Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.02.2002. Die SZ erinnert daran, dass Walter Kempowski schon längst geleistet hat, was Günter Grass jetzt einklagt - die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. Die FAZ erzählt, wem Bertelsmann 45 Millionen Dollar für die kommende Apokalypse zahlt. In der FR annonciert der Berliner Kultursenator Thomas Flierl eine weitere Strukturreform.

NZZ, 13.02.2002

Marion Löhndorf schickt einen Zwischenbericht von der Berlinale - er ist nicht begeistert: "Dass mehr deutsche und weniger amerikanische Mainstream-Produktionen darunter sind, wie im Vorfeld rühmend erwähnt wurde, fällt angesichts der einzelnen Beiträge auf dem Papier stärker ins Gewicht als im Festivalverlauf."

Adolf Muschg denkt im "Kleinen Glossar des Verschwindens" über "das Waldgeheimnis" nach: "Könnte ich die Geschichte meiner Kindheit schreiben, die 'Eroberung des Waldes' wäre eine mögliche Überschrift."

Weiteres: Georges Waser erzählt (ganz kurz) die Geschichte der wiedergefundenen Aquqrelle von William Blake. Ulrich Höhns stellt das Druckzentrum des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages vor, das von den Architekten Bothe Richter Teherani entworfen wurde. Besprochen werden Bücher, darunter Oliver Maria Schmitts Geschichte der "Neuen Frankfurter Schule" und Eric A. Johnsons (viel besprochenes) Buch über den "nationalsozialistischen Terror" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 13.02.2002

Warum schreibt Grass über Gustloff? Eine Frage, die sich Walter Kemposki derzeit stellt. Völlig zu Recht, wie Ijoma Mangold findet, weil Walter Kempowski das beste Beispiel für Grass' Behauptung sei, das linke "juste milieu" der alten Bundesrepublik habe das Thema Flucht und Vertreibung tabuisiert. "Denn seine Romane und zeitgeschichtlichen Dokumentationen sind immer misstrauisch beäugt worden." Andererseits sei Kempowski ein schlagendes Gegenbeispiel zur Grass'schen These. "Sein Werk, das von der Kritik nicht immer, von der Lesergemeinde aber unbeirrt honoriert wurde, hat das geleistet, was Grass jetzt als das verdrängte Unbewusste der deutschen Gedächtniskultur anmahnt: die große Erzählung von Flucht und Vertreibung."

Andere Frage: Wieso hadert die französische Linke (voran der Nouvel Obs, der ohne Genehmigung Bourdieus Erinnerungen an seine Internatszeit veröffentlicht hatte) mit dem Erbe Bourdieus? Sonja Asal ahnt es: "Bourdieus Medienkritik hat auch den Nouvel Observateur nicht verschont. Die Medien, fand Bourdieu, missbrauchten ihren Einfluss und ordneten sich den Anforderungen des Marktes unter. Bourdieus Kritik galt auch der Linken seit Mitterrands Machtantritt, die sich, ihrer quasi natürlichen Rolle als Opposition beraubt, aufspaltete in eine Reformlinke und in das, was Bourdieu die 'linke Linke' nannte." Die respektvollen Nachrufe auf Bourdieu, so Asal, seien nicht Ausdruck des schlechten Gewissens, das die Medienvertreter nach seinem Tod überkommen hat ? "vielmehr zeigt sich in der Auseinandersetzung über Bourdieus Rolle in der politischen Öffentlichkeit das Unbehagen der Intellektuellen gegenüber ihrer eigenen marxistischen Vorgeschichte".

Weitere Artikel: Christian Nürnberger beklagt die Umwandlung von Pfarrhäusern in Dienstleistungszentren. Im Rahmen der Hochschuldebatte erklärt Reinhard Loske (Bündnis 90/Die Grünen), warum die Wissenschaft das Verhältnis von Sicherheit und Flexibilität neu definieren muss. Jens Bisky erinnert an den Streit um das Hannah-Arendt-Institut. Und Roger Waters, ehemaliger Kopf von Pink Floyd, hat Alexander Gorkow ein Interview gewährt ? in rosa Socken.

