Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2001.

NZZ, 02.04.2001

Heribert Seifert schreibt ein langes und faktenreiches Porträt des Hamburger Instituts für Sozialforschung: "Das unablässige Getöse um die 'Wehrmachtsausstellung', das eine Zeitlang alle Züge eines Kulturkampfes der Generationen trug, hat .. ein reichlich schiefes Bild von der Arbeit des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) erzeugt. Denn im verwinkelten Fuchsbau am Mittelweg 36 im Universitätsviertel der Hansestadt pflegt man im Allgemeinen gerade nicht die derzeit so mediengängige Inszenierung von Wissenschaft als Krawall. Hier hat sich in bemerkenswerter Unabhängigkeit vom Zeitgeist und seinen Themenkonjunkturen ein intellektuelles Zentrum entwickelt, in dem 'Entwicklungspfade' und Bruchzonen der Gesellschaft erkundet werden."

Roman Hollenstein würdigt das Basler Architektenbüro Herzog & de Meuron, dem, wie gestern vermeldet wurde, der Pritzker-Preis, also der bedeutendste Architekturpreis überhaupt zuerkannt wurde: "Wie kein anderes europäisches Büro - den letztjährigen Pritzker-Preisträger Rem Koolhaas ausgenommen - vermochten die Basler die schläfrige, in unfruchtbare Theorien vernarrte amerikanische Architektenschaft aufzurütteln und jüngere Vertreter nachhaltig anzuregen."

Besprochen werden "Dantons Tod" in Berlin, die 31. Rauriser Literaturtage und Rossinis "Barbier von Seviglia" in Zürich.

SZ, 02.04.2001

Die taz legt eine neue Serie auf. Ihre Fragestellung (man muss es wohl so oberseminarhaft ausdrücken): "Niemand will Behinderten Böses. Aber wie ist es in unserer Gesellschaft wirklich bestellt um den sachgerechten Umgang mit Menschen, die Versorgung brauchen?" "Ich bin ferne davon, hier etwas skandalisieren zu wollen. Im Gegenteil: Selten findet man so viel guten Willen, so viel Engagement, so viel Reden über Engagement, so viel Märtyrertum wie bei denjenigen, die in der Arbeit mit schwer geistig und mehrfachbehinderten Menschen stehen. Aber selten auch, ich wage es zu sagen, findet sich so viel mangelndes Wissen, so viel Mutmaßung (statt Professionalität), so viel allzu menschliche Nachlässigkeit, aber auch so viel Humorlosigkeit", schreibt Peter Fuchs im "Vorwort" zu Serie, die mehrere Wochen lang fortgeführt werden soll.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenieung von "Dantons Tod" in der Schaubühne, und Wagners "Ring", aber ohne seine Musik im Frankfurter Theater am Turm.


Schließlich der Link auf Tom.

SZ, 02.04.2001

Komisch, Stadelmaier, der größte Feind der Schaubühne, feiert Ostermeiers Büchner an der Schaubühne, und die SZ, bisher die größte Stütze dieses Theaters, verreißt ihn. Christine Dössel schreibt: "Ostermeiers Inszenierung fällt hinter Büchner zurück. Sie bleibt auf der diskursiven Oberfläche des Stücks, scheitert an der eigenen Konzeptlastigkeit. Dass der Mensch nicht Subjekt der Geschichte, nicht einmal Subjekt seines eigenen Handelns und Träumens ist, dass er das Heft nicht in der Hand hat ? das ist hier die Prämisse und nicht eine Erkenntnis des Stücks."

Fritz Göttler denkt über die Fernsehbilder von Milosevic' Verhaftung nach. "Man hat inzwischen die Möglichkeit, Zeuge zu sein von historischen Ereignissen, aber es gibt diese Ereignisse offensichtlich schon lange nicht mehr."

