Heute in den Feuilletons

Es gießt und gießt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2009. Die taz zeigt, dass Zwangsehen auch für Männer ein Problem sind. In Spiegel Online erläutert Andreas Popp von der Piratenpartei seine politischen Ziele. In Berliner Zeitung und Tagesspiegel machen sich iranische Intellektuelle Hoffnung auf die Reformkandidaten. Im Tagesspiegel erklärt der 68er Klaus Hartung, warum für ihn die Aktenfunde zu Karl-Heinz Kurras eine Fußnote sind. Die NZZ denkt über das Ende der Filmkritik in den Zeitungen nach. Und die Welt verabschiedet den Mythos Kalifornien. Die Kollegen der süddeutscheren Zeitungen sind für Fronleichnamsprozessionen freigestellt.

TAZ, 11.06.2009

Zwangsehen können nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer ein Problem sein, erklärt Cigdem Akyol in tazzwei. Zum Beispiel für Senol, der in Köln aufwuchs und sich plötzlich mit einer Cousine aus der Türkei verheiratet sah. "Der Druck wurde für Senol immer größer, denn die Schwiegereltern verlangten Nachwuchs. Da überkam ihn immer öfter die Angst, dass er sein Leben fremdbestimmt so weiterführen müsse. Nacht um Nacht mit der Verwandten im Bett, Sex, den er nicht haben wollte, das hielt er nicht mehr aus. Sechs Monate nach der Hochzeit ging er einfach, nur mit einer Plastiktüte in der Hand. Zunächst konnte er bei Freunden leben, jetzt wohnt er 50 Kilometer von seiner Familie entfernt in einer eigenen Wohnung und hat eine neue Arbeit. Er fürchtet sich nicht vor seiner Familie. Anders als bei Frauen müssen abtrünnige Männer nicht mit Gewalttaten rechnen. Aber für seine Familie ist sein Verhalten eine Kampfansage."

Im Kulturteil werden besprochen Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm "Der entsorgte Vater", das Eröffnungskonzert von Morrissey zu seiner Deutschlandtournee in Offenbach, die DVD des Dokumentarfilms "Divine Horsemen", der aus Filmmaterial der amerikanischen Experimentafilmerin Maya Deren von Vodun-Ritualen, Tänzen, Tieropfern und Besessenheitszeremonien auf Haiti in den späten 1940er und den 50er Jahren entstand, Sam Raimis Horrorkomödie "Drag Me To Hell", das erst im vergangenen Jahr erschienene "Pariser Tagebuch 1942-1944" der Pariser Jüdin Helene Berr und das Buch "Befreiungsbewegung für Männer. Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Spiegel Online, 11.06.2009

Die Piratenpartei hat bei den EU-Wahlen in Deutschland gar nicht so schlecht abgeschnitten, wenn auch nicht so gut wie in Schweden. Auf Frank Patalongs Frage nach dem Selbstverständnis antwortet Mitbegründer Andreas Popp: "Erreichen wollen wir natürlich jeden. Aber zugegeben: Unsere Wählerschaft besteht hauptsächlich aus meist jungen Menschen, die mit Computern und dem Internet aufgewachsen sind. Diese sogenannten 'Digital Natives', über deren Köpfe von 'Was ist ein Browser?'-Politikern wegregiert wird."

Aus den Blogs, 11.06.2009

Falls Sie Ihrer Mutter etwas Gutes tun wollen: Kaufen Sie ihr keine neue Matratze. Eine Israelin hat das getan und die alte entsorgt. Jetzt kämmt sie die Müllberge in Tel Aviv durch. Aus Angst vor der Bankenkrise hatte ihre Mutter alle ihre Ersparnisse abgehoben und in die Matratze gestopft. Gawker empfiehlt: Bewahren Sie ihre Ersparnisse im Kühlschrank auf!

In dem Kulturkampf zwischen Print und Netz, den unqualifizierten Verlegern und Medienblogs, die er offensichtlich als prätenziös empfindet, hält Don Alphonso auf Äquidistanz: "Der ökonomische Druck wird die Netzwertigs dieser Welt wie die schlechten Klickstreckenanbieter zerreiben, und dann gibt es eine Lösung. Ich weiß nicht, ob es eine schöne Lösung sein wird, und ob sie in ein neues Mediensystem mündet, ob es stabil sein wird oder eine Fortführung von Konflikten, die zu nichts führen. Ich weiß, dass ich dann noch da sein werde, denn ich kann es mir leisten, wie ich es mir heute leisten kann, mit dem Ganzen nichts zu tun zu haben."

