Wolf Singer

Der Beobachter im Gehirn

Essays zur Hirnforschung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518291719
Taschenbuch, 300 Seiten, 11,00 EUR

Klappentext

Der Autor führt in das Feld der Neurologie und der Neurobiologie ein und zeigt zugleich Chancen und Grenzen des Forschungsgebietes auf. Dabei entstehen zahlreiche Anknüpfungspunkte an die geisteswissenschaftliche Diskussion.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

"Der Tod eines Kritikers" erregt größte Aufmerksamkeit. Er findet nur in einem Roman statt. Die tatsächliche Ermordung des Lektors dagegen scheint niemanden aufzuregen. Wolf Singer, Direktor am Max Planck Institut für Hinforschung in Frankfurt/Main, hielt 1998 einen Vortrag über "50 Jahre Hirnforschung in der Max-Planck-Gesellschaft". Jetzt wurde er wieder abgedruckt in des Professors Essaysammlung "Der Beobachter im Gehirn". Es ist ein - um mich höflich auszudrücken - auffällig ungenau formulierter Vortrag, der dringend ein Lektorat nötig und um der interessanten Ausführungen willen auch verdient gehabt hätte. Das hat nicht stattgefunden. So bleibt jetzt zum Beispiel stehen, dass am Tier sich ausschließlich sensorische oder motorische Leistungen studieren lassen, während "Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Aufmerksamkeit und Intentionen" "den Menschen ausmachen". Wolf Singer hat das sicher nicht so gemeint. Aber so steht es da. Der inzwischen längst ermordete Lektor hätte das gesehen, den Autor auf seine - um mich wieder höflich auszudrücken - missverständliche Formulierung hingewiesen, und wir wären nicht mit einem Blick auf Tier- und Menschheit wie aus den Tagen Descartes' traktiert worden...
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.06.2002

In der Hirnforschung, bemerkt der Rezensent Uwe Justus Wenzel nach Lektüre von Wolf Singers Essayband, habe das Unbekannte "viele Facetten". Die Erkenntnis, dass das Gehirn kein Zentrum besitzt, von dem alle Impulse ausgehen, stelle unweigerlich die Frage des "Ichs". Singer neigt dazu, so Wenzel, das Ich als kulturelles Konstrukt zu begreifen, das von außen an das Kind herangetragen und schließlich von ihm verinnerlicht wird. Dem Rezensent erscheint dies fragwürdig, und er vermutet in dieser Analyse seinerseits ein Konstrukt. Worauf es Singer ankommt, so Wenzel, ist die Frage nach der objektiven und subjektiven Freiheit des Menschen. Die objektive Freiheit sei aus neurobiologischer Sicht ausgeschlossen, die subjektive Freiheit also in gewisser Hinsicht Illusion. Werde der Mensch jedoch nicht als autonom begriffen, stelle sich die Frage nach der menschlichen Verantwortung. Der Rezensent bezweifelt allerdings, dass die "tiefgreifenden Veränderungen" des menschlichen "Selbstverständnisses", die Singer ankündigt, tatsächlich den Weg aus der Wissenschaft in das "lebensweltliche Selbstbild" finden werden. Doch Singer sehe auch andere mögliche Implikationen. Da das Gehirn dezentral organisiert sei, auf ökonomische und effektive Art, empfehle sich dieses Modell, so Singer, auch für komplexe wirtschaftliche und politische Systeme. Konkret begründet wird das allerdings nicht, beklagt der Rezensent. Singers Fazit: Nicht stehen bleiben, weiterforschen - nach einem "umfassenderen Beschreibungssystem" für Phänomene. Von einer solchen "Metasprache" sei Singer allerdings noch weit entfernt. Aber gerade deswegen, meint Wenzel, sei er, "selbst für Laien", gut zu lesen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2002

Wolf Singer, einer der "profiliertesten" Hirnforscher, hat ein neues Buch über die Funktionen und Arbeitsweisen des menschlichen Gehirns geschrieben, das Rezensentin Manuela Lenzen "vielseitig und anregend" und auch noch "angenehm geschrieben" findet. Singer entlarve manche Annahme, etwa die, es gebe im Gehirn "brachliegende Kapazitäten", die wir nur zu trainieren bräuchten, als hoffnungsvollen, aber leider wirkungslosen Mythos, bedauert Lenzen. Das Buch empfiehlt sie gerne weiter, wenn auch mit Einschränkungen: So bauten die hier zusammengetragenen Essays nicht aufeinander auf, daher sei vieles redundant. Und leider sei auch der Titel etwas irreführend. Der Beobachter, der "Homunkulus", sei nicht in unserem Gehirn angelegt, wie Singer behauptet, sondern eher der Autor selbst, ist die Rezensentin überzeugt. Einen Tipp gibt sie auch noch allen Eltern auf den Weg, die meinen, ihren Kindern Wissen antrainieren zu können: Wissen werde über Neugier angeeignet. Wer die nicht wecke, könne laut Singer seinen Ehrgeiz, ein superschlaues Kind heranzuziehen, glatt vergessen, so Lenzen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.04.2002

Ulrich Kühne beginnt seine Besprechung mit einem kleinen Vortrag über das Gehirn, das, wie er schreibt, erstaunlich einfach konstruiert ist, in seiner Funktionsweise aber so kompliziert, das die Wissenschaft immer noch nicht genau weiß, wie "weitverstreute Aktivitäten in einem völlig homogenen Gewebe von Nervenzellen zu einem Gedanken verbunden" werden. Soviel steht für Kühne jedenfalls fest: Das Hirngewebe ist eine "wahrhaft universelle Substanz". Daraus folgt für den Rezensenten, dass wer sich mit dem Hirn auskennt, ein Spezialist für alle Fragen und Probleme ist - egal ob es um Geschichte, Bildungspolitik und Architektur geht. Von all diesen Dingen handeln auch Wolf Singers Essays, so Kühne, die sich an ein allgemeines Publikum richteten. Das allgemeine Publikum hätte nun vom Kritiker gern erfahren, wie Architektur und Gehirn zusammengehen. Dazu schweigt sich der Rezensent aus, versichert uns aber, dass bei Singer der "Angriff der Naturwissenschaften auf die Geisteswissenschaften ... Programm ist". Ach so.
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