Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2003. Die NZZ schildert einen Zensur-Fall bei Suhrkamp. In der FAZ sucht Cordelia Edvardson nach Irakern, die sich über Saddam Husseins Vertreibung freuen. Die FR beschuldigt die USA des Amoklaufs. In der taz erklärt der Filmkomponist Peter Thomas, wie man mit wenig Geld tolle Musik macht. In der SZ stellt der Schriftsteller Ilja Stogof die Rentierzucht-Studenten von Narjan Mar vor.

NZZ, 23.07.2003

Joachim Güntner fragt sich, ob der Suhrkamp-Verlag in der "Nach-Unseld-Ära" aus Angst um Linientreue Zensur übt. Jedenfalls macht das Traditionshaus im Fall des Autors Arno Münster eine "unglückliche Figur", stellt Güntner fest. Münsters Ernst-Bloch-Biografie sollte eigentlich schon im Mai erscheinen, der Verlag lobte sie als "definitiv", sie wurde in überregionalen Zeitungen rezensiert. Nun, so Güntner, hat der Verlag dem Autor mitgeteilt, dass er von einer Veröffentlichung absieht und die Rechte daran an den Verlag Editions Kime zurückgegeben hat, der das französische Original bereits vor zwei Jahren herausgebracht hatte. Hintergrund sind zum einen sachliche Fehler, vor allem aber beanstandete Blochs Sohn Jan Robert das von Münster gezeichnete "messianische" Bild von Ernst Bloch. In der Folge wurde Arno Münster "die Pistole auf die Brust" gesetzt, erzählt Güntner weiter: Entweder Münster nehme zusammen mit dem Ernst-Bloch-Zentrum Änderungen in sieben Bereichen vor, oder die Biografie könne nicht erscheinen. "Es ist eine veritable Enteignung des Autors, der dazu gebracht werden soll, die für seine Darstellung zentralen Intentionen zu dementieren. Kein Verlagsvertrag deckt Suhrkamps Änderungswünsche", meint Güntner dazu.

Birgit Sonna hat sich die Luc-Tuymans-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne angesehen. Vor der Darstellung kopulierender Affen kann sie nur den Kopf schütteln: "Es ist gewissermassen Pornografie für nekromantisch veranlagte Tierbildliebhaber".

Weitere Artikel: Hubertus Adam gratuliert dem britischen Architekten Richard Rogers zum Siebzigsten. Renate Klett schwärmt vom 33. Avantgarde-Theaterfestival Santarcangelo dei Teatri, das von internationalen Festivaldirektoren mittlerweile als Geheimtipp gehandelt werde. Besprochen werden Bücher, darunter internationale Neuerscheinungen zu den Verbrechen des Kommunismus und Ralf Rothmanns Stadtroman "Hitze" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 23.07.2003

Die schwedische Autorin Cordelia Edvardson (mehr hier), die in ihrem 1984 veröffentlichten Buch "Gebranntes Kind sucht das Feuer" ihr Überleben im Konzentrationslager Auschwitz beschrieben hat, ist irritiert von der Berichterstattung über den Irakkrieg. Zwar war sie gegen diesen Krieg, doch dass das Fernsehen uns jetzt ausschließlich Mercedes fahrende Iraker präsentiert, die Saddam hinterher trauern (da klappte das noch mit der Stromversorgung!), ärgert sie. Gibt es im Irak keine Menschen, die lieber Stromknappheit und unsichere Straßen in Kauf nimmt, als weiter unter Saddam zu leben? "Es muss sie einfach geben, Tausende, Hunderttausende. Und dabei denke ich nicht an diejenigen, die persönlich schmerzhafte Erfahrungen mit dem Regime gemacht haben. Nein, die Zeugen, die ich suche, sind ganz gewöhnliche Iraker, die angesichts von Unrecht und Schlechtigkeit erschraken. Iraker, die bereit sind, einen Preis für Saddams Vertreibung zu bezahlen, ohne sich in nostalgischen Erinnerungen an die einstige 'Ordnung' zu ergehen. Warum kommen sie so selten in den internationalen Medien zu Wort?"

Weitere Artikel: "Wir vom Bundesarchiv" stellen das Konzept zu einer Rede vor, die Theodor Heuss 1954 zur Erinnerung an die Opfer des Widerstands gegen Hitler hielt. Dietmar Polaczek erklärt uns, warum der italienische Justizminister Roberto Castelli die Begnadigung Adriano Sofris (mehr hier) verhindert. Dieter Bartetzko gratuliert dem Architekten Richard Rogers zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite kritisiert Hajo Friedrich eine drohende Verordnung der EU, wonach bei Schadenersatzklagen gegen Medien künftig das Recht des Landes gelten soll, in dem der Schaden eintritt. Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Rossmann Brigitte Labs-Ehlert, die seit vier Jahren das Literatur- und Musikfest "Wege durch das Land" in Ostwestfalen organisiert. Dietmar Dath schreibt über Dario Argentos Horrorfilm "Suspiria" von 1977 (mehr über Dario Argento hier, Bilder vom Film hier), der dem kanadischen Konzeptkünstler Stan Douglas als Vorlage für sein "Suspiria"-Projekt diente. Und Frank Pergande sieht den Wörlitzer Park bedroht.

Besprochen werden eine Ausstellung von Art Spiegelmans Titelbildern für den New Yorker im Berliner Martin Gropius Bau, der Film "Raumpatrouille", der aus sieben Folgen der Serie "Raumpatrouille Orion" gebastelt wurde ("Ganz im Gegensatz zur angeblichen Aufbruchsstimmung jener Jahre verwirren Zeitdokumente aus den späten Sechzigern durch die übergroße Entspanntheit, mit der sich die Menschen durch die Gegenwart bewegten - auf die Zukunft des Jahres 3000 reagierten sie proportional mit einer geradezu galaktischen Mattigkeit", wundert sich Michael Althen), "Klostersturm und Kurfürstensturm" - eine Ausstellung zur Säkularisation im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte, die Fotoausstellung "Von der Pose zum Ausdruck" im Österreichischen Theatermuseum, ein Gedichtband von Edith Södergran und ein Buch übers Boxen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 23.07.2003

Da sich der Rauch um den Irakkrieg allmählich zu lichten beginnt, erscheinen für Michael Mayer die Gründe für diesen Krieg in einem neuem Licht, und zwar dem des 11.September. Meyer sieht eine seitdem die "Fatalität der Psycho-Logik" wirken, "die den Schock der eigenen Verletzbarkeit in offene Aggression verwandelt. Und diese Aggression brauchte ein Ziel. Weshalb das politische Agieren der amerikanischen Regierung jüngst eher an einen jener Amokläufe erinnerte, die die amerikanische Gesellschaft in regelmäßigen Intervallen verstören. An die Stelle staatsklugen Handwerks, das Gründe abwägt und seine Abwägungen auch vermittelt, ist eine Art Raserei getreten, ein theopolitisch aufgeladener Manichäismus, der sich in den diffusen Abschattungen machtpolitischer Konjunktionen nicht mehr zurechtfindet und mit grober Geste die Welt in gut und böse, in 'Für uns' und 'Gegen uns' aufteilt."

Weitere Artikel: Thomas Roser erzählt, wie die polnische Künstlerin Dorota Niesznalska zu einem halben Jahr Sozialarbeit verurteilt wurde: Die rechtskatholische Liga der polnischen Familien hatte gegen eines ihrer Videos geklagt, das ein männliches Genital in Vebindung mit einem Kreuz gezeigt hatte. "Um 'persönlichen und künstlerischen Erfolg' zu erzielen, habe sich die Angeklagte für die Verletzung religiöser Gefühle 'entschieden', begründete Richter Tomasz Zielinski seinen Schuldspruch." Stefan Müller begrüßt, dass die Grenzen zwischen Pop- und Weltmusik allmählich zerbröseln. Inge Günther stellt das weltweit erste Museum für Verfolgte Kunst vor, das in Israel eröffnet worden ist. In "Times mager" kommentiert Peter Michalzik die sportlichen Dramen, die sich derzeit in Frankreichs Süden ereignen.

Besprochen werden Claude Chabrols Blick in die Abgründe der Provinzbourgeoisie "Die Blume des Bösen", eine Werkschau des Neapolitaners Gaspare Traversi in der Stuttgarter Staatsgalerie und Bücher, darunter B. S. Johnsons ungewöhnlicher Paukerroman "Albert Angelo", Will Selfs Roman "Wie Tote leben", Michael Weins Erzählung "Goldener Reiter" sowie Rainer Malkowskis Nachdichtung von Hartmann von Aues "Der arme Heinrich" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 23.07.2003

Der Filmkomponist Peter Thomas ("Raumpatrouille Orion") erzählt Jakob Buhre im Interview, wie inspirierend es war, in den 50er und 60er Jahren zu komponieren: "Wenn damals ein Film abgedreht war, dann war am Schluss für die Musik immer nur sehr wenig Geld übrig. Die Musik sollte billig sein, aber sie sollte wirken, toll klingen und dem Film helfen. Das hat die Fantasie beflügelt, weil du dir alles überlegen musstest - immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: 'Mehr Geld haste nicht.'"

Ralf Sotschek schildert, wie sich Irland mit dem Irakkrieg zwischen allen Stühlen wiedergefunden hat. Denn für die Iren ist das Festland genauso weit weg die USA. Daniel Bax bringt uns in der Causa Maxim Biller auf den letzten Stand, denn heute wird in München über das weitere Verbot seines Buches "Esra" verhandelt. In seiner jazzkolumne berichtet Christian Broecking von einer Begegnung mit der Jazzsängerin Shirley Horn, die im nächsten Jahr siebzig wird, aber immer noch munter neue CDs produziert. Susanne Gupta bespricht die Schau "Group Portraits South Africa" im Amsterdamer Tropenmuseum.

