Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2006. Die FAZ fühlt sich durch die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums an die Große Koalition erinnert: Man will nicht viel, und man kann noch weniger. Die NZZ verabschiedet die good old fashioned Künstliche Intelligenz. In der Welt analysiert der Schriftsteller Michael Kleeberg die Lage im Libanon und die Rolle der Hisbollah.

NZZ, 14.07.2006

Auf den unschlagbaren Medienseiten berichtet Stefan Betschon von einer Tagung, auf der sich führende Forscher der künstlichen Intelligenz trafen und endgültig die "good old fashioned AI" (GOFAI) verabschiedeten, "nach der intelligentes Verhalten eine Rechenaufgabe sei, bei der eine Zentraleinheit Symbole oder Regeln, die die Außenwelt abbilden, manipuliert": "Rodney Brooks plädierte für ein evolutionäres Vorgehen: 'Heute einen Wurm, morgen den Menschen'. Owen Holland verschmähte den Ohrwurm. 'Lasst uns direkt auf den Menschen losgehen', forderte er. 'Wir Menschen sind der Beweis, dass es Intelligenz gibt. Lasst uns Intelligenz bauen. Was überhaupt ist Intelligenz? Es ist Voraussage, Voraussage, Voraussage. Wie kommen Voraussagen zustande? Durch modellbasierte Simulation. Was muss modelliert werden? Unsere Körper, die Welt und die Interaktion der Körper mit der Welt. Ist das möglich? 1956 war das nicht möglich, 1996 auch noch nicht, heute könnte es gelingen."

Weitere Artikel: Christoph Neidhart weist darauf hin, dass wieder einmal die Internet-Zensur in China, die "Great Firewall", verschärft wurde: "Neben Medien-Websites und Suchmaschinen soll die 30.000-köpfige Internet-Polizei nun auch Blogs filtern. Chat-Räume werden ebenfalls überwacht, oft von Personen, die in den Büros der Internet-Firmen an Bildschirmen sitzen." Und "bin" stellt die von Francis Fukuyama neu gegründete Zeitschrift The American Interest vor.

Im Feuilleton trifft Sieglinde Geisel die Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, die beteuert, dass sie den Klagenfurter Wettbewerb durchaus ernst genommen hat, auch wenn sie in ihrem Videoporträt beim Tippen tiefgründige Sätze sagt wie: "Jeder Anschlag ein Anschlag auf das Nichts".

Besprochen werden eine Retrospektive des Möbeldesigners Poul Kjaerholm im Louisiana-Museum bei Kopenhagen, die Schlangenschau "Lizards and Snakes: Alive!" im New Yorker Museum of Natural History, eine Werkschau des Amsterdamer Malers und Rembrandt-Lehrers Pieter Lastman in der Hamburger Kunsthalle und die Ausstellung "The Colors of Clay" in der wiedereröffneten Getty-Villa in Malibu.

TAZ, 14.07.2006

Auf der Meinungsseite fordert Kenan Kolat, Vertreter der Türkischen Gemeinde beim heutigen Integrationsgipfel, im Interview mehr Integrationsanreize für Migranten. "Man könnte die interkulturelle Kompetenz der Migranten viel besser nutzen. Der Staat sollte da mit gutem Beispiel vorangehen. Der Anteil der Migranten im öffentlichen Dienst liegt unter 1 Prozent. Ich schlage vor, eine Quote von 10 Prozent einzuführen. Das würde die Identifikation der Migranten mit diesem Staat stärken - wenn wir auch mal einige von uns da oben sehen."

Im Feuilleton unterhält sich Thomas Winkler mit der Berliner Künstlerin Peaches über Sex, Politik und ihr drittes Album, "Impeach My Bush". Dirk Knipphals fordert die GGI, die Ganz Große Integrationsdebatte. Besprochen werden CDs von Arthur Russell und Micah sowie Volker Pantenburgs Buch "Film als Theorie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.
Stichwörter: Peaches

Welt, 14.07.2006

Der Libanon-kundige Schriftsteller Michael Kleeberg kommentiert die neue Zuspitzung des Nahost-Konflikts. Die Entführung israelischer Soldaten durch die Hisbollah habe alle Seiten überrascht. Gefreut habe sich "dort nur die schiitische Bevölkerungsgruppe, die, im Libanon lange unterdrückt, stolz auf jede schiitische Demonstration der Stärke ist, um so mehr, wenn eine solche sich nicht gegen die eigenen Landsleute richtet wie zu Zeiten des Bürgerkriegs, sondern gegen die Israelis. Libanesische Beobachter sehen den Coup denn auch eher innenpolitisch motiviert: Die Kriegsprovokation sei eine Art kalter Staatsstreich der Hisbollah, das Land vor vollendete Tatsachen zu stellen, um beim Neuaufbau der von Syrien befreiten Administration mehr Macht und mehr Einfluss zu bekommen."

