. In der taz findet der Berliner Drei-Opern-Chef Michael Schindhelm eine seiner drei Opern ziemlich verstaubt.

TAZ, 31.01.2005

Michael Schindhelm, frisch designierter Chef der Berliner Opernstiftung (mehr), erklärt im Interview auf den Tagesthemenseiten, "wer die Erfahrung des Mauerfalls verinnerlicht hat, der glaubt nicht mehr an Gewissheiten für alle Zeiten". Diesen Satz sollte sich Kirsten Harms, die neue Intendantin der Deutschen Oper in Charlottenburg merken! Denn für Schindhelm gehen die Komische Oper und die Staatsoper "mit neuen Regisseuren bereits in eine Richtung, die mit verstaubtem Operngeschehen nichts mehr zu tun hat. Aber die Deutsche Oper hat eine ganz andere Geschichte, und sie befindet sich in Charlottenburg. Dort gibt es nicht die Konzentration von hauptstädtischer Kultur, wie es Unter den Linden der Fall ist." Aber dann windet sich Schindhelm wieder raus: "Das Repertoire, das es an der Deutschen Oper gibt, erzählt etwas über die Geschichte von Oper: die Totengeister von Übervater Götz Friedrich. Es wäre falsch zu sagen: Oper hat nichts mit Museum zu tun."

Das Feuilleton ist für Gabriele Goettle reserviert, die uns Gabi vom Umsonstladen in Berlin vorstellt, der 2001 neben einem verlassen aussehenden Beate-Uhse-Sexshop in einem noch nicht renovierten Teil der Berliner Mitte eröffnet hat. "Es ist wichtig, wenn man was ins Leben ruft, dass man sich dafür dann auch verantwortlich fühlt. Das betrifft natürlich letzten Endes auch die Sauberkeit im Laden hier. Ihr habt das ja vorhin so rübergebracht, dass es ziemlich keimig ist, verkommen. Ich persönlich habe das Gefühl auch, und ich werde es noch mal ansprechen in der Vorbereitungsgruppe, dass es mir schon wichtig wäre, regelmäßig sauber zu machen, um das, was ich als keimig empfinde, wegzubekommen. Wir werden sehen, ob das alle wollen."

In der zweiten taz berichtet Joachim Lottmann fast angeekelt von der Jubiläumsveranstaltung "25 Jahre Grüne" in der Berliner Kulturbrauerei und wundert sich über den allgegenwärtigen Staub. "Irre, wie man in einem Vierteljahrhundert vergreisen kann!" Auf der Medienseite referiert Miriam Bunjes, welche Themen es 2004 nicht in die Medien geschafft haben. An oberster Stelle diesmal "Aus Deutschland abgeschoben - und dann?"

Schließlich Tom.

Weitere Medien, 31.01.2005

Im Perlentaucher denkt Andre Glucksmann nochmal über den Sieg der Demokratiebewegung in der Ukraine nach - aber auch über Wladimir Putin, der sich bei dieser Gelegenheit mal wieder als unverbesserlicher Tschekist erwies: "Falls er ehrlich ist, ist er inkompetent. Und falls dieser blutige Hanswurst Komödie spielt, dann ist er leider nicht sehr komisch. Russland, die zweitgrößte Atommacht der Erde, der zweitgrößte Waffenhändler, der zweitgrößte Energielieferant ist eine Zeitbombe zu unseren Füßen. Im Angesicht des großen Nachbarn geben die Ukrainer den Europäern eine Lektion in Mut, Hellsichtigkeit und Feuer, die so vielen unter uns abgehen."

