Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.01.2005. In der Welt protestiert Vaclav Havel gegen einen Erlass der EU, der festlegt, dass keine Dissdenten mehr in die Botschaften in Havanna eingeladen werden dürfen. In der Welt schreibt Ayaan Hirsi Ali, dass auch die Männer Opfer der Frauenunterdrückung im Islam sind. In der Welt verteidigt Michael Ignatieff die Außenpolitik der USA. In der NZZ meditiert György Konrad über Auschwitz. Die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken stößt allgemein auf Zustimmung. Gleiches gilt für die Uraufführung von Botho Strauß' neuem Stück in München.

Welt, 29.01.2005

Tolle Texte heute in der Welt!

Der frühere tschechiche Präsident Vaclav Havel prangert die diplomatische Apartheid an, die die EU gegenüber kubanischen Dissidenten einführen will. Grund ist ein Erlass, nach dem die Botschaften der EU in Havanna "ihre Gästelisten im Einklang mit den Wünschen der kubanischen Regierung abfassen" sollen. So schlecht, meint Havel, wurden nicht einmal die Unterzeichner der Charta 77 behandelt! "Ich kann mir für die EU kaum einen besseren Weg vorstellen, ihre edlen Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte zu untergraben - Prinzipien, die man im Verfassungsabkommen wiederholt. Um die Gewinne der europäischen Konzerne aus ihren kubanischen Hotels zu schützen, wird die Union darauf verzichten, weltoffene Personen in die EU-Botschaften einzuladen, und wir werden aus dem Gesichtsausdruck des Diktators und seiner Genossen ablesen können, um wen es sich bei den Gästen handelt. Eine schändlichere Abmachung ist kaum vorstellbar. "

Zu lesen ist auch ein Text der mit dem Tode bedrohten niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali über die Stellung der Frau im Islam: "Im Namen des Islam werden grausame Praktiken wie die weibliche Beschneidung und die Verstoßung aufrechterhalten. Natürlich verhalten sich keineswegs alle muslimischen Männer respektlos oder gewalttätig gegenüber Frauen. Ich kenne unzählige wunderbare muslimische Männer, die ihre Mütter, Schwestern und Frauen anständig behandeln. Außerdem sind die Männer genauso Opfer dieser Kultur der Jungfräulichkeit, wenn auch nur indirekt. Sie werden dadurch nicht von einer gesunden, ausgeglichenen und gebildeten Mutter erzogen, was wiederum einen Nachteil in Hinsicht auf Bildung, Beschäftigung und soziale Entwicklung darstellt."

Außerdem verteidigt Michael Ignatieff , Harvard-Professor für Menschenrechte, die amerikanische Außenpolitik, auch wenn ihm vielleicht George W. Bushs Behauptung etwas unheimlich ist, er wisse, was Gottes Plan ist. "Doch kann man nicht in Abrede stellen, dass das Eintreten der USA für Demokratie sich als eine verlässlich gute Sache erwiesen hat. Amerika mag zwar so unbeliebt sein wie nie zuvor, aber seine Hegemonie geht mit einer weltweiten demokratischen Revolution einher. Zum ersten Mal in der Geschichte lebt die Mehrheit der Menschen weltweit in Demokratien. In unserer unsicheren Zeit ist dies die beste Nachricht überhaupt, da Demokratien einander im Großen und Ganzen nicht bekämpfen und in ihnen auch keine Bürgerkriege ausbrechen."

Besprochen werden außerdem Christoph Heins RAF-Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten", den Uwe Wittstock als Elegie auf einen zu früh verstorbenen Menschen gelesen hat, und endlich einmal auch Ian Buruma Porträts von "Chinas Rebellen".

NZZ, 29.01.2005

In Literatur und Kunst meditiert György Konrad über Auschwitz: "Auch das war Selbstmord-Terrorismus. Lieber sollen auch wir umkommen, nur damit die zugrunde gehen. Die nazistischen Führer wussten 1944 bereits, dass sie den Krieg verloren hatten, sie hätten sich zu Gesten herablassen, hätten die Vernichtung der Juden einstellen können, aber nein, sie erhöhten das Tempo. Wer noch vor der Niederlage ausgerottet werden kann, den müssen wir ausrotten!"

