Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.07.2002. In der SZ weist Martin Mosebach in Martin Walsers "Tod eines Kritikers" die typischen Mängel von Schlüsselromanen nach. In der taz trägt Diedrich Diederichsen "eine individuelle Symptomdichte wie bei Walser in eine politische Symptomatologie" ein. In der FR outet Tariq Ali den amerikanischen Präsidenten als christlichen Fundamentalisten. Die NZZ ruft Grass und Enzensberger zum Engagement für einen jemenitischen Schriftsteller auf. Die FAZ versteht die Amerikaner.

SZ, 10.07.2002

Der Schriftsteller Martin Mosebach liefert seinen ganz persönlichen Lektüreeindruck zum neuen Walser und macht auf einen echten Mangel eines jeden Schlüsselromans aufmerksam: "Beim 'Tod eines Kritikers' hat man den Eindruck, die Zettelkästen seien übervoll gewesen mit vorzüglichen Beobachtungen, und es habe dem Autor um jede einzelne, die er in seinem Roman nicht unterbringen konnte, bitter leid getan. Da steht sein Held, 'wie er sich räuspert, wie er spuckt', hat alles, was er im wirklichen Leben besitzt, lebt aber nicht, weil er nicht aus der Phantasie des Autors wiedergeboren worden ist." Denjenigen aber, die nach Antisemitismus forschen, gibt Mosebach einen Ratschlag Raymond Chandlers weiter: Sie mögen sich doch besser die Autoren vorknöpfen, in deren Büchern überhaupt keine Juden vorkommen.

Arkadij Waksberg, Autor der "Literaturnaja Gaseta" und des "Svenska Dagbladet", enthüllt ein bitteres Paradox: Russland hat die Nazis besiegt und bebt heute unter einer Welle neonazistischer Gewalt. Fast jeder Tag, schreibt er, bringt neue Kunde über die Opfer dieser "Kämpfer für die Reinheit der russischen Nation und der russischen Erde", die sich, zum Teil unterstützt durch Offizielle, gegen Juden und gegen Menschen aus Mittel- und Fernasien wenden. "Wie in einer Kettenreaktion führt all dies dazu, dass die Menschen in den übrigen Staaten der GUS und in den Republiken der russischen Föderation beginnen, Russen ebenso zu behandeln. Und mit diesen Konsequenzen fertig zu werden, dürfte schwerer werden, als die russischen Hitler-Epigonen zu zähmen. An diese Perspektive aber denkt derzeit ernsthaft noch niemand."

Ferner kommentiert Christopher Schmidt das "wohl bemerkenswerteste Comeback seit Lazarus": Elvis ist zurück! Es gibt ein Gespräch mit Sakari Oramo, Simon Rattles Nachfolger als Orchesterchef in Birmingham. Im Rahmen eines Colloquiums der Ludwig-Maximilians-Universität zum 75. Geburtstag von Dieter Henrich hörte Sonja Asal einen Vortrag von Michael Theunissen. Nico Bleutge gratuliert dem Schriftsteller Jürgen Becker zum Siebzigsten. Jörg Häntzschel schreibt den Nachruf auf Hollywoods legendären Fotografen Sid Avery (mehr hier), und in einer Notiz steht zu lesen, dass der deutsche Buchhandel an einem Umsatzrückgang von 2,1 % in den ersten 5 Monaten dieses Jahres zu knabbern hat.

Besprochen werden Francois Ozons Whodunit "8 Frauen" mit weiblicher Starbesetzung, viel Musike, u.a. eine EMI CD-Schachtel voller historischer Dirigentenaufnahmen aus dem 20. Jahrhundert, die Wolfgang Schreiber anpreist, oder neue Silberlinge vom Schweizer Cellisten Thomas Demenga, der Bachs Solosuiten mit Kompositionen zeitgenössischer Musik konfrontiert, dann ein Buch über Formen des jüdischen Bibliothekswesens, Marc Blochs Apologie der Geschichte in einer neuen Ausgabe, Essays und Glossen zum Thema Literatur und Markt, verfasst von der kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugresic sowie ein Fotoband über Orchideen (siehe auch unsere Bücherschau um 14 Uhr).

TAZ, 10.07.2002

Dickes Feuilletons heute: Diedrich Diederichsen kramt Diskursanalyse und Dekonstruktion hervor, um, wie er in seinem Artikel schreibt, "eine individuelle Symptomdichte wie bei Walser in eine politische Symptomatologie einzutragen". Das Aufspüren relativ unbestreitbar als antisemitisch kenntlicher Diskurselemente, erklärt er, erlaubt zunächst vor allem, etwas über Diskurse und Diskurselemente und ihre Schicksale zu sagen und nicht primär über die Personen, die sich ihrer bedienen. "Das wird vor allem von den kritisierten Benutzern dieser Elemente gerne übersehen. Redeweisen und Narrative geistern durch Köpfe, ohne von diesen ursprünglich hervorgebracht worden zu sein, ja überhaupt notwendig verstanden worden zu sein. Wir reproduzieren Reden, die nicht 'unsere' sind, nicht nur weil sie das in einem gewissen Sinne grundsätzlich nicht sein können, sondern auch, weil die Dynamik ihres Funktionierens uns überzeugt und übermannt, bevor wir sie prüfen wollen." Prüfen wollen, wohlgemerkt!

