Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.09.2002. Die FAZ stellt kühne neue Entwürfe für Ground Zero vor. In der NZZ schildert der libanesische Dicher Wadih Saadah den 11. September aus islamischer Sicht. Die Zeit porträtiert die Kanzlerkandidaten als Darsteller ihrer selbst. In der SZ untersucht Harald Welzer das Bild der Deutschen von der Nazizeit.

Zeit, 12.09.2002

Peter Kümmel, Theaterkritiker der Zeit, porträtiert die Kanzlerkandidaten als Darsteller ihrer selbst und entwickelt dabei besondere Sympathien für Edmund Stoiber: "In seiner Ich-mach's-halt-mit-Haltung ist Stoiber echt. Er beobachtet sich und ist sich peinlich. Schröder ist über so etwas weit hinaus." Er ist halt ein erfahrener Staatsmann. Aber was ist, wenn er abgewählt wird? "Man kann sich den Kanzler nicht in einer anderen Rolle vorstellen, er hat die ihm gemäße gefunden. Denkbar ist aber, dass Schröder in ein paar Jahren in kleinem Kreis als sein eigener Parodist auftreten wird, sich in die Videobänder seiner Performances vertiefen und die schönsten Stellen grinsend mitsprechen wird. Das werden glückliche Abende sein."

Weitere Artikel: Ulrich Greiner kommentiert den Streit um Peter Michalziks Biografie des Verlgers Peter Unseld, die für ihn eigentlich nur scheitern konnte: "Biografien Lebender sind ein Widerspruch in sich, und nicht selten gräbt der Biograf ein Biograb." Thomas E. Schmidt singt unterdes enen Abgesang auf Popliteratur sowie -journalismus: "Wirklich cool ist am Ende nur das Schweigen." Katja Nicodemus resümiert das Festival in Venedig, wo es vielfach ums Altern ging, wobei wiederum Clint Eastwood, wenn er "mit bedächtigen Bewegungen seine Pumpgun aus dem Kofferraum holt", entschieden die beste Figur macht. Claus Spahn resümiert die ersten Veranstaltungen von Gerard Mortiers Ruhrtriennale. Hanno Rauterberg besucht die Architekturbiennale in Venedig. Tobias Gohlis nimmt das renovierte Reichsgerichtsgebäude in Leipzig in Augenschein, wo seit neuestem das Bundesverwaltungsgericht tagt. Und Thomas Mießgang begab sich zur Ars Eletronica nach Linz.

Besprochen wird Andre Techines neuer Film "Weit weg".

Aufmacher des Literaturteils ist Ulrich Greiners Besprechung von Richard Sennetts neuem Buch "Respekt". In den Zeitläuften erinnert sich Uwe Wesel an den früh verstorbenen 68-er Hans-Jürgen Krahl.

Interessant das Mode-Special im Leben. Interviewt werden hier unter anderm die Künstlerin Louise Bourgeois und der Dior-Designer Hedi Slimane, der für das Heft ein Jackett inklusive in der Zeit veröffentlichtem Schnittmuster entwarf. Ferner finden sich ein Essay von Slavoj Zizek und einer von Diedrich Diederichsen.

SZ, 12.09.2002

Harald Welzer, Sozialpsychologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Mitautor des Buches "Opa war kein Nazi" kommentiert eine aktuelle Umfrage des Emnid-Instituts zur Geschichte des Dritten Reiches, der zufolge diese Geschichte neu geschrieben werden müsse: "26 Prozent der damals erwachsenen Bevölkerung haben Verfolgten geholfen," glauben junge Deutsche also, "13 Prozent waren im Widerstand aktiv, 17 Prozent haben immer den Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu nennen. Außerdem war lediglich ein Prozent der Bevölkerung an Verbrechen beteiligt." Antijüdisch sind der Umfrage zufolge ganze drei Prozent gewesen........ Das weist für Welzer auf eine dramatische Diskrepanz zwischen dem Familiengedächtnis und der Erinnerungskultur hin: "Während im offiziellen Gedenken unablässig der Holocaust und die Verbrechen der Deutschen betont werden, kultiviert das Alltagsgedächtnis ein Bild, in dem Nazis die anderen, niemals aber Mitglieder der eigenen Familien sind. Besonders die Enkelgeneration deutet die in der Familie gehörten Geschichten um: zu Erzählungen vom alltäglichen Widerstand, vom couragierten Verhalten in gefährlicher Zeit. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung spielt im Familiengedächtnis nur eine marginale Rolle."

Lothar Müller hat sich die Ausstellung "Kleider machen Politik" im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg angesehen und festgestellt, dass schon in Konrad Adenauers dort ausgestelltem Pepitahut die Westintergration konsequent verdichtet war. Dennoch hat die Ausstellung bei ihm mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Zum Beispiel: "Warum hat Edmund Stoiber als privater Leihgeber seine Rothirsch-Lederbundhose, Genscher einen seiner Pullover, Momper seinen roten Schal und Westerwelle seine Schuhe zur Verfügung gestellt, nicht aber Bundeskanzler Schröder einen seiner Brioni-Anzüge?"

Weitere Artikel: Holger Liebs berichtet, dass der britische Künstler Damien Hirst (mehr hier) den Atttentätern vom 11.9. gratulieren will, aber eigentlich bloß neidisch aufs Fernsehen ist. Uwe Mattheis erzählt, wie Österreichs Bürgertum sich mit Thomas Bernhard versöhnt, und Der Direktor des Wiener Architekturzentrums und Kommissar des österreichischen Pavillons der Architektur-Biennale Dietmar Steiner erläutert das Dilemma der deutschen Architekten: "Man will sich weder zum Glamour der Stars bekennen, noch richtig in den Dreck greifen. Man will sich durchlavieren, mittelständische Qualität und Kosten garantieren, man will irgendwie auf Mensch und Natur Rücksicht nehmen, und dann doch in die Toskana brausen, um das Klischee vom Architekten zu bedienen."

Besprochen werden: Filme über Filme beim Festival in Deauville, M. Night Shyamalans Thriller "Signs" (samt Interview mit Hauptdarsteller Mel Gibson), Jerry Zuckers Film-Comedy "Rat Race", Mark Mylods neuer Film "Ali G. Indahouse", das Festival "Klang & Raum" in Irsee, die Ausstellung "Flämische Stillleben" in der Villa Hügel in Essen und Bücher, darunter Zoe Jennys Roman "Ein schnelles Leben" und Siba Shakibs Hörbuch "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 12.09.2002

Thomas Medicus sieht im Fall eines Regierungswechsels die Invasion der Erfahrungslosen drohen und ruft verzweifelt: "Mach's noch einmal, Gerd!" Bei der Konkurrenz laute die Devise, dass keine Erfahrung besser als irgend eine Erfahrung sei."Das ist natürlich Unsinn. Acht Frauen bereichern schließlich mehr als 32 Jahre Home-Video allein zuhaus mit Karin. Zeitgemäß könnte die Devise aber dennoch sein. Angesichts abnehmenden Volkswohlstands und um sich greifender Ordnungspolitik droht individuelle Entscheidungsfreiheit zu schrumpfen. Dass jetzt den Ostlern die Mobilitätszulage gestrichen wurde, erschien mir als unheilvolles Zeichen. Wenn nurmehr die Immobilen belohnt würden, wäre für nonkonformistische Lebenszuschnitte nicht mehr viel Platz übrig."

Weitere Artikel: Stephan Hilpold beobachtet auf der Ars Electronica in Linz subversive Visionen und ökonomische Interessen. Dirk Fuhrig findet es auf dem zweiten Internationalen Literaturfestival in Berlin schön zu sehen, "dass Literaten nicht überall auf der Welt mit gramgebeugter Miene, wehenden Schals und schlackernden Cord-Sakkos herumlaufen müssen." In Teil 15 der FR-Serie "Wimmelbild Dokumenta" zoomt Daniel Birnbaum (Rektor der Frankfurter Städelschule und Direktor des Portikus) auf Dominique Gonzales-Foersters (mehr hier) Park, der für ihn "ein fast unmögliches Kunstwerk" ist. Die tschechische Schriftstellerin Iva Pekarkova erzählt, wie die Tschechische Republik die Flut überlebte, und von einer viel schlimmeren Flut 1993 in Indien. Roman Luckscheiter stellt die neue Ausgabe der Zeitschrift "Die Aktion" vor, die einen französischen Intellektuellenstreit um den 11.9. der Surrealisten dokumentiert. Außerdem wird gemeldet, dass auf das Büro der putinnahen russischen Jugendbewegung "Gemeinsamer Weg" in Moskau in der Nacht zum Mittwoch ein Bombenanschlag verübt worden ist. Der Sprengsatz habe ein Pappklo zerstört, in dem Aktivisten bei einer ihrer Aktionen Bücher des von ihnen angefeindeten Autors Wladimir Sorokin versenkt hatten. Außer zersprungenen Fenstern sei kein Schaden angerichtet worden."

