Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2003. In der FAZ beleuchtet der Autor Tomas Eloy Martinez die Krise in Venezuela. Die FR bringt uns auf den Forschungsstand über das Massaker von Jedwabne. Die SZ feiert die Musikverwertungsgesellschaft Gema. Die taz verabschiedet Vaclav Havel.

SZ, 14.01.2003

In zwei Texten wird das 100-jährige Bestehen der Musikverwertungsgesellschaft Gema gewürdigt. Hermann Unterstöger berichtet am Beispiel Volksmusik über den "täglichen Copyright-Wahnsinn" beziehungsweise die schwerwiegende Frage, ob man an Stammtischen abgabefrei singen darf. Der Fall: "Vor drei Jahren widerfuhr der Kolbermoorer Brückenwirtin Annemie Göttl etwas ebenso Erstaunliches wie Betrübliches. Sie bekam einen Brief von der Gema, in dem sie aufgefordert wurde, für die Sitzungen des bei ihr beheimateten Musikantenstammtischs je 36,30 Mark an Gebühren zu entrichten." Reinhard J. Brembeck referiert noch einmal Geschichte, Sinn und juristische Grundlagen der Institution und die neuen Regelungen für den digitalen Bereich.

Andrian Kreye stellt die Internetplattform Edge vor, eines der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Debattenforen der USA. Seit 1998 stellt der New Yorker Buchagent John Brockman dort vor Neujahr eine öffentliche Frage. "Dieses Jahr formulierte er eine fiktive Email von George W. Bush, in der dieser wissen will, was die Edge-Gemeinde dem Präsidenten auf die Frage antworten würde: 'Was sind die dringendsten Wissenschaftsthemen für die Nation und die Welt, und wie kann ich diese Ihrer Meinung nach angehen?' 'In den wissenschaftlichen Publikationen hatten zuvor unzählige Artikel beklagt', erklärt Brockman, 'dass das Amt des Wissenschaftsberaters der Regierung enorm geschwächt wurde - mit der Folge, dass unter der jetzigen Regierung so gut wie kein öffentlicher Diskurs über die Wissenschaften stattfindet.'" Also, Mr. Bush, "'Fliegen Sie zum Mars. Auch ohne eine politische Herausforderung wie die Sputnik'", wie etwa der australische Mediziner Paul Davies geschrieben hat.

Weiteres: Martin Urban erklärt, wie die Naturwissenschaft die Bibel zunehmend in Frage stellt. Helmut Schödel war dabei, als sich Graz mit einem "rauschenden Eröffnungsfest" als Kulturhauptstadt 2003 feierte. Aus Wuppertal berichtet Anne Linsel über die Bedingungen, die ein Mäzen an seine Unterstützung des von der Heydt-Museums knüpft. Christoph Vratz möchte den Deutschen Musikrat aus seinem "Schattendasein" reißen, und Andrian Krey erklärt, was der Rauswurf des langjährigen Musikchefs Tony Mottola für Sony bedeutet. In der Kolumne Zwischenzeit verhandelt Hermann Unterstöger ebenso schwer zusammenfassbar wie unterhaltsam allerlei sprachlichen Irrsinn. "Pst" kommentiert schließlich einige als antisemitisch bewertete Äußerungen von Gretta Duisenberg, Ehefrau des Präsidenten der Europäischen Zentralbank. "KB" relativiert den schon als Sensation gefeierten Amsterdamer Fund von 500 verschollenen Tonbänder mit Beatles-Material aus dem Jahr 1969, und "bha" wundert sich über merkwürdige Verbindungen der britischen "Environment Agency" zu BP und Shell.

Besprochen werden die Inszenierung von Richard Dressers "Wonderful World" am Schauspiel Köln, Johann Kresniks Stück "Jedermann" am Schauspiel Essen, Chen Kaiges "Versuch" eines erotischen Thrillers, "Killing Me Softly", der zweite Teil der Filmkomödie "Reine Nervensache" mit Robert de Niro und Billy Crystal, eine Retrospektive des amerikanischen Künstlers Marc Dion in der Städtischen Galerie Esslingen und Bücher, darunter die bisher nur auf polnisch erschienene Dokumentation des Massenmords an den Juden der polnischen Stadt Jedwabne, zwei Bände mit Briefen, Essays und Gesprächen von Uwe Johnson und eine Studie über venezianische Malerei des 15. Jahrhunderts (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 14.01.2003

Vor drei Jahren hatte der Historiker Jan T. Gross sein Buch "Neighbors - Nachbarn" über das Pogrom im polnischen Jedwabne 1941 vorgelegt und damit einen heftigen Streit ausgelöst. Es ging dabei vor allem um die Frage, ob die Juden in Jedwabne von Deutschen oder Polen ermordet worden waren. "Seit Anfang September 2000 hat sich das Warschauer Institut für das Nationale Gedenken (IPN) darangemacht, Gross' Quellen und Thesen zu überprüfen", berichtet Klaus Bachmann. Erste Ergebnisse liegen nur vor in Form zweier "dicker Bände", die unter dem Titel "Rund um Jedwabne" (Wokol Jedwabnego), am Jahresende 2002 auf Polnisch erschienen sind. "Das Fazit betrifft zum einen den Kontext: Jedwabne war kein Einzelfall, sondern ein Glied in einer Kette von Pogromen, die sich räumlich von Kowno bis Bessarabien erstreckte ... Was Jedwabne selbst angeht, hat Gross nach den Recherchen des IPN stark übertrieben ... So sei nicht der eine Teil der Bevölkerung über seine Nachbarn hergefallen, sondern eine Gruppe von ungefähr 92 Personen habe mehrere hundert jüdische Bewohner von Jedwabne gefoltert, in eine Scheune getrieben und dort verbrannt. Welche Rolle dabei deutsche Uniformierte spielten, über die Zeugen und Täter sehr unterschiedliche Angaben machten, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Fest steht für die Warschauer Historiker allerdings, dass die Massaker in Jedwabne und Umgebung von Deutschen allein nicht durchführbar gewesen wären; zu dünn war dafür das Netz der deutschen Schutzpolizei in der Region."

Weitere Artikel: Peter Iden schwärmt von der Madrider Museenlandschaft und dem Selbstbewusstsein von Künstlern und Vermittlern. Stephan Hilpold porträtiert die neue Europäische Kulturhauptstadt Graz, eine Stadt, die durch ihre Lage "in Österreichs Klassenzimmer zu lange allein im Winkel stand" und nun "eine Art Remodeling aus eigener Kraft" versuche. Andreas Bomba informiert über die Situation des "finanziell angeschlagenen" Deutschen Musikrats. Besprochen wird Isao Yukisadas Filmdrama "Go".

TAZ, 14.01.2003

Auf dem Tagesthemenseiten verabschiedet Tomas Kafka Vaclav Havel und würdigt ihn als "Prager Intellektuellen mit Herz". Havels politisches "Konzept" habe darin bestanden, dass er "nie völlig das Interesse an seinen Anhängern und Widersachern" verloren habe. "Sein 'zivilgesellschaftliches' Modell sollte sie alle zu besseren Menschen werden lassen. Bei Havels Modell kam es ja nicht primär auf die politischen Geschicke des Landes an. Ganz im Gegenteil. Die Zivilgesellschaft sollte bereit sein, im Zweifelsfalle mit jeder Autorität abzurechnen. Demzufolge war Havel bereit, notgedrungen auch sich selbst zugunsten seines politischen Konzepts aufzuopfern." Unter der Überschrift "Was bleibt?" gibt es noch eine kleine Bibliografie der Schriften Havels.

Im Aufmacher der Kulturseiten bespricht Stefan Koldehoff die Stefan-Moses-Retrospektive, die das Münchener Stadtmuseum zeigt. Er traf den inzwischen 73-jährigen Fotografen in dessen Münchner Wohnung und und ließ sich sein Credo erklären: "Tatsächlich muss man in Sequenzen denken. Jedes gute Bild entsteht als Teil einer Sequenz. Der Fotograf wählt es als das seiner Meinung nach beste aus. Der Betrachter würde es aber überhaupt nicht merken, wenn er ihm statt des einen ein ganz anderes Bild aus der Serie zeigte. Er kennt ja nur das eine."

Weitere Artikel: Stefan Knoblich stöhnt über Ämterwahnsinn und die jetzt wieder einmal fällige Steuererklärung. Und Unterm Strich liefert aktuelle Infos zum Programm der Berlinale.

Besprochen werden zwei Uraufführungen, mit denen Graz in sein Jahr als Europäische Kulturhauptstadt startet: "Butterfly Blues" von Henning Mankell und Beat Furrers Musiktheater "Begehren", ansonsten Bücher, darunter eine bisher nur auf Englisch erschienene Biografie über Gustav Stresemann, eine Anthologie zum Thema Schlaf und Schlaflosigkeit, der neue Roman von Andrew Vachss und die Neuauflage von Mela Hartwigs Debüt-Roman "Das Weib ist ein Nichts" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.
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NZZ, 14.01.2003

In einem "Schauplatz Osaka" erzählt Urs Schoettli, wie die wirtschaftlich darnieder liegende Stadt durch die Besinnung auf ihre große Zeit unter dem Kaiser Meiji im 19. Jahrhundert ein neues kulturelles Profil sucht: "In Osaka und nicht im fernen Edo, wo zur Zeit des Schoguns die Familien von Lokalfürsten quasi als Geiseln zur Gewährleistung der Loyalität festgehalten wurden, gab es auch die sozialen Voraussetzungen für das neue Großbürgertum, das in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ein machtvoll in die Moderne drängendes Japan prägen und führen sollte."

Weitere Artikel: In der Reihe "Wege des Ruhms" erinnert Jürgen Tietz an das deutsche Nationaldenkmal im ostpreußischen Tannenberg, das - in den zwanziger Jahren von konservativen Kreisen errichtet - an den Ersten Weltkrieg erinnern sollte und nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt wurde.

Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" unter Klaus Michael Grüber und Christoph von Dohnanyi im Zürcher Opernhaus, eine Ausstellung der Künstlerin Tracey Emin im Modern Art Oxford, eine Ausstellung über die Synagogenbauten von Alfred Jacoby in Frankfurt, ein Duoabend mit William Christie und Hiro Kurosaki in Zürich und einige Bücher, darunter Jose Maria Arguedas' (mehr hier) Erzählung "Diamanten und Feuersteine" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 14.01.2003

Der argentinische Schriftsteller Tomas Eloy Martinez (mehr hier und hier) beleuchtet die Zustände in Venezuela, wo ein Generalstreik gegen den Präsidenten Hugo Chavez das Land lahm legt. "Er war autoritär, duldete keinen Widerspruch, und sein Mangel an Erfahrung, was die Regierungsgeschäfte und die internationale Politik betraf, ließ das Schlimmste befürchten", war Martinez' Eindruck nach einem ersten Treffen. Aber sein Populismus brachte ihm Sympathien ein. Und jetzt? "Wenn die Venezolaner rufen 'Hau ab!', dann richtet sich das auch gegen ihre eigene Naivität, Chavez' Versprechungen vor vier Jahren geglaubt zu haben. So ist der Ausruf auch Ausdruck der Scham, ihn jetzt nicht loszuwerden." Ein Forum und Analysen zur Krise in Venezuela finden sich auf analitica.com.

Weitere Artikel: Kerstin Holm schildert den Boom der Pseudowissenschaften in Russland ("Astrologen und Geistheiler haben nicht nur bei verunsicherten armen Schluckern, sondern auch bei der politischen und intellektuellen Elite regen Zulauf.") "KNA" fragt in einem kurzen Artikel, ob die jüngst aufgefundene steinerne Schrifttafel tatsächlich einen außerbiblischen Beweis für die Existenz der Jerusalemer Tempels darstellt. Eva Menasse stellt das Programm der Stadt Graz für das Kulturhauptstadtjahr vor. Gina Thomas berichtet über einen britischen Streit um Raffaels "Nelkenmadonna", die dem Herzog von Northumberland vom Getty Museum abgekauft wurde und nun möglicherweise Großbritannien verlässt. Der Herzog verteidigte sich jetzt in einem Beitrag für den Daily Telegraph (man darf den Beitrag lesen, müsste sich aber beim Telegraph registrieren). Wolfgang Sandner gratuliert dem Dirigenten Mariss Jansons zum Sechzigsten. Ingeborg Harms liest deutsche Zeitschriften.

Auf der letzten Seite freut sich Dieter Bartetzko unter einem riesigen schönen Foto über die Vollendung der hölzernen Schalung der Kuppel der Dresdner Frauenkirche, die dadurch zumindest im Umriss wieder vollständig dasteht. Auf der Medienseite stellt Andreas Platthaus eine weitere der zahlreichen Guido-Knopp-Serien über Stalingrad vor. Sandra Kegel kommentiert den Rücktritt von Steve Case bei AOL Time Warner. Michael Jeismann spielt das Computerspiel zur Serie "Napoleon". Und Michael Hanfeld erzählt "warum der Bundeskanzler zur Sendung Sabine Christiansen nächsten Sonntag zwar eingeladen, aber nicht ausgeladen wurde".

Besprochen werden Ödön von Horvaths "Bergbahn" im Schauspielhaus Düsseldorf, Michael Trabitzschs Dokumentarfilm "Die Marmorstraße" (mehr hier), ein Zürcher "Idomeneo" unter Klaus Michael Grüber und Christoph von Dohnanyi, Rene Polleschs Stück "Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!" in der BerlinerVolksbühne und ein Frankfurter Gedenkkonzert für den verstorbenen Jazzmusiker Peter Kowald.