In Netzwertig analysiert Andreas Göldi die Probleme der Informationsökonomie und kommt zu dem Ergebnis: "Das von Internet-Radikalisten oft gehörte Argument, dass Verlage niemals Geld für ihre Internet-Ausgaben verlangen sollten, ist also letzlich recht naiv: Die Rechnung geht nur auf, so lange es ein gesundes traditionelles (Print-)Geschäft gibt. Und ganz offensichtlich bröckelt das immer mehr."

Aus Nerdcore, der wunderbaren Findemaschine. Die japanische Lebensmittelindustrie ist schon viel weiter als die hiesige - der Sushibot:



Das französische Internetsperrengesetz ist laut einer Entscheidung des französischen Verfassungsgerichts nicht verfassungskonform, meldet Heise. Und in Deutschland haben sich laut einer zweiten Meldung die Parteien der großen Koalition bezüglich der Kinderpornosperren geeinigt.
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Tagesspiegel, 11.06.2009

Die junge Soziologin Saba Farzan wünscht sich, wie ein Großteil der iranischen Bevölkerung, dass die Führung des Landes "endlich mit ihrem Feindbild bricht und mit den USA in einen Dialog tritt. Einen Dialog, den die Breite der iranischen Gesellschaft längst vollzogen hat: Die größte exiliranische Gemeinschaft lebt in den USA und die jungen Iraner kommunizieren mit der ganzen Welt. Die Islamische Republik hat Jahrzehnte mit einem rückständigen Feindbild gearbeitet und ist nun in ihrem größten Albtraum aufgewacht, dass die Mehrheit der Iraner proamerikanisch ist."

Ganz vorbei ist die Debatte zu den Enthüllungen über Karl-Heinz Kurras noch nicht. Klaus Hartung, selbst 68er, erklärt, warum die Aktenfunde über Kurras für ihn "eine Fußnote" sind - weil sie die Leistung der Studenten, eine als präfaschisisch empfundene Gesellschaft aufzustöbern, nicht schmälern können: "Dass heute, im Rückblick auf eine gelungene Geschichte der deutschen Demokratie, die Tendenzanalysen vom präfaschistischen Staat peinlich verfehlt erscheinen, ist zwar wahr. Aber damit ist ihre historische Rolle nicht erklärt. Zur paradoxen Wirkung der Studentenbewegung gehört der Kampf gegen jene Horror-Antizipationen. Sie hat die Tradition des Obrigkeitsstaats auch in ihrem selbstzerstörerischen Anrennen gegen den Staat erfolgreich zerstört."

Berliner Zeitung, 11.06.2009

Morgen findet die erste Runde der Präsidentschaftswahlen im Iran statt. Der Publizist Behrouz Khosrozadeh macht sich Hoffnungen auf die Reformkandidaten Hussein Mussawi und Mehdi Karrubi: "Das Reformervorhaben, die Pressezensur zu lockern und private Funk- und Fernsehkanäle zu erlauben, schreckt das mächtige Netz regierungsnaher, korrupter Seilschaften ab. Karrubi und Mussawi streben eine Verfassungsänderung an, um die Macht nicht frei gewählter Gremien wie die des Wächterrates zu beschneiden."

Zwei Reporterinnen des Fernsehsenders Current TV von Al Gore, Laura Ling und Euna Lee, sind in Nordkorea wegen angeblichen Grenzübertritts zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Nina Rehfeld stellt die Arbeit des Senders vor, der besonders durch sein investigatives Magazin "Vanguard" von sich reden machte: "Auch die jetzt verurteilte Laura Ling zählt zum Reporterteam von Vanguard. Zuletzt berichtete sie über den Drogenkrieg in Nord-Mexiko. An der chinesischen Grenze zu Nordkorea drehte Ling einen Beitrag über Frauenhandel, als sie festgenommen wurde."