Welt, 31.01.2005

Berlins Senatsbaudirektor Hans Stimmann steht nach nach einem Besuch in der 20-Millionen-Metropole Schanghai unter Schock. "Die Bewältigung der dramatischen Motorisierung erfolgt vor allem durch den Bau doppelstöckiger Stadtautobahnen, die ohne Rücksicht auf vorhandene Bebauung durch die Stadt geschlagen werden.Während etwa in Berlin der Einbau eines Straßenbahngleises in eine vorhandene Straße an den komplizierten Verfahrensschritten einer Planfeststellung zu scheitern droht, herrscht in Peking noch die Diktatur der Straßenplaner. Nicht nur für die neuen Verkehrstraßen, auch für die neuen Stadtquartiere werden vorhandene Altbauquartiere und damit wertvolle Zeugnisse der Geschichte rücksichtslos abgerissen, Landschaften begraben und durch eine unendlich erscheinende Menge anonymer Wohn- und Bürohochhäuser ersetzt. Die Idee der Stadt mit einem verständlichen Stadtgrundriss und einer bildhaften Silhouette nach dem Muster europäischer oder selbst amerikanischer Städte hat hier keine Gültigkeit mehr." Und noch schlimmer: "Die Traufhöhe, wenn es so etwas je gegeben hat, hat sich in eine nach oben offene Maßeinheit aufgelöst."
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Stichwörter: Berlin, Hans Stimmann

NZZ, 31.01.2005

Joachim Güntner hat die Berliner RAF-Ausstellung besucht und findet besonders auffällig, dass sich die Künstler den Terroristen mit größerer Leidenschaft gewidmet haben als den Opfern. Trotzdem hat er keine Sorge, dass die RAF glorifiziert werden könnte angesichts der "Vielfalt künstlerischer Positionen", darunter auch so "flauer Kalauer" wie "Ich stamme aus Mannheim, mein Heim ist Stammheim" von Peter Weibel.

Der Philosophieprofessor Otfried Höffe überlegt, wer sich in Zeiten der Globalisierung noch mit dem Ehrentitel "aufgeklärter Weltbürger" schmücken darf. Er definiert ihn in erster Linie als politisch und nicht wirtschaftlich global denkenden Menschen. "Politiker glauben neuerdings, alle Lebensbereiche könnten am BWL-Wesen genesen - an den Prinzipien der Betriebswirtschaftslehre. Sie mögen sich, bitte, fragen, ob sie denn auch ihre Partei und ihr Ministerium wie einen Autokonzern führen und dabei, wie mittlerweile in den Universitäten, einen Aufsichtsrat einrichten, der sich großenteils aus Fachfremden und Außenstehenden zusammensetzt. Im Wissen um die unterschiedlichen Sachgesetzlichkeiten der verschiedenen Lebensbereiche tritt unser umfassender Weltbürger dem neuen Imperialismus des BWL-Denkens entgegen."

Weitere Artikel: Christoph Egger resümiert die zu Ende gegangenen 40.Solothurner Filmtage, Leopold Federmair gratuliert dem Schriftsteller Kenzaburo Oe zum siebzigsten Geburtstag und Stefana Sabin schreibt zum Tod des "wohlwollenden" Satirikers Ephraim Kishon.

Besprochen wird die Theaterinszenierung des schwedischen Coming-Out-Filmes "Fucking Amal" am Theater Basel.

Berliner Zeitung, 31.01.2005

Das Theaterereignis des Wochenendes war Lessings "Minna von Barnhelm" am Deutschen Theater. Ulrich Seidler nörgelt zwar an den Hauptrollen herum, aber die Nebenrollen fand er hervorragend: "Nina Hoss, die vor ein paar Jahren am selben Haus die Minna spielte, zeigt nun umwerfend komisch deren Kammerjungfer Franziska, führt vor, wie sich Lessings angespitzte Satzkonstruktionen aus schiefem, schnellem Mundwerk abschießen lassen. Sven Lehmann als Diener Just kaut umständlich auf den Formeln herum, nimmt, wenn die Spannung steigt, genüsslich das Tempo heraus, um dann, wenn die Aufmerksamkeit hart auf Anschlag ist, langbogige Schimpfgirlanden in die Luft zu pusten. Horst Lebinsky ist mit seinen in schmierigserviler Schwere schlenkernden Händen in der Rolle des habgierigen Wirts sehr zu Hause. Wenn er auf die Obrigkeit zu sprechen kommt, kann er es mit der Schnittigkeit einer Kreissäge aufnehmen. Frank Seppeler steht seinen Wachtmeister in wachtmeisterlicher Stocksturheit, hölzern, aber warmherzig. Und Michael Goldberg sprechrotzt als alkoholkranker, grindiger, schweinischer Riccaut de la Marliniere dermaßen undosiert an jeder Hotelordnung vorbei, dass Einiges im Teppich und im Gedächtnis kleben bleibt."
Stichwörter: Nina Hoss, Teppiche

