Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.03.2002. In der SZ spricht der MIT-Professor Joseph Weizenbaum über den Unterschied zwischen Mensch und Maschine. In der taz fordern die Globalisierungskritiker Michael Hardt und Antonio Negri noch mehr Globalisierung. In der NZZ denkt Robert Menasse über den Unterschied zwischen dem Kennedy-Attentat und dem 11. September nach. In der FAZ macht Dieter Wellershoff den Konformitätsdruck für den Kölner Klüngel verantwortlich. Und Christoph Schlingensiefs "Quiz 3000" floppt.

SZ, 18.03.2002

Barbara Strahm hat sich mit dem Robotik-Kritiker Joseph Weizenbaum vom MIT über den Unterschied zwischen Mensch und Maschine unterhalten. Weizenbaum hatte 1966 das Computerprogramm Eliza erfunden, das die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine erproben sollte. "Das Experiment ging nach hinten los", meint Weizenbaum, "ich war verblüfft, wie selbst die Leute, die wussten, wie das Computersystem die Antworten generiert, davon ausgingen, der Computer antworte ihnen. Das ist die Gefahr an der Sache. Menschen meinen, sie seien verstanden worden, während das natürlich unmöglich ist. Verstehen bedeutet, nachempfinden können. Wie soll ein Computer einen Menschen mit Lebensgeschichte und einem Körper, der sich entwickelt und verfällt, nachempfinden können?" Weizenbaum befürchtet, dass ein "unkritischer Umgang mit solchen Konzepten sogar den Blick auf den Menschen verstellt." (Ein Dossier zur Debatte um die Robotik finden Sie in unserer Rubrik Zu Links zur Debatte.)

Christoph Schlingensiefs "Quiz 3000" an der Berliner Volksbühne war anscheinend das Ereignis des Wochenendes. Christine Dössel hat sich dieses "ultimative Ratespiel" angesehen, fand es aber trotz der zynischen Fragen - Welche Maße hatten die Stehzellen im KZ Auschwitz? Wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer sind 2001 nach der Ausweisung aus Deutschland in der Türkei zu Tode gefoltert worden? - alles in allem "müde und harmlos".

Weitere Artikel: Zwei Texte kommen aus den USA. Wolfgang Koydl beschreibt, wie das Land zwischen Frömmigkeit und Zukunft schwankt ("Gleich hinter der weltoffenen Fassade der aufgeklärten Verfassungsväter verbirgt sich oft genug das engstirnige Erbe der Pilgerväter.") Und Cornelia Vismann beschäftigt sich noch einmal mit dem US Patriot Act (mehr hier), der jetzt auch von Informatikern in der Zeitschrift Computer und Recht International kritisiert wird, weil er die Bürgerrechte einschränkt.

Jürgen Ziemer informiert über den neuesten Trend unter Musikfans und Teenagern, das Bootlegging. Dabei werden mit Hilfe von DJ-Software zwei, drei bekannte Hits zu einem Bastard-Pop verschnitten, zu bizarren neuen Stücken - "Und die", meint Ziemer, "hören sich oft verflixt gut an". Hans-Peter Kunisch beklagt die Mutlosigkeit der Kölner Lesegroßveranstaltung "lit.cologne". In der Reihe zur Zukunft der Schulen stellt diesmal der Züricher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers das komplette System in Frage und fordert die Abschaffung des Beamtenprivilegs von Lehrern. Alexander Menden erzählt, wie Thomas Schadts Film "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" entstand und was ihn von Walter Ruttmanns legendärem Stummfilm mit fast gleichem Titel von 1927 unterscheide. Burkhard Müller gratuliert John Updike (mehr hier) zum siebzigsten Geburtstag. Christian Kothmann erinnert daran, dass Ian Fleming heute vor fünfzig Jahren seinen ersten James-Bond-Roman fertigstellte.

Auf der Medienseite erzählt Benjamin von Stuckrad-Barre, warum Günter Jauch "das Quizprinzip in der Kunst" langweilig findet, und Thomas Kirchner berichtet, dass die NZZ jetzt auch eine Sonntagszeitung hat.

