Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2002. "Verblüffend gut", "ein Hirnbrüter", "guter Job": Wenn Harald Schmidt Theater spielt, erscheint das deutsche Feuilleton vollzählig zum Appell. Aber war's wirklich aufregend? In der SZ schimpft unterdes Klaus Harpprecht auf die Intellektuellen, die für Europa keinen Finger rührten. Die FAZ findet die Kanzlerfrage zwar gar nicht so interessant, widmet ihr aber gleich zwei Artikel.

NZZ, 08.01.2002

In der NZZ dominieren heute die Buchbesprechungen, denen wir uns bekanntlich in unserer Bücherschau ab 14 Uhr widmen. Es geht unter anderem um den Briefwechsel zwischen Lou Andreas-Salome und Anna Freud, um eine lang vermisste Janacek-Biografie und um Didier Daeninckx' Roman "Reise eines Menschenfressers nach Paris".

In einer Reportage von Uwe Stolumann erfahren wir überdies, dass Sloweniens Jugend "auf der Suche nach einer neuen Identität" ist. Es geht um das Phänomen der "Balkanpartys", bei denen sich die heutige Jugend mit der Rockmusik des ehemaligen Jugoslawien amüsiert. " Was steckt hinter dem bizarren Trend? Nostalgie? Sicher. Heimweh nach dem Vielvölkerstaat? Kaum. Serbiens Panzer und der Ehrgeiz eines kleinen Volkes haben die jugoslawische Idee in Slowenien ruiniert. Konsequenter noch als die Eltern distanzieren sich die Jungen vom Balkan. 'Balkan' bedeutet Gewalt und Chaos, Armut und Schmutz. Die Tradition wird ignoriert, das Erbe ausgeschlagen. Fort vom Süden! Nur: Was zieht sie zur Balkanparty? Vielleicht das Gefühl eines Verlusts. Vielleicht das Bewusstsein, in verschlossener Kammer etwas zu besitzen, das sie von Teens und Twens im Westen unterscheidet."

Ferner schreibt Ralf Stabel zum 100. Geburtstag der Tänzerin Gret Palucca. Angelika Affentranger-Kirchrath gedenkt des Schweizer Surrealisten Serge Brignoni, der im Alter von 99 Jahren gestorben ist. Besprochen werden ein Klavierabend mit Andras Schiff in Zürich und Lessings "Nathan der Weise", inszeniert von Claus Peymann in Berlin.
Hinweisen wollen wir auch auf einen Bericht im "Vermischten" über Yves Saint Laurents gestrige Pressekonferenz, in der er seinen Abschied erklärte: "Der Abgang wurde geradezu gaullistisch inszeniert. Einen Nachfolger wird es nicht geben."

SZ, 08.01.2002

Klaus Harpprecht wundert sich darüber, dass ausgerechnet "die intellektuelle Garde" im vereinten Europa neuerdings wieder den Nationalstaat beschwört. Von Welt über FAZ und Zeit stößt er auf "Henry Kissinger pur" und "unverwässerten Bismarck". Sein Fazit: "Dies ist die rätselhafte Wahrheit: ... Kein Stand hat sich weniger um Europa geschert als der unserer Intellektuellen. Sie haben für Europa keinen Finger gerührt." Das waren vielmehr die Politiker, die "als eine engagierte, aufgeklärte, couragierte Schar weitsichtiger Bürger" gehandelt hätten. "Sie haben Europa gebaut, nicht wir", urteilt Harpprecht, und schließt: "der Autor zieht seinen Hut."

Henning Klüver blickt derweil nach Italien, wo sich die Intellektuellen nicht erst seit dem Rücktritt von Außenminister Ruggiero recht schwer damit tun, eine geschlossene Haltung gegen Berlusconi einzunehmen. Dario Fo jedenfalls ist äußerst unzufrieden und steht nach eigenem Bekunden kurz davor, "sich an den Ampeln anzuketten oder in den Hungerstreik zu treten".

Weitere Betrachtungen: Willi Winkler verabschiedet im Rahmen der "verblassten Mythen" den Handschlag; Wolf Lepenies entdeckt in der neuen "Einfarbigkeit" Berlins das Verbindende zwischen Gysi (PDS) und Wowereit (SPD), nämlich die "Überlagerung politischer Ideen durch die persönliche Schlauheit"; Hansjörg Küster erklärt ausführlich, warum es so schön ist, dass die Eiche nun auch den Euro ziert; und Frank Kolb erläutert, weshalb der Archäologe und Troia-Ausgräber Manfred Korfmann in der Bonner Troia-Ausstellung gegen alle Regeln der historischen Wissenschaften verstößt. Claus Heinrich Meyer schließlich plädiert nach schauderndem Rückblick auf die Thomas-Mann-TV-Manie für die unverzügliche Lektüre "sämtlicher Tagebücher des Thomas Mann".