FR, 31.01.2005

Peter Iden erfährt Barbara Freys Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück" am Deutschen Theater in Berlin als "unaufgeregte Erkundung". Besonders beeindruckt ihn der kinoerfahrene Ulrich Matthes als Major, der wieder einmal "auf der Höhe seiner Fähigkeiten" agiert: "von äußerster Genauigkeit und hochsensiblem Sprachgefühl in der Diktion, ebenso genau und empfindlich in den Haltungen des psychisch und physisch versehrten Mannes wie des Aufbegehrenden, den sein ehernes Ehrgefühl hindert, die Zuwendung Minnas anzunehmen. Wie Matthes, offenes schwarzes Hemd, leicht angestoßener heller Anzug, diesen Mann vorstellt, ist, auch noch im Moment der Rehabilitierung des Offiziers, etwas von einem Rückzug auf sich selbst zu spüren."

Oliver Tepel bestaunt ein nun in Düsseldorf ausgestelltes Frühwerk Martin Kippenbergers, eine aus 1300 Fotos und Zeitschriftenausschnitten bestehende Bodencollage, die Kippenbergwer 1976 für den Partyraum der Designerin Claudia Skoda in Berlin bastelte. Kurz vor der Renovierung des Hauses wurde das vergessene Werk nun herausgeholt. "Die Photos ergeben oft Cinema-Verite-Bildfolgen, in ihrer Ästhetik etwa an Jacques Rivettes 'Out 1' (mehr) erinnernd, daneben werden Bilder von Werbeschildern zu neuen Aussagen gereiht, es gibt Posen in grauer Tristesse, Dokumentationen des Work in Progress am Bodenwerk und der Glanz einer Boheme, die gerade neue Impulse erhält."

Weitere Artikel: Thomas Roth porträtiert den im Alter von 80 Jahren verstorbenen Satiriker Ephraim Kishon als Schöpfer vertrauter Welten, "tröstlich in ihrer Übersichtlichkeit". In Times mager sinniert Gunnar Luetzow über die symbolisch aufgeladenen ehemaligen Kraftwerke Londons. Und auf der Medienseite verabschiedet Oliver Gehrs den RTL2-Chef Josef Andorfer, der nach einigen Fehlern morgen gehen soll.

SZ, 31.01.2005

Christine Dössel findet Barbara Freys Inszenierung von Lessings "Minna von Barnhelm" am Deutschen Theater in Berlin etwas zu unentschlossen. Von allem etwas - Ost und West, Krieg und Frieden, am Schluss gewinnt die Mann-Frau-Problematik. Ein deutliches Wort aber noch zu Ulrich Matthes, der in der FR so gelobt worden ist. Bei Drössel kommt er "wie ein geschundener Wolf herein, hohläugig, übernächtigt, ernst -- ein großer deutscher Depressiver. Steht da, bleich und stramm, und gestattet sich weder ein Lächeln noch einen Schuss Lächerlichkeit. Statt Uniform trägt dieser Tellheim einen beigen Anzug im lässigen Camel-Freizeit-Look, den gelähmten rechten Arm - eine Kriegsverletzung - kultiviert er außerhalb des Ärmels. Mit Matthes ziehen dunkle Wolken über Freys heiterem Komödiengetriebe herauf. Nähe lässt dieser Ehrendoktor der deutschen Tugendhaftigkeit nicht zu, und von erotischem Prickeln hat er vermutlich noch nie etwas gehört."

Weitere Artikel: Andrian Kreye führt im Aufmacher des Feuilletons ein paar Theorien und Namen auf, die sich mit dem Ende des amerikanischen Weltreichs beschäftigen, darunter auch den des Historikers Jared Diamond, der in seinem neuen Buch "Collapse" Parallelen zwischen der untergegangenen Hochkultur der Osterinseln und den USA zieht (hier die Besprechung in der New York Times Book Review). Sonja Zekri erfährt von Roland Bernecker, dem Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, dass er auf der heute beginnenden Konferenz für einen Schutz der Kultur vor dem Markt eintreten wird. Kristina Maidt-Zinke würdigt den verstorbenen Satiriker Ephraim Kishon als "angeschrägtes Schlitzohr". Gustav Seibt gratuliert dem japanischen Erzähler Kenzaburo Oe zum Siebzigsten und würdigt ihn als seltenen Vertreter der Weltliteratur, "einer der wenigen überhaupt, die heimische mit fremden Traditionen fruchtbar verbunden haben".