"Ich wachte auf und hatte einen Migrationshintergrund", wundert sich Matthias Heine und untersucht die semantische Karriere des Fremden und seiner jüngeren Synonyme vor. "Wer von den offiziellen Benennungen spricht, darf von den inoffiziellen nicht schweigen: Auf dem Nährboden der Xenophobie gediehen in Ost und West ablehnende Schlagwörter wie Kanacken oder Fidschis - beide bekanntlich geografisch nicht korrekt. Etwas schöner ist das durch Fassbinders Film bekannte Katzlmacher, mit dem vor allem südländischen Fremden unterstellt wurde, beängstigend fruchtbar zu sein. All das taugt nun aber erst recht nicht, die offenbar immer noch offenen semantischen Probleme zu lösen. Vielleicht sollte der Integrationsgipfel heute damit beginnen, dass man sich zunächst darüber einigt, wie man die nennt, über die man redet."

Der englische Historiker Anthony Beevor empfiehlt den in Sachen Bürgerkrieg immer noch heftig streitenden Spaniern einen "Pakt des Erinnerns" im Besonderen und mehr Einfühlungsvermögen im Allgemeinen (hier sein Buch zum Thema). Regensburgs Altstadt ist jetzt Weltkulturerbe, meldet Berthold Seewald, während die von der polnischen Regierung angestrebte Umbenennung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau in "Ehemaliges nationalsozialistisches deutsches Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau" erst einmal abgelehnt wurde. Dankwart Guratzsch zitiert mit einiger Genugtuung Studien, die belegen, dass die Rechtschreibreform zu mehr Fehlern in Schulaufsätzen geführt hat.

Besprochen werden die erste Einzelschau mit Werken des Malers Richard Jackson im Hamburger Bahnhof in Berlin, der Berliner Auftritt der Altrocker von "The Who", der zum Entsetzen von Michael Pilz in der (teilweise bestuhlten!) Treptower Arena stattfand, sowie Ali Farka Toures Album "Savane".
Anzeige

FR, 14.07.2006

"Zwei Stunden vierzig Minuten" brauchten Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker in Aix en Provence für Wagners "Rheingold", berichtet wenig begeistert Hans-Klaus Jungheinrich. Christian Thomas würdigt Zinedine Zidanes "ur-ritterlichen Kodex". Arne Löffel stellt fest, dass die Love Parade nie mehr zu bieten hatte als "guuude Laune" und "Feierei". In Times Mager informiert Harry Nutt über die Schließung des Berliner Tränenpalastes.

FAZ, 14.07.2006

Michael Jeismann besucht zusammen mit ein paar Laien und Profis noch einmal die viel kritisierte Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums und kommt auch bei größtem Wohlwollen zu keinem positiven Ergebnis: "An Goethe geht, wer nicht aufpasst, ebenso vorbei, wie man die Kruppschen Fabriken allenfalls streift. Es ist hier alles eine Erzählung von Fürsten mit biedermeierlichen Zuschauern. Eine Veranstaltung, in der vollkommen unsichtbar ist, dass es je so etwas wie ein deutsches Ingenium gab, das die Nachbarn gleichermaßen faszinieren wie abstoßen konnte. Wozu braucht man Kontext, wenn alles fehlt, was eine Beziehung herstellt? Die Ausstellung erinnert nur allzusehr an den gegenwärtigen Zustand Deutschlands, an die Große Koalition: Man will nicht viel, und man kann noch weniger."

Weitere Artikel: In der Leitglosse fragt Lorenz Jäger, ob die Jugendzeitschrift Bravo ein Karibik-Special wirklich mit einem stilisierten Hanfblatt als Logo ausstatten sollte. Gemeldet wird, dass Günter Grass eine geplante Ausstellung über Arno Breker befürwortet. Vor dem heute beginnenden Integrationsgipfel der Bundesregierung besucht Heinrich Wefing den Berliner Staatsanwalt Roman Reusch, der Auskunft gibt über jugendliche Intensivtäter - in den allermeisten Fällen Jugendliche "mit Migrationshintergrund". "nma" begüßt Regensburg auf der Liste des Weltkulturerbes. Oliver Tolmein begutachtet die Vorschläge des Ethikrats zur Sterbehilfe. Martin Kämpchen schickt kurze Impressionen aus dem von Attentaten heimgesuchten Bombay.

Auf der Medienseite erzählt Michael Hanfeld, wie Premiere wieder an den Fußball kam. Außerdem erfahren wir Interna aus RTL und RTL 2. "ul" meldet, dass die polnische Zeitung Nasz Dziennik, die dem selben Konzern angehört wie das rechtsnationalistische Radio Maryja, eine Liste missliebiger deutscher Korrespondenten veröffentlicht hat.

Auf der letzten Seite unterhält sich Monika Osberghaus mit der schwedischen Feministin, Autorin und Mutter von neun Kindern Anna Wahlgren über demografische Probleme in Westeuropa. Auch Mark Siemons klärt über demografische Probleme auf - diesmal in China, wo die Einkindpolitik und die Abtreibung weiblicher Föten zu bedenklichen Verzerrungen der Bevölkerungsstruktur führen. Und Christian Schwägerl porträtiert den Neurologen Thomas Brandt, der unter dem Titel Seniorprofessor trotz vorgerückten Alters weiter forschen darf.

Besprochen werden Theaterereignisse des Magnetic North Festivals in Neufundland, eine Chagall-Ausstellung in Baden-Baden, Kammermusik-Konzerte im Bahnhof Rolandseck, ein neues, von Mark Rothko inspiriertes Werk der Komponistin Rebecca Saunders in Dortmund und eine Ausstellung über den Kupferstecher Lucas van Leyden in Frankfurt.

SZ, 14.07.2006

Leidensgeschichten muslimischer Frauen haben in den Buchhandlungen Konjunktur, berichtet Sonja Zekri. Aber ob das der Integration dient? "So begreiflich die befreiende Wirkung dieser Literatur ist, so nötig der Blick auf die Schattenseiten des Einwanderungslandes Deutschland ist, gerade angesichts des massierten Leidens können sich die Gegner der Integration nirgends so leicht munitionieren wie hier."

In München war Alex Rühle unter der Führung des Performance-Philosophen Bazon Brock gerade auf einem "Lustmarsch durchs Theoriegelände", "da nähert sich schüchtern eine junge Frau und fragt, ob Brock beim Empfang auch für die Getränke aufkommen werde. Jetzt beginnt Brock mit einer Existenzvernichtung in Bernhardschen Ausmaßen: 'Ich hatte doch mit Ihnen gar nichts zu tun', brüllt er, 'ich erkläre das jetzt zum 15. Mal. Ich zahle das. In bar!' Als die Frau einzuwenden wagt, 'das Problem war ja nur, dass ich Sie nicht verstanden habe,' möchte man ihr für so viel Ehrlichkeit gratulieren, denn eigentlich ist das seit 40 Jahren das Problem der meisten seiner Zuhörer."

Weitere Artikel: Tobias Kniebe hat 946 Seiten mit Aufzeichnungen und Kritzeleien der beiden Amokläufer von Columbine durchblättert und fand auch dort keine Erklärung für das Massaker in der Highschool. Ralf Dombrowski besuchte Claude Nobs, den Gründer und Leiter des Montreux-Jazz-Festival. Steffen Kraft stellt die achtzehn Neuzugänge auf der Welterbe-Liste der Unesco (darunter die Altstadt Regensburgs) vor. Als "Auge Afrikas" würdigt Werner Bloch den Fotografen Jürgen Schadeberg, dessen Werke derzeit in Berlin und Köln zu sehen sind. Holger Liebs ist absolut dafür, Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker mit einer Werkschau in Schwerin auf die öffentliche Bühne zu holen, denn nur sie "reibt die fällige Auseinandersetzung um Kunst und Moral, um Talent und Nazi-Huldigung, um Ächtung und Anerkennung hervor".

Kurt Russell ("Poseidon") verrät im Gespräch mit Anke Sterneborg, dass er längst aufgehört habe, vor der Kamera zu spielen. Dirk Peitz wirbt für das Melt-Festival im sachsen-anhaltinischen Gräfenhainichen. Fritz Göttler gibt einen Vorgeschmack auf das 24. Münchner Filmfest, das heute Abend startet.

Besprochen werden Bücher, darunter eine Fortschrittsgeschichte des 18. Jahrhunderts und eine Sammlung bunter Philosophie-Häppchen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).