Heute in den Feuilletons

Die Glätte des kostbaren Holzes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2013. Wer sich mit Buzzfeed befasst, stellt sich plötzlich ganz neue Fragen über die Zukunft des Journalismus, meint Karsten Lohmeyer auf lousypennies. Der Blogger thorstena analysiert die Wahlniederlage der "Netzgemeinde". Die amerikanischen Blogger reiben sich nach dem endgültigen Ende von "Breaking Bad" die Augen. Die NYTimes bringt neue NSA-Enthüllungen. In der NZZ erzählt Lizzie Doron, wo man außer neurotisch auch noch paranoid werden kann. In der taz ehrt Tahar Ben Jelloun den ghanaischen Autor Kofi Awoonor, der bei dem Terroranschlag in Nairobi ums Leben kam. Die FAZ feiert eine Berliner Ausstellung über Warlam Schalamow.

TAZ, 30.09.2013

Tahar Ben Jelloun ehrt den ghanaischen Dichter Kofi Awoonor, der bei dem Terroranschlag auf das Einkausfzentrum in Nairobi ums Leben kam: "Der Zufall ist manchmal tragisch. Sicher kannten Awoonors Mörder ihn nicht; es sind in jedem Fall Analphabeten, die nicht einmal wissen, was sie tun." Dazu stellt die taz ein gedicht Awoonors:

"Manchmal lesen wir die
Linien im grünen Blatt
Streichen mit den Fingern über
Die Glätte des kostbaren Holzes
Unserer alten Bäume..."

Weiteres: Christiane Müller-Lobeck war bei einem Vortrag Robert Skidelskys in Hamburg. Friedrich Küppersbusch kommentiert die düstere Lage der Sozialdemokratie. Katrin Bettina Müller hat sich in Kosice mit dem Projekt X-Apartments durch das Leben und die Geschichte der Slowakei führen lassen. Ursula Wöll besucht die Magnum-Fotoausstellung "Locked up - Die Zelle" im Prinzhorn Museum.

Und noch Tom.

Aus den Blogs, 30.09.2013

Karsten Lohmeyer stellt sich in lousypennies.de einige Fragen zu Diensten wie Buzzfeed: "Das Beispiel Buzzfeed zeigt ganz deutlich, dass wir hierzulande viel zu oft noch die falschen Diskussionen führen. Es geht nicht mehr darum, traditionelles Zeitungs- und Medienmachen ins Internet zu überführen, sondern die Technologie und Herangehensweise des Journalismus komplett neu zu erfinden - und dabei Wege und Lösungen zu finden, weiterhin die traditionellen Aufgaben des Journalismus von Informieren über Aufklären bis Unterhalten zu übernehmen."

Sehr interessant analysiert der Blogger Thorstena die Wahlniederlage der "Netzgemeinde". Unter anderem fordert er von der Szene eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der "kalifornischen Ideologie": "Steht sie für ein neues Stadium kapitalistischer Wertschöpfung im positiven Sinne, für mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung des Einzelnen oder ist sie doch nur eine perfide agierende Entwicklungsabteilung des Kapitalismus, die die kulturelle und immaterielle Produktion vorbereitet und zur Zerschlagung und Abwertung von Institutionen der alten Arbeiterbewegung beigetragen hat? Um diese Frage zu beantworten, müsste die Internetszene nicht nur kritisch mit 'dem Staat', sondern auch mit 'der Wirtschaft' umgehen."

Atlantic verrät schon mal wie's ausgeht: "The big twist of the night: Breaking Bad has a happy ending. Of course, 'happy ending' here means that our protagonist is dead on the floor of a neo-Nazi meth lab."

Und Emily Bazelon schreibt auf Slate zum endgültigen Aus von Breaking Bad: "Until the finale tonight, I never thought of this as a show that was made with love - or that took love as its central theme. This last hour brimmed with love, though-its cup ran over."

NZZ, 30.09.2013

Uwe Stolzmann hat sich in Israel mit einer Reihe SchriftstellerInnen getroffen, die an Jerusalem verrückt werden. Zum Beispiel Lizzie Doron: "Es ist Samstagmorgen, Sabbat mit viel Sonne. 'Jerusalem ist eine Art Labor', glaubt Doron, Jahrgang 1953: 'Irgendwer testet, wie man Menschen gegeneinander aufbringt. Alle lieben sie Gott, und alle hassen sie einander. Ich fühle mich dort wie im Gefängnis der Geschichte. Ich bin sowieso neurotisch. Aber in Jerusalem bin ich neurotisch und paranoid.'"

Besprochen werden Andrea Breths "Hamlet"-Inszenierung am Burgtheater Wien ("fad", fand Martin Lhotzky) und Karin Henkels "Amphitryon"- Inszenierung am Schauspielhaus Zürich ("Klamauk", fand Barbara Villiger Heilig).
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Welt, 30.09.2013

Peter Crane erinnert an das vor 75 Jahren unterzeichnete Münchner Abkommen. Kai Luehrs-Kaiser schreibt zum Tod des Schauspielers Walter Schmidinger. In der Leitglosse laufen Elmar Krekeler die Augen über angesichts der quietschbunten Wände, die sich das Städel Museum für die große Hans-Thoma-Retrospektive verordnet hat.

Besprochen werden Andrea Breths sechsstündige "Hamlet"-Inszenierung am Wiener Burgtheater mit August Diehl (da reibt Breth "den ganzen konservativen Jammerern, die ihre Klassiker unbedingt so sehen wollen, wie sie im Buche stehen, die Absurdität dieses Verlangens mal so richtig rein, ins Hirn und ins Sitzfleisch", spottet Matthias Heine), Alfonso Cuaróns Science-Fiction-Film "Gravity" mit George Clooney und Sandra Bullock und Johan Simons' Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" an den Münchner Kammerspielen.

Im Forum warnt Ulrike Ackermann vor einem überregulierten europäischen Superstaat mit staatsmonopolistischem Kapitalismus.

Weitere Medien, 30.09.2013

Die britische Regierung, deren Spione sich bislang vor allem dadurch auszeichneten, europäische Bürger und Regierungen zu bespitzeln, wollen jetzt hunderte neue Mitarbeiter einstellen, um sich gegen "russische und chinesische Netzangriffe" wehren zu können, meldet Spon. Da kommen einem glatt die Tränen.

(via Gawker) In der New York Times beschreiben James Risen und Laura Poitras nach Auswertung weiterer Snowden-Papiere, wie die NSA ein riesiges soziales Netzwerk-Diagramm amerikanischer Bürger konstruiert, indem sie deren Emails, Telefongespräche und Bewegungsprofile ausspioniert: "The N.S.A. documents show that one of the main tools used for chaining phone numbers and e-mail addresses has the code name Mainway. It is a repository into which vast amounts of data flow daily from the agency's fiber-optic cables, corporate partners and foreign computer networks that have been hacked. The documents show that significant amounts of information from the United States go into Mainway. An internal N.S.A. bulletin, for example, noted that in 2011 Mainway was taking in 700 million phone records per day. In August 2011, it began receiving an additional 1.1 billion cellphone records daily from an unnamed American service provider under Section 702 of the 2008 FISA Amendments Act, which allows for the collection of the data of Americans if at least one end of the communication is believed to be foreign."

FAZ, 30.09.2013

Beeindruckt geht Regina Mönch durch eine Ausstellung über Warlam Schalamow im Berliner Literaturhaus und erläutert: "Mit der Ausstellung wird ein Vermächtnis Jorge Sempruns erfüllt, der immer wieder verlangt hat, man müsse sich mit dem Stalinismus so intensiv auseinandersetzen wie mit Nationalsozialismus und Faschismus, weil nur dieses 'Doppelgedächtnis' Europa einen werde. Semprun hatte früh das ästhetische Potential der lakonischen Lagerprosa Schalamows und deren Wirkmacht erkannt, historische Blindstellen zu erhellen."

Weitere Artikel: Grandios gescheitert ist für Gerhard Stadelmaier Andrea Breths "Hamlet"-Inszenierung in Wien. Jürg Altwegg stellt den in Berlin lebenden französischen Autor Jean-Yves Cendrey vor, der sich gegen Telefonstrahlung einsetzt. Marcus Jauer beobachtete einen politischen Plausch zwischen Martin Walser und Peter Sloterdijk im Berliner Ensemble. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Schauspielers Walter Schmidinger.

Besprochen werden György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" in Chemnitz, ein Konzert der Band Built to Spill in Berlin, erste Premieren der Intendanz Stefan Bachmanns am Schauspiel Köln und Bücher, darunter Claire Beyers Roman "Refugium" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 30.09.2013

Joachim Käppner kann sich der nach der Bundestagswahl laut gewordenen Kritik an der Fünf-Prozent-Hürde trotz 7 Millionen zwar gültigen, aber durchs Raster gefallenen Stimmen nicht anschließen. "Das Volk [versteht] beim Stimmverhalten mit der Klausel gut umzugehen ... Die Klausel hat sich bewährt. Sie verlangt von den Parteien nicht nur ein erhebliches Quorum an Stimmen, sie verlangt viel mehr: eine sehr ernsthafte Anstrengung, wirklich an der parlamentarischen Demokratie teilzuhaben. Sie ist der natürliche Feind aller One-Issue-Gruppierungen, an die sich dann die Protestwähler hängen."

Weiteres: "Sanft und heiter" ging es bei einer Berliner Diskussion über Schönheit mit Martin Walser und Peter Sloterdijk zu, meldet Stephan Speicher. Christine Dössel schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Walter Schmidinger.

Besprochen werden die Santiago-Sierra-Schau in den Hamburger Phoenix-Hallen, Glenn Close' neuer Film "Albert Nobbs", Andrea Breths "Hamlet" am Wiener Burgtheater, Georg Baselitz' Bühnenbild für die Chemnitzer Aufführung von Ligetis Oper "Le Grand Macabre" und Bücher, darunter der Fantasycomic "Saga" und Ian McEwans neuer Roman "Honig" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).