Heute in den Feuilletons

Die umgedrehte Raubkopie

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21.08.2013. Die zerstörten Laptops des Guardian beschäftigen Blogs und Zeitungen. Für Jay Rosen ist nun endgültig klar: "This battle is global." Dirk von Gehlen betrachtet in seinem Blog das Bild des zerstörten Computers. Die taz hat ein paar Nachfragen an den Guardian. Sascha Lobo fragt sich, ob die Öffentlichkeit jetzt aufwacht. Aber die stiff upper lip der Briten rührt sich so gut wie gar nicht, beobachtet die FAZ, die der Bundesregierung aber auch nicht, hat Stefan Niggemeier herausgefunden.

Aus den Blogs, 21.08.2013

Nach den Vorfällen beim Guardian hält der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen in seinem Blog Pressthink ein für alle mal fest: "This battle is global. Just as the surveillance state is an international actor - not one government, but many working together - and just as the surveillance net stretches worldwide because the communications network does too, the struggle to report on the secret system's overreach is global, as well. It's the collect-it-all coalition against an expanded Fourth Estate, worldwide."

Via Dirk von Gehlen. Der Guardian veröffentlicht in seinem Blog zur Snowden-Affäre ein Bild des zerstörten MacBook.



Gehlens Interpretation des Bildes: "Das Bild ist sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt auf den Computer ist der hilfslose Versuch, einen Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, einen Laptop zu zerstören, um damit die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie."

Auch wenn sich die Öffentlichkeit immer noch nicht so aufregt, bei den Geheimdiensten scheint die Nervosität groß zu sein, meldet NBC News: "More than two months after documents leaked by former contractor Edward Snowden first began appearing in the news media, the National Security Agency still doesn't know the full extent of what he took, according to intelligence community sources, and is 'overwhelmed' trying to assess the damage."

Stefan Niggemeier ist in der Antwort der Bundesregierung auf Anfragen der SPD zum NSA-Skandal auf einen erstaunlichen Satz gestoßen: "Die Bundesregierung ist nach sorgfältiger Abwägung zu der Auffassung gelangt, dass die Fragen 3, 10, 16, 26 bis 30, 31, 34 bis 36, 38, 42, 46, 47, 49, 55, 61, 63, 65, 76, 79, 85 und 96 aus Geheimhaltungsgründen ganz oder teilweise nicht in dem für die Öffentlichkeit einsehbaren Teil beantwortet werden können."

Die BBC greift Berichte des Independent (hier) und der Daily Mail (hier) auf und benennt den Beamten, der den Guardian, offenbar direkt auf Weisung von David Cameron, besucht hat. Es handelt sich um Kabinettschef (Cabinet Secretary) Sir Jeremy Heywood aus dem britischen Außenministerium.

Spiegel Online, 21.08.2013

Sascha Lobo hat in seiner jüngsten Kolumne ein gewisses Verständnis dafür, dass die NSA-Affäre die Bürger bisher wenig erregte - nun hat sie allerdings durch die Geschehnisse beim Guardian eine neue Qualität erreicht: "Der ertappte, staatliche Überwachungsapparat schlägt auf eine Weise zurück, die nicht nur der Demokratie unwürdig, sondern schlicht antidemokratisch ist. Automatisch ergibt sich die Frage, ob die Öffentlichkeit - die auch in Großbritannien nicht gerade wutentbrannt auf die Spähaffäre reagierte - auch dann noch unbeeindruckt ist, wenn es nicht mehr 'nur' um Privatsphäre im Netz geht. Sondern um demokratische Grundwerte wie Pressefreiheit und Meinungsfreiheit."

TAZ, 21.08.2013

Ralf Sotschek berichtet auf den vorderen Seiten über die von ihm so getaufte "Operation Kellerassel" des GHCQ. Er ist aber nicht ganz zufrieden mit Alan Rusbridgers Bericht über die Zertsörung der Festplatten: "So geht weder daraus hervor, wann die Zerstörung der Festplatten stattgefunden hat, noch erklärt er, warum der Guardian das nicht sofort mit einem Aufmacher publik gemacht hat."