Besprochen werden: M. Night Shyamalans Mysterythriller "Signs", Andreas Homokis Auftakt als Künstlerischer Leiter der Komischen Oper Berlin und Bücher, darunter Klaus Reicherts Gedichtband "Wär ich ein Seeheld" und eine Biografie des Philosophen Bernhard Groethuysen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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NZZ, 12.09.2002

Die Anschläge des 11. September aus arabisch-muslimischer Sicht schildert der libanesische Dichter Wadih Saadah. Wurden noch unmittelbar nach der Katastrophe die Forderungen nach einer besseren Kommunikation zwischen arabischen und westlichen Ländern laut, nehmen die Einwohner der arabischen Staaten, so Saadah, nun, ein Jahr später, vielmehr das Gegenteil wahr: "Die Terroranschläge des 11. September wurden von den meisten Arabern und Muslimen als krimineller und zutiefst unethischer Akt verurteilt, und an dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Andererseits lastet eine dumpfe Verzweiflung über den islamischen Ländern - man hat das Gefühl, ständig im Visier der Großmächte zu stehen und eigentlich die gesamte internationale Gemeinschaft gegen sich zu haben. Dieses Unbehagen ist nicht neu - latent war es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs spürbar; aber in der Folge des 11. September hat es sich verschärft und konkretisiert; und man hegt wenig Hoffnungen auf eine baldige Entspannung."

Christine Wolter hat das "festivalletteratura" besucht, das seit Jahren Schriftsteller zu einem intellektuellen Stelldichein nach Mantua holt. Wie Wolter bestätigt, ist der Ansturm jedes Mal enorm: Vor allem "sachkundiges, lesendes Publikum", aber auch Kinder (ein Drittel der 180 Veranstaltungen berücksichtigte die Interessen kleiner Büchernarren) seien auf den Geschmack gekommen. "Immer ging es ums Lesen und Zuhören, die Autoren wurden von Autoren vorgestellt, kein Großkritiker war nötig, die Hektik von Buchmessen unbekannt, kein Regierungssprecher verteilte Zensuren", schildert Wolter die offenbar einzigartige Stimmung.

Und noch eine anspruchsvolle literarische Veranstaltung findet Beachtung: Die Ausstellung "Der literarische Einfall" in Bern, bei der sich alles um den Entstehungskontext von künstlerischen Produktionen dreht. Sibylle Birrer hält es für äußerst erfreulich, "über das Medium der Ausstellung anschaulich und ohne theoretischen Ballast das Wesentliche von dem vermittelt zu bekommen, was Philologie und 'critique genetique' in der Literaturwissenschaft fordern: Das Verständnis des Textes auf Grund seiner Genese."

Weitere Artikel: Der Deutsche Übersetzerfonds kann auf fünf Jahre Arbeit zurückblicken, in denen er erfolgreich versucht hat, die gemeinhin nicht genug beachtete Zunft aus der "Einsamkeit des Schreibtischalltags" zu holen", wie Sieglinde Geisel schreibt. Kathleen Bühler war beim "Avantgardistischen Videoschaffen", begleitet von "in Echtzeit komponierten Klang- und Bilderströmen" in Bern mit von der Partie. Und Jürgen Heizmann berichtet vom Kongress "Thomas Chatterton and Western Culture".

Besprochen werden Bücher, darunter eine bisher nur auf Englisch erschienene Miles Davis-Biografie, die laut Rezensent Ueli Bernays die rockigen Phasen in Miles' Leben leider allzu sehr vernachlässigt. Ein Trost für die Fans: die 20-teilige CD-Box mit allen Hits, die ebenfalls neu herausgekommen ist. Weiter werden besprochen Melitta Brezniks Erzählung "Das Umstellformat" und Helen Humphreys neuer Roman "Der vergessene Garten" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 12.09.2002

Rolf Lautenschläger war auf der 8. Architekturbienale in Venedig und hat folgendes festgestellt: "2002 ist die Architektenschaft wieder auf der Erde gelandet. Schaut man sich heute die Beiträge in den rund 40 Länderpavillons an, stößt man mehrheitlich auf eine ethische Zäsur und eine mutige Abgrenzung zur Last der Geschichte sowie zur Investoren- und Neuen-Urbaniten-Architektur am Ende des 20. Jahrhunderts. Man glaubt wieder an sich und das Bauen und gibt sich zugleich weniger ernst. Das Utopiedefizit macht nicht Bange. Im Gegenteil: Es befreit."

Weitere Artikel: Auf der Internetseite schreibt Verena Dauerer über die Pleite der Tauschbörse Napster und den Kampf der Medienkonzerne gegen Peer-to-Peer-Netze. Und auf der Medienseite gibt es ein Interview mit dem Medienregulierer Hans Hege, der erklärt, warum der Medienmarkt derzeit von Bankern und Insolvenzverwaltern bestimmt wird.

Besprochen werden: M. Night Shyamalan Phantasie-Film"Signs", Andre Techines Dreiecksgeschichte zwischen Marokko und Europa"Weit weg" und Robin Detjes Frank Castorf-Biografie (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr) 

Schließlich TOM.

FAZ, 12.09.2002

Jordan Mejias stellt eine Reihe von kühnen Entwürfen für die künftige Bebauung des Ground Zero vor, die kürzlich im Magazin der New York Times und im New York Magazine präsentiert wurden. Sie zeigen unter anderem Entwürfe von Zaha Hadid und Peter Eisenman, die weit über die bisher von offizieller Seite erwogenen Entwürfe hinausgehen. "Würden auch nur die Hälfte all dieser Wunschträume wahr, könnte aus der architektonisch ossifizierten Stadt New York die konkurrenzlose Metropole der Zukunft erwachsen", schreibt Mejias. Auch Daniel Libeskind wird in einer Bildunterschrift zitiert: "Ich meine, dass dort wieder gebaut werden muss. Nicht ein Monument der Verzweiflung oder der endlosen Trauer, sondern Bauten, mit denen Wohnen, Arbeiten und kulturelle Aktivitäten, das Leben also zurückkehren."

Durs Grünbein setzt die Reihe der Schriftstellerantworten auf den Chandos-Brief mit einem Gedicht fort. Der Anfang:

Dieses unbegreifliche Innere, die Domäne der Dichter,
Von der Physik nichts wissen wollte bis gestern -
Endlich hat es sich aufgetan unterm Photonenbeschuss.
Seele, was ist das? Ein Schwingungszustand, sonst nichts.
Ein neuronales Gewitter, wie Leonardo es aufziehen sah.
Ein Malstrom, der alles Gesehene, alles Gedachte verschlingt.


Weitere Artikel: Heinrich Wefing vermutet, dass die Amerikaner die Enrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs auch deshalb hemmten, weil dort als Straftatbestand die "Aggression" vorgesehen ist, was nach einem einseitigen Angriff auf den Irak natürlich zu Konsequenzen führen könnte. Volker Weidermann stimmt auf das vorgestern Abend eröffnete Internationale Literaturfestival in Berlin ein. Wolfgang Sandner stellt das Festival Mitte Europa in Karlsbad und anderen Städten vor. Siegfried Stadler begeht das Reichsgerichtsgebäude in Leipzig, das seit jüngstem als Sitz des Bundesverwaltungsgerichts dient. "hpr" gratuliert dem Museumsmann Rolf Wedewer zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Seewald den Fernsehproduzenten Marc Conrad. Und Joseph Hanimann meldet, dass in Frankreich nun die Politik gegen den Verkauf der Verlage des Vivendi-Konzerns an einen ausländischen Konzern einwirken will (während die französische Politik kein Problem hatte, dass Vivendi 60 Prozent der Verlage des Landes besaß). An Stelle der ehemaligen Filmseite prangt nun eine Seite mit Kinoanzeigen.

Besprechungen gelten dem Film "Signs- Zeichen" (mehr hier) von M. Night Shyamalan, einem Auftritt der Folksängerin Hope Sandoval in Frankfurt, einer Filmreihe des Filmbüros NRW mit Dokumentarfilmen über das Militär und einem Freiluftkonzert von Jean-Michel Jarre in Dänemark.