Weitere Artikel: In der Berliner Debattenreihe "Kulturverschwörung", die von der SZ mitveranstaltet wird, redete Alfred Treiber über die Zukunft des Radios. Werner Burkhardt schreibt zum Tod John Lewis' vom Modern Jazz Quartet. Anke Sterneborg war bei den Nominierungen zum Deutschen Filmpreis dabei (der künftig "Lola" heißen soll). Besprechungen widmen sich Frank Castorfs Inszenierung von "Berlin Alexanderplatz" in Zürich, Ausstellung "Picasso, Beckmann, Nolde und die Moderne" in der Hamburger Kunsthalle und Michael Kliers Film "Heidi M." Gemeldet wird die Suspendierung von Mathias Weigmann, dem Intendanten der Bamberger Symphoniker.

Interessant auch ein Artikel im Medienteil. Robert Jacobi schreibt hier über die Gründung eines Netzwerks investigativer Journalisten in Deutschland. Mitbegründer ist Hans Leyendecker von der SZ.
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SZ, 02.04.2001

Komisch, Stadelmaier, der größte Feind der Schaubühne, feiert Ostermeiers Büchner an der Schaubühne, und die SZ, bisher die größte Stütze dieses Theaters, verreißt ihn. Christine Dössel schreibt: "Ostermeiers Inszenierung fällt hinter Büchner zurück. Sie bleibt auf der diskursiven Oberfläche des Stücks, scheitert an der eigenen Konzeptlastigkeit. Dass der Mensch nicht Subjekt der Geschichte, nicht einmal Subjekt seines eigenen Handelns und Träumens ist, dass er das Heft nicht in der Hand hat ? das ist hier die Prämisse und nicht eine Erkenntnis des Stücks."

Fritz Göttler denkt über die Fernsehbilder von Milosevic' Verhaftung nach. "Man hat inzwischen die Möglichkeit, Zeuge zu sein von historischen Ereignissen, aber es gibt diese Ereignisse offensichtlich schon lange nicht mehr."

Weitere Artikel: In der Berliner Debattenreihe "Kulturverschwörung", die von der SZ mitveranstaltet wird, redete Alfred Treiber über die Zukunft des Radios. Werner Burkhardt schreibt zum Tod John Lewis' vom Modern Jazz Quartet. Anke Sterneborg war bei den Nominierungen zum Deutschen Filmpreis dabei (der künftig "Lola" heißen soll). Besprechungen widmen sich Frank Castorfs Inszenierung von "Berlin Alexanderplatz" in Zürich, Ausstellung "Picasso, Beckmann, Nolde und die Moderne" in der Hamburger Kunsthalle und Michael Kliers Film "Heidi M." Gemeldet wird die Suspendierung von Mathias Weigmann, dem Intendanten der Bamberger Symphoniker.

Interessant auch ein Artikel im Medienteil. Robert Jacobi schreibt hier über die Gründung eines Netzwerks investigativer Journalisten in Deutschland. Mitbegründer ist Hans Leyendecker von der SZ.

FR, 02.04.2001

Mal ein originelles Thema für einen Geburtstagsartikel. Die Cahiers du cinema, die Hauszeitschrift der Nouvelle Vague, werden heute 50 Jahre alt. Peter W. Jansen gedenkt, etwas matt: "In der Theorie waren die Cahiers immer auf der Höhe der jeweiligen Zeit, wenn sie nicht gar dazu beitrugen, diese Höhe nicht nur auszumessen, sondern anzugeben. Sie konnten das nur tun dank der - bei uns kaum nachvollziehbaren - hohen Einschätzung von Film und Filmkultur in Frankreich."

Besprechungen gelten "Dantons Tod" an der Schaubühne (eher ein Verriss von Peter Michalzik), Prokofjews Oper "Die Verlobung im Kloster" in Chemnitz und der Film "Miss Undercover". Peter Körte weist in der Kolumne Times Mager auf ein Gespräch mit Jean-Luc Godard in der neuen Lettre International hin.