Weiteres: Julian Weber meldet eine Gedenktafel für Rio Reiser in Kreuzberg. Besprochen werden eine Ausstellung zu Mary Heilmann im Kunstmuseum Bonn, David Wnendts Verfilmung von Charlotte Roches "Feuchtgebieten" und Jürgen Borcherts Analyse "Sozialstaatsdämmerung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Tagesspiegel, 21.08.2013

Gerrit Bartels bespricht - als erster soweit wir sehen - Helene Hegemanns neuen Roman "Jage zwei Tiger": "Man kann also Spaß haben bei der Lektüre dieses Romans und sich gut unterhalten fühlen - und doch ermüdet auf Dauer Hegemanns ewiges Stinkefingergezeige, ihre ohne Unterlass Kaputtheiten zelebrierende Bescheidwisserhaltung. Immerhin schützt sie sich so geschickt davor, vor einen Generationskarren gespannt, als Rollenmodell für eine junge Generation missverstanden zu werden."
Stichwörter: Helene Hegemann

NZZ, 21.08.2013

Marion Löhndorf schwelgt in einer Ausstellung in der Queen's Gallery in London über die Mode am Hof der Tudors und Stuarts: "Die Maler, Bildhauer und die Schneider übertrafen sich an schierem handwerklichem Geschick und in der Liebe zum Detail - beim Entwurf, beim Nähen und bei der Wiedergabe der Juwelen, Perlen, des Faltenwurfs, der eingestickten Gold- und Silberfäden, der Verästelungen der Spitze und des Seidenglanzes. Auf diese ungeheure, gelegentlich beklemmende Opulenz, die als Ausdruck herrscherlicher Macht fast haptisch erfahrbar gemacht wird, richtet die Schau ihre ganze Aufmerksamkeit. Den Glanz der Könige erhöhten die Höflinge. Luxuriöse Kleidung wurde auch von ihnen erwartet, so dass sie wie lebende Bilder die Paläste schmückten; manche von ihnen ruinierten sich damit."

Stanislaw Lem lesen
!, empfiehlt Matthias Hennig und besonders die neun Jahre nach Gründung der NSA geschriebenen "Memoiren, gefunden in der Badewanne": "Die Handlung spielt sich in einem Dritten Pentagon ab, das als gigantisches Bunkersystem und weltweit größte Datensammelzentrale der größten Weltmacht, den USA, in den Rocky Mountains in den Fels gegraben ist. Dort wird jedes frei verfügbare Fitzelchen an Information archiviert, katalogisiert und vor allem eins - verwaltet."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung der italienischen Künstlerin Carol Rama im Museo Ascona (deren Karriere recht steil begann, wie Roger Friedrich berichtet: "Ihre erste Einzelausstellung im Jahr 1945 war der Zeit zu viel. Sie wurde sofort geschlossen und die Exponate wurden beschlagnahmt"), ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestras in Lucerne, Kurt Bayertz' Geschichte "Der aufrechte Gang", Andréa del Fuegos Roman "Geschwister des Wassers" und Peter Roseis Roman "Madame Stern" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 21.08.2013

Der Historiker Andreas Eckert widerspricht dem Kameruner Regisseur Jean-Pierre Bekolo, der kürzlich in einem Zeitschriftenartikel behauptet hatte, selbst die Kolonialisten seien besser gewesen als die heutige afrikanischen Eliten (mehr hier). Berthold Seewald liest die Vergangenheit aus dem Gras von Stonehenge. Alan Posener meint, dass Diskussionen über Missbrauch sich oft mehr um Ideologie als um Kinder drehen. Kai Luehrs-Kaiser gratuliert der Mezzosopranistin Janet Baker zum Achtzigsten. Michael Pilz schreibt zum Tod des unvergleichlichen Fritz Rau.

Besprochen wird Sandra Nettelbecks Film "Mr. Morgan's Last Love" mit Michael Caine als grimmigem Alten in Paris, der sich mit einer jungen Frau anfreundet.

FAZ, 21.08.2013

Auch nach dem neunstündigem Verhör von Glenn Greenwalds Lebenspartner David Miranda und der bizarren Szene im Guardian, der auf Weisung des Geheimdienstes GHCQ seine Computer zerstören musste, rührt sich die stiff upper lip der Briten nicht um einen Millimeter, berichtet Gina Thomas: "Die Times widmete dem Vorgang zwar einen - an dritter Stelle plazierten - Leitartikel, der forderte, dass die Polizei klarstelle, weshalb sie David Miranda nach einem nur an Grenzübergängen gültigen Absatz der Anti-Terrorgesetzgebung festgehalten und neun Stunden lang - die maximal zulässige Zeit ohne Anklageerhebung - vernommen habe. Die recht knappe Nachricht dazu stand jedoch, wie beim Daily Telegraph auf einer hinteren Seite."

Auf der Medienseite interviewt Stefan Schulz den Netzaktivisten Jacob Appelbaum zu den jüngsten Vorfällen beim Guardian.