Besprechungen gibt es zu "The Royal Tenenbaums" von Wes Anderson und "Halbe Treppe" von Andreas Dresen, die beide im Wettbewerb der Berlinale laufen, zum Forum-Film "Kalifornische Trilogie" von James Benning, zu Patakis Inszenierung von Strauß' "Die Zeit und das Zimmer" am Deutschen Theater Berlin, zu einer offenbar bemerkenswerten "Lady Macbeth" in Bremen sowie zu Literatur: einem Buch über das Konzil von Trient und die Moderne und einem Roman über Termingeschäfte (auch in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FR, 13.02.2002

Die FR bittet Berlins neuen Kultursenator Thomas Flierl zum Gespräch. Flier kündigt an, mit dem "gängigen Modell der Schließungsdebatte" zu brechen, um einen Strukturwandel einzuleiten. "Denn jede Gesellschaft muss entscheiden, wie viel kulturelles Erbe sie weiterführt und wie viel Neues sie fördern will. Aus diesen Veränderungen des kulturellen Selbstverständnisses müssen dann Konsequenzen gezogen werden. Die Vorstellung, dass eine Schließung grundsätzlich eine Kulturschande sei, geht davon aus, dass alles gleichermaßen existieren kann und soll. Aber es kann auch eine kulturelle Leistung sein, sich von etwas zu verabschieden, das nicht mehr zeitgemäß ist." Den Hinweis, selbst mit Schließungen seien keine neuen finanziellen Spielräume aufzumachen, kontert Flier ganz tough: "Dann schließe ich so viel, bis ich Spielräume bekomme."

Petra Kohse ist der Meinung, die deutsche Familienpolitik leidet an einem Mangel an Visionen. Zwar gebe es eine Familienpflege: "Der Themenpark wird gegossen, und zwar mit 51 Milliarden Euro jährlich." Aber es werde weder neu gepflanzt, noch umgesetzt oder gejätet. "Warum nicht kinderlose zukünftige Rentenempfänger zu einem Solidarbeitrag verpflichten? Warum nicht Betriebskindergärten subventionieren, alle öffentliche Institutionen und Beförderungsmittel kinderfreundlich ausgestalten, Hundehalter ohne Kackbeutel zur Spielplatzpflege verurteilen und vor allem: den überbordenden Kinderartikel- und Spielwarenmarkt durch Bedarfsanalysen, Qualitätskontrollen oder kostenlose öffentliche Angebote regulieren?"

Sonst nur Berlinale: Eine Besprechung von Andreas Dresens "Halbe Treppe", ein Blick auf das Programm der diesjährigen Retrospektive sowie Marcia Pallys Kritik an deutschen Kartenabreißerinnen und Dominik Grafs "Der Felsen" ("kreischender Symbolismus").
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TAZ, 13.02.2002

Der Lesebühnenkünstler Falko Hennig von "Radio Hochsee" erzählt von seiner steilen Karriere und den beschwerlichen Anfängen bei der Reformbühne Heim & Welt. Aber lustig gings da zu: "Der Höhepunkt war immer, wenn Ahne von hinten auf die Bühne stürzte, das Gesicht dick mit Teewurst eingeschmiert, später auch mal Zwiebelmettwurst, was im Publikum zu enthusiastischen Reaktionen führte. Solange wir diesen Publikumsrenner dabei hatten, hatten wir eine erfolgreiche Veranstaltung. Doch Ahne bekam Hautprobleme, dicke Pickel im Gesicht überall dort, wo er Wurst hingeschmiert hatte, dass wir diesen Programmpunkt streichen mussten."

Weiteres: Katrin Bettina Müller staunt über die Schönheit rostender Raketen auf den Fotos und Videos von Jane und Louise Wilson (zu sehen in den Berliner Kunst-Werken). Und auf den Berlinale-Seiten lesen wir u.a. über Andreas Dresens "Halbe Treppe", Moises Kaufmans Panorama-Beitrag "The Laramie Project" sowie über den argentinischen Forums-Film "Un dia de suerte" von Sandra Gugliotta, und Dominik Graf plaudert über die Erzähltechnik in seinem Film "Der Felsen" und den neuen Wind bei der Berlinale.

Schließlich noch Tom.

