Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2004. "Springen Sie: Dritter Stock. Das dürfte reichen", rät der polnische Autor Tadeusz Rozewicz im Tagesspiegel. In der SZ behauptet der Soziologe Harald Welzer: Hartz und Hitler hängen irgendwie zusammen . Die FAZ feiert die Neuausgabe der Werke von Alexander von Humboldts in mehreren Aufmachern. Der Preis für Mike Leighs Sozialdrama "Vera Drake" in Venedig wird allgemein mit müdem Lächeln quittiert.

FAZ, 13.09.2004

Möge künftig allen Herausgebern verdienstvoller Prachtausgaben solch ein Glück beschieden sein! Hans Magnus Enzensberger bringt in der "Anderen Bibliothek" die Werke Alexander von Humboldts neu heraus. Und der Spiegel widmet dem Ereignis seinen Titel (hier käuflich zu erwerben), und die FAZ pariert mit gleich zwei Aufmachern. "Er ist der populäre Reiseliterat, ein Meistererzähler im Sinne des 'Sieh mal einer an!'", schreibt Christian Geyer etwas von oben herab, während Jürgen Kaube mit Blick auf die Werbegenies Enzensberger und Verleger Franz Greno auch ein paar kritische Worte zu sagen weiß: "Tatsächlich ist der 'Kosmos' ein lesenswertes Buch. Kaufen, marsch, marsch. Dann aber muss man es ja nicht anpreisen wie der Billige Jakob in der Fußgängerzone sein Universalfleckenmittel."

Weitere Artikel: In seinem Venedig-Resümee findet Michael Althen nur ein paar müde Worte für Mike Leighs "Spezialdrama" (so steht's da) "Vera Drake", das den Hauptpreis errang, erzählt ein bisschen vom Organisationschaos und kommt dann voller Begeisterung auf die leer ausgegangenen neuen Filme von Claire Denis und Hou-Hsiao Hsien zu sprechen. In der Leitglosse macht Lorenz Jäger anhand einer Novelle des Autors Arthur Graf Gobineau klar, dass der Krieg im Kaukasus "lange zurückreicht und noch mindestens ebenso lange dauern wird". Eva-Maria Magel schickt Impressionen von der Frankfurter Literaturbiennale, wo sich Übersetzer und Autoren über die internationale Vermittlung von Literatur verständigten. Mark Siemons gibt in einem Kommentar zu Hartz IV zu bedenken, dass das Reformpaket vor allem den Status der Mittelschicht berührt, wie er überhaupt die Angestelltenkultur und damit die Postmoderne an ein Ende kommen sieht. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, unter anderem auch die neue Ausgabe der Zeitschrift Kafka, wo sich polnische und tschechische Autoren mit der Vertreibung der Deutschen aus ihren Ländern auseinandersetzen. Und Michael Althen gratuliert Jacqueline Bisset zum Sechzigsten.

Auf der letzten Seite resümiert Christian Schwägerl ein Symposion von Hirnforschern auf der schönen Insel Frauenchiemsee (entgegen einem lange gültigen Forschungsdogma gilt es inzwischen als ausgemacht, dass das Hirn auch im entwickelten Zustand neue Zellen entstehen lässt, erfahren wir). Martin Kämpchen schildert die Sorgen erregende Re-Hinduisierung der in die Opposition geratenen indischen Bharatiya-Janata-Partei (BJP). Und Jordan Mejias porträtiert die offensichtlich bombenfest recherchierende Skandalautorin Kitty Kelley, die in diesen Tagen eine viel erwartete Klatschsaga über die Familie Bush herausbringt.

Besprochen werden Schillers "Räuber" in Frankfurt, Nonos "Promoteo" unter Ingo Metzmacher in Hamburg, Mussorgskis "Boris Godunow" in Basel und einige Sachbücher, darunter eine Biografie des mittelalterlichen Briten Thomas Becket, rezensiert vom immer lesenswerten Michael Borgolte.

Tagesspiegel, 13.09.2004

"Das Leben ist nichts wert. Am besten sterben Sie sofort. Warten Sie nicht. Springen Sie: Dritter Stock. Das dürfte reichen", rät der polnische Autor Tadeusz Rozewicz dem beeindruckten Adam Soboczynski, der sich auf den Kulturseiten mit dem Schriftsteller über seine Rolle in der Literaturwelt, über den Tod des Theaters und das Hotel Adlon unterhält: "Rozewicz, der sich immer wieder durch Kichern und Lachen unterbricht ... erzählt eine Anekdote: 'Ich musste 1956 in Ost-Berlin mit Schuhen im Bett schlafen, mit Mantel und mit Mütze.' Nachts steckte er unter einer riesigen Decke, frierend, mit roter Nase. Die Kulturschergen der DDR hatten ihn im einstmaligen Nobel-Hotel Adlon, Unter den Linden, untergebracht. Es hatte bessere Zeiten gesehen, ohne Heizung schlief der gefeierte Dichter Polens in einem Ost-Berliner Eisschrank. Rozewicz irritiert mit seiner einnehmenden Freundlichkeit, seiner Gelassenheit, seinem wachen, konzentrierten Blick, der sein Alter vergessen lässt. Wenn er lacht, dann ist er ein neugieriges, ein altes Kind. Und dabei war man gewarnt. Erst kürzlich wurde kolportiert, er wende einem beim Sprechen immer den Rücken zu."
Stichwörter: Alter, DDR, Tadeusz Rozewicz

FR, 13.09.2004

Venedig im Doppelpack: Das Filmfest ist zu Ende, Mike Leighs Abtreibungsfilm "Vera Drake" hat den Goldenen Löwen gewonnen, und Daniel Kothenschulte zieht eine recht desillusionierte Bilanz. "Nach Tagen des Aufbruchs mit ästhetischen Experimenten wie Claire Denis' imposantem Reisefilm "L'Intrus" endete das Festival, wie es begonnen hatte: mit der weltweit florierenden Form des Besinnungsrealismus. Das kommerziell zielstrebigste Werk kam dabei kurioserweise aus dem Iran."

Das Kino geht, die Baukunst kommt. Christian Thomas schlendert über die Architekturbiennale, die Sektion mit den Opernneubauten gefällt ihm besonders. "Kaum ein Entwurf, der nicht die Theaterinszenierungen, wie sie der Barock ins Spiel brachte, in den Schatten stellte. Man schaue sich nur an, wie Dominique Perrault mit seinem Neubau in St. Petersburg das Mariinsky-Theater, gleich nebenan, zum Annex degradiert. Die Kulturbauten als exklusive Akkumulationsmaschinen des Unternehmens Stadt - da ist es kein Wunder, wenn Frank O. Gehrys Walt-Disney-Hall in Los Angeles ein eigenes Kabinett erhält. Aber es ist ein um so größeres Wunder, dass das dänische Büro Plot, keiner darin älter als 30 Jahre, mit ihrem wunderbaren Entwurf für die Konzerthalle im norwegischen Stavanger den Juniorlöwen erhielten."

Frank Keil verabschiedet in Times mager die Farbenlehre, die aus der Mode gekommen zu sein scheint. Auf der Dritten Seite schreibt Harald Mass eine kleine Reportage über die zentrale Beschwerdestelle in Peking, zu der Menschen aus dem ganzen Land hinströmen.