Weitere Artikel in der Samstagsbeilage: Ralph Dutli (mehr hier) bespricht Neuerscheinungen von und zu Tschechow in seinem 100. Todesjahr. Dieter Schwarz erinnert an die Westschweizer Maler Charles, François, Aime und Aurele Barraud. Peter Jost präsentiert einen bisher unbekannten Brief Richard Wagners, in dem es aber um ein bekanntes Thema geht: Wagners Schulden.

Im Feuilleton bespricht Barbara Villiger-Heilig mit Wohlwollen die Uraufführung von Botho Strauß' Stück "Die eine und die andere" in München. Ramin Schor erinnert an den Maler Barnett Newman, der vor hundert Jahren geboren wurde. Georges Waser besucht die neue, vor kurzem eröffnete Londoner Architecture Gallery im Victoria and Albert Museum.

In den Zeitfragen betrachtet die Soziologin Christel Gärtner mit großer Sympathie die Islamisierung von Jugendlichen moslemischer Herkunft in Deutschland und nennt "vielfältige Bedeutungen und Motive" für das Tragen des Kopftuchs: "Das Kopftuch kann für eine bewusst getroffene spirituelle Entscheidung stehen, ein selbstbewusstes Bekenntnis zur kulturellen Identität bedeuten, eine feministisch inspirierte Kritik an der Vermarktung und Sexualisierung des Frauenkörpers widerspiegeln oder auch eine positive Verbindung zur Tradition signalisieren." Auch der Religionswissenschaftler Martin Baumann möchte "das selbstbewusste, frei gewählte Tragen des Kopftuches durch junge Musliminnen" unter "dem Begriff der Politik gesellschaftlicher Anerkennung lesen".

FAZ, 29.01.2005

Der in Prenzlauer Berg lebende Schriftsteller David Wagner (mehr hier) setzt die familientheoretische Debatte der FAZ fort. Er gibt zu, ein Rabenvater zu sein, der sein Kind bereits mit einem Jahr in den Kindergarten gegeben hat, und behauptet, dass sowohl er als auch sein Kind damit ganz zufrieden seien: "Ich, der Rabenvater, der sein Kind hin und wieder früher am Nachmittag von der Kita abholt, habe Mitleid mit den Kindern. Ich sehe sie ja auf dem Spielplatz, die bis zum dritten oder vierten Lebensjahr allein mit ihren Eltern bleiben müssen. Und kleine, verzogene Einzelkindermonster werden. Verzogen von Müttern, die bis dahin alles andere gemacht haben, als sich für Kinder zu interessieren, sich dann aber auf einmal, nach der Lektüre von viereinhalb Baby- und Erziehungsbüchern, für große Pädagoginnen halten."

Die Uraufführung eines Stücks von Botho Strauß in der Inszenierung von Dieter Dorn in München mobilisiert Hauptkritiker Gerhard Stadelmaier zu einer Hommage auf Cornelia Froboess und Gisela Stein, die in "Die eine und die andere" die beiden Geisterweiber spielen: "Die eine wie die andere scheinen nicht mehr unsere Zeitgeistschwestern, wie sie das früher bei Botho Strauß gewesen wären. Sie sind unsere Utopie: das Theater der Alten. Es kommt schneller, als das jetzt schon alternde Theater der Jungen ahnt."

Weitere Artikel: Mark Siemons hat die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken gesehen und findet, dass die Kunst dort um sich selber kreist. Jürg Altwegg glossiert eine Äußerung Israels Singers vom Jüdischen Weltkongress beim Auschwitz-Gedenktag - Singer hatte gesagt, dass auch die Schweizer Neutralität angesichts des Judenmords ein Verbrechen gewesen sei und hat empörte Reaktionen in der Schweiz ausgelöst. Gemeldet wird, dass der Siemens-Musikpreis in diesem Jahr an Henri Dutilleux geht. Jürgen Dollase verkündet die "dritte FAZ-Gourmetvision", welche vom Koch Juan Amador in seinem Restaurant bei Frankfurt zubereitet wird. Andreas Kilb begleitete den Bundespräsidenten Horst Köhler durch das Lager von Auschwitz. Hussain Al-Mozany schreibt über wählende Iraker in Köln. Wolfgang Köhler schildert Erfahrungen der einstigen Kolonialmacht Großbritannien mit Wahlen im Irak. Monika Osberghaus schreibt zum Tod des Kinderbuchautors Christian Bieniek.

