Heute in den Feuilletons

Higgs!

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.07.2012. Die NZZ hat die Manifesta besucht, bei der es mal nicht um Kunst und Kohle, sondern um Kohle und Kunst ging. Netzpolitik feiert die Verhinderung des Acta-Abkommens, und die taz versichert an die Adresse von FAZ und SZ, dass Demokratie kein Shitstorm ist. In der Welt versichert der Chef der Berliner Nationalgalerie, dass er als Museumsdirektor schon alles richtig macht. In der Zeit besteht besteht der Philosoph Robert Spaemann auf die Freiheit der Eltern zur Beschneidung der Kinder. In der FR will der Grüne Omid Nouripour Aufklärung statt Verbot. Ach ja, und mit Leistungsschutzrecht wird das wohl nix mehr vor dem Sommer.

Aus den Blogs, 05.07.2012

Richtig euphorisch ist Markus Beckdahl in netzpolitik.org über die gelungene Verhinderung des Acta-Abkommens, das gestern vom Europäischen Parlament endgültig beerdigt wurde, auch dank netzpolitischer Initiativen wie seiner eigenen: "Dieser Sieg ist auch psychologisch wichtig: Vielleicht ist ACTA der Wendepunkt in der Debatte um das Urheberrecht: Bis hier und nicht weiter! Aufhören mit der Repressionsspirale, die immer nur zu mehr Überwachung, mehr Kontrolle und mehr Einschränkung unserer Grundrechte führt. Und hin zu einem zeitgemäßen Urheberrecht ohne Überwachung und mit einem Recht auf Remix."

Und noch eine gute Nachricht: Golem bringt eine Meldung zum Leistungsschutzrecht, dessen Gesetzesentwurf noch vor der Sommerpause durchgewunken werden sollte: "Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage wurde am 4. Juli 2012 nicht wie geplant im Kabinett verabschiedet. Das gab Tabea Rößner, medienpolitische Sprecherin der Grünen, bekannt. Damit sei mit einer Verabschiedung des umstrittenen Gesetzes vor der Sommerpause nicht mehr zu rechnen." Auf ihrer eigenen Seite schreibt Rößner dazu: "Dieser Gesetzentwurf sollte das Kabinett am besten nie erreichen."

Auf art-in-berlin.de veröffentlichen deutsche Kunsthistoriker einen offenen Brief gegen die Berliner Museumsrochade und die Verbannung der Gemäldegalerie in einen provisrosischen Status: "Wir halten diese Pläne für verantwortungslos, weil sie eine der qualitativ besten, trotz der Kriegsverluste vollständigsten Gemäldegalerien der Welt ihres Allein­stel­lungs­merk­mals beraubt, nämlich mehr als ein halbes Jahrtausend europäischer Malerei­geschich­te in hochkarätigen Werken in enzyklopädisch umfassender Weise zur An­schau­ung zu bringen. Damit würde der Öffentlichkeit und Fachwelt auf viele Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte, die Möglichkeit genommen, diese Malereigeschichte in ihrer ganzen Dichte und Vielfalt zu studieren und zu genießen."



(Via OpenCulture) Gestern vor 150 Jahren fuhr Charles Dodgson mit einem Freund seinen drei Töchtern Boot, erzählt Maria Popova in brainpickings.org. "Entrusted with entertaining the young ladies, Dodgson fancied a story about a whimsical world full of fantastical characters, and named his protagonist Alice. So taken was Alice Liddell with the story that she asked Dodgson to write it down for her, which he did when he soon sent her a manuscript under the title of Alice's Adventures Under Ground." Und Dodgsons Künstlername ist natürlich Lewis Carroll.

Welt, 05.07.2012

Die Berliner Museumschefs planen eine große Rochade. Die Kunst des 20. Jahrhunderts soll in die neoklassizistischen Säle der Gemäldegalerie am Kulturforum einziehen. Die dort gezeigten alten Meister sollen einen neuen Bau an der Museumsinsel (das Schloss?) bekommen. Die Neue Nationalgalerie soll für Wechselausstellungen genutzt werden. Das hätte zur Folge, dass die alten Meister über Jahre keinen eigenen Ort hätten. Im Gespräch mit Tim Ackermann beteuert Udo Kittelmann, der Chef der Nationalgalerie, dass das schon nicht so lange dauern wird: "Man kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass wir uns als Museumsdirektoren unverantwortlich gegenüber unseren Sammlungen verhalten." (Wir meinen dagegen: In Berlin kann man gar nichts ausschließen!)