FAZ, 13.02.2002

Es stimmt eigentlich gar nicht, meint Tilman Spreckelsen, dass die deutsche Nachkriegsliteratur das Thema der Vertreibung nicht aufgegriffen hat - es wurde von der Kritik nur gewissermaßen gar nicht bemerkt. Er belegt es vor allem an Romanen wie den "Umsiedlern" von Arno Schmidt, die explizit von Vertriebenen handelten. Kritiker wie Max Bense oder Siegfried Lenz merkten dann aber an, dass die Fabel darin gar keine Rolle spiele. "Kein Verbot, kein Tabu hinderte Schmidt daran, die Situation der aus Schlesien Geflohenen als notwendige Ergänzung in seine Schilderung ost-westdeutschen Lebens zu integrieren. All dies spielt gleichzeitig in der Rezeption eine deutlich geringere Rolle als in den Texten, und so kam zu der relativen Randstellung Schmidts in der deutschen Nachkriegsliteratur das Desinteresse seiner Leserschaft am Flüchtlingsthema hinzu, um dessen Verbreitung in engen Grenzen zu halten."

Verena Lueken erzählt - viel zu kurz eigentlich - mit wem der Bertelsmann-Konzern demnächst kräftig Geld verdienen will. Es handelt sich um den evangelistisch-fundamentalistischen Romanautor Timothy LaHaye, der mit einer Romanserie über die bevorstehende Apokalypse Millionenauflagen erreichte. "An einer neuen, auf vier Folgen angelegten Serie werden in Zukunft Timothy LaHaye... und der Verlag Bantam Dell, der zum Bertelsmann-Konzern gehört, verdienen - falls der fünfundsiebzig Jahre alte LaHaye seine Leser in Spannung über apokalyptische Heimsuchungen und die Wiederkehr Christi halten kann. Der Vorschuss des Verlags in Höhe von fünfundvierzig Millionen Dollar lässt jedenfalls auf großes Vertrauen in die Magnetkraft der Dramatik der Offenbarung in der wortwörtlichen und also effektsicheren Auslegung durch LaHaye schließen."

Weiteres: Heinrich Schwendemann schreibt über das Schloss in Posen, das Wilhelm II. errichten ließ, um die Ansprüche des Deutschtums auf die "Ostmark" zu zementieren - hier ließ - wenig bekannt - Hitler 1939 eine "Führerresidenz" einrichten, die er niemals benutzte, die aber bis heute besteht. Andre Kieserling beklagt, dass Forschungsministerin Edelgard Bulmahn mit ihrer Hochschulreform den Jugendwahn der Siebziger wiederholt (nur dass es jetzt ja aufgrund der demographischen Entwicklung kaum noch Jugend gibt!) Renate Schostak verzeichnet wachsenden Unmut über die Arbeit der Münchner Kulturreferentin Lydia Hartl. In Carl Zuckmayers Geheimdienstberichten geht es heute um den Dramaturgen Alfred Ibach. Wolfgang Pehnt schreibt zum 100. Geuburtstag des Architekten und Designers Arne Jacobsen. Auf der letzten Seite erfahren wir von Michael Althen, dass die Oscar-Nominierungen in Hollywood um fünf Uhr morgens bekannt gegeben werden, damit auch die europäische Presse noch am nächsten Tag berichten kann. Gerhard R. Koch schreibt ein kleines Profil des neuen Bregenzer Festspieldirektors David Pountney. Und Hannes Hintermeier denkt aus Gründen, die uns nicht ganz nachvollziehbar sind, über Uschi Glas' Ehekrise nach.

Auf der Berlinale-Seite zeichnet Peter Körte ein kleines Porträt der Filmemacherin und Juryvorsitzenden Mira Nair. Michael Althen resümiert einige Filme des Wettbewerbs (und ist von Andreas Dresens "Halbe Treppe" nicht ganz so begeistert wie das Publikum gestern). In der Kolumne über die Sechziger-Jahre-Retro geht es um "Zur Sache Schätzchen". Und Andreas Platthaus feiert Hayao Miyazakis Animationsfilm "Chihiros Reise". (Eine ausführlichere Presseschau bringt der Perlentaucher in seiner Berlinalekolumne am späteren Vormittag.)

Auf der Medienseite kommentiert Michael Hanfeld die neuesten Entwicklungen in der Kirch-Krise (der schwarze Mann Rupert Murdoch scheint ja nun vorerst doch nicht auf den Medienkonzern zugreifen zu können). Und Paul Ingendaay stellt die Talentshow Operacion Triunfo vor, die im spanischen Fernsehen alle Rekorde bricht.

Besprochen werden Joachim Schlömers Tanzspektakel "Les larmes du ciel" am Berliner Hebbel-Theater, eine Ausstellung über Jakob van Ruisdael in Hamburg, eine Ausstellung über die Geschichte der Misswahlen in Deutschland in Leipzig und das Wiener Festival "Resonanzen".