Besprochen werden: die Ausstellung "Fliegende Katakomben" mit Skulpturen von Thomas Virnich in Nürnberg, Benjamin Brittens Version des "Midsummer Night's Dream" an der Dresdner Semperoper, ein Happening mit dem Pop-Koch Anthony Bourdain in Köln, die neustes Ausgabe der "Transodra", einem deutsch-polnischen Bulletin, das die Debatte über Jedwabne dokumentiert, und Bücher, darunter Randal Keynes Geschichte der Familie Darwin (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 18.03.2002

Michael Braun hat mit Antonio Negri und Michael Hardt, den theoretischen Köpfen der Globalisierungskritik, über Markt und Macht, die Alternativen im System und ihr Buch "Empire" gesprochen. Michael Hardt erklärt in dem Gespräch, dass "heute nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an Globalisierung" existiere: "Die heutige Globalisierung stößt an enge Grenzen. Man muss die Macht globalisieren, den Reichtum, die Bewegungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte. Globalisierung allein heißt eben gar nichts. Natürlich sind wir gegen die aktuelle Form der Globalisierung, aber auch gegen eine lokalistische oder nationalistische Linke, die argumentiert, man müsse einem global agierenden Kapital lokalen Widerstand entgegensetzen oder man müsse gegen ein die nationale Souveränität zersetzendes Kapital die Nation verteidigen."

Des weiteren liefert der israelische Schriftsteller Etgar Keret einen recht sarkastischen Kommentar zum Nahost-Konflikt, Christian Broecking porträtiert das Jazzensemble Oregon, und Marcel Malachowski stellt das Magazin "Schönes Wohnen in der Messestadt Riem" vor.

Und schließlich noch Tom.

NZZ, 18.03.2002

Der Schriftsteller Robert Menasse hat gestern im Rahmen der Redereihe "Kapitalismus und Gerechtigkeit" in Zürich einen Vortrag gehalten hat, den die NZZ heute abdruckt. Menasse vergleicht seine Erinnerungen an das Kennedy-Attentat mit denen an den 11. September und stellt fest, dass es zwei große Unterschiede gab. "Die eine Differenz hat mit der Entwicklung der Medien zu tun: Nach dem Attentat von Dallas konnten die Medien in kurzer Zeit weltweit bekannt machen, was geschehen war, und es gab Orte, die die Menschen aufsuchen konnten, um Bilder davon zu sehen. Man fragte einander: 'Hast du schon davon gehört?', und nicht: 'Hast du schon gesehen?' Allgegenwärtig war der Schock der Menschen, waren nicht die schockierenden Bilder ... Und die zweite Differenz: Angesichts dieser allgegenwärtig veräußerten Bilder von Trauer, dieses augenblicklich medial reproduzierten vorbildlichen Schocks wollte sich keine Weltinnerlichkeit herstellen, oder besser: wollte so sehr, dass es als Anspruch alles überstieg und sich eher wie eine äußerliche Dunstglocke über die Welt der Zuschauer legte."

Weitere Artikel: Hubertus Adam liefert einen Werkstattbericht aus dem niederländischen Konzept-Büro Droog Design, das zusammen mit NL Architects den Flagship Store für das Modelabel Mandarina Duck in der Pariser Rue Saint-Honore konzipiert hat. Urs Hafner berichtet über eine Tagung in Luzern zum Thema "Intoleranz im Zeitalter der Revolutionen 1770/1848". Alexandra Kedves gratuliert John Updike zum Siebzigsten. Und der polnische Schriftsteller Adam Zagajewski wird mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2002 ausgezeichnet, meldet die NZZ.

Besprochen werden eine Alfred Sisley-Ausstellung im Palazzo dei Diamanti in Ferrara, eine "Zauberflöte" in St. Gallen, Igor Bauersimas Stück "norway.today" in Basel und ein Abend mit zwei Opern - Mascagnis "Cavalleria rusticana" und Massenets "Therese" - am Opernhaus Zürich.
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FR, 18.03.2002

In einem geharnischten Verriss rechnet Peter Michalzik mit Christoph Schlingensief und seiner Version einer Rate-Show, dem "Quiz 3000", ab: Günther Jauch sei wenigstens so freundlich zu seinen Gästen, dass sich keiner zu schämen brauche. "Ganz anders geht Schlingensief mit seinen Leuten um, er benutzt, verbraucht, stellt bloß: wie jeder Moralist ein Teufel." Und durch eine Panne im Programm sei bei der Frage-Show wirklich eine Wahrheit herausgekommen, meint Michalzik, nämlich über Schlingensief: "Wenn er in Gefahr ist, wird der letzte Heilige unserer Tage zum Schwein."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Jochen Schimmang macht dem amerikanischen Romancier John Updike (mehr hier) zum siebzigsten Geburtstag eine Liebeserklärung, und Harry Nutt berichtet von einer Tagung über das gesellschaftstheoretische Erbe Pierre Bourdieus, zu der das Frankfurter Institut für Sozialforschung (mehr hier) zwei Monate nach dem Tod des französischen Soziologen geladen hatte.