Auf der Forumsseite äußert sich Jacques Schuster entsetzt über das Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Säuglingen und Kindern: "Wer als Jude in Deutschland seinen Sohn beschneiden will, macht sich künftig strafbar oder wird aus dem Land gedrängt. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges und der Judenvernichtung wird jüdisches Leben in Deutschland unmöglich gemacht."

NZZ, 05.07.2012

Die neunte Manifesta setzt sich, wie ihre Vorgängerinnen, intensiv mit der Vergangenheit ihres Schauplatzes auseinander - diesmal ist es der Kohlebergbau im belgischen Genk. Das Ergebnis ist, wie Samuel Herzog berichtet, "eine klug dosierte und subtil verwobene Ausstellung zum Thema Kohle und Kunst, in der man viel lernen und viel entdecken kann - auch wenn man sich dann und wann wünscht, die Kuratoren hätten doch auch den Umstand berücksichtigt, dass der Mensch nun einmal mit einem Lachmuskel geboren wird."

Außerdem werden Filme besprochen, darunter David Cronenbergs DeLillo-Adaption "Cosmopolis". Und Angela Schader freut sich darüber, dass William Faulkners "Als ich im Sterben lag" zum 50. Todestag des Autors in zwei neuen Übersetzungen erscheint: "Dass William Faulkners Todestag mit zwei Versionen seiner danse macabre zelebriert wird, ist eine ironisch-stimmige Reverenz, die der Autor wohl zu schätzen wüsste" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige

Freitag, 05.07.2012

Der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier hat mit "Traum und Exzess" eine Kulturgeschichte des frühen Kinos geschrieben. Im Gespräch mit Michael Girke führt er aus, warum der aufkommende Film die prägende Technologie der Moderne ist - nicht zuletzt weil er die für das moderne Bewusstsein symptomatische "Medialisierung kollektiver Wahrnehmung" vorantreibt: "Seit der Zeit um 1900 ist nicht mehr zu übersehen, dass die Wahrnehmung unserer Umwelt immer mehr von den Wahrnehmungsstrategien der Medien beeinflusst wird. Dass wir etwa den Eindruck haben, was da gerade auf der Straße passiert, sei ja wie im Film - das geschieht täglich und bedeutet, dass wir die Medialisierung unserer Wahrnehmung auch reflektieren."
Stichwörter: Klaus Kreimeier

TAZ, 05.07.2012

Meike Laaf kommentiert die Lesart von Printmedien wie FAS und SZ, die Protestbewegung gegen Acta sei lediglich ein "Shitstorm" gewesen: "Dass Printjournalisten offenbar analog auf die Straße getragenen Argumenten mehr politische Substanz zusprechen als digital kommunizierten, sagt mehr über deren Horizont als über die Acta-Gegner."

Weitere Artikel: Cristina Nord unterhält sich mit dem kanadischen Regisseur David Cronenberg über dessen Don DeLilloVerfilmung "Cosmopolis". Andrea Roedig wirft einen Blick in die österreichische Kulturzeitschrift Wespennest, die im neuen Heft den Umgang mit Arbeit diskutiert und "Anarchistische Welten" wieder- bzw. neu aufleben lässt.

Besprochen werden die Ausstellung "Déjà vu? Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, zwei neue Filme von und mit Julie Delpy: "2 Tage New York" und "Familientreffen mit Hindernissen", Jaume Balagueros Psychothriller "Sleep Tight" und die DVD von Leonard Retel Helmrichs Dokumentartrilogie über eine indonesische Familie und Veränderungen im Inselstaat.

Und Tom.

FR/Berliner, 05.07.2012

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour möchte die Beschneidung nicht verboten sehen. Er plädiert statt dessen für Aufklärung: "Ihrem Verbot steht die Gefahr entgegen, die gängig akzeptierte Praxis zweier Weltreligionen, die in Deutschland fest verwurzelt sind, zu kriminalisieren. Eine ihrer Traditionen würde in Hinterzimmer und ins Ausland verdrängt. Wir tun gut daran, diesen Schritt nicht zu gehen und eine gesetzliche Klarstellung zu schaffen. Sie muss darauf drängen, die Eltern über die Risiken aufzuklären und eine medizinisch möglichst verträgliche Form des Ritus einzufordern."

