Heute in den Feuilletons

Ruhm, Ehre, Geld

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.08.2012. Die FR spürt einen antiprogrammatischen konservativen Geist durch Salzburg wehen. Die SZ lässt uns heavymetalmäßig die Ohren bluten. Welt und taz regen sich über Heribert Prantls Dressing-Desaster auf. Und Gawker meldet den Tod von Gore Vidal.

Welt, 01.08.2012

Alan Posener beugt sich über Heribert Prantls Voßkuhle-Reportage die ihm mit ihrer "Soße aus Rotwein und Rechthaberei" sauer aufstößt: "Jeder hat seinen Part, jeder hat was zu schnippeln, zu kochen und zu kneten, aber nur einer etwas zu reden und zu bestimmen, nämlich Prantl. Es geht um das richtige Fleisch - 'Vinzenzmurr wird überschätzt, ich hab' da einen Fleischer in Nittenau', es geht um die richtigen Gewürze - 'Vor allem der Lorbeer ist wichtig' - und um die richtige Politik: 'Was fehlt, ist die Moral. Verantwortung. Ethik.' Es geht um richtigen Journalismus: 'Was fehlt, ist die Ethik. Verantwortung. Moral.'"

Weitere Artikel: Der New Yorker hat in seiner jüngsten Nummer eine wiederentdeckte Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald abgedruckt, die er 1936 abgelehnt hatte, erzählt Jan Küveler. Begründung: "Die Story über eine kettenrauchende Vertreterin von Damenunterwäsche 'komme insgesamt nicht in Betracht'." Tilman Krause erwartet sich nicht viel von der Öffnung des "Stahlschranks", in dem vermutlich die von Erbin Amelie Hohmann bewachte Korrespondenz Winifred Wagners mit Hitler liegt: "Er war schließlich nur ein ins Größenwahnsinnige hinaufgefallener Spießer." Manuel Brug schreibt zum Tod von Ulrike Hessler.

Besprochen werden "This Ain't California", ein Film über Skater im Osten, Irina Brooks Inszenierung des "Peer Gynt" in Salzburg ("recht lieb und brav und von vollendeter Harmlosigkeit", urteilt Ulrich Weinzierl), Frank Noacks Biografie des Schauspielers Emil Jannings, Frank Oceans CD "Channel Orange" und eine Ausstellung mit Gedichten und Lithografien von Le Corbusier in der Münchner Pinakothek der Moderne.

NZZ, 01.08.2012

Die Schweizer feiern heute den Rütlischwur, Bundesbrief und die Gründung der Eidgenossenschaft im unfassbaren Jahr 1291. Wir gratulieren!

TAZ, 01.08.2012

Und in ihrer Medienkolumne regt sich Silke Burmester über Heribert Prantls Dressing-Desaster echt auf: "Ich könnte ausflippen, dass es ausgerechnet jene sind, die in diesem Beruf alles erreicht haben, wonach man sich als Journalistin sehnen kann - Ruhm, Ehre, Geld -, die die letzten Krümel Ansehen, von denen dieser Berufsstand noch zehrt, vom Tisch fegen. Scheiße, Prantl! Scheiße!"

Anke Leweke erinnert an den Regisseur und Kontrollfreak Otto Preminger, der vor allem seine Schauspielerinnen von Herzen tyrannisierte und dem das Filmfestival Locarno eine Retrospektive widmet: "Schaut man sich Fotos seiner Dreharbeiten an, bildet sein skulpturaler runder Schädel stets das Zentrum des Geschehens. Etwas Bestimmendes, Beherrschendes geht von dem kahlen Kopf mit den wachen Augen aus, die keinen Widerspruch zu kennen scheinen. Nannte man ihn nicht 'Otto the terrible'?"

Weiteres: Ekkehard Knörer beschreibt im Nachruf auf den großen Filmessayisten Chris Marker dessen künstlerisches Prinzip als termitisch: "Kleinteilig, riesig, unübersichtlich ist sein Werk, das aus zig längeren, kürzeren, ganz kurzen Filmen, Videos, Clips und aus tausenden Fotos besteht." Anja Meier porträtiert den Kunstkurator des Deutschen Bundestags, Andreas Kaernbach. Uwe Mattheiss bespricht Andrea Breths Salzburger Inszenierung des "Prinz von Homburg".

Aber noch Tom.
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Aus den Blogs, 01.08.2012

Gawker meldet den Tod von Schriftstellerikone Gore Vidal: "Throughout his career, he continued to incorporate gay themes. In the documentary 'The Celluloid Closet', Vidal admitted he had added overt homosexual subtext to his screenplay for Ben-Hur." (Vidal tritt in der sehr sehenswerten Doku über Homosexualität im Mainstreamkino im zweiten Teil auf, ungefähr ab der 14. Minute)

Die New York Times hat den Nachruf fix und fertig aus der Schublade gezogen: "Mr. Vidal was, at the end of his life, an Augustan figure who believed himself to be the last of a breed, and he was probably right."

FR/Berliner, 01.08.2012

Einen neuen Geist spürt Peter Michalzik mit dem neuen Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf durch Salzburg wehen, einen antiprogrammatischen konservativen Geist, der sich auf Kunstverehrung beschränkt: "So kehrt mit Bechtolf das Barock nach Salzburg zurück, die gegenwartsvergessene Augenblicksverliebtheit, die Selbstfeier und das Aristokratische. Wenn er beim Young Directors Project eine Künstlerin aus Südafrika einlädt, dann ist es eine Princess Mhlongo. Seine Freundin Cornelia Rainer, die hier ebenfalls Regie führt, sei 'aus dem Geschlecht der Franui'. Man denkt in Salzburg wieder in Geschlechtern, man verehrt Dynastien. So wie man adliges Gebaren liebt, wenn man aus schwarzen Limousinen steigt."

Weiteres: Katja Schwemmers unterhält sich mit Blur-Gitarristen Graham Coxon über seine verhaltene Begeisterung für Olympia. Besprochen werden Juli Zehs neuer Roman "Nullzeit" und Millay Hyatts Essay über unerfüllte Kinderwünsche "Ungestillte Sehnsucht" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 01.08.2012

Mit Erstaunen registriert Jörg Scheller die Wiederkunft des längst zu den Akten gelegten Heavy Metal, der auf dem Weg sei, "Kunst zu werden". Anlass für Scheller, das Phänomen essayistisch zu erschließen. "Der Kult und die Faszination des Leidens", heißt es da, "weisen durchaus christologische Züge auf. Einst sollte der gekreuzigte Jesus dem Gläubigen vor Augen führen, dass der Quell aller Moral und Werte im durchlittenen Schmerz liege. Der Metal-Fan wiederum lauscht mit blutenden Ohren den mythenschwangeren Abgesängen auf eine hedonistische moderne Zivilisation, deren seinsvergessene Frivolitäten nur im Stahlbad gesühnt werden können. Selbstgeißelung kann in Verzückung münden, da sind sich Mönch und Metaller einig." Voller selbstergeißelter Verzückung lassen wir bei den Altenessener Kult-Thrashern Kreator gern die Ohren bluten:



Weitere Artikel: Die Bildungsinstitutionen sehen die Bildung vor lauter Kompetenzen nicht mehr, moniert der Philosoph Christian Türcke in einer Kritik der Kompetenzterminologie, die "Bildung auf vorzeigbares Können" reduziere. Außerdem würdigt die Literaturseite Ottfried Preußlers vor 50 Jahren erschienen Kinderbuchklassiker "Räuber Hotzenplotz".

Besprochen werden die "auf sympathische Weise ordinäre und obszöne" Plüschbärchen-Komödie "Ted" und Irina Brooks mit Songs von Iggy Pop "hochgerockte" Inszenierung von "Peer Gynt" bei den Salzburger Festspielen.

FAZ, 01.08.2012

Kerstin Holm berichtet über den Moskauer Prozess gegen die die Musikerinnen von Pussy Riot (mehr dazu in der Welt von gestern und im Guardian). Andreas Kilb lässt sich auch von der neuen Hochglanzbroschüre der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht für einen Umzug der Alten Meister ins Kronprinzenpalais gewinnen. Patrick Bahners berichtet über ein Werkstattgespräch der Comickünstler Daniel Clowes und Chris Ware im Oakland Museum. Eleonore Büning schreibt zum Tod der Intendantin der Dresdner Semperoper Ulrike Hessler. Jordan Mejias informiert sehr zurückhaltend (wenn man die Hysterie und Häme über Helene Hegemann dagegen hält), dass der New-Yorker-Autor Jonathan Lehrer sich nicht nur selbst plagiiert, sondern in seiner Dylan-Biografie auch Zitate erfunden hat (mehr hier und hier). Online ist jetzt das gestrige Interview mit Sarah Wagenknecht und Michael Hudson zu lesen.

Besprochen werden Seth MacFarlanes Filmkomödie "Ted", Irina Brooks Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" in Salzburg (Gerhard Stadelmaier heult buchstäblich), die Ausstellung "Seliges Lächeln und höllisches Gelächter" im Dom-Museum Mainz und Mozarts frühe Oper "Il re pastore" als konzertante Aufführung in Salzburg.