Zu den Kritiken: Auch die SZ ventiliert zunächst ausführlich, was für den Einsatz von Harald Schmidt in Matthias Hartmanns "Godot"-Inszenierung zu befürchten stand. Um erleichtert zu registrieren, dass sein Auftritt "keine billige Nummer" war, sondern "ein hintersinniger, dezent exzessiver Restintelligenzausbruch auf Befehl ('Denke, Schwein!'), von Schmidt im übrigen perfekt gesprochen und rhythmisiert", schreibt Christine Dössel.

Des weiteren lesen wir eine Rüge über eine allzu temporeiche Dirigierarbeit von James Levine in München, einen Abgesang auf die Uraufführung von Kaija Saariahos Erstlingsoper "L'Amour de loin" in Bern und die Beerdigung einer Bielefelder Inszenierung von Ulrich Ziegers neuem Stück "Die Erzählung der ganzen Geschichte". Christian Jostmann schließlich weist auf das Jubiläumsheft des Hamburger Instituts für Sozialforschung mit dem Thema "Globalisierung" hin.

Besichtigt wurden unbekannte Werke des 19. Jahrhunderts von Johann Heinrich Füssli, Arnold Böcklin bis Max Slevogt im Schweinfurter Museum Georg Schäfer und eine Ausstellung des Konzeptkünstlers Robert Adrian X in der Kunsthalle Wien. Besprochen werden weiter weiter Bücher, darunter Enrique Vila-Matas Roman "Bartleby & Co" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Auf der Seite 3 schreibt im übrigen Gerd Kröncke zum Abschied von Yves Saint Laurent: "Wenn er keine Kollektion vorstellte, sondern gezwungen war, sich außer der Reihe öffentlich zu äußern, hätte man ihn am liebsten in die Arme genommen, weil er immer untröstlich wirkte. Besonders auch an diesem Montag, als er linkisch und hilflos und wie in einem traurigen Traum seinen Text verliest, mit dem er sich verabschiedet." Und wer französisch kann, der interessiert sich vielleicht auch für das große Dossier über YSL im Figaro, für den Text, den der Meister gestern in der Pressekonferenz vortrug und der bei Liberation dokumentiert wird, und für den Bericht in Le Monde. In aller Bescheidenheit weisen wir dann auch noch auf unseren gestrigen Link des Tages zum Thema hin.

FR, 08.01.2002

Klaus Bachmann berichtet über die Schwierigkeiten und gegenläufigen Interessen, die Belgien mit der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit hat. Anlass ist eine Debatte, die nun nach der öffentlichen Vorstellung eines Ausschussberichtes zur Klärung der Ermordung des kongolesischen Ex-Premiers Lumumba 1961 in Belgien aufkam. Flamen, Flandern, Frankophone und das Königshaus ringen um die Definitionsmacht. "Die Aufkündigung der innerbelgischen Solidarität und die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit", versucht Bachmann zu zeigen, "sind unzertrennlich miteinander verwoben".

Auch die FR würdigt natürlich die Bochumer "Godot"-Inszenierung. In seiner Besprechung ignoriert Peter Iden zunächst mehrere Absätze lang die "Attraktion" der Teilnahme von Harald Schmidt zugunsten einer Exegese des Stückes - befindet dann aber doch huldvoll: "Verblüffend gut fügt Schmidt sich ein, ohne Mätzchen, ohne Marotte."

Für "Schonungslosigkeit" gelobt wird Darren Aronofkys Drogendrama "Requiem for a dream", und für Valeska Grisebachs Film "Mein Stern" eröffnet die Rezensentin Daniela Sannwald ein neues Genre: "eine Art minimalistisch-realistischer Mädchenfilm".

Besprochen werden weiter Bruno Madernas Freiburger Inszenierung des "Hyperion" und die Ausstellung "Form Follows Fiction" im Turiner Castello di Rivoli (mehr hier) mit Arbeiten u.a. von Pipilotti Rist, Chris Ofili und Takashi Murakami und eine Ausstellung mit Arbeiten von Hilka Nordhausen in der Hamburger Galerie der Gegenwart.

In der Kolumne "Times mager" wird über die "Notschlachtung" von Angela Merkel räsoniert, und Elke Buhr stellt die HipHop-Szene Senegals vor, die zur Zeit mit einem in Krefeld ausgestellten Foto-Essay und dem Sampler "Africa Raps" dokumentiert wird.