Ferner erkennt Peter Fuchs in der Pisa-Panik ein Verständnis der Schule als Trivialmaschine und macht dagegen den Sozialisationsraum Penne stark, in dem "lebens- und karrierewichtige Fertigkeiten massenweise und beiläufig unabsichtlich vermittelt" werden. Kolja Mensing untersucht die Krise des Buchhandels und sieht ihren Hintergrund in der Auflösung des Wertekonsens rund um das Kulturgut Buch, was wieder den Erfolg der wenig dünkelhaften Online-Buchhändler erklärt. Jörn Ahrens bespricht Gabriele Scherers diskurstheoretische Studie "Bis daß der Tod euch scheidet " über den literarischen und den medizinischen Diskurs der Goethezeit (siehe unsre Bücherschau um 2). Und zum Reizthema Depression und Revolte in der Großstadt fällt Kirsten Küppers ein, dass der Schriftsteller W. angekündigt hat, demnächst mit Komplizen in eine Bank einzusteigen. W.? Das wir doch nicht... Aber dann stünd's ja in der FAZ.

Schließlich TOM.

FR, 10.07.2002

Die FR bringt ein Gespräch mit dem pakistanischen Schriftsteller und Filmemacher Tariq Ali, der in George Bush einen christlichen Fundamentalisten sieht, einen nicht gerade erfolgreichen überdies: "Was war denn das Ziel der Amerikaner in Afghanistan: Osama bin Laden zu fassen, tot oder lebendig. Natürlich haben sie ihn nicht gefasst, er ist ja kein Idiot und wartet in einer Höhle bis man ihn findet. Vermutlich ist er mit einem Pilgerflugzeug nach Mekka geflogen. Diese Maschinen werden nicht kontrolliert. Das zweite Ziel war, Mullah Omar zu fassen ... Zuletzt wurde er auf einem Motorrad gesehen. Stellen Sie sich das vor, Mullah Omar rauscht auf einem Motorrad durch die afghanische Wüste dem Sonnenuntergang entgegen... Wie Steve McQueen in 'Great Escape'. Das Kriegsziel ist verfehlt, dafür haben die Amerikaner nun ein Land, das sie regieren müssen." Die einzige Chance, den Terrorismus einzudämmen, meint Ali, ist eine politische Lösung in Palästina und das Ende der Sanktionen im Irak.

Das ist mal interessant: Helmut Höge setzt Protestbewegungen der Landwirtschaft in Beziehung zur linken Intelligenz und geht dem bäuerlichen Eigensinn (von Friesland bis Wyhl am Kaiserstuhl) auf den Grund. "Heute gibt es in Deutschland nur noch etwa 600 000 Bauern. Aber kann es sein, dass wir diesem letzten Rest unseren zivilen Ungehorsam zu verdanken haben?"

Weitere Artikel: Michael Eggers berichtet von einer Göttinger Tagung, auf der Komparatisten ihr Selbstbild diskutierten. Jochen Schimmang gratuliert dem Dichter Jürgen Becker zum 60. Geburtstag, während Lutz Hagestedt dem Poeten Paul Wühr zum 75. zuprostet. Und "Times mager" findet den Medienkanzler plötzlich große Klasse (was ne Kunst bei dem Kandidaten!)

Besprechungen widmen sich der Ausstellung "Zurück zum Beton" in der wieder eröffneten Düsseldorfer Kunsthalle (Bilder hier), Irwin Winklers Melodram "Das Haus am Meer", in dem amerikanische Gründungsmythen belebt werden, und einer Donald-Judd-Retro in der Kunsthalle Bielefeld.
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NZZ, 10.07.2002

Mona Naggar erzählt die Geschichte des jemenitischen Autors Wajdi al-Ahdal, der in seinem neuen Roman an den Paradies-Visionen der Islamisten zweifelt und darum nun von staatlichen und religiösen Oberen mit herzlichen Hass verfolgt wird. (Hier ein Artikel aus der Yemen Times über die Affäre.) Nun hofft er auf die Hilfe des Internationalen Schriftstellerparlaments. Und Mona Naggar hat eine Idee: "Unlängst besuchten berühmte deutsche Lyriker wie Hans Magnus Enzensberger und Durs Grünbein Jemen und lasen vor einheimischem Publikum. Die aufwendige Veranstaltung wurde von eben dem Kulturministerium gesponsert, das nun Wajdi al-Ahdal verfolgt. Im Herbst soll eine Reise von Günter Grass nach Jemen geplant sein. Eine gute Gelegenheit, nicht nur die Exotik von Sanaa zu geniessen, sondern auch den Fall des verfolgten Schriftstellers anzusprechen!" Das werden sich unsere Autoren doch nicht zweimal sagen lassen!

