Eric A. Johnson

Der nationalsozialistische Terror

Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche
Cover: Der nationalsozialistische Terror
Siedler Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783886806195
Gebunden, 704 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Udo Rennert. Terror stand im Zentrum der nationalsozialistischen Diktatur. Ohne Terror, so die landläufige Meinung, hätte das Regime sich nicht halten können. Die Angst vor der Gestapo habe die Bevölkerung diszipliniert. Diese Sicht lässt sich nicht länger halten, meint der Historiker Eric A. Johnson. In seiner Untersuchung über die Gestapo zieht er ganz neue Schlüsse: Die Nationalsozialisten herrschten nicht durch Terror, und der Terror hat das Leben der meisten gewöhnlichen Deutschen nicht berührt. Der Terrorapparat, der von der Parteiführung in Berlin in Gang gesetzt wurde, arbeitete vielmehr "selektiv". Er richtete sich fast ausnahmslos gegen Juden und andere, die dezidiert als "unerwünscht" oder als Feinde des Regimes betrachtet wurden: Kommunisten, Sozialisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Geistliche, Behinderte, "Gewohnheitsverbrecher"...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.06.2002

Angela Gutzeit findet, dass in dieser Studie über den Terror in Nazideutschland die Rolle der "Durchschnittsbürger" unterschätzt wird. Sie will dem amerikanischen Autor nicht in der Einschätzung folgen, dass heutzutage die "Hauptverantwortlichen" für den Terror, nämlich vor allem die Mitarbeiter der Gestapo, aus dem Blickfeld geraten seien. Und so bescheinigt sie Johnson zwar, eine "enorme Fleißarbeit" geliefert zu haben, in dem er ca. 1100 Akten ausgewertet und zudem "Hunderte von Interviews" geführt hat. Auch räumt sie ein, dass dem Autor die Zeichnung des Typus des kleinen Polizeibeamten, der als Beamter der Gestapo seine Macht voll gegen die Opfer ausnützte, "gelungen" ist. Doch letztlich bemängelt Gutzeit die an vielen Stellen des Buches erscheinenden "emotionsbestimmten Zuschreibungen", die durch das durch vom Autor ausgewertete Material nicht unbedingt gestützt werden. Sie beklagt im Zuge dessen so "manche Ungereimtheit". Dabei kommt für ihr Gefühl der "Aspekt der Mittäterschaft" der Deutschen "eindeutig zu kurz".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.02.2002

Norbert Frei vermutet, dass der Verlag mit diesem Buch an den Publikumserfolg des Goldhagen-Buches über "Hitlers willige Vollstrecker" anzuknüpfen versucht, denn auch dieses Mal würde im Untertitel die ansprechende Formel des "gewöhnlichen Deutschen" aufgeführt. Sind deutsche Juden keine "gewöhnlichen Deutschen" gewesen, fragt Frei etwas erbost zurück. Für ihn ist das nicht das einzige Ärgernis dieses Buches, das als Standardwerk der Holocaust-Forschung angepriesen wird, in Wahrheit jedoch nur eine recht spezielle und häufig verwirrende Regionalstudie darstellt, wie der Rezensent meint. Ein Gutes sieht er dennoch in der Arbeit: zumindest rücke sie das Bild der Gestapo zurecht, die in letzter Zeit häufig als ein "Haufen chronisch überforderter Dilettanten" geschildert wurde, von der Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung abhängig. Johnson weise nach, dass dies nicht der Fall gewesen sei. Die Gestapo übte gezielten Terror aus und duldete zugleich "milde" Formen des Nonkonformismus, wie Johnson laut Frei herausgearbeitet haben will. Dem Rezensenten sind Johnsons Ausführungen allerdings zu langatmig. Sie verfehlen seiner Meinung nach auf Dauer ihr Ziel, die Funktionsweise des Terrors klar zu beschreiben.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.11.2001

Gerhard Pauls Kritik an Eric Johnsons Studie ist vernichtend. Das Buch halte nicht, was der Titel verspricht, meint Paul: Es sei weder eine systematische Gesamtdarstellung des NS-Terrors, noch eine umfassende Regionalstudie, sondern einfach der Versuch, den gewöhnlichen Deutschen durch eine Wiederbelebung des "anomalen Täters" aus der Tradition der fünfziger Jahren zu rehabiliteren. Wie Paul darstellt, ist der amerikanische Historiker Johnson davon überzeugt, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung persönlich weder aktiv noch passiv vom nationalsozialistischen Terror betroffen gewesen sei, dieser habe sich im Gegenteil gegen klar definierte Minderheiten gerichtet und sei von begrenzten Tätergruppen praktiziert worden. Dabei, kritisiert Paul, entgehe Johnson der Blick auf die Totalität des NS-Terrors, der nach Abschluss der Judendeportationen "gerade in der zweiten Kriegshälfte zunehmend gegen die 'Ostarbeiter' richtete sowie im Blutrausch der Wehrmachtsjustiz 1944/45 und in den so genannten gipfelte, dem auch Tausende 'Volksgenossen' zum Opfer fielen". Und schließlich ärgert sich Paul über die Vernachlässigung der neueren Forschungsergebnisse: "Zu den zentralen Fragen der gegenwärtigen NS-Terror- und -Täterforschung nimmt das Buch nicht Stellung."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.11.2001

Nach Jürgen Zaruskys Rezension ist Eric A. Johnsons Studie über den nationalsozialistischen Terror vollkommen misslungen. Eine " 'gesicherte Basis' für die Forschung des 21. Jahrhunderts über den nationalsozialistischen Terror", wie vom Autor beansprucht, bietet sie seiner Meinung nach keinesfalls, und auch als Lokalstudie, als die sie allenfalls durchgehen könnte, taugt sie wohl wenig, denn der Rezensent weist ihr sowohl methodische Schwächen als auch zahlreiche fehlerhafte Informationen nach. Der "gewöhnliche Deutsche", den Johnson sogar im Untertitel seines Buches explizit zum Gegenstand seiner Untersuchung macht, bleibt für Zarusky ein ebenso schwer fassbares Wesen wie in anderen Untersuchungen. Für die "literarischen Bemühungen des Autors" schließlich hat er nur Spott übrig.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2001

Die Stärke dieses Buches des amerikanischen Historikers Eric A. Johnson liegt, so Klaus Hildebrand, in der Verwendung breiten Quellenmaterials und in der "reichhaltigen Präsentation exemplarischer Materialien, die ebenso anschaulich wie erschreckend wirken." Der Autor setze sich unter anderem mit der Frage nach der Schuld der Bevölkerung bei der Ausübung des Terrors durch die Nationalsozialisten auseinander. So widerspreche Johnson der in der neueren Forschung vertretenen These, dass das Denunziantentum weit wichtiger für das Phänomen des Terrors gewesen sei als die Geheime Staatspolizei. Insgesamt wird nach Johnson die Bedeutung des Denunziantentums zu stark betont. Dennoch sei die Mitschuld der Bevölkerung an den begangenen Verbrechen eine der zentralen Thesen des Buches. Hildebrand resümiert, dass die Darstellung an Faktenreichtum kaum zu überbieten sei, jedoch "einmal mehr auf die Notwendigkeit übergreifender und einordnender Synthesen verweist."
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