TAZ, 02.04.2001

Die taz legt eine neue Serie auf. Ihre Fragestellung (man muss es wohl so oberseminarhaft ausdrücken): "Niemand will Behinderten Böses. Aber wie ist es in unserer Gesellschaft wirklich bestellt um den sachgerechten Umgang mit Menschen, die Versorgung brauchen?" "Ich bin ferne davon, hier etwas skandalisieren zu wollen. Im Gegenteil: Selten findet man so viel guten Willen, so viel Engagement, so viel Reden über Engagement, so viel Märtyrertum wie bei denjenigen, die in der Arbeit mit schwer geistig und mehrfachbehinderten Menschen stehen. Aber selten auch, ich wage es zu sagen, findet sich so viel mangelndes Wissen, so viel Mutmaßung (statt Professionalität), so viel allzu menschliche Nachlässigkeit, aber auch so viel Humorlosigkeit", schreibt Peter Fuchs im "Vorwort" zu Serie, die mehrere Wochen lang fortgeführt werden soll.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenieung von "Dantons Tod" in der Schaubühne, und Wagners "Ring", aber ohne seine Musik im Frankfurter Theater am Turm.


Schließlich der Link auf Tom.

TAZ, 02.04.2001

Die taz legt eine neue Serie auf. Ihre Fragestellung (man muss es wohl so oberseminarhaft ausdrücken): "Niemand will Behinderten Böses. Aber wie ist es in unserer Gesellschaft wirklich bestellt um den sachgerechten Umgang mit Menschen, die Versorgung brauchen?" "Ich bin ferne davon, hier etwas skandalisieren zu wollen", schreibt Peter Fuchs im "Vorwort" zur Serie, die mehrere Wochen lang fortgeführt werden soll. "Im Gegenteil: Selten findet man so viel guten Willen, so viel Engagement, so viel Reden über Engagement, so viel Märtyrertum wie bei denjenigen, die in der Arbeit mit schwer geistig und mehrfachbehinderten Menschen stehen. Aber selten auch, ich wage es zu sagen, findet sich so viel mangelndes Wissen, so viel Mutmaßung (statt Professionalität), so viel allzu menschliche Nachlässigkeit, aber auch so viel Humorlosigkeit."

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenieung von "Dantons Tod" in der Schaubühne, und Wagners "Ring", aber ohne seine Musik im Frankfurter Theater am Turm.


Schließlich der Link auf Tom.

FAZ, 02.04.2001

Auf einer Doppelseite protestiert der Schriftsteller und Joyce-Übersetzer Hans Wollschläger gegen den heutigen Umgang mit den Tieren und fordert eine Aufnahme des Tierschutzes in die Verfassung. Eine Passage aus einer Diatribe, die ihre Wucht schon aus der Aufzählung der Fachbegriffe gewinnt: "Es geht um die Hölle, und Wörter sind's, die sie heraufbeschwören. Wer sie, die Wörter, beim Wort zu nehmen gewohnt ist, um den Zustand eines Menschen oder einer Gemeinschaft zu erfahren, erschrickt schon lange über die Geläufigkeit, mit der sich Ausdrückungen von Mund zu Mund bewegen, die eigentlich alle Schamhaare zu Berge treiben müssten. 'Tiermehl' heißt eines, das obenan steht, 'Knochenmehl', 'Blutmehl', kurz 'Kadavermehl' alias: Die gemeinte Sache ist inzwischen verboten, das Wort dafür aber hat die Gehirne auf immer infiziert. Was ist das, 'Separatorenfleisch' - wie wird es 'gewonnen'? Welcher infame Kopf hat die Bezeichnung 'Rinderstau' ersonnen - für eine Verkehrsstockung auf dem Todesweg ins Raubtiergebiss des 'Verbrauchers'? Jedermann weiß auf einmal, was 'die Keulung' ist oder eine 'Kohortenlösung', Prägungen aus dem reichen Wörter-Schatz, der schon andere mit '-lösung' endende Begriffe hervorgebracht und noch viel anzubieten hat: hier etwa die 'Grundsatzlösung', aber auch die 'Übergangslösung', Lieblingswort der überall angestellten und unbegrenzt anstelligen Beschwichtigungsredner, die darauf warten, dass der Mündige Bürger endlich wieder unmündig wird: Sie 'warnen' permanent und vehement, aber nicht vor der Sache, sondern vor 'Hysterie' und 'Panikmache'."