Weitere Artikel: Patrick Heideman unterhält sich mit Regisseur Robert B. Weide über dessen Film "Woody Allen: A Documentary". Christian Thomas berichtet über die Entdeckung eines fünften Exemplars von Martin Seemüllers Weltkarte, der 1507 erstmals "America" einzeichnete. Vielleicht hätte eine Versöhnung zwischen Stasispitzeln und Opfern eher stattfinden können, wenn im Einigungsvertrag eine "gesellschaftlich breit angelegte Mediation" festgeschrieben worden wäre, glaubt Anke Westphal angesichts der Briefe empörter Leser, die nicht glauben wollen, dass der als honorig geltende DDR-Filmpublizisten Fred Gehler ein IM war.

Besprochen werden Julie Delpys Komödie "2 Tage New York" und Bücher, darunter Günter Herburgers Roman "Haitata" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 05.07.2012

Auch Willibald Sauerländers Plädoyer für die Alten Meister in Berlin ist, wie Niklas Maaks Empörung vor einer Woche in der FAZ, demonstrativ mit "Rettet die Gemäldegalerie!" überschrieben. Gar nicht möchte sich der Kunsthistoriker damit anfreunden, dass das "kunsthistorisch komponierte Ganze" der 2000 Gemälde für geschätzt zehn Jahre nur auszugsweise zu sehen sein soll: "Dieser Schatz, der zum Tafelsilber der Nation gehört, muss auch in den kommenden Jahren unamputiert präsent und sichtbar bleiben. ... Wird anders entschieden und das jetzige überhastete Projekt (...) durchgezogen, dann wären die Berliner Museumsbeamten nicht mehr die Kustoden des vielleicht kostbarsten Kunstschatzes der Republik, sondern nur noch die Logistiker eines auf schnelle Wirkung eingestellten Tagesbetriebs."

Weitere Artikel: Joachim Hentschel rätselt beim Konzertbesuch, was sich ein Bob Dylan auf der Bühne eigentlich so denkt. Rainer Gansera spricht mit Hanna Doose, der Regisseurin des Films "Staub auf unseren Herzen", der auf dem Filmfest in München gerade als Geheimtipp gehandelt wird. Roswitha Budeus-Budde ist schockiert, dass der renommierte Bloomsbury Jugendbuchverlag nach dem Ankauf durch die Bonnier-Gruppe deren wenig profiliertem Kinderbuchverlag arsEdition zugeschoben wird. London feiert heute die Fertigstellung des eigentlich erst halb fertigen "Shard", des größten Wolkenkratzers Westeuropas, informiert Alexander Menden. Gerhard Ludwig Müller, der neue Präfekt der Glaubenskongregation am Vatikan, gilt zwar als herrisch, viele seiner Ansichten sind aber geradezu progressiv, stellt Rudolf Neu beim Lesen von Müllers Aufsätzen fest. Joseph Hanimann wünscht sich eine behutsame pädagogische Reaktivierung der deutsch-französischen Partnerschaft.

Besprochen werden die vierte Folge von Ice Age, der spanische Thriller "Sleep Tight" und die kritische Ausgabe von Hegels Rechtsphilosophie (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 05.07.2012

Manfred Lindinger erläutert auf der ersten Seite des Feuilletons die Hintergründe der Higgs-Teilchen-Suche am CERN, die seit gestern wahrscheinlich als erfolgreich gelten darf. Ein "Gottesteilchen", wie das Higgs-Boson oft genannt wird, sei es "zwar sicher nicht, aber es ist das letzte Puzzlestück des Standardmodells. Dank dieses komplexen Theoriegerüsts ist man in der Lage, die Welt der existierenden Elementarteilchen und die zwischen ihnen wirkenden Naturkräfte fast lückenlos zu beschreiben." Wie man sich das vorstellen darf, erklärt Ethan Siegel bei Scienceblogs. Und warum man es nicht "Gottesteilchen" nennen sollte, erfährt man im Science-Fiction-Blog io9.