Besprochen werden "Die Räuber" in einer "jugendlichen" Inszenierung von Peter Kastenmüller im Schauspiel Frankfurt ("Schillers 200. Todestag wirft beängstigende Schatten voraus", unkt Peter Michalzik.), und politische Bücher, darunter Studs Terkels Geschichte des politischen Aktivismus im 20. Jahrhundert "Die Hoffnung stirbt zuletzt", Rolf Wörsdörfers Erforschung des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum Krisenherd Adria 1915-1955, sowie eine Studie über das Innenleben ehemaliger IM (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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SZ, 13.09.2004

Hartz und Hitler, die beiden großen Themen derzeit, hängen zusammen, behauptet der Soziologe Harald Welzer im Aufmacher. "Angesichts einer Gegenwart, die keine Zukunft offeriert, die besser oder nur anders aussähe als das transzendental obdachlose und wirtschaftlich höchst beängstigende Jetzt, strahlt diese Zeit umso eindrucksvoller. Was liegt näher als der Rückgriff auf die Vergangenheit, wie wir sie in Gestalt von Ahnenforschung und Hitlerkult, von Familienrecherchen und Schlagern ('Wir sind wir') erleben. Der Nationalsozialismus hatte seinen Protagonisten geradezu ein Übermaß an Zukunft versprochen - die Eroberung der Welt, die Kolonisierung von Helotenvölkern, den Traum von immer währender Größe und Prosperität."

Fritz Göttler unterhält sich mit dem Schauspieler Bruno Ganz über die Rolle Adolf Hitler. "Man kann sich, in Kenntnis des Materials, eine Art Unbefangenheit zurückerobern - so dass man wirklich dieses Stück Mensch sehen kann. Und nicht immer durch das Gitter des Massenmords schauen muss, durch das man nichts mehr wahrnehmen kann. Ich rede da vom rein schauspielerischen Vorgehen, wohlgemerkt."

Weiteres: Susan Vahabzadeh bewertet das Filmfestival von Venedig ambivalent. Einerseits ein Wettbewerb auf "sehr hohem Niveau", andererseits Organisationschaos. Katharina Müller wandert begeistert durch das Baukunstwerk, das Tadao Ando für die Langen Foundation auf der ehemaligen Raketenstation Hombroich entworfen hat. Die Eröffnungsausstellung mit Stücken aus der Japan-Sammlung des Ehepaars Langen geht fast im Jubel über Andos "geheimnisvoll perfektionierte Beton-Seidigkeit" unter. Jens Bisky lästert einerseits über die von den Germanisten angedachte "Agentur für deutsche Sprache" und berichtet andererseits über den Wirbel vor der Eröffnung der Flick-Kollektion. Ralf Berhorst hat auf einer Berliner Tagung erfahren, wie die Zeitzeugen die Historiker verdrängen. Henning Klüver informiert uns über die ungewisse Zukunft des Palazzo Grassi in Venedig.

Kristina Maidt-Zinke erzählt von der Welle der Solidarität, die Weimar nach dem Brand der Anna-Amalia Bibliothek erfährt. Und auch Bibliotheksdirektor Michael Knoche selbst. "Seit einem Aufruf des Internet-Kulturmagazins Perlentaucher wird Knoche überdies mit persönlichen Trostmails von nah und fern eingedeckt." (Wunderbar, spenden können Sie übrigens hier).

Auf der Dritten Seite erfahren wir von Wolfgang Koydl, wie sich die amerikanische Regierung vor Kitty Kelleys Enthüllungsreport über die Bush-Familie fürchtet. Christopher Keil erklärt sich auf der Medienseite Günther Jauchs Erfolgsprinzip unter anderem als "Folge einer sehr preußischen Berufseinstellung". Kai-Hinrich Renner stellt Holtzbrincks demnächst in Frankfurt erscheinende Kompaktzeitung vor, mit dem einfallsreichen Titel "News".

Besprochen werden Carsten Fiebelers filmisches Ost-West-Match "Kleinruppin Forever"David Hares dramaturgische Abrechnung mit dem Verhalten Tony Blairs im Irak-Krieg, "Stuff Happens" am Londoner National Theatre, und Bücher, darunter Ketil Bjornstads Familienroman "Villa Europa", Wolfgang Kerstings Abhandlung zu "Kant über Recht" sowie eine CD, auf der Otto Sander aus Fontane liest (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 13.09.2004

Das Interessanteste steht heute leider nicht online: Drei junge Literaten aus Ägypten berichten über ihre Einstellung zu Heimat und Fremdheit. Hamdi Abu Galil zum Beispiel erzählt von der Fremdheit des studierten Intellektuellen, der in seine dörfliche Heimat zurückkehrt: "Wenn ich unser Dorf besuche, dann versuche ich den Leuten dort nahezubringen, dass ich es in der Stadt zu etwas gebracht hätte, mitten im Feindesland. Ich empfange sie bei uns im Gästezimmer, wo alles voll ist mit Zeitungen und Zeitschriften; dann führe ich die Gespräche auf allgemeine politische Themen hin, um endlich zu meinem Lieblingsthema zu kommen, dem Schreiben und Veröffentlichen und den Erwartungen, die man mit dieser Arbeit in den Städten verknüpft. Einmal sagte ich zu einem, dass ich ein 'Literat' sei, wir rauchten dabei, und ich spürte, dass er mir sehr nahe war, und ich fügte noch hinzu: 'Übrigens hab ich schon vier Bücher herausgebracht, zwei Novellen, einen Roman und einen Gedichtband.' Meine Aufgabe ist es zurzeit, ihnen klar zu machen, dass mein Gefühl des Fremdseins in Kairo nicht einfach so verschwunden ist und dass der 'Literat' ein ganz guter Schutz für die Daheimgebliebenen sein kann. Er kann angreifen und sogar seine Speere auf den Polizeioffizier des zuständigen Kommissariats richten, er kann auch die Tür des lokalen Verwaltungsrats dazu bringen, sich zu öffnen . . ."

"Überwiegend arriviertes, vorwiegend gelungenes Autorenkino, gepaart mit hochwertigem amerikanischem Genrefilm" hat Marlies Feldvoss in Venedig gesehen, gelitten hat sie allerdings unter einer "noch nie da gewesenen desaströsen Organisation, die im Verlauf des Festivals immer mehr aus dem Ruder lief".

Besprochen werden eine Aufführung von Mozarts "Cosi fan tutte" am Theater Luzern, die Inszenierung des Stücks "Anne Bäbi im Säli" im Theater Biehl Solothurn, das Literaturfestival Sprachsalz in Hall bei Innsbruck, eine Ausstellung mit Holzskulpturen aus der Basilica-Region in Materna sowie das Ausstellungsprojekt Min(e)dfields, das junge südafrikanische Kunst in Muttenz, Bern und Basel zeigt.

TAZ, 13.09.2004

Cristina Nord nimmt eine Abschlussbewertung des Filmfestivals von Venedig vor. Dass Mike Leigh mit dem Sozialdrama "Vera Drake" gewonnen hat, geht für sie in Ordnung. "Der Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass das traditionelle Autorenkino, solange es nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht ist, durchaus seine Reize hat. Damit bildet 'Vera Drake' eine Ausnahme in einem Festival, das als eines der Extreme in die Geschichte der Mostra eingehen könnte."

Weitere Artikel: Susanne Messmer bewundert "die traurige Schönheit von mutwillig zerstörten oder vernachlässigten Häusern" in der Ausstellung "Shrinking Cities" in den Berliner Kunstwerken. In der zweiten taz wagt sich Hakeem Jimo in einen nigerianischen Geisterschrein. Niklaus Hablützel hält die geplante Novelle des Urheberrechts für "vollkommen sinnlos".

Das polnische Parlament fordert einstimmig Reparationen von Deutschland, die polnische Regierung distanziert sich. Gabriele Lesser und Christian Rath erklären Näheres auf der Tagesthemenseite. Anna Lehmann unterhält sich mit dem polnischen Kollegen Adam Krzeminski, der das Ganze für ein Wahlkampfmanöver hält.

Zwei Besprechungen widmen sich Matthias X. Obergs Film "Stratosphere Girl", in dem es eine deutsche Comic-Zeichnerin als Hostess in die japanische Halbwelt verschlägt und dem Fotoband "Metamorphosis" des Haarstylisten Serge Normant.

Schließlich Tom.