Heute in den Feuilletons

Die berühmte Betroffenheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2013. Die SZ erlebte bei der Ausstellung  "Erschütterung der Sinne" eine ebensolche. Die Welt findet den Streit um die Berliner "East Side Gallery" ziemlich verlogen. Die NZZ erzählt,. wie die Kultur des Irak aus der Hand Saddam Husseins auf den Boden fiel. In der FR erklärt Johannes Fried, was Globalgeschichte ist. Und außerdem wird munter spekuliert, wer Chefredakteur beim Spiegel wird.

Welt, 08.04.2013

Ziemlich verlogen findet die in Weimar geborene Autorin Andrea Hanna Hünniger den Streit um die Berliner "East Side Gallery", die mit der Mauer, an der Menschen erschossen wurden, überhaupt nichts zu tun habe: "Hier streitet niemand um die Zukunft der Mauer oder die Zukunft der Vergangenheit, sondern um die Zukunft einer kleinen, perfiden Geldmaschine, die Spreeufer heißt. Diese Geldmaschine möchte jeder am liebsten allein besitzen. 'Clubbetreiber' klingt nur besser als 'Investor'. Und die Mauer? Die ist für Berlin das, was sonst nur eine Brille mit dickem Plastikrahmen ist: je hässlicher, desto hipper. Die Mauer ist eine Herabwürdigung, kein Denkmal. Sie turnt jedem Publikum jede Reaktion schon vor. Das soll dann die berühmte Betroffenheit ergeben, aus der heraus man sofort zum Abendessen schreiten kann."

Außerdem: Daniela Strigl erinnert zum Neunzigsten von "Bambi" an die markige Interpretation des Romans durch Marlene Streeruwitz: "Mit 'Bambi' haben wir den Leittyp 'nationalsozialistischer Held' schon weitgehend herstellen können. Territorial. Sippentreu. Rassisch rein. Männerbündlerisch. Frauen verachtend." Konstantin Richter stellt die Internetwährung Bitcoin vor. Außerdem amüsiert sich Andreas Rosenfelder darüber, die die SZ einer Fälschung aufsaß'und irgendwie noch stolz darauf ist.

Besprochen werden ein Konzert von Lana Del Rey und Karin Henkels Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" in München.

Aus den Blogs, 08.04.2013

Aufwachen, es ist Montag! Hier ein Stück Avantgarde aus dem Jahr 1951, der Trailer zu Isidore Isous Film "Traité de Bave et d'Éternité". Und damals tat Avantgarde noch wirklich weh. (Den ganzen Film gibt's hier.)



(via) TorrentFreak berichtet nicht nur von einem offenbar fröhlich aus dem Netz aktuelle Kinofilme ladenden Filmclub im Vatikan, sondern auch von dunkleren Gelüsten: So besorgte sich ein Rechner mit einer IP-Nummer aus dem Kirchenstaat auch diverse Pornos aus dem sündigen Internet. Ob sich mit "Züchtigung im dunklen Hobbykeller" wohl nostalgische Inquisitoren die Erinnerung an bessere Zeiten aufrechterhalten?
Stichwörter: Vatikan

Weitere Medien, 08.04.2013

Mark Danner führt fürs Magazin New York ein episches Gespräch mit Robert Silvers, dem Mitbegründer der New York Review of Books, die gerade fünfzig wird. Er singt ein Loblied auf seine beiden - inzwischen verstorbenen - Kolleginnen Elizabeth Hardwick und Barbara Epstein: "Aside from Barbara, Lizzie was the major influence. I would send her reviews and she would say, 'Oh, yes, this piece is very good. It just needs a little work.' And then she would send it back half as long, with paragraph after paragraph cut or compressed. She had no patience at all for what you would call tired language."

Außerdem im New York: "23 Blonds Turned Brunette, A Slideshow Inspired by Betty on Mad Men."

(Via Medialdigital) Caroline O'Donovan hat für das Nieman Lab mit Marina Walker Guevara vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) gesprochen, die erklärt, wie es bei den Offshore Leaks zu einer internationalen Kooperation von Journalisten kam: "Walker Guevara says the ICIJ seriously considered keeping the team to a core five or six members, but ultimately decided to go with the 'most risky' approach when they realized the enormous scope of the project: Journalists from around the world were given lists of names to identify and, if they found interesting connections, were given access to Interdata, the secure, searchable, online database built by the ICIJ."

Der Historiker Johannes Fried erklärt auf zwei Seiten Interview in FR/Berliner Zeitung, warum man Weltgeschichte nicht mehr als große Meistererzählung über die Entwicklung Europas schreiben kann: "Die Globalgeschichte hat es mit China, mit den schon mehrfach erwähnten Aborigines in Australien zu tun, mit den ersten Menschen in Amerika, mit den verschiedenen Einwanderungswellen dorthin. Woher kommen die? Wie lassen die sich erkennen? An den Zähnen zum Beispiel. Das ist ja oft das Einzige, das übrigbleibt vom Menschen. Sie können den Zahnschmelz untersuchen oder die Anzahl der Höcker an den Backenzähnen. Das ist sehr interessant, denn die wird vererbt. Wo finden sich vor allem vierhöckerige Backenzähne oder wo dreihöckerige? Und wann? So können Sie Einwanderungswellen beobachten."

