Heute in den Feuilletons

Der muss eine Zunge haben

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2010. Die FAZ liest "Das Ende der Geduld" der Jugendrichterin Kirsten Heisig.  In der taz porträtiert Gabriele Goettle den Münzgestalter Heinz Hoyer. Die NZZ diagnostiziert Depression bei den Spaniern, die zum großen Teil wieder zu ihren Eltern gezogen sind. In der FR will der Philosoph Michael Pauen trotz Hirnforschung an der Willensfreiheit festhalten. Die Blogs denken über das Programm Flipboard nach, das für das Ipad Medieninhalte in sehr hübscher Weise aggregiert.

Aus den Blogs, 26.07.2010

Flipboard bündelt in sehr hübscher Weise für das Ipad Medien- und Netzinhalte, deren Zusammenstellung das Programm aus den Facebook- und Twitter-Vorlieben des Nutzers errechnet. Zeitungsverlegern, die Hoffnungen auf das Ipad setzten, wird das nicht gefallen. Matthias Schwenk sieht in Flipboard und ähnlichen Programmen in Carta einen "Paradigmenwechsel der Distribution von Nachrichten. Hierfür werden die Verlage noch einsehen müssen, dass die klassische Bindung der Leser, wie sie im Zeitalter der Printmedien möglich und üblich war, sich in der digitalen Gesellschaft nicht wird aufrechterhalten lassen." Ähnlich Marcel Weiss in Neunetz.

Welt, 26.07.2010

In der Leitglosse meditiert Peter Dittmar über den heutigen, durch Abwässer und Wasserentnahme als Rinnsal daher kommenden Jordan, der dennoch als christliche Taufstätte floriert. Sven Felix Kellerhoff gratuliert der Historikerin Brigitte Hamann zum Siebzigsten. Besprochen werden Christopher Nolans Film "Inception", die Neupräsentation der Etrusker-Sammlung im Alten Museum Berlin und eine Ausstellung über den Operetten-Impresario Erik Charell, der in der Weimarer Zeit aktiv war, in Berlin.

Im Wirtschaftsteil stellt Thomas Heuzeroth das Projekt "Beyond Oblivion" des Produzenten Adam Kidron vor, der Geräteabgaben für Musik bei Computern und Telefonen einführen will - für einen Aufpreis von 65 Dollar soll man dann sämtliche Musik kostenlos hören dürfen, solange das Gerät funktioniert. Die Einnahmen sollen zu vierzig Prozent an die Künstler gehen.

FR, 26.07.2010

In der Artikelreihe zu Schuld und Verantwortung im Strafrecht schreibt heute der in Berlin Philosophie lehrende Michael Pauen. Er hält an der Willensfreiheit fest: "Ob ich etwas tun kann oder nicht, hängt nämlich von äußeren Umständen und meinen Fähigkeiten ab. Geht es darum, ob ich etwas tun werde, dann kommt es auf meinen Willen und meine Entscheidungen an. Es ist daher durchaus möglich, dass z.B. ein Aktienexperte eine Verhaltensregel oder ein Gesetz, das er sehr wohl einhalten kann, nicht einhalten will, und dass dieser Wille sein Verhalten bestimmt."

Auf der Medienseite stellt Patrick Hemminger die junge Journalistin Serene Al-Ahmad vor, die mit dem kleinen Internetsender Aramram versucht, dem jordanischen Staatsfernsehen etwas entgegenzusetzen: "In ihren Beiträgen behandelt die aus vier festen Mitarbeitern bestehende Redaktion für jordanische Medien so ungewöhnliche Themen wie die Emanzipation arabischer Frauen, den Auftritt einer Heavy-Metal-Band, die Bloggerszene oder die strafrechtliche Relevanz von Film-Raubkopien im Netz." (Hier noch ein Interview auf Youtube mit al-Ahmad und einem Kollegen.)

Weiteres: In Times mager sucht Sylvia Staude ihr Heil in Donuts, Gurkensalat und glutenfreien Hostien. Besprochen werden die Roy-Lichtenstein-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig, Sten Reens Roman "Kornblum" und Andreas Pettenkofers Studie "Radikaler Protest" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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NZZ, 26.07.2010

Brigitte Kramer meldet, dass die Spanier in einer Art Kollektiv-Depression versinken: "350.000 sind deshalb in den vergangenen zwei Jahren mitsamt Schulden aus ihrer Eigentumswohnung ausgezogen - sie konnten die Hypothek nicht mehr bezahlen. Statistisch gesehen werden jeden Tag 500 Wohnungen zwangsgeräumt. Die Betroffenen quartieren sich meist mit dem Nötigsten wieder bei den Eltern ein."

Weiteres: Der Schweizer Soziologe Peter Groß bezweifelt, dass Schönheit und Sex-Appeal erfolgreich machen, denn im Gegensatz zum Leidkapital stärke erotisches Kapital nicht unbedingt das Vertrauen. In einem Hintergrundartikel beleuchtet Matthias Messmer, wie die Chancen auf eine Annäherung zwischen China und Taiwan stehen. Besprochen wird Laurent Poitrenaux' Zauberkunststück "Un mage en ete" beim Festival d'Avignon.