In den Überresten der einstigen Tiefdruckbeilage erinnert Jürgen Kesting an den Kastraten Farinelli, der der größte Sänger des 18. Jahrhunderts war. Abgedruckt wird die Dankrede Robert Gernhardts für den Heinrich-Heine-Preis, die unter anderem eine bewegende Hommage auf Heines späten Krankengedichte enthält.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um CDs der Band Bright Eyes, um Arien von Puccini, gesungen von Angela Gheorgiu, um Einspielungen von Werken des Komponisten Ernest Bloch, um eine CD von Ian Broudie und um eine CD von Jan Garbarek.

Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld die Verschiebung der Tagesthemen auf 22.15 Uhr und alle daraus entstehenden Veränderung im Programmschema der ARD als hochdramatischen Vorgang.

Auf der Literaturseite schreibt der Germanist Gerhard Neumann über einen monumentalen Kommentar zu Kafkas "Verwandlung" von Hartmut Binder. Weitere Besprechungen gelten dem "Ultraschall-Festival" in Berlin und Brad Silberlings Film "Lemony Snicket".

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Christoph Buch ein Gedicht von Fritz Graßhoff vor - "In einer hohlen Rübe:

In einer hohlen Rübe will ich wohnen
bei Wurm und Engerling im Wurzelhaus.
Mich ekelt diese Welt. In allen Zonen
mag nicht der Mensch den Menschenbruder schonen,
er schlägt ihn tot und nimmt den Leichnam aus (...)"
Anzeige

TAZ, 29.01.2005

Ein umfangreiches Dossier gibt es zur RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken. Brigitte Werneburg konstatiert eine gewisse Feierlichkeit als Intention der Kuratoren: "Zweifellos entspricht diese Feierlichkeit dem Anliegen der Ausstellungsmacher. Man glaubt ihnen die Ernsthaftigkeit, mit der sie ihrem Thema begegnen. Die Kunst jedoch, die sie zeigen, spricht eine andere Sprache. Sie lässt sich von den Ereignissen irritieren, sie will sie sicher nicht mystifizieren, kann sich aber auch von der Faszination nicht ganz lösen, um ihre Aura zu zerstören." Wolfgang Ullrich befasst sich vor allem mit dem Zentralstück der Ausstellung, Hans-Peter Feldmanns "Die Toten": "Tatsächlich scheint es Feldmann wichtiger gewesen zu sein, viele Typen von Bildern zu berücksichtigen als aller Toten auf möglichst dieselbe Weise zu gedenken. In der Summe entsteht so ein Querschnitt durch die Ikonografien, in denen über den Terrorismus berichtet wurde, und Feldmanns Arbeit dokumentiert ein Stück massenmediale Bildpolitik." Jan Feddersen beschäftigen vor allem die Diskurse um die Ausstellung herum.

Weitere Artikel: Sabine Leucht hat sich die Münchner Uraufführung von "Die eine und die andere" angesehen, des neuen Stücks von Botho Strauß: "Mit seinen für Strauß-Maßstäbe immens langen Dialogen erinnert es im Kern an Beckett und Tschechow, an den Rändern jedoch ist es wieder gewohnt geschwätzig bis zur wüsten Fantasterei." Gleich zweifach wird heute in der Erlesenes-Erhalten-Serie die Zeitung gerettet. Peter Kurzeck (mehr) erinnert sich an den Herbst 1977 und Claudia Koppert (mehr) lässt die Zeitung im Dorf.

Außerdem stellt im Kulturteil Susanne Messmer im Rahmen eines Reiseberichts thailändische Pop- und Rockmusik vor, die offenbar von unheilbarer Harmonie- und Melodiesucht geprägt ist. Carsten Würmann informiert über eine Tagung zur Aktualität des Kriminalromans. Dirk Knipphals kommentiert knapp die bevorstehende Neuberufung des Altintendanten ans Deutsche Theater in Berlin. Dazu ein Bericht von einer Ausstellung zum Thema "Spielen" im Dresdner Hygienemuseum. In der zweiten taz ist heute sehr viel Platz für Martin Reicherts fast schon hymnische Gedanken zur Droge Kaffee. Adam Lux prognostiziert einen schweren Arbeitstag für Pfeifenmänner.