Außerdem spekuliert Ulrike Simon über Nachfolger für die Spiegel-Chefredakteure: Jakob Augstein? Ulrich Reitz? Heribert Prantl? Wolfgang Büchner? "Oder wie wäre es mit einer Spiegel-Chefredakteurin? Der Name Miriam Meckel kursiert."
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NZZ, 08.04.2013

Zu Zeiten Saddam Husseins lag die irakische Kultur in der Hand des Staates, heute liegt sie am Boden, muss der Schriftsteller Najem Wali feststellen. Er sieht die Künstler und Intellektuellen zwischen dem "Hammer der religiösen Extremisten und kriminellen Banden" und dem "Amboss einer korrupten Regierung", die das Land sich selbst überlässt: "In der vergangenen Dekade sind nicht mehr als zehn Romane im Irak vollendet worden! Eine dürftige Anzahl in Anbetracht der Tatsache, dass es keine Zensur mehr gibt - und dafür Veränderungen zuhauf. Eigentlich braucht man im Irak heute nur einen Stein zu werfen und kann sicher sein, dass man eine Geschichte trifft."

Weiteres: Marc Zitzmann besucht den von Luc Besson initiierten Studiokomplex Cité du Cinéma bei Paris, der vor allem amerikanische Großproudktionen anlocken soll. "Überragend" findet Barbara Villiger den virtuosen Nicholas Ofczarek in Barbara Freys Inszenierung von Ferenc Molnárs "Liliom" an der Wiener Burg.

TAZ, 08.04.2013

Auf der Meinungsseite kommentiert Silke Mertins die miserable Lage in der Westbank: "Die Wut und die Ohnmachtsgefühle gegenüber der Autonomiebehörde sind kaum geringer als die gegenüber der israelischen Besatzungsmacht. Bricht ein neuer Aufstand, eine dritte Intifada, aus, so kann Abbas nicht sicher sein, ob er sich tatsächlich gegen Israel richtet - oder gegen ihn."

Weiteres: Hugh Williamson von Human Rights Watch übt Kritik an Peer Steinbrück, der sich ausgerechnet gegenüber Wladimir Putin zum Leisetreter wandelt. Friedrich Küppersbusch kommentiert die Woche.

Besprochen werden in der Kultur das Hamburger Konzert der Retro-Queen Lana del Rey, eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Pae White in der Langen Foundation in Neuss sowie der Gesprächsband von Tony Judt und Timothy Snyder "Nachdenken über das 20. Jahrhundert".

Und Tom.

FAZ, 08.04.2013

Joachim Müller-Jung berichtet aufgeregt, dass ein Brief des Biologen Francis Crick an seinen zwölfjährigen Sohn zu Versteigerung kommt, in dem Crick zum ersten Mal - vor der berühmten Veröffentlichung in Nature - die Struktur der DNS erklärt. (Hier eine Transkription des Briefs in der New York Times) Andreas Rossmann schimpft auf die Kulturpolitiker in NRW, die dem Denkmalschutz und der Archäologie die Mittel entziehen. Malte Welding diagnostiziert eine "Shitstorm-Mentalität" über das Internet hinaus.

Besprochen werden Franz Molnars "Liliom", inszeniert von Barbara Frey am Wiener Burgtheater, Händels "Giulio Cesare" an der Met und Bücher, darunter zwei landeskundliche Neuerscheinungen zu Italien (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 08.04.2013

Eine "Erschütterung der Sinne" erlebt Gottfried Knapp beim Besuch der gleichnamigen Ausstellung in der Dresdner Galerie Neue Meister, in der Werke zahlreicher großer Namen der Kunstgeschichte, darunter Rothko und Friedrich, aufeinanderprallen: Es handelt sich um eine Ausstellung, "die über die Grenzen der Malerei deutlich hinausgreift, aber im Ineinander von Harmonierendem und scheinbar Widersprüchlichem die Wirkungsmöglichkeiten und Strategien der Bildkunst in großer Vielfalt, wenn auch nicht immer ganz schlüssig vor Augen führt."

Außerdem: Im kürzlichen "Kairoer Twitter-Debakel", bei dem sich der Account der US-amerikanischen Botschaft in Ägypten kurzfristig komplett aus dem Netzwerk verabschiedete, nachdem von dort zuvor Jon Stewarts Satire auf Ägyptens Präsident Morsi gepostet wurde, offenbart sich Niklas Hofmann "wie sehr mancher im diplomatischen Korps mit den Risiken der digitalen Strategie noch immer fremdelt". Jens Bisky berichtet von einer Tagung über gärende Germanistik.

Besprochen werden Christina Paulhofers Inszenierung von Molnárs "Liliom" im Schauspielhaus Bochum, eine Ausstellung mit Kunst der Eiszeit im British Museum in London und Bücher, darunter eine Gesamtausgabe des Dichters Wilhelm Klemm (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).