Weiteres: Johannes Ponader (@), Bundesgeschäftsführer der Piraten, beklagt sich, wegen seiner gelegentlichen Einkommenaufstockungen beim Arbeitsamt von den Medien stigmatisiert und im Anschluss von den Behörden drangsaliert worden zu sein. Kerstin Holm berichtet vom Filmfestival in Moskau, wo der prämierte Film "The Horde" Kontroversen provozierte. Nach den in die Übertragung des EM-Halbfinalspiels zwischen Italien und Deutschland einmontierten Tränen überlegt Bert Rebhandl, was der Sport mit Kino und Melodram teilt und was ihn davon trennt. Christian Geyer erblickt in der Reform des Sorgerechts "das Wohl des Kindes in unserer verrückten Erwachsenenwelt" als neues Leitbild. Gina Thomas sieht im "Shard", dem höchsten Wolkenkratzer West-Europas, dessen Fertigstellung heute in London gefeiert wird, einen "Griff nach den Sternen". Niklas Maak schreibt den Nachruf auf den Sportwagenhersteller Sergio Pininfarina.

Besprochen werden das neue Album des Masabumi Kikuchi Trios, David Cronenbergs Verfilmung von Don DeLillos Roman "Cosmopolis", Julie Delpys romantische Komödie "Zwei Tage New York" und Bücher, darunter Abdella Taias Roman "Der Tag des Königs" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 05.07.2012

Robert Spaemann beleuchtet im Feuilleton die Implikationen der, wie er sich ausdrückt, "Kölner Kulturrevolution", die die Beschneidung Minderjähriger ohne medizinische Indikation unter Strafe stellt. Gewiss sei Beschneidung Körperverletzung, aber das gelte ebenso für "jede Impfung". Analog zu deren medizinischer Bedeutung hätte das Kölner Landgericht die kulturelle Bedeutung von Beschneidungen berücksichtigen müssen: "Angesichts der fundamentalen Bedeutung der Beschneidung für religiöse Gemeinschaften fallen die damit verbundenen Körperverletzungen gar nicht ins Gewicht.... Das Gericht hat den soziologischen, ethnokulturellen Aspekt gänzlich ignoriert und einen beispiellosen Angriff auf die Identität jüdischer Familien geführt."

Der kanadische Philosoph Will Kymlicka fordert im Interview, Bürgerrechte auf Tiere auszuweiten: "Wenn wir erst einmal aufhören, diese Tiere als Wildtiere anzusehen, die einfach nur 'fehl am Platz' sind, und wenn wir stattdessen anfangen, uns Wege der Koexistenz zu überlegen, können wir die Schönheit dieser Tiere und ihren Beitrag zum städtischen Leben auch viel besser würdigen. Denken Sie nur an die Possen der Eichhörnchen im Park. Denken Sie an den Gesang der Vögel und daran, wie sie uns die Insekten vom Hals halten. Es geht ja nicht immer nur um Konflikte." (Aber würden die Bürgerrechte der Insekten nicht verlangen, dass wir sie vor den Vögeln beschützen?)

Weitere Artikel: Top-Immobilien sind in Deutschland nicht nur teuer, sondern oft auch ganz schön hässlich, stellt Hanno Rauterberg fest. Seine "Vermutung: Es liegt am mangelnden Geschmack." Ursula März geht anhand von Power-Paaren der "Frage nach der Vereinbarkeit von ökonomischer Funktionalität und sozialer Fürsorge im Spätkapitalismus" nach. Andrea Böhm berichtet von den kulturellen Verheerungen des Bürgerkriegs im Norden Malis.

Ferner gibt es Rezensionen: Georg Seeßlen hält David Cronenbergs "Cosmopolis" für ein "Meisterwerk von Film"; Volker Hagedorn wünscht sich bei der Inszenierung von Wagners "Götterdämmerung" bei den Münchner Opernfestspielen Helge Schneider herbei; Tobias Timm findet die große Fotoausstellung von Diane Arbus im Berliner Martin-Gropius-Bau gleichermaßen "wirr kuratiert" und sehenswert; Ulrich Stock ist leicht bestürzt, dass die Berliner Elektronikmusikerin Barbara Morgenstern auf ihrem neuen Album "Sweet Silence" Englisch singt. Außerdem werden Bücher besprochen, darunter die Erinnerungen von Mitch Winehouse an seine Tochter Amy (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Dossier geht es um ein Stahlwerk von ThyssenKrupp in Brasilien, das sich zum Millionengrab entwickelte. Martin Reck rekonstruiert das "Treffen in Teplitz" zwischen Goethe und Beethoven im Juli 1812. Und Angela Köckritz spricht mit dem chinesischen Schriftsteller Yang Jisheng, der ein "Monumentalwerk" über die Hungerkatastrophe unter Mao geschrieben hat, das jetzt unter dem Titel "Grabstein" auf Deutsch erschienen ist.