Thomas Ostermeier hat an der Schaubühne "Dantons Tod" inszeniert und siehe, er fand die Gnade von Gerhard Stadelmaier. "Der Regisseur, der als verschmockter Messias eines total neuen Theaters gestartet war, ist jetzt bei der ältesten, schönsten Theatertugend gelandet: der Demut vor dem Motto 'Es ist schade um die Menschen'. Die Revolution wird nicht verlächelt. Sie wird durchgerechnet: auf Körper und Pfennig. Ostermeiers direkte, saubere, intelligent naive Inszenierung nimmt das Drama beim Wort, indem sie das Wort zum Problem des Dramas macht. Insofern ist diese Arbeit des neuen jungen Schaubühnenchefs der alten Schaubühne sehr nahe. Wo jene aber vorzüglich Köpfe buchstabierte, liest Ostermeier auch frisch das Abc der Körper."

Heinrich Wefing kommentiert den Plan, die ehemalige Stadtkommandantur Unter den Linden wiederaufzubauen, einen Bau aus dem 17. Jahrhundert. Bertelsmann will dort seine Berlin-Repräsentanz einrichten: "Dass hinter Mauern, die so tun werden, als seien sie alt, ausgerechnet ein Unternehmen residieren wird, das nichts unversucht lässt, sich als jungdynamisch, zukunftsträchtig, zeitgemäß zu präsentieren - das ist schon ein famoser Witz."

Erstaunt zeigt sich Michael Hanfeld, dass Dieter Stolte keine weitere Amtszeit als ZDF-Intendant will: "Damit hat niemand gerechnet. Es schien vielmehr so, dass Stolte auch sich selbst für das hielt, was er dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und natürlich auch dem ZDF zugute hält ? 'unverzichtbar' zu sein." Dabei gibt Stolte im Interview eine ganz verständlich klingende Erklärung: "Für mich war von Anfang an klar, dass ich vor einer Lebensentscheidung stehe: im 68. Lebensjahr noch einmal für fünf Jahre das Amt zu übernehmen oder sich nach vierzig Jahren auch ein Leben ohne ZDF vorstellen zu können." 40 Jahre ZDF, das ist doch eine Lebensleistung!

Weitere Artikel: Washingtoner Metamorphosen beschreibt Jordan Mejias ("George W. Bush, wie wir die beiden der Einfachheit halber nennen wollen, geht nicht mehr, er schreitet präsidial. Er verschlingt nicht mehr in Hemdsärmeln unappetitliche Hühnerschenkel, er zieht den dunklen Anzug an und lädt sich Untergebene - denn ihm Ebenbürtige gibt es auf der ganzen Welt nicht - zum Staatsbankett. Er hetzt nicht mehr in der Chartermaschine von Kaff zu Kaff, er steigt aus der Air Force One zu uns hernieder."). Dieter Bartetzko berichtet über den einstündigen Internetauftritt der legendären italienischen Sängerin Mina, die sich seit Jahren nicht mehr auf der Bühne gezeigt hatte ("Am vergangenen Freitag war es dann soweit - zwischen 21:59 und 23:01 Uhr sah man Mina in einem Studio acht Titel aufnehmen. Fünfzehn Millionen Italiener schauten zu, viele davon so blutige Neulinge wie einst jene Millionen, die Elisabeth II. Krönung zum Kauf des ersten Fernsehers trieb."). Andreas Rossmann erzählt, dass die Duisburger Stadtregierung die Mercatorhalle unbedingt abreißen will. Andreas Rosenfelder berichtet über ein Berliner Streitgespräch über Gennahrung. Johan Schloemann schreibt über den Einfluss des britischen Kommunitaristen Robert Putnam auf die Blair-Regierung. Camilla Blechen gratuliert dem Bildhauer Werner Stötzer zum Siebzigsten.

Besprechungen gelten dem Film "Gegen jede Regel", Prokofjews Oper "Die Verlobung im Kloster" in Chemnitz, dem Kinderfilmfest in Gera und Frankfurts Festival "pol 5".