Heute in den Feuilletons

Das CNN aller Beziehungsgestörten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.01.2012. Nicht nur in Ägypten, auch in Tunesien sind die Salafisten auf dem Vormarsch, berichtet die NZZ.  Die taz fordert ein linkes Law and Order. In der Welt verteidigt Bernard Henri Levy das französische Gesetz, das die Leugnung von Völkermorden unter Strafe stellen will. Und es bleibt dabei: Berlin ist das große Ding im Netz, selbst für amerikanische Blogs. Die Blogs machen auch klar, warum Sido und Bushido in Papua Neuguinea nicht angeln sollten. Auch nicht legal.

NZZ, 04.01.2012

Beat Stauffer schildert, mit welcher Aggressivität sich die fundamentalistischen Salafisten in Tunesien breitmachen: "Den salafistischen Agitatoren, deren Zahl auf wenige tausend geschätzt wird, gelang es im Lauf der letzten Monate, den säkular denkenden Teil der tunesischen Bevölkerung spürbar einzuschüchtern. Die größte Breitenwirkung erzielten die Eiferer dabei mit ihren Aktionen an den Universitäten. In Sousse verlangte eine Studentin, unterstützt durch ein paar Gesinnungsgenossen, mit Ganzkörperschleier an den Vorlesungen teilnehmen zu können. Als ihr dies durch die Universitätsleitung untersagt wurde, stießen die Salafisten Morddrohungen gegen den Universitätssekretär aus und begannen einen Sitzstreik."

Andrea Gnam feiert die Karlsruher Ausstellung mit Tierstillleben "Schönheit und Tod", die sehr elegant auf das heikle Terrain führe: "Großformatige Bilder von Frans Snyders zeigen lebende und tote Tiere, Hund, Katze und Papagei, deren Verzehr tabuisiert, Wild, Fische und Vögel, die als Nahrung akzeptiert wurden, und Tiere, die noch leben, aber die nächsten sein werden, denen es an den Kragen gehen könnte."

Weiteres: Felix Philipp Ingold berichtet von einem russischen Lexikon, das den Beitrag von Ausländern zur russischen Kultur beleuchtet. Besprochen werden zudem zwei Bücher über Venedig (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 04.01.2012

Jörg Taszmann erzählt, wie ein Film über Wladimir Wyssozki 2011 zum erfolgreichsten Film in Russland wurde. Leander Haußmann erinnert sich, wie Bob Dylan ihm 2008 verbot, in einem Film Dylan-Songs zu benutzen und er daraufhin Lieder von Wyssozki spielte: "Als wir 'Robert Zimmermann ...' in St. Petersburg auf dem Filmfestival zeigten, rasteten die Zuschauer zu unserem großen Erstaunen aus. Wir bekamen den Preis, und das hatten wir vor allem Wyssozki zu verdanken. Natürlich auch der Tatsache, dass das russische Publikum seine Helden nicht vergisst. Wyssozki war und ist der ungekrönte Held der Sowjetunion. Nach einem seiner Konzerte trugen die Fans ihn auf ihren Schultern durch die Straßen von Moskau. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn Wyssozki nicht dabei in seiner Wolga-Limousine gesessen hätte. Andere Nationen äußern ihre Liebe eben gern in großen Gesten." Hier der Sängerheld der Sowjetunion:



Weitere Artikel: Jan Küveler trifft sich auf einen Kaffee mit dem Autor Rafik Schami, um herauszufinden, warum der immer so optimistisch ist. Peter Dittmar schreibt zum Tod des Zeichners Ronald Searle. Besprochen wird die Uraufführung der neunten Symphonie des Komponisten Philip Glass durch das Linzer Bruckner Orchester ("so konzise, konzentriert und kontrastreich wie kaum eines seiner letzten Stücke", meint Jörn Florian Fuchs).

Im Forum verteidigt Bernard-Henri Levy das französische Gesetz, das die Leugnung von Völkermorden unter Strafe stellen will: "Es ist kein Gesetz, das anstelle der Historiker Geschichte schreibt. Aus guten Gründen ist diese Geschichte seit Langem ausgesprochen, geschrieben, ausführlich dargestellt worden: dass die Armenier ab 1915 Opfer einer systematischen Auslöschung wurden, weiß man seit jeher."

TAZ, 04.01.2012

"Law and Order ist links", meint Jan Feddersen und hält Recht und Ordnung schon deshalb für nötig, weil Schwache sich nicht selbst schützen können. Zum Beispiel Ausländer im Osten: "In weiten Flächen des Gebiets, auf dem einst die DDR war, ist es vietnamesischstämmigen Imbissbetreibern nicht mehr möglich, einen Nudelladen aufzumachen - Versicherungen weigern sich, die potenziellen Brandschatzungen dieser Läden zu versichern. BürgerInnen, die nicht fahl-mischblond aussehen, sind nicht nur gut beraten, Landstriche von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen zu meiden - dort ist ihnen auch durch die viel zu schwache Präsenz der Polizeien besser nicht angeraten sich anzusiedeln." Da hilft nur "schiere Polizeipräsenz in den No-go-Areas des Ostens (und des Westens gleich dazu)".

