Dubravka Ugresic

Lesen verboten

Cover: Lesen verboten
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413159
Gebunden, 238 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak. Die weitreichenden Veränderungen im Gefolge der Herausbildung eines globalen Marktes für Literatur bis in ihre sprechenden Details schildert Dubravka Ugresic in ihren neuen Essays. Ihr Befund lautet: Galten als zur Weltliteratur zugehörig bisher Bücher, die qualitativen Maßstäben genügten, wird der Begriff gegenwärtig quantitativ verstanden: Zur Weltliteratur zählt nur noch, was sich auf der ganzen Welt verkaufen lässt. Das hat zur Konsequenz: Autoren und Leser sprachlicher Kunstwerke werden an den Rand der Kultur gedrängt, wie den Rauchern sind ihnen die unvorteilhaftesten Reservate vorbehalten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.03.2003

Niederschmetternd, aber höchst vergnüglich zu lesen, findet Rezensent Ernest Wichner diese Essays, in denen sich die kroatische Schriftstellerin Dubravka Ugresic mit dem Buchmarkt und dem Exil auseinandersetzt - den Albträumen eines jeden Literaten. Im Gegensatz zu Adorno oder Anders reagiert Ugresic, die heute in Amsterdam lebt, auf den erlebten "Kulturschock" nicht mit kritischer Emphase, sondern mit einem "ironischen Maskenspiel". Besonders gefallen haben dem Rezensenten Ugresics bissige Anmerkungen zum literarischen Erfolg, der sich so leicht aus den Ingredienzien "realistisch und fröhlich " präparieren lasse. Damit, fasst Wichner Ugresics Kritik zusammen, verwirkliche der globale Markt aufs Trefflichste die Vorstellungen kommunistischer Literaturfunktionäre, nach denen Literatur von allen zu lesen sei. Die tradierten Vermittlungsinstanzen - Akademien, Fakultäten, Kritik - wurden erfolgreich ausgeschaltet und Stephen King wäre der ideale Stalin-Preisträger.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2002

Karl-Markus Gauß ist zweifellos begeistert von dem Essayband. Denn die Autorin, die aus Osteuropa kommt, kritisiert den amerikanischen Literaturmarkt und die Amerikanisierung des Kulturbetriebs mit gewitzten Methoden, mit "Ironie und Melancholie". So beschreibt Ugresic, wie ein Buch seinen Stellenwert bei den Verlagen verliert, weil diese zuerst ein Exposé verlangen. Das Exposé ist ein Stück Verhandlungsbasis. Die Buchautorin reichte Zusammenfassungen von "Ulysses", dem "Mann ohne Eigenschaften" oder "Tod des Vergil" bei Verlagen ein und wurde abgelehnt. Gauß kann den Schock einer Osteuropäerin gut nachvollziehen, die mit der Zensur umzugehen gelernt hat, um jetzt in einer Welt zu stehen, die die Memoiren Ivana Trumps höher schätzt als einen Essay von Joseph Brodskey (so geschehen in der New York Times!). Erfolg hatte Ugresic übrigens mit ihrem Expose für "Der alte Mann und das Meer" - nachdem sie den alten Mann durch einen jungen, gutaussehenden kubanischen Exilanten und Homosexuellen ersetzt hatte. So lässt sich für den Rezensenten wunderbar zeigen, "dass im realen Kapitalismus keinerlei verbindliche Kriterien für die Kunst existieren. Ugresic attackiert diesen Sachverhalt erfrischend ungeschützt."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.09.2002

Ilma Rakusa ist total begeistert von der kroatischen Autorin im holländischen Exil, deren Romane, wie sie schreibt, man vielleicht bewundert, deren Essays aber geradezu gefangen nehmen. Mit "fast einschüchternder Allround-Bildung", einer sowohl östlichen als auch westlichen Perspektive, aus jeweils beiden Referenzsystemen schöpfend, beschreibe Dubravka Ugresic die Misere des kulturellen Marktes zwischen soap, Bestsellern und Trash, Agenten, proposals und Werbetexten; sie mache sich lustig über die Adaption amerikanischen Glamours im Osten und gestehe gleichzeitig ihre eigene Faszination. Rakusa bewundert den "pointierten, unlarmoyanten" Stil der Autorin, die scharfe Analyse - beispielsweise von Hollywood als eigentlich "sozrealistisch" - und freut sich am inhärenten Widerspruch: "Solange Bücher dieser Art erscheinen, ist nicht alle Hoffnung verloren."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.07.2002

Die Autorin schlägt einen satirischen Ton an, der Hans-Peter Räkel auf Anhieb für diese Sammlung von kleinen Essays und Glossen eingenommen hat. Außerdem kann er einen ideologiekritischen Inhalt festmachen, der sich an den Globalisierungstendenzen des Buchmarkts und bestimmten literarischen Betriebs- und Veranstaltungsformen abarbeitet sowie an osteuropäischen Traumata und einer dort vorhandenen 'Fusion der Ideologien', zitiert Räkel die Autorin. Beim Thema Nationalismus, sprich "ethnischem Isolierungswahn", der sich als "authentisch" ausgibt, verlässt die Autorin Räkel zufolge auch schon mal der Humor - dann wird sie bitterböse, behauptet er. Sowohl ihre sarkastischen Bemerkungen über die Gepflogenheiten des westlichen Literaturbetriebs wie auch ihre politischen Beobachtungen überzeugen den Rezensenten, weil sie von der historischen Erfahrung der Autorin geprägt sind. So sei ihr "global" lieber als "lokal", weil sie die Vernichtung der Kultur im lokalen Rahmen bereits selbst erlebt habe, erklärt Räkel. Ihm bereitete die Lektüre dieser Textsammlung durchgängiges Vergnügen, da die Übersetzung aus dem Kroatischen durch Barbara Antkowiak die Polemik und Selbstironie der Autorin ins Deutsche hinübergerettet hat.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.05.2002

Weder reine Essays noch reine Prosa, dafür "verblüffend schlicht und intelligent", so urteilt Franz Haas über diese Sammlung von Aufsätzen (aus den Jahren 1998-2000) der exilierten Ex-Jugoslawin Dubravka Ugresic. Was die renommierte Autorin über die "verzweifelte Lage der schönen Literatur" und über die Zustände in ihrer Heimat zu sagen hat, zeugt laut Rezensent einerseits von "größter Kompetenz" und jeder Menge Witz, andererseits von "Wehmut und Wut" und gewährt dem Leser die Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen "künstlerischer Planwirtschaft" (im Osten) und "verkaufsträchtiger Profitkunst" (im Westen) gar nicht so groß ist.
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