Und schließlich druckt die FR die Dankesrede, die Adolf Muschg Ende letzten Jahres anlässlich der Verleihung des Grimmelshausen-Preises hielt.
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TAZ, 08.01.2002

Die taz macht auf mit Matthias Hartmanns "Godot"-Inszenierung in Bochum. Die Mitwirkung von Harald Schmidt wird ausführlich problematisiert ("Star-Körper", "Image", "Entertainer"), das Votum zu seiner Leistung fällt aber prima aus: "er macht seinen Job in Bochum gut" und zeigt, "dass er komisches Monologisieren sehr wohl beherrscht".

Gerhard Dilger lobt die zweite Kolumbien-Anthologie von Peter Schultze-Kraft, und Eva Behrend genoss sichtlich drei Hörbücher mit Texten von Franz Hohler und Goffredo Parise, gelesen von Otto Sander und Peter Fitz. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der österreichischen Künstlerin Dorit Margreiter über Alltags-Widersprüche im Innsbrucker Taxispalais (mehr hier). Und Helmut Höge denkt in seiner Kolumne über den "amerikanischen Sonderweg bei Arbeitskämpfen" nach: Amoklauf als "mobbing end".

Das Politische Buch bestreiten heute Eberhard Seidel mit einer Rezension von Richard Herzingers politischem Essay "Republik ohne Mitte" und Barbara Dribbusch, die sich anlässlich ihrer Besprechung eines Buches über "Die Kultur der New Economy" fragt, ob Arbeit überhaupt Arbeit ist, wenn sie Spaß macht und man damit kein Geld verdient (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite berichtet Roland Hofwiller über einen Medienkrieg in der Himalajaregion zwischen den die beiden verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan. "Beide Regierungen", schreibt er, "haben es geschafft, dass kein einziger Journalist aus dem jeweiligen Feindesland im anderen Land akkreditiert ist, um von der anderen Seite der Medienfront frei berichten zu können."

Schließlich Tom.

FAZ, 08.01.2002

Kanzlerfrage? Zählt doch gar nicht mehr, meint Henning Ritter: "In dem Maße, wie alle im Kanzleramt getroffenen Entscheidungen nicht mehr nur in Rücksicht auf ein vereintes Europa, sondern in Absprache und Abstimmung mit den anderen Regierungen getroffen werden müssen, wird sich der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in einen Politiker vom Typus jener Landesfürsten verwandeln, die das Gesicht der föderalen Bundesrepublik seit je so stark geprägt haben, die ihr Ländle in Ordnung halten und in der Länderkammer mit umso stärkerer Stimme sprechen, je besser es um ihr Land steht." Zum selben Thema schreibt auch Andreas Platthaus, der an den Politikern von heute die erotische Beziehung zur Macht vermisst.

Andreas Rossmann hatte das Privileg, Harald Schmidt in Matthias Hartmanns Bochumer Inszenierung von "Warten auf Godot" den Lucky spielen zu sehen. Andreas Rossmann schreibt: "Überaus konzentriert und kontrolliert, wie er agiert, ist Schmidt das Bemühen anzumerken, alles richtig machen und mithalten zu wollen: Ein Hirnbrüter, der, auch wenn seine grotesken sprachlichen Ausgeburten nur bedingt körperlich werden, den akkuraten Nonsens des 'Akakakakademie' und 'Anthropopometrie' zur Allegorie einer 'deformation professionelle' verdichtet."

Weitere Artikel: Andreas Rieck vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg erzählt die Geschichte des Kaschmir-Konflikts und erwartet sich durch die jüngsten Ereignisse eine Schwächung der Islamisten. Der Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister will "Bilder des 11. September als apokalyptische Bilder entzaubern" und analysiert die Inszenierung der Bilder auf beiden Seiten des Konflikts. Hannes Hintermeier meldet, dass Dietrich Schwanitz jetzt Privatkurse in "Creative Writing" geben will. Dietmar Dath legt auf der letzten Seite eine kleine Science-Fiction-Erzählung vor ? es geht irgendwie um das Programmieren zukünftiger Computer. Dieter Bartetzko kommentiert die Auszeichnung der "Gefährten", der ersten Filmfolge des "Herrn der Ringe" als besten Film des Jahres durch das amerikanische Filminstitut, das besonders die Ausstattung des Films prämierte. Und auf der Bücher-und-Themen-Seite liest Michael Angele einige Bücher zur Geschichte des Punk.

Ferner schreibt Ulf von Rauchhaupt zum 60. Geburtstag des Physikers Stephen Hawking. Jochen Schmidt gedenkt der Tänzerin Gret Palucca, die heute hundert Jahre alt geworden wäre. Bettina Erche hofft auf eine kundige Sanierung des brandenburgischen Schlosses Ahlsdorf.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Dresdner Kunstverleger Rudolf Mayer im Lindenau-Museum in Altenburg, das Tanzfestival von Cannes und eine Ausstellung über Hofmannsthal und Goethe im Freien Hochstift in Frankfurt.