Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2004. Das klügste Gebäude der Welt steht laut FAZ in Boston, worüber sich Harvard sehr ärgert. In der Welt prangert Rupert Neudeck den Völkermord im Sudan an. Für die FR löst sich die französische Republik aufs unappetitlichste in eine ethnisch-religiöse Parallelgesellschaft auf. Die SZ beruhigt die Deutschen: So amerikanisiert seid ihr gar nicht.

FR, 13.07.2004

Nach dem antisemitischen Übergriff durch einige Jugendliche nordafrikanischen Ursprungs in der Pariser S-Bahn zeigt sich Martina Meister alarmiert über den Zustand der französischen Gesellschaft: "Die Bestandsaufnahme in Sachen Republik fällt schlecht aus. Und nichts spricht im Augenblick dafür, dass die gefährliche Entwicklung hin zur ethnisch-religiösen Parallelgesellschaft von einer größeren Idee wie beispielsweise Europa aufgefangen werden wird."

Die Affäre Kahlo-Berggruen ist in aller Munde. "Heinz Berggruen lernte die Frida kennen, die das Beste mehrerer Kulturen in sich vereinte. Vater Wilhelm war deutsch-jüdischer Fotograf, die Mutter Indigena. 'Gerade diese Mischung war für mich reizvoll, gerade das, was die Nazis 'Untermensch' nannten'", sagt der Kunstsammler zu Michael Castritius, der weiter zitiert: "Frida war ein Märchen, mein ganz persönliches Märchen."

Weitere Artikel: Bernd F. Lunkewitz, Verleger des Aufbau-Verlags, erzählt die komplizierte Geