Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.12.2004. Angesichts des Seebebens in Asien sucht die NZZ Trost beim Shintoismus. In der Welt findet es Robert Spaemann vernünftig, an Gott zu glauben. Die taz feiert das bald vergangene Jahr mit einem 650-Zeilen-Gedicht. Die Berliner Zeitung beklagt die Schwachheit ihres Fleisches. In der SZ denken drei Deutsche türkischer Herkunft über den Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" nach. Die FAZ begrüßt die Konsolidierung der deutschen Literatur im Jahr 2004. Und wir wünschen: Ein frohes Neues Jahr!

NZZ, 31.12.2004

Urs Schoettli erzählt, wie der Shintoismus den Japanern hilft, mit Naturkatastrophen umzugehen. Im Westen, so Schoettli, zweifelt man entweder an Gott oder versteckt sich im Virtuellen. Der Shintoismus habe diese Exerzitien in Verdrängung nie durchmachen müssen, da er keinen sinnstiftenden Gott kenne. "Die Selbstbeschränkung des Shintoismus, der nicht mit Dogmatik, Bullen und Kanzelpredigten zu erklären sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist gerade in Zeiten, da man sich mit die Fassungskraft des Individuums übersteigenden Katastrophen konfrontiert sieht, wohltuend und human. Wenn denn schon alles keinen Sinn besitzt, bedeutet dies dennoch nicht, dass das Leben sich in der end- und zwecklosen Betriebsamkeit des Alltags zu erschöpfen braucht. Der Shintoismus findet in einzigartiger Weise die Transzendenz in der Ästhetik, und zwar in einer Ästhetik, welche die Natur nicht in die Zwangsjacke menschlicher Gestaltungskraft steckt."

Weiteres: Wolfgang Stähr schreibt zum hundertsten Geburtstag des britischen Komponisten Michael Tippett. Besprochen werden eine Ausstellung der Werke William Nicholsons in der Londoner Royal Academy, eine Ausstellung von Gothaer Porzellan im Düsseldorfer Hetjens-Museum, eine Ausstellung des belgischen Videokünstlers David Claerbout im Münchner Lehmbachhaus und Bücher, darunter Robert Gernhardts "K-Gedichte" und ein Gedichtband von Friederike Mayröcker (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Beilage Literatur und Kunst hat die NZZ ganz sich selbst gewidmet, denn am 12. Januar wird sie 225 Jahre alt. Aus diesem Anlass sind zwei Bücher erschienen, aus denen heute Auszüge abgedruckt werden: Conrad Meyer beschreibt die Entwicklung des Schweizer Instituts und widmet sich dabei erfreulicherweise weniger den zweifellos hehren Motiven der Zeitungsmacher als vielmehr ihrem gesunden Sinn fürs finanziell und technisch Machbare. Und Thomas Maissen schreibt über die publizistische Linie nach Hitlers Machtübernahme. Karin Hellwig schließlich erzählt die Geschichte des Kunsthistorikers Carl Justi, der 1888 das "Tagebuch des Velazquez" fälschte, um in seiner Velazquez-Biografie "ein möglichst lebendiges Bild vom ersten Rom-Aufenthalt des Hofmalers zu vermitteln".

Welt, 31.12.2004

In der Literarischen Welt erklärt der Philosophieprofessor Robert Spaemann, warum es "nichts als vernünftig ist, an Gott zu glauben", und zwar schon deshalb: "Wissenschaft ist Bedingungsforschung. Selbstsein ist Emanzipation von den Entstehungsbedingungen. Und das Unbedingte kann per definitionem innerhalb der Bedingungsforschung nicht vorkommen. Gott aber ist per definitionem das Unbedingte."

Im Kulturteil bietet der durch einschlägige Forschungen qualifizierte Soziologe Frank Furedi Trost inmitten der Tsunami-Katastrophe: "Wenn Gemeinschaften nämlich in der Lage sind, als Gemeinschaft zu reagieren, können sie der Herausforderung eines Desasters die Stirn bieten."

FR, 31.12.2004

Zum Jahresausklang fragt die FR Politiker, Schriftsteller und Künstler, was denn passieren müsste, damit sie zufrieden sind. Jutta Limbach wünscht sich Ergebnisse in der Föderalismusreform, Frank Schirrmacher wünscht sich die Wiederaufnahme der bemannten Raumfahrt und der Schriftsteller Burkhard Spinnen wünscht sich die Einstellung von Sabine Christiansen. "Ich fürchte (wie der Engländer in mir sagt), dass ich zufrieden bin", meint dagegen Autor Thomas Meinecke. Im Nachrichtenteil schickt der Kabarettist Matthias Deutschmann noch ein paar Wünsche "mit Leuchtspur" hinterher.

Weitere Artikel: Michal Rutschky sieht in der Ohrfeige, die der Kanzler von Jens Ammoser erhalten hat, einen Ausdruck der neuen politischen Intensität. Arnulf Schwind schreibt einen Einakter, in dem er als Experte für Clint Eastwood fast seinen Freund vor Günter Jauch rettet. "Hontz Strontz Sauerkraut!" ruft Daniel Kothenschulte und freut sich auf Charlie Chaplins "Der große Diktator", der digital aufpoliert wieder in die Kinos kommt. Gemeldet wird der Tod des italienischen Philosophen Eugenio Garin.

Oliver Gehrs nutzt die Medienseite, um die Kollegen des Spiegel mit Dutzenden "Immer mehr"-Zitaten ein wenig zu verhöhnen. Etwa: "Immer mehr Rentner landen im Strafvollzug." Auf der Dokumentationsseite machen die Trendforscher Oona und Matthias Horx einen neuen Wirtschaftszweig aus: die Partnersuche mit hohem technischen und personellem Aufwand.

Die beiden Besprechungen widmen sich einer Ausstellung mit Lithografien von Henri de Toulouse-Lautrec in Bad Homburgs Sinclair-Haus sowie der "einfallslosen" Aufführung von Verdis "Nabucco" in der Frankfurter Festhalle.
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TAZ, 31.12.2004

Thomas Gsella (mehr) packt sein Plädoyer zum Erhalt der Qualitätszeitung in ein immerhin 650 Zeilen umfassendes und durchaus komisches Gedicht mit dem Titel "Papier - Computer 0:3". Hier die Strophe über den Leser:
Draußen hängt die Welt in Fetzen
Drinnen sitzt und löffelt Meinung
Kaut an News und dummen Sätzen
Diese lustige Erscheinung

Die taz blickt zurück. Robert Misik beobachtet die Rückkehr des Politischen und der Gesellschaftskritik in Film und Musik. Misik macht dafür das neue Rollenmodell verantwortlich. "Man macht sein Ding, tut halb mit, halb verweigert man sich, wandert mindestens mit einem Bein aus der Marktzone, deren Regeln man freilich durchaus souverän beherrscht." Detlef Kuhlbrodt schwärmt von der John-Peel-Abschiedssendung als persönlichem Jahreshöhepunkt. Ein weiterer anonymer Rückblick konstatiert, dass Neuerungen der Musik 2004 von den Rändern kamen, wer hätte es gedacht.

Auf der Meinungsseite werden einige deutsche Schlüsselbegriffe wie Fußball, Wertarbeit, Waffen oder Heimat abgesteckt. Beim Stichwort "Kultur" empfiehlt Jürgen Busche den Deutschen die Musik. "Das Instrument diszipliniert, seine Beherrschung erlaubt die ersehnten Höhenflüge."

Besprochen wird Edgar Wrights "verschrobener" Zombiefilm "Shaun of the Dead".

Im tazmag macht sich Michael Rutschky Gedanken über Pessimismus, Psychoanalyse, Staat und Schicksalsergebenheit. Besprochen werden Bücher, darunter Rolf Vollmanns Streifzüge durch die Romanlandschaften Claude Simons "Akazie und Orion" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Berliner Zeitung, 31.12.2004

Im Magazinteil der Berliner Zeitung warnt Arno Widmann nach der Lektüre einer Neuausgabe des Kamasutra: "Alles andere als eine leichte Lektüre und wer glaubt, das Kamasutra sei jener Geist, der der Schwachheit des Fleisches schon bei der bloßen Lektüre aufhilft, der sei gewarnt. Nichts wird passieren."

Und der Schauspieler Henry Hübchen findet im Interview mit Regine Sylvester zu sokratischer Weisheit: "Je mehr du weißt, desto mehr weißt du auch, dass du so viel mehr nicht weißt. Das ist Dialektik."
Stichwörter: Arno Widmann

SZ, 31.12.2004

Sonja Zekri und Diana Mayer unterhalten sich mit drei Deutschen türkischer Herkunft, einer Anwältin, einem Schauspieler und einem Bankier, über das hiesige Heimatland. "Wer kann schon sagen: I'm proud to be a German? Ich habe es einmal gesagt: Ich bin stolz, Deutsche zu sein. Aber es ist weniger verwerflich, wenn ich sage: Ich bin stolz darauf, türkische Anteile zu haben. Dass hier ein Weihnachtsbaum steht, ist ein Problem. Die deutsche Flagge wäre eine Katastrophe."

Auch die SZ lässt natürlich 2004 Revue passieren. Gerhard Matzig meint angesichts des unentwegten Jammerns, dass Deutschland noch nie so "egozentrisch und kleinkindhaft" wie in diesem Jahr war. Jeder Monat bekommt in der Folge einen eigenen Artikel. So bemerkt Ijoma Mangold zu den Hartz-IV-Demonstrationen im Juli: "Es war gespenstisch. Die Bundesregierung setzte um, was seit langem parteiübergreifend Konsens war, die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, und Deutschland jaulte auf, als hätte der Kanzler die Wiedereinführung des Manchesterkapitalismus angeordnet." Alex Rühle ist sich schließlich sicher, dass 2005 ein manisches Jahr wird, und hofft auf den damit einergehenden Kreativitätsschub.

Stefan Mayr beschreibt auf der Medienseite, wie aus dem unbekannten Frederick Coo der Butler und Silvesterstar Freddie Frinton wurde. Auf der Literaturseite schreibt Volker Breidecker zum Tod des italienischen Ideenhistorikers Eugenio Garin (die wichtigsten Werke).

Besprochen werden nur Bücher, und zwar die Tagebücher und Briefe von Herman Melville, Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" als Hörspiel sowie Friedrich Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker" als Band 42 der SZ-Bibliothek (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 31.12.2004

Im Aufmacher bringen uns die Ressortchefs des FAZ-Feuilletons mit einer Rückschau auf das Kulturjahr 2004, das wohl als ein wenig aufregendes in die Geschichte eingehen wird, kaum in Champagnerlaune ("2004 war auch das Jahr der Konsolidierung", schreibt Hubert Spiegel zur Literatur). Patrick Bahners fürchtet in der Leitglosse, dass die für heute vorgesehene Einweihung des höchsten Hochhauses der Welt, des internationalen Finanzzentrums "Taipeh 101" in Taipeh, angesichts der jüngsten Flutwelle allenfalls Beklemmung auslösen könne. Jürgen Dollase sagt in seiner Gastro-Kolumne "Fraktionierung und Intensivierung" als Trends der Spitzenküche an (während wir uns eher ein gutes Buttercroissant wünschen). Gina Thomas gratuliert dem Musikfestivalchef George Christie zum Siebzigsten. Christian Geyer kondoliert Rüdiger Safranski zum Sechzigsten. Andreas Rosenfelder beobachtete einen Auftritt des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales auf dem Chaos Computer Club ausgerichteten Chaos Communication Congress in Berlin. Dirk Schümer schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Eugenio Garin. Eleonore Bünoing unterhält sich mit dem Intendanten der Mailänder Scala, Carlo Fontana, über die abgelaufene Saison, in der das Haus nach der Renovieriung neu eingeweiht wurde. In den Ruinen von Bilder und Zeiten verabschiedet Rose-Maria Gropp die wunderbare FAZ-Fotografin Barbara Klemm, die in den Hochglanzzeiten dieser Tiefdruckbeilage ihre großen Fotos publizierte. Und Edo Reents lässt den FAZ-Gedenkkalender zu Elvis Presleys Siebzigsten zuschlagen.

Die Medienseite präsentiert Wünsche von prominenten Medienschaffenden für das Jahr 2005.

Auf der Schallplatten-und-Phonoseite geht es um Opern Stanislaw Moniuszkos, um eine CD von Swayzak, um eine CD der Jazzpianistin Marilyn Crispell, um eine Charlie-Parker-Hommage des italienischen Saxofonisten Stefano di Battista, um die vierte Platte der Band The Blue Nile und um Popballaden mit June Tabor.

Besprochen werden außerdem Patrice Lecontes Film "Intime Fremde", Neuerscheinungen aus der akademischen Welt und belletristische Neuerscheinungen von Brigitte Kronauer, Peter Zilahy und Elizabeth Bowen.

In der Frankfurter Anthologie analysiert Gert Ueding ein Gedicht Christian Morgensterns - "Not lehrt beten:

Eine Spitzenbluse nämlich, oh, entsetzlich und
beschämlich, hat sich bei der wilden Jagd, wilden
Heimjagd der Gespenster - eine Spitzenbluse nämlich hat
sich bei der Jagd am Fenster- haken heillos festgehakt. (...)"