Dirk Peitz fragt sich, was wir dem ab heute wegen Missbrauch vor Gericht stehenden "Zombie unserer Fantasien" Michael Jackson wünschen sollen. Fritz Göttler hat erfahren, dass in den USA jetzt ein Al-Qaida-Reader mit Texten der Topterroristen herauskommen soll. Henning Klüver preist den Literaturpreis der italienischen Schnapsbrennerei Nonino, der sich zurückhaltend gibt, dessen hochkarätig besetzte Jury aber mit Mo Yan, Mahasweta Devi und Giorgio Parisi wieder einmal zukunftsweisend ausgewählt hat. Alexander Menden erinnert an den Post-Punk-Fusion-Sound der "Gang of Four", die derzeit nach langer Pause wieder durch England touren.

Besprochen werden eine "beeindruckende" Ausstellung mit Bildern des Fotografen Robert Capa im Berliner Gropiusbau, Brad Silberlings Film "Lemony Snickets rätselhafte Ereignisse", die Erzählung von Mozarts Operettenfragment "Zaide" mit Nikolaus Harnoncourt und Tobias Moretti in Salzburg, und Bücher, darunter Stefan Heidenreichs "insgesamt lehrreiche" Studie "FlipFlop. Digitale Datenströme und die Kultur des 21. Jahrhunderts", der von Paul Michael Lützeler innerhalb der Thomas Mann-Studien herausgegebene Band "Freundschaft im Exil. Thomas Mann und Hermann Broch" sowie Joachim Perels Aufsatzband "Entsorgung der NS-Herrschaft" zu den Wurzeln und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 31.01.2005

Munter in den Montag schickt uns die FAZ mit einem Aufmacher des Internisten Gerhard Ehninger, der die Gesetzesplanungen zum Problem der Patientenverfügung unter die Lupe nimmt und vor Bürokratisierung und Formalisierung warnt. Lorenz Jäger schreibt zum Tod des Schriftstellers Ephraim Kishon. Kerstin Holm sucht in Moskau nach dem aus sozialistischen Zeiten bekannten Phänomen der Schlange, findet es aber nicht mehr. Steffen Gnam gratuliert Kenzaburo Oe zum Siebzigsten. Michael Gassmann resümiert ein Symposion im im Schloss Eichholz zu Fragen von christlichen Werten und demokratischer Verfassung, das von der Adenauer- und der Böll-Stiftung gemeinsam organisiert wurde. Ingeborg Harms blickt in deutsche Zeitschriften. Edo Reents schreibt zum Tod des Rockschlagzeugers Jim Capaldi.

Auf der Sachbuchseite empfiehlt Lorenz Jäger allen Befürwortern einer Rudi-Dutschke-Straße in Berlin ein Buch des Hamburger Instituts für Sozialforschung, das Dutschkes Sympathien für eine Stadtguerilla nachweist. Außerdem bespricht der Marx-Experte Dietmar Dath die Neuausgabe des dritten Bands des "Kapitals". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

Auf der Medienseite geht Michael Hanfeld in einem gut informierten Artikel Gerüchten nach, dass der Springer-Verlag von Haim Saban die Mehrheit an Pro 7 Sat 1 für 1,5 Milliarden Euro erwerben will - Saban hatte für den Sender einst 500 Millionen Euro bezahlt.

Auf der letzten Seite erinnert Rainer Hermann an die Wiederentdeckung der Tempel von Pergamon. Katja Gelinsky schildert Initiativen der amerikanischen Regierung für eine Stärkung eines individuellen Rechts auf Waffenbesitz. Und Oliver Jungen porträtiert die Historikerin und Münsteraner Professorin Barbara Stollberg-Rilinger, die den mit 1,5 Millionen Euro ausstaffierten Leibniz-Preis erhält.