Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.05.2005. In der SZ beschreibt Götz Aly, wie die Deutschen von sich selbst befreit wurden - und es nicht merkten. In der taz stört sich Julius Schoeps an der Beliebigkeit des Holocaust-Mahnmals. Im Tagesspiegel entledigt sich das Theater von heute der Moden von gestern. Die FAZ verkündet das Ende des Pop. Außerdem begutachtet wird ein 28,8 Millionen teures Croissant.

SZ, 06.05.2005

In der Serie "Die letzten 50 Tage" beschreibt der Historiker Götz Aly heute, wie sich nach tausend Jahren die "Stunde Null" gestaltete (wobei er nebenbei auch die "Chancengleichheit" als volksgemeinschaftliches Projekt qualifiziert): "Eine Stunde eben, in der frei von jeder Vergangenheit die Zukunft neu verteilt wurde. Der Tag der bedingungslosen Kapitulation bedeutete für die allermeisten Deutschen Zusammenbruch und Ratlosigkeit, sie duckten sich weg, beschuldigten andere, flüchteten sich in allgemeine Phrasen und bald in rastlose Geschäftigkeit. Sie standen vor dem moralischen und politischen Nichts. Dank der alliierten Soldaten wurden sie am 8. Mai 1945 von sich selber befreit - und merkten es nicht."

Besonders unerquicklich an der aktuellen Heuschrecken-Debatte findet Sonja Zekri die Verbindung von Vaterlandsliebe und Ökonomie. Als ein "riesiges rotverklinkertes Hörnchen", ein 28,8 Millionen teures Croissant" beschreibt Dirk Peitz Frank Gehrys neues Museum "MARTa" in Herford, das bereits den Zorn des Volkes auf sich gezogen hat. Morgen wird es gegen Hartz IV, Wolfgang Clement und das Museum demonstrieren. Johannes Willms hat auf dem Gipfeltreffen der europäischen Kulturträger in Paris erfahren, dass die EU jetzt ebenfalls eine virtuelle Bibliothek schaffen möchte - als Gegenprojekt zu "Google Print" und zur "Amerikanisierung des Weltgedächtnisses". Thomas Thieringer gratuliert dem "Sonnenkönig der Brettlbühnen", Hanns Dieter Hüsch, zum Achtzigsten.

Besprochen werden Lorin Maazels erste Oper "1984" (bei deren Premiere in London Helmut Mauro einige Affekt-Attacken abwehren musste, um dann wieder die liebevoll kolorierten Details genießen zu können), Frank Hoffmanns "Minna"-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, die Ausstellung "Triumph und Trauma" über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland im Deutsch-Russischen Museum, die Schau "Icestorm" im Kunstverein München, und Bücher, darunter Aufzeichnungen zum Kriegsende von Osmar White und Wladimir Gelfand und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 06.05.2005

Am Dienstag wird in Berlin das Holocaust-Mahnmal eröffnet. Julius Schoeps, dem Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien, ist es auch nach einer ersten Begehung fremd geblieben, wie er im Interview mit Jan-Hendrik Wulf beschreibt: "Ich hatte das Gefühl, auf einer Art Friedhof zu sein. Das Friedhofsmotiv hat sicher eine Rolle im Denken Peter Eisenmans gespielt. Mich hat die Ortsbesichtigung nicht sonderlich berührt. Besonders gestört hat mich die Beliebigkeit der Aussagen. Wessen gedenkt man an diesem Ort? Der Juden? Oder vielleicht der gefallenen Wehrmachtssoldaten? So ganz klar ist das alles nicht."

Weiteres: Katrin Bettina Müller interviewt Iris Laufenberg, die Leiterin des heute in Berlin startenden Theatertreffens. Tobias Rapp huldigt dem großen Saxofonisten und Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman, dessen Konzert in London er miterleben durfte. Thomas Winkler stellt neue Platten von Lansing-Dreiden, South San Gabriel und 13 & God vor.

Und noch Tom.

Tagesspiegel, 06.05.2005

"Kein Schiller im Schillerjahr", wundert sich Rüdiger Schaper über das heute in Berlin beginnende Theatertreffen. Und noch etwas ist ihm aufgefallen: "Das Theater hat die Pret-a-porter-Diskurse fürs Erste abgelegt. Das Modethema Glaube und Religion scheint sich schon wieder zu verflüchtigen. Die Theatertreffen-Auswahl spiegelt das wider. Das deutschsprachige Theater zeigt sich so pragmatisch wie vielfältig. Was vor kurzem noch endlos debattiert wurde (Globalisierung!), ruht jetzt im Mülleimer der Aufgeregtheiten. Der gute alte Generationenkonflikt? Erledigt."
Anzeige

FAZ, 06.05.2005

Im Leitartikel des Feuilletons verabschiedet Edo Reents den Pop, wie wir ihn kennen. Seine große Zeit ist vorbei, weil er überall zu hören ist. "Neue Vertriebswege und neue Hörgewohnheiten werden etwas anderes, viel Abstrakteres aus ihm machen, das die haptische Kultur oder die an den Besitz eines Albums gebundene Exklusivität und Individualität aussehen lassen wird wie vorindustrielle Errungenschaften. Die Popmusik wird deshalb nicht verschwinden. Doch ihre identitätsstiftende Macht wird sie vermutlich einbüßen. Indifferenz ist der Preis für eine Allgegenwart, die auch Musikbesessenen einmal erstrebenswert schien: das Vordringen in die hintersten Winkel, die tiefsten Ritzen des jedermann zugänglichen öffentlichen Raumes. Welchen Reiz könnte ein Lied nämlich noch haben, wenn man es jedesmal hört, sobald das Telefon läutet?"

"Ich bin ein unverbesserlicher Ratzinger-Boy", beichtet der spanische Schriftsteller Juan Manuel de Prada. "In den Restaurants des Borgo-Pio-Viertels, die er jahrelang besuchte, pflegte er Nudeln in scharfer Tomatensoße zu bestellen, zu denen er süße Orangenlimonade trank. Glauben Sie nicht, daß ein Mann, der so unterschiedliche Geschmacksrichtungen zu vereinen vermag, auch als Papst in der Lage sein wird, unterschiedliche Meinungen in Einklang zu bringen?"

Weitere Artikel: Auf der letzten Seite staunt Azar Attar auf der Teheraner Buchmesse über die Vielfalt und den Umfang der literarischen Produktion im Iran. Attaz verbucht das als Hinweis auf eine zunehmende kulturelle Öffnung des Irans. Jürg Altwegg gratuliert der Schweiz zu ihrer Ankunft im geschichtsverantwortlichen Europa. Und Andreas Platthaus porträtiert den Filmemacher Joel Katz, der seine von dem gleichnamigen Lied Billie Holidays (mehr) inspirierte Dokumentation "Strange Fruit" (mehr) im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt vorstellte. Eduard Beaucamp wettert in seiner Kunstkolumne gegen einen Umzug der Berliner Gemäldegalerie ins Bode Museum. Nach einer Diskussion über "Hitlers Volksstaat" an der Frankfurter Universität spricht Michael Jeismann dem Autor Götz Aly den Sieg nach Punkten zu. Dietmar Dath beglückwünscht den Rockmusiker Bob Seger zum Sechzigsten.

Im Medienteil diskutiert Michael Hanfeld die Antwort von Bund und Ländern auf eine Anfrage der EU, die bei ARD und ZDF Quersubventionen vermutet hatte. Demnach bleibt es den doch so unabhängigen Sendern überlassen, selbst für mehr Transparenz zu sorgen.

Besprochen werden die Uraufführung von Lorin Maazels erster Oper nach George Orwells "1984" an Covent Garden ("Bewunderung für den Mut Maazels zu so spätem Opern-Debüt, leise Zweifel an der Haltbarkeit der Partitur", kommentiert Wolfgang Sandner), Rafael Spregelburds "giftige" Komödie "Die Dummheit" an der Berliner Schaubühne und Lutz Hübners "Gotteskrieger" am Maxim Gorki Theater, die erste Einzelausstellung mit Bildern von Pieter Claesz im Kunsthaus Zürich, Nicole Kassells Film "The Woodsman", Robert Thalheims Streifen "Netto" (mehr), und Bücher, darunter Laszlo Krasznahorkais Roman "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß", Thomas Sören Hoffmanns "hervorragende Darstellung "Georg Wilhelm Friedrich Hegel" sowie Simon Dubnows "Buch des Lebens" zur Geschichte der Juden in Osteuropa (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 06.05.2005

Joachim Güntner porträtiert den Historiker Götz Aly, dessen Buch "Hitlers Volksstaat" heftigst diskutiert wird: "Wie viele Polemiker, die in ihren Texten lakonische Sachlichkeit mit Sarkasmus und einer gepfefferten Ausdrucksweise paaren, ist Götz Aly im persönlichen Umgang von ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Fast könnte man glauben, er wolle als Individuum im engen Bezirk des eigenen Handelns heute jene bürgerlichen Formen restituieren, die er als linksradikaler und revolutionsbegeisterter Angehöriger der 68er-Generation einst zerstören half."