NZZ, 11.06.2009

Die Zeitungskrise könnte das Ende der Filmkritik in den Tageszeitungen zur Folge haben, fürchtet Christoph Egger. Vor allem in den USA werden seit einiger Zeit in großer Zahl Kritiker entlassen - gestern, davon weiß der Artikel noch nichts, verlor zum Beispiel der legendäre Andrew Sarris seinen Job. Egger plädiert für eine ästhetisch informierte Kritik und verurteilt Sternchen und ähnliche "Ratgeberliteratur". Und warum die Kritik in der Tageszeitung noch gebraucht wird, erklärt er, dem Internet durchaus aufgeschlossen, so: "Das Blog im Internet braucht an gedanklicher Schärfe nicht hinter der Rezension in der Tageszeitung zurückzustehen; an Umfang und damit möglicher Vertiefung ebenso wie in der radikalen Subjektivität ist es ihr ohnehin überlegen. Nicht vergleichbar ist es, zumindest auf absehbare Zeit, mit deren eingangs geschilderter Funktion als Forum öffentlicher Auseinandersetzung und Bewusstseinsbildung."

In einem weiteren Artikel schildert Aldo Keel die Odyssee eines dänischen Kriegerdenkmals, das jetzt vom Kopenhagener Kierkegaard-Platz dahin zurück darf, wo es hingehört: auf den Friedhof von Flensburg.

Besprochen werden ein Bruckner-Konzert, bei dem Kurt Masur das Tonhalle-Orchester Zürich dirigierte, eine Fernando-und-Humberto-Campana-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, Jim Jarmuschs Film "The Limits of Control" (Susanne Ostwald erlebt ihn als "ein modernistisches Gesamtkunstwerk mit unergründlicher Sogwirkung") und Bücher, darunter Arno Camenischs auf Romanisch und Deutsch zugleich erschienenes Debüt "Sez Ner" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 11.06.2009

Michael Pilz trauert um den Mythos Kalifornien, der gerade wieder einmal von der Realität eingeholt wird. Aber: "Niemand, der heute erschrickt über den Untergang des Paradieses, sollte sagen, nichts gewusst zu haben. Zeugnisse der ungetrübten Lebensfreude waren eher die Ausnahme. Selbst 'California Dreamin' von John Phillips funktioniert als Sehnsuchtsschlager nur, weil sich hier jemand in den Westen und die Wärme träumt, der unter einem grauen Himmel unter braunen Blättern durch den Schnee stapft. Und vor Ort, in Albert Hammonds häufig missverstandenem 'It Never Rains In Southern California', sieht es schon ganz anders aus: 'Ja, Mädchen, haben sie dich nicht gewarnt? Es gießt und gießt.'"

China, Gastland der Frankfurter Buchmesse, umschmeichelt seine Autoren gern als "Gewissen der Gesellschaft", nur um sie dann trotzdem wegzusperren. Johnny Erling berichtet, dass die Behörden gerade mitgeteilt haben, dass Chinas PEN-Vorsitzender Liu Xiaobo weiter in Haft bleibt: "Liu Xiaobo wurde Opfer des 'bewachten Wohnens'. So nennt sich eine besondere Polizeihaft, die die Behörden ohne Richter- und Anwaltszugang anordnen können. Doch selbst der Gummiparagraf dazu erlaubt ihnen nur, einen Verdächtigen maximal für ein halbes Jahr unter Hausarrest zu stellen. Für Liu, dem Mitverfasser der 'Charta 08', einen von 302 chinesischen Intellektuellen und Anwälten unterschriebenen Freiheits- und Demokratieaufruf nach Vorbild der tschechischen Charta 77, verschärfte die Polizei die Maßname. Er wurde in ein Haus eingesperrt, das er bislang nur zweimal für ein Treffen mit seiner Frau verlassen durfte."

Weiteres: Zu den neuen Erkenntnissen, wonach auch der Schriftsteller Dieter Wellershoff Mitglied der NSDAP war, woran dieser sich nicht erinnern kann, meint Tilman Krause milde: "Man hat immer mehr getan, als man im Nachhinein wissen kann." Michael Stürmer verteidigt den österreichischen "Großmachtdiplomaten" Metternich gegen seinen schlechten Ruf. Auf der Filmseite unterhält sich Peter Beddies mit Gruselmeister Sam Raimi über seinen neuen Film "Drag me to Hell", über den dann Harald Peters schreibt. Katharina Dockhorn informiert über den neuesten Stand in den Verhandlungen um die Filmförderung.