Im taz mag gratuliert Greg Tate dem HipHop zum 30. Geburtstag: "Was zum Teufel feiern wir eigentlich? Gute Frage. Meine beste Antwort wäre: Mann, nichts weniger als die Hochzeit von Himmel und Hölle, vom Erfindergeist des Neue-Welt-Afrikaners und jenem gerissenen Teufel, der auch als globaler Hyperkapitalismus bekannt ist. Hurra." (Der Originalartikel erschien in der New Yorker Village Voice.) Fritz von Klinggräf informiert über Konzentrationslager-Archäologie als Beitrag zum Erinnern. Till Ehrlich begrüßt in der Sättigungsbeilage den Bedeutungsverlust von Gault Millau und Michelin.

Abgedruckt wird der vierte und letzte Siegerbeitrag aus Wladimir Kaminers Geschichtenwettbewerb für Schüler: Sophia Jochems "Aus dem Fenster". Besprochen werden der neue Roman von John Updike, Rodrigo Fresans Roman "Kensington Gardens", Randgruppenliteratur zum "Vogel Gryff" und zwei Bände zum Thema RAF: Astrid Prolls Fotoband "Hans und Grete" und zwei Sachbücher (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und schließlich Tom.

Berliner Zeitung, 29.01.2005

Im Magazin führen Renate Rauch und Frank Junghänel ein langes Interview mit Helmut Dietl, dessen jüngster Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" gerade in den Kinos läuft. Er wehrt sich nicht gegen den Vorwurf der Padanterie: "Ich habe noch nie gehört, dass man einem Architekten mit Pedanterie kommt. Wenn man ein Haus baut, ist Pedanterie lebensnotwenig, sonst fällt es zusammen. Das Gleiche gilt für andere Künste. Pedanterie ist das mindeste, was man verlangen kann!"
Stichwörter: Helmut Dietl

FR, 29.01.2005

Auch in der FR ist die RAF-Ausstellung in Berlin das Aufmacher-Thema. Silke Hohmann stellt erst einmal fest: "Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine Kunst- und keine zeitgeschichtliche Ausstellung. Kunst aber, die sich in den Dienst einer Sache stellt, ist schlechte Kunst, und auf die darf man schimpfen, wenn man welche gesehen hat, möchte man den aus den unterschiedlichsten Gründen Empörten beruhigend einflüstern." Es gibt aber kaum Grund zu schimpfen, da in der Ausstellung viel gelungene Kunst zu sehen ist.

Daneben wie stets am Wochenende klassisches Rezensionsfeuilleton. Peter Michalzik hat die Münchner Uraufführung von Botho Strauß' "Die eine und die andere" gesehen - und zeigt sich vom Stück ziemlich angetan, von der Inszenierung Dieter Dorns weniger. Vom Berliner Ultraschall-Festival berichtet Georg-Friedrich Kühn. In der Frankfurter Schirn will die Ausstellung "Die nackte Wahrheit", wie Elke Buhr berichtet, "die Radikalität der Wiener Moderne wieder sichtbar machen". Martin Lüdke lobt Christoph Heins neuen Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" als anrührendes Lehrstück und Jamal Tuschik hatte einigen Spaß mit Heinz Strunks Buch "Fleisch ist mein Gemüse" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 29.01.2005

Harald Martenstein durfte die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken schon besuchen: "Das angreifbarste und zugleich eindringlichste Werk dürfte von Hans-Peter Feldmann sein, in 'Die Toten' zeigt er auf 38 Metern Wand 91 Porträts, die meisten sind aus den Medien bekannt. Menschen, getötet oder gestorben zwischen 1967 und 1999. Feldmann unterscheidet nicht zwischen Tätern und Opfern. Seine Chronologie beginnt mit dem von der Polizei erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Hat also der Staat angefangen?"
Stichwörter: Benno Ohnesorg, 1967

SZ, 29.01.2005

Holger Liebs war in der RAF-Ausstellung in den Berliner Kunstwerken und siehe, es gibt bei unterschiedlicher Qualität der einzelnen Werke am Konzept jedenfalls wenig auszusetzen: "Nun, da die Schau, neu konzipiert, privat finanziert, als reine Kunstveranstaltung startet, wird sichtbar: Es ist gut, dass die einzelnen Werke nicht am Gängelband einer stromlinienförmigen Gesinnung geführt werden, dass in ihr kein endgültiges Urteil abgegeben, keine historische Wahrheit über die RAF verkündet wird, letzten Endes: dass dem Betrachter nicht nur das 'Recht auf geistige Zustimmung' bleibt, wie Roland Barthes in den 'Mythen des Alltags' einmal über 'Schockphotos' schrieb."