Weiteres: "Sekt für alle" gab es in Bochum bei Matthias Hartmanns Inszenierung von Molieres "Menschenfeind". Barbara Villiger Heilig hat die Aufführung, mit der Hartmann in Bochum seinen Abschied feiert, als "Gaudi" erlebt und meint, Hartmann setze "seiner erfolgreichen Direktion die Schaumkrone auf." Nick Liebmann spricht mit Keith Jarrett über dessen letztes Soloalbum "Radiance". Die Sammlung der Generali Foundation in München, die demnächst auf Welttournee geht, wird vorgestellt. Besprochen wird außerdem "1984", die neue, auf dem gleichnamigen Orwell-Klassiker basierende Oper von Lorin Maazel. Herausgekommen sei "ein Stück Literaturoper in zwei Akten, die sich grausam in die Länge ziehen", befindet Peter Hagmann.

Amerikanische Journalisten, die sich vor Gericht weigern, ihre Quellen offenzulegen, müssen seit einem Gerichtsurteil von 1972 mit Strafverfolgung rechnen, berichtet "snu" auf der Medienseite. "Gegenwärtig befinden sich 16 Reporter und 14 Nachrichtenorganisationen in Zusammenhang mit der Geheimhaltung vertraulicher Quellen im Streit mit Bundesgerichten." S.B.stellt die neuen Versionen der Betriebssysteme von Windows und Apples vor, Longhorn und Tiger. Claudia Schwartz würdigt Heinrich Breloers "aufschlussreichen" TV-Dreiteiler "Speer und Er", der ab dem 9. Mai in der ARD zu sehen sein wird.

Auf der Filmseite stellt Alexandra Stäheli anlässlich der Arabischen Filmtage in Zürich einige generelle Betrachtungen zum Stand der Dinge an: "Aller Diversität und allem Eklektizismus zum Trotz scheint sich in den letzten Jahren dennoch vor allem unter den jüngeren Filmemachern so etwas wie eine spürbare Haltung abzuzeichnen: eine Tendenz vielleicht, sich vermehrt einem Hier und Jetzt, einer historisch verortbaren Situation zu widmen, um dabei auch zu untersuchen, wie sich das Politische in alltäglichen Handlungen niederschlägt. Auch wenn dieser Fokus für westliche Augen zuweilen indirekt, mehrfach verspiegelt, ja eben unmimetisch erscheint."

Berliner Zeitung, 06.05.2005

Das Berliner Theatertreffen wird von Jahr zu Jahr lebendiger, meint Ulrich Seidler beobachtet zu haben. Juror Peter Michalzik, der zur Vorbereitung wie jeder seiner Kollegen 90 Inszenierungen gesichtet hat, plaudert aus dem Nähkästchen. Der Job als Juror sei der Eintritt in ein Parallelleben mit Zweitfamilie. "Das ist so ein fluktuierendes Netz. Sieben Pünktchen, die sich kreuz und quer durch die Republik bewegen, sich dauernd irgendwo treffen und dann auf ziemlich hohem Erregungsniveau miteinander schnattern. Natürlich gibt es Streit und Kränkungen. Wir versuchen ja, disparate Meinungen zu einer zu machen. Aber wir föderalismusgeübten Deutschen haben es gelernt, uns auf einen Nenner zu einigen."
Stichwörter: Theatertreffen

FR, 06.05.2005

Weil vor allem das Gebäude des MARTa in Herford Aufsehen erregt, geht die Eröffnungsausstellung "(my private) HEROES" ein wenig unter. Carsten Ruhl hat sich in der vom künstlerischen Direktor Jan Hoet geprägten Schau umgesehen. Hoet hat etwa den zentralen Raum höchstselbst gestaltet. Der soll, "so die Kuratorin Veronique Souben, Assoziationen an eine Wunderkammer oder ein Pantheon verehrter Helden wecken. Vor allem aber inszeniert sich Hoet wohl als charismatisch-heroischer Ausstellungsmacher, der durch die Fotografien Benjamin Katz' in den Kreis seiner verehrten Idole und Künstler rückt. Zahlreiche, dicht gehängte Werke von Francis Bacons 'Der Kardinal' bis zu der Fotografie, die Marlon Brando auf seinem Motorrad sitzend zeigt, staffieren den riesigen Raum aus."

Harry Nutt rekapituliert noch einmal die schwierige Diskussion um das Holocaust-Mahnmal, das in der kommenden Woche eröffnet wird. Christian Schlüter kann über den Historiker Michael Wolffsohn, der Münteferings Kapitalismus-Kritik in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt hat, nur den Kopf schütteln und denunziert ihn fortan als "revisionistischen Gesinnungsbüttel des Kapitals". Stefan Keim reserviert eine Times mager, um sich vom offensichtlich hochgeschätzten Intendanten des Essener Grillo-Theaters Jürgen Bosse zu verabschieden, dessen letztes von ihm verantwortete Stück morgen Premiere hat. Auf der Medienseite deutet Michael G. Meyer das Aus für tv.nrw als Symptom einer generellen Krise des Ballungsraumfernsehens, das auch nach fünfzehn Jahren noch nicht aus den roten Zahlen herausgekommen sei.