FAZ, 18.03.2002

"Dat bliev unger uns" - der Kölsche Spenden-Klüngel ist nach Meinung des Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff "keineswegs nur ein Kölner Problem". In einem mit Anekdoten und Allgemeinplätzen gut bestückten Meinungstext lenkt Wellershoff den Fokus vom Spezifisch-Kölschen aufs Allgemeinmenschliche. Dabei erfahren wir A, dass "bei weitem nicht jeder Kölner ein typischer Kölner" ist, und B, dass die gleichen Verfehlungen "keineswegs nur in Köln vorgekommen sind". C-tens liefert Wellershoff, nun soziologisch-psychologisch argumentierend, die Gründe, warum sich etliche Genossen auf den spendablen Kuhhandel eingelassen haben: Der "Konformitätsdruck dieser vertraulichen, freundschaftlichen Hilfsgesuche muss gewaltig gewesen sein", mutmaßt Wellershoff. "Man kann hier natürlich ausgiebig moralisieren. Aber die menschliche Gruppenabhängigkeit wird man damit nicht aus der Welt schaffen." Wie dann? Jedem Politiker einen verständigen Soziologen zur Seite stellen?

Der Schriftsteller Eckhart Nickel aus Heidelberg trauert um Hans-Georg Gadamer. Für ihn ist es noch unbegreiflich, "wie die Stadt ohne den Trost der Gegenwart des Philosophen ihr Gesicht wahren wird können." Schon ahne man die "Gedenktafeln an der Uferstraße, am Philosophischen Seminar, wo auch immer. Es nicht dabei zu belassen wird Aufgabe anderer, unserer Gesichter sein: die im Widerschein seines Gesichtes nun von ihm berichten, die Aktualität des Schönen hochhalten, ganz in seinem Sinn."

Weitere Artikel: Richard Kämmerlin gratuliert dem "Ehemann der Literatur und Liebhaber des Lebens" John Updike zum Siebzigsten. Renate Schostack berichtet von der Internationalen Buchwoche in München, wo sie indische Autoren kennengelernt hat, die sich "auf der Höhe des internationalen Literaturdiskurses" bewegen, mit "einer Eigenwilligkeit, die von den extremen Gegensätzen ihres riesigen Landes bestimmt ist." Einen deutschen Autor nach Kafkas Geschmack stellt uns Durs Grünbein in einem Porträt vor: als Auftakt des Vorabdrucks von Felix Hartlaubs Kriegsaufzeichnungen in der FAZ.

An Literarischem wird heute besprochen: der erste Band der Werkausgabe von Martin Buber, Tom Shippeys Studie "J.R.R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts", Annette Simonis' "Gestalttheorie von Goethe bis Benjamin", Goerd Peschkens und Lieselotte Wiesingers Bild- und Textband über "Das königliche Schloss zu Berlin", J. Richard Gotts Auseinandersetzung mit "Zeitreisen in Einsteins Universum".

Der Vorhang auf ging für Christoph Schlingensiefs dahin plätschernde "Quiz 3000"-Show in der Berliner Volksbühne, Mascagnis Oper "Cavalleria Rusticana" in Kombination mit Jules Massenets "Therese" an der Zürcher Oper, Brigitte Landes' Inszenierung von John Bergers "Auf dem Weg zur Hochzeit" am Schauspielhaus Hamburg und Philipp Himmelmanns Version des "Sommernachtstraums" zum Auftakt der Dresdner Opernfestspielen. Museales aus dem Thuner Kunstmuseum, wo Christoph Büchel und Gianni Motti Staatsgeschenke präsentiert haben, die Bundesräte von ihren Auslandsreisen mitgebracht haben, und aus dem Jewish Museum in New York, wo die Ausstellung "Mirroring Evil" mit Nazi-Schick schockiert. Die einzige Filmbesprechung heute widmet sich Wes Andersons "The Royal Tenenbaums".