Weitere Artikel: Für Marcus Staiger läutet Drakes Album "Take Care" die Zeitenwende ein: "War HipHop früher das CNN der Schwarzen, ist HipHop von Drake nur noch das CNN aller Beziehungsgestörten." Besprochen werden Olivier Nakaches Film "Ziemlich beste Freunde" und Nino Haratischwilis Roman "Mein sanfter Zwilling".

Steffen Grimberg beleuchtet die Rolle der Bildzeitung, die in der Affäre um Christian Wulff über Bande und die FAZ spielt. In ihrer Kolumne fragt sich Silke Burmester, warum der Bundespräsident eigentlich selbst telefoniert: "Ich hatte angenommen, da lässt man anrufen. Und wenn einer nicht da ist, lässt man ausrichten, man erwartet den Rückruf in den nächsten 60 Minuten."

Und Tom.
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Aus den Blogs, 04.01.2012

Berlin ist das große Ding im Internet. Om Malick ist für das amerikanische Blog GigaOm in die deutsche Hauptstadt gereist und porträtiert die Start-Up-Szene: "The lack of classical German industries means it is a city with fewer jobs than other parts of Germany. It also means the city has lower wages compared to the rest of Germany and much of Europe. The sprawling nature of the city means that Berlin has lots of real estate. And that means low rents - catnip for artists, musicians and yes, the start-up community." Mehr Links zu Berlin und anderen Internetthemen des Jahres 2011 Marcel Weiß' Jahresrückblick auf Neunetz.

Sido und Bushido, Vorsicht beim Angeln in Papua-Neuguinea! Eine recht gruselige, aber angeblich wirklich wahre Geschichte erzählt Gizmodo unter Bezug auf den Telegraph: "This Fish Has Teeth So Big It Bites People's Balls Off."

FAZ, 04.01.2012

Mit einem Moriyama-Haus (Bilder) wäre das nicht passiert, schreibt Niklas Maak an die Adresse Christian Wulffs. Es handelt sich hierbei um eine Alternative zum ruinösen Traum vom Eigenheim oder der Wohnung in der Innenstadt, eine Art kleine Hauskommune, in der sich verschiedene Menschen unterschiedlich große Hauskuben aufteilen. In Japan ist der vom Architekturbüro Sanaa entwickelte Haustyp schon populär: "Wenn der 'My home is my castle'- Traum, für den sich Ministerpräsidenten und Millionen Amerikaner in Schulden stürzten, die bauliche Manifestation eines spätkapitalistischen Defensivindividualismus ist, der sich mitsamt seinen Insassen gerade selbst zerstört hat, scheint hier eine neue Möglichkeit für das Leben nach dem Kollaps einer westlichen Wohlstandsgesellschaft auf..."

Weitere Artikel: Marcus Jauer kommentiert ein Doppelinterview mit den bösen Rappern Bushido und Sido im Kultur-Spiegel, in dem sich herausstellte, dass beide angeln, wenn auch ohne Angelschein. Andreas Platthaus schreibt zum Tod des englischen Cartoonisten Ronald Searle (Bilder).

Besprochen werden der französische Film "Ziemlich beste Freunde" um einen gelähmten superreichen Mann und seinen Pfleger aus der Banlieue, der zum dritterfolgreichsten französischen Film aller Zeiten wurde (und auch die Rezensentin Lena Bopp entzückt), Filme auf DVD, darunter eine Neuedition von Masahiro Shinodas Gangsterfilm "Pale Flower" (Trailer) von 1964 und Bücher, darunter zwei Bücher über Hegels Gleichnis vom Herrn und Knecht (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 04.01.2012

Mark Greif vom Magazin N+1 betrauert den Verlust der Kleinstadtstruktur der Occupy-Bewegung infolge der Räumung des Zuccotti Parks, insbesondere was die dabei zerstörte Bibliothek und die allnächtlichen "Town Meetings" betrifft. "Unsere Lager waren lediglich Miniaturmodelle einer Gesellschaftsordnung, die in den Köpfen der meisten Amerikaner bereits präsent ist. Eine Ordnung, innerhalb derer eine kleine Zahl öffentlicher, zur allgemeinen Nutzung bereitstehender Institutionen dazu dient, den größeren Sektor privater, freiwilliger Leistungen zu stabilisieren und zu rechtfertigen. In diesem Sinne war die Occupy-Bewegung - im wahrsten Sinne des Wortes - konservativ, denn es ging ihr darum, ein Ideal wiederzubeleben, das seit 1776 Bestand hatte."

Weitere Artikel: Dokumentiert wird ein auf dem 28. Kongress des Chaos Computer Clubs gehaltener Beitrag des Systemforschers Kay Hamacher, der darin Julian Assanges Annahmen über die Wirkungseffekte der Leak-Kultur rückkopplungstheoretisch zu widerlegen versucht. Karl Lippegaus unterhält sich mit John McLaughlin, der im Ruf steht der schnelleste Jazzgitarrist der Welt zu sein. Geburtstagsgrüße gehen an den Filmemacher Carlos Saura und den Kulturtheoretiker Paul Virilio, die beide 80 Jahre alt werden. Lothar Müller schreibt den Nachruf auf Ronald Searle.

Besprochen werden die experimentelle Filmkomödie "Jonas" mit Christian Ulmen, die Ausstellung "Gespenster, Magie und Zauber" im Neuen Museum Nürnberg und Bücher, darunter zwei Bände mit gesammelten Kritiken von Walter Benjamin (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).