Weiteres: Uwe Justzus Wenzel schickt einen ausführlichen Bericht über den "Karl Popper Centenary Congress" in Wien. Marta Kijowska flaniert über den Königsweg in Warschau ("In den wenig subtilen Gesichtszügen dieser Straße spiegelt sich die neueste Geschichte Warschaus und der verblassende 'Glanz' des 'Bauern- und Arbeiterstaates'.") Beatrix Langner gratuliert Jürgen Becker zum Siebzigsten. Markus Jakob schildert Querelen um die Renovierung des Prado in Madrid.

Besprochen werden Opern am Festival von Aix-en-Provence (mehr hier), Neuaufnahmen mit dem Dirigenten Karl Anton Rickenbacher, Mahler-Einspielungen unter Michael Gielen und einige Bücher, darunter ein englischsprachiges Buch des arabischen Autors Muhsin S. Mahdi über den Beginn des islamischen politischen Denkens (mehr hier) und John Irvings Roman "Die vierte Hand" (mehr hier). (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

FAZ, 10.07.2002

Der Rechtsphilosoph Gerd Roellecke wirbt um Verständnis für die Amerikaner, die den Internationalen Strafgerichtshof nicht anerkennen wollen. Sie fürchten die Instrumentalisierung, meint er, und den Antiamerikanismus: "Überall, wo amerikanische Friedensbringer an Land gehen, klären Journalisten nach kurzer Zeit über Massaker auf, jüngst wieder in Afghanistan. Wer das unglaubliche Glück hatte, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Besatzungszone leben zu können, mag das zwar nicht uneingeschränkt glauben, aber die umflorten Augen und die gepressten Stimmen der Berichterstatter ersticken jeden Widerspruch. Wenn sich amerikanische Soldaten dagegen wehren, dass dieses Spiel in der Öffentlichkeit vor internationalen Gerichten fortgesetzt wird, kann man ihnen das kaum verdenken."

Joseph Hanimann stellt die Politik des neuen französischen Kulturministers Jean-Jacques Aillagon vor: Sparen sparen sparen. "Die Maison du cinema, die in Frank Gehrys Bau des früheren amerikanischen Kulturzentrums Cinemathek, zentrale Filmbibliothek und Teile des Centre National du Cinema zusammenlegen sollte, wird neu geprüft. Ebenso die geplante Cite du patrimoine et de l'architecture, in dem am Trocadero demnächst das seit 1997 geschlossene Musee des Monuments français und das Institut français d'architecture vereint werden sollten. Suspendiert ist auch das neue Nationalinstitut für Kunstgeschichte in der alten Bibliotheque Nationale. " Da bleibt wohl nur die Verwaltung des Bestehenden.

Weiteres: In einer Meldung erfahren wir, dass Elie Wiesel in der neuesten Auflage seines Buchs "Die Nacht. Erinnerung und Zeugnis" auf das Vorwort Martin Walsers verzichtet. Mark Siemons meldet, dass die berühmte Bibliothek des DDR-Philosophen Jürgen Kuczinski (70.000 Bände) an die Zentral- und Landesbibliothek Berlin ging. Andreas Heldrich, Rektor der Universität München, darf in einem ausführlichen Interview begründen, warum man sich gerade nach der Walser-Affäre freut, Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde anzubieten. Andreas Rosenfelder resümiert eine Düsseldorfer Kulturreferententagung zum Thema "Cool - Kult - Kunst?! Jugendliche als Kulturpublikum" (mehr hier). Hannes Hintermeier gratuliert dem Schriftsteller Jürgen Becker zum Siebzigsten. Erdmann Neumeister besucht das "Laboratorium für Fotografie" in Basel, wo die Architekten Herzog und de Meuron die Fotosammlung von Peter und Ruth Herzog untergebracht haben.

Auf der letzten Seite sammelt Niklas Maak erste Eindrücke aus dem Ausweichquartier des Museum of Modern Arts in Queens ("Die ehemalige Fabrik im Stadtteil Queens, die man in tief leuchtendem Blau angestrichen hat, steht da wie eine Arche, in der das kulturelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts zusammengepfercht ist - als habe man die wichtigsten Kunstwerke der westlichen Welt aus Manhattan evakuieren müssen.") Martin Kämpchen legt dar, dass die indische Leserschaft von Hermann Hesses "Siddharta" keineswegs so begeistert ist, wie behauptet wurde und dass man an Hesses 125. Geburtstag achtlos vorübergeht. Und Rainer Blasius würdigt den Zeithistoriker Hermann Graml, der heute in München die Ehrendoktorwürde erhält. Auf der Medienseite liefert Sandra Kegel einen Stimmungsbericht aus der Zeit. Zweifel, ob man diese Wochenzeitung noch lesen muss, zerstreut sie mit einem Hinweis auf die "werthersche Schwärmerei" der Heiratsanzeigen.

Besprechungen gelten Francois Ozons Film "Acht Frauen" und dem 20. Berliner Musikfestival "Inventionen".