TAZ, 26.07.2010

Gabriele Goettle unterhält sich für ihr monatliches Porträt mit dem bekannten Berliner Münzgestalter Heinz Hoyer, der auch genau erklärt, was es mit dem Adler auf dem Euro auf sich hat: "Der muss eine Zunge haben, sonst wird er nicht genommen. Hier habe ich auch die Ausschreibung, mal sehen... Ich lese vor, was der Adler haben muss: 'Der Adler ist in Frontalansicht darzustellen. Das charakteristische von Rumpf, Kopf, Flügeln, Schwanzfedern und Fängen ist klar erkennbar zu machen. Die Flügel müssen offen sein und sollten Schwingfedern aufweisen. Der Kopf muss nach rechts, vom Betrachter der Münze aus nach links gerichtet, der Schnabel muss geöffnet und die Zunge muss sichtbar sein...'"

Außerdem berichtet Jürgen Gottschlich, dass Istanbul wegen Vernachlässigung der baulichen Substanz möglicherweise seinen Status als Weltkulturerbe verliert. Und Thomas Wulffen verabschiedet die Temporäre Kunsthalle in Berlin. In tazzwei schreibt Rene Hamann zur Schließung des hippen Edition-Suhrkamp-Ladens in Berlin-Mitte.

Und Tom.

FAZ, 26.07.2010

Regina Mönch hat das postum erschienene Buch "Das Ende der Geduld" der Jugendrichterin Kirsten Heisig gelesen, die vor wenigen Wochen tot aufgefunden wurde, und hält es für eine Pflichtlektüre für alle, die den Teufelskreis der Jugendkriminalität durchbrechen wollen. "Die überbordende Gewalt, die Brutalität, die sich seit längerem in Übergriffen an Schulen, auf der Straße, aber auch in den Familien entlädt und ihr Opfer nicht nur verletzt, sondern auch demütigt, könne nicht mehr nur durch Strafjustiz eingedämmt werden. Heisig schildert an ausgewählten Fällen, was sich verändert hat, und unterzieht neben der Justiz auch das Schulwesen, die Jugendhilfe und das Treiben der freien sozialen Träger einer schonungslosen Analyse." (Auszüge aus dem Buch hat heute der Tagesspiegel veröffentlicht.)

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko freut sich über eine ausnahmsweise mal wenigstens halbwegs gelungene Umbaumaßnahme in der Frankfurter Altstadt. In der Glosse weiß Verena Lueken nicht recht, wie sinnvoll sie Woody Allens endlich eingerichtete Website finden soll. Gert Kähler skizziert die bisherige und zukünftige Entwicklung der Hamburger HafenCity und beklagt den Hang zur "grellen Event-Architektur". Wolfgang Sandner hat den Nachruf auf den niederländischen Jazz-Saxofonisten Willem Breuker verfasst. Zum Tod des Bildhauers Werner Stötzer schreibt Camilla Blechen. Und Frank Schirrmacher weist die als "Offener Brief" getarnte Beschwerde des ARD-Bosses Peter Boudgoust über einen Leitartikel des FAZ-Medienredakteurs Michael Hanfeld zurück.

Besprochen werden die Aufführung von Werken von Gerard Grisey und Harry Partch bei den Darmstädter Ferienkursen, die Bayernkini-Version der "Zauberflöte" unter Enoch zu Guttenberg bei den Herrenchiemsee-Festspielen, die Jubiläumsausstellung "Nur Papier, und doch die ganze Welt - 200 Jahre Graphische Sammlung" in der Staatsgalerie Stuttgart und Bücher, darunter Hans Blumenbergs postum versammelte Texte zur "Theorie der Lebenswelt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 26.07.2010

Roland Huschke hat sich bei Santa Fe von Marvel erklären lassen, warum die jetzt ihre Comics selbst verfilmen. Helmut Mauro erzählt, wie der Musicalproduzent Michael Brenner es geschafft hat, seine Inszenierungen in die großen Opernhäusern gebracht hat. Jörg Häntzschel besucht das Musikinstrumentenmuseum in Phoenix, Arizona. Jutta Person erzählt gutgelaunt vom Gartenfest "Kleine Verlage am Großen Wannsee".

Besprochen werden die Moskauer Inszenierung eines Stücks über den - realen - Gefängnis-Tod des Wirtschaftsanwalts Sergej Magnizkij (mehr dazu hier), einige DVDs, eine Ausstellung der Neuerwerbungen des Liechtenstein Museums in Wien, die Ausstellung "Nordlandreise" im Kieler Schifffahrtsmuseum und Bücher, darunter ein Band des Fotografen Andri Pol, "Where is Japan", und ein Buch des polnischen Reporters Wojciech Jagielski über die von Joseph Kony befehligte Kinderarmee in Uganda (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).