Auf einer vorderen Seite beschäftigt sich die taz mit der BBC, die sich vorwerfen lassen muss, journalistische Grundsätze über Bord geworfen zu haben, seit sie Richard Kelly nach seinem Tod als ihre Quelle genannt hat.

Und schließlich Tom.

SZ, 23.07.2003

Der russische Schriftsteller Ilja Stogof erzählt von seiner Reise nach Narjan-Mar, wo die Mitternachtssonne "über Mücken, Leere und Melancholie" scheint, die Häuser aussehen wie Gefängnisse und das Hotel keine Zimmer hat. "Ich übernachtete dann in einem Wohnheim für Rentierzucht-Studenten. Ein paar Möbel, Toilette auf der nächsten Etage. Am zweiten Tag schlug ich die Zimmertür zu heftig, und sie fiel aus dem Rahmen. Also wohnte ich ohne Tür. In Narjan-Mar gibt es Rentierzüchter, aber keine Rentiere. Im Sommer werden die Tiere in den Norden hinaufgeführt, um sie vor Insekten zu schützen. In diesen Breiten schwirren so viele Mücken herum, dass es geradezu lebensgefährlich ist. Vor einigen Jahren bissen sie in einer halben Stunde sieben Elche und zwei Elchkühe tot. Rentierfleisch wird in den Geschäften verkauft. Es ist ein bisschen billiger als tiefgefrorenes chinesisches Rindfleisch. Im einzigen Restaurant gibt es außerdem ein Haus-Gericht: Rentierherz, gefüllt mit Kräutern des Nordens."

Weitere Artikel: Angesichts der kritischen Staatsfinanzen und der noch kritischeren Rhetorik stellt Nikolaus Piper klar, dass wir nicht "über", sondern "unter unseren Verhältnissen" leben. Die Deutschen konsumieren und investieren nämlich viel weniger, als möglich wäre. Und was die Schulden von 1,3 Billionen Euro betrifft, meint Piper, "dass diesen Schulden schließlich ein Geldvermögen in exakt derselben Höhe gegenübersteht". Till Briegleb rauft sich wieder einmal über Hamburgs Kultursenatorin Dana Horakova die Haare. Diesmal geht es darum, wie sie ihre rachelustige Ankündigung wahr macht, die Deichtorhallen "totzuregeln". Die wollten nämlich ihrem Freund Christo keine Ausstellung widmen. Petra Steinberger weist darauf hin, dass die irakischen Waffenpotenziale nicht die ersten sind, die von Geheimdiensten übertrieben wurden. Dankenswerter Weise erinnert sie daran, wie die CIA jahrzehntelang die Zahl sowjetischer Bomber, Missiles und einsatzfähiger Divisionen überschätzte.

Unlängst ist Random House-Chef Peter Olson mit einer Reporterin der New York Times über die Buchmesse in Los Angeles geschlendert und hat dabei des öfteren mit dem Hinweis auf Menschen gezeigt: "Klar kenn ich den, den hab ich ja gefeuert." Nun fragt sich Ijoma Mangold, ob Olson wirklich die Kontrolle verloren hat oder ob er seinen eigenen lauten Abgang inszeniert. (Lynn Hirschbergs Artikel ist hier nachzulesen). Andrian Kreye nimmt Abschied von den Rock-Revolutionären The The Fugs, die den ersten Teil ihres letzten Albums herausgebracht haben.

Alex Rühle meldet, dass "Big Brother" nun auch in Südafrika zur erfolgreichsten Fernsehsendung aller Zeiten wurde. Arno Orzessek berichtet von einer Berliner Tagung zur Wissenschaftsemigration. Sebastian Weber berichtet von einem Symposium zum 350-jährigen Bestehen der Münchner Oper. Gustav Seibt annonciert, dass das Barockschloss Oranienbaum nach seiner Restaurierung wieder zugänglich ist. Gottfried Knapp gratuliert dem britischen Architekten Richard Rogers zum siebzigsten Geburtstag.

Auf der Medienseite würdigt Viola Schenz den spröden Charme des Economist, der nunmehr seit 160 Jahren auf seine unnachahmlich "sture", "schrullige" Art, aber immer mit "höflicher Respektlosigkeit" für den weltweiten Liberalismus kämpft.

Besprochen werden die neue Dreamworks-Produktion "Sinbad" und Bücher, darunter Jane Urquharts Roman "Die Bildhauer", Tim Parks Roman "Doppelleben" und Matthias Hambrocks Studie zum Verband nationaldeutscher Juden "Die Etablierung der Außenseiter" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).