Weitere Artikel: Nicht sonderlich begeistert zeigt sich in großer Ausführlichkeit Christopher Schmidt von Dieter Dorns Uraufführung des neuen Botho-Strauss-Stücks "Die eine und die andere": "Solide Wirkungsmechanik statt Hexerei, gediegenes Handwerk statt weißer Magie. Theaterphysik statt Metaphysik -- als habe Dorn den Zuschauer da abholen wollen, wo der am liebsten steht: auf der sicheren Seite." Jenny Hoch informiert mit sichtlich mehr Enthusiasmus über das Landestheater Schwaben. Von beträchtlichen Kollateralschäden des Irak-Kriegs berichtet Rudolph Chimelli: In ihrem Lager im antiken Babylon, südlich von Bagdad, haben dieUS-Soldaten offenbar gehaust wie die Vandalen. Das neue Pariser "Memorial de la Shoah" hat Johannes Willms besucht. Lothar Müller macht sich Gedanken über das Pfeifen von Fußballspielen als Fälschung. Vorgestellt wird der französische Komponist Henri Dutilleux (mehr), der den Siemens Musik Preis erhält. Zur anstehenden Tour gibt es ein Porträt des Anti-Rockstars Daniel Bejar. Abgedruckt wird die Dankesrede des Musikproduzenten und Gründers des ECM-Labels Manfred Eicher zur Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises der Stadt München. Gemeldet wird der Verdacht, in Florenz könnte eine Werkstatt Leonardo da Vincis entdeckt worden sein.

Besprochen wird der Film "Sex in Brno". Auf der Literaturseite werden der nun übersetzte Debütroman von David Foster Wallace, Inka Bachs Roman "Glücksmarie", eine Studie über die Anfänge der "Criminalpsychologie", und Erich Pontos jetzt als Hörbuch-CD zu erwerbende Lesung von Adalbert Stifters "Bergkristall" rezensiert (mehr in unserer Bücherschau des Tages.)

In der SZ am Wochenende macht sich Michael Frank Gedanken zum Stand der Dinge in der erweiterten EU: "Es geht nicht darum, andere kennen zu lernen, um sich ihnen anzugleichen, es geht nicht darum, anderen sich die Angleichung an uns zu empfehlen. Es geht allein darum, so viel Kenntnis von Lebenspraxis, Glücksideen und Alltagsweisheiten des anderen anzusammeln, um herausfinden zu können, wo Annäherung wirklich wünschenswert ist, wo aber auch die Unterschiede und Kontraste klug sind, sinnvoll, schön, identitätsstiftend und damit unbedingt notwendig für eine selbstbewusste Art des Zusammenlebens." Im Aufmacher berichtet Christopher Schmidt von seinen TV- und Lektürereisen als Naturkatastrophentourist.

Außerdem: Als Vorabdruck erscheint eine Erzählung von Thomas Gunzig mit dem Titel "Die Giraffe". Christiane Kohl schickt Impressionen aus dem winterlichen Rom. Evelyn Roll denkt in einer Berliner Skizze über Neonazi-Aufmärsche und mögliche Änderungen des Versammlungsrechts nach. Von Erwachsenen, die sich gerne mit Spielzeug umgeben, berichtet Rebecca Casati. Johannes Willms berichtet, dass in Frankreich nach zwei Jahren noch unverkaufte Bücher gnadenlos der Papierschnitzelmaschine überantwortet werden. Interviewt wird Hermann Joha, Deutschlands bekanntester Stuntman, zum Thema Unfälle. Darüber erfährt man so manches, was man eher nicht zu fragen wagte: "Wenn Sie mit über 100 Stundenkilometern frontal gegen einen Baum fahren, können Sie noch so gut angeschnallt sein: Ihr Körper hält diese Kräfte nicht aus. Ihre Organe, ähm . . . darf ich offene Worte wählen? - Bitte, ja. - Ihre Organe würden platzen. Der Fachbegriff heißt: ein Auto tot stoppen. Dieses Wort sagt alles."