Weitere Artikel: Für Andreas Kilb ist das Deutsche Historische Museum unter Leitung von Alexander Koch in die zweite Liga der Museen abgestiegen: "Ein Deutsches Historisches Museum ist ja kein Geschichtsbus zum Abklappern von Jahrestagen." Andreas Rossmann amüsiert sich in der Leitglosse über die Aufregung um einen Schlüsselroman des scheidenden Kölner Opernintendanten Uwe Eric Laufenberg, der Köln samt Klüngel als "Palermo" dastehen lässt (wer mag wohl hinter der Romanfigur "Alfredo Castel del Monte" stehen?) Die dagestanische Autorin Alissa Ganijewa erzählt, wie sie in ihrer Heimat und Russland durch eine unter Pseudonym veröffentlichte Erzählung Aufsehen erregte und wie es kam, dass in Dagestan ausgerechnet die Kommunisten die Scharia wieder eingeführt hatten. Irmgard Berner besucht den Keramiker Martin Kunze, der das digitale Gedächtnis der Menschheit ausgerechnet in Ton brennen will. Wolfgang Günter Lerch versucht eine Begriffsklärung zur "Arabellion". Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Konzertveranstalters Fritz Rau.

Auf der Medienseite wirft Stefan Schulz Google vor, Suchergebnisse zu politischen Themen durch interne Manipulation zu beeinflussen - besonders im Wahlkampf - kann dies jedoch nicht belegen: Die angeblichen Manipulationen, stellt sich heraus, sind vor allem Googles Versuche, Manipulationen von Suchergebnisse durch andere, etwa Suchmaschinenoptimierer, zu verhindern.

Besprochen werden die Ausstellung "Paris Intense - Die Nabis, von Bonnard bis Vallotton" in der Münchner Pinakothek (bei der leider, so Andreas Platthaus, die berühmtesten Mitglieder der für ihre "radikal subjektive Malerei" bekannte Gruppe nicht vertreten sind. Bild: Felix Vallotton, Misia Godebska-Natanson, 1898), Michael Bays Gangsterkomödie "Pain & Gain" und Bücher, darunter eine nur auf englisch erschiene Biografie über den Ornithologen Alexander Wilson.

SZ, 21.08.2013

Die bizarre Vernichtung von Festplatten und Computern beim Guardian durch den britischen Geheimdienst sowie der geheimdienstliche Übergriff auf David Miranda (mehr) sind für Christian Zaschke und Frederik Obermaier auf der Tagesthemenseite ein Beleg dafür, "wie sehr die Pressefreiheit in Großbritannien unter Druck gerät." Auch Stefan Plöchinger sieht nach diesen drakonischen Maßnahmen die Pressefreiheit ausgerechnet im Mutterland des bissigen Journalismus bedroht. Gut, dass Greenwald in Brasilien lebt und arbeitet, schreibt er: "Der britische Guardian berichtet über einen solchen Skandal gerade kaum noch aus Großbritannien heraus, sondern lieber aus Übersee. Wie man nun weiß, ist das klüger so."

Johannes Boie versteht dagegen das konziliante Afieren des Guardians und seines Chefredakteurs nicht: "Die von Rusbridger gebilligte Aktion ist ein schwerer Schlag gegen die Pressefreiheit. Sie wird dem Ansehen des Guardian schaden, vielleicht dem der ganzen Branche. Nicht jede Redaktion kann es sich leisten, geheime Papiere außer Landes zu lagern und Reporter weltweit zu beschäftigen. Die Pressefreiheit muss dort verteidigt werden, wo sie bedroht ist. In diesem Fall war das in Großbritannien, im Keller des Guardian."

Im Feuilleton ist Till Briegleb sehr beeindruckt von der Hamburger Ausstellung "Kairo - Neue Bilder einer andauernden Revolution": "In den Hunderten Bildern, Videos und Twitter-Kommentaren ... spiegelt sich eine extrem politisierte Gesellschaft, die sich aber mit einer beharrlichen Vernunft artikuliert. Obwohl man natürlich auch bei dieser Auswahl nach der politischen Absicht fragen muss, scheint dieser Aufstand im Zentrum doch noch immer relativ ideologiefrei zu verlaufen." (Bild: Jonathan Rashad, Protestmarsch zum Verteidigungsministerium und Sit-in, Kairo, 28. April 2012)

Weitere Artikel: Klaus Brill meldet, dass der polnisch-britische Soziologe und Sozialist Zygmunt Bauman bei einer universitären Veranstaltung in Breslau von Rechtsradikalen bedroht wurde. Jens Malte Fischer gratuliert der Sopranistin Janet Baker zum 80. Geburtstag. Willi Winkler schreibt zum Tod des Konzertveranstalters Fritz Rau.

Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, die Verfilmung von Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete", ein Konzert von Claudio Abbados Orchester in Luzern und Bücher, darunter Botho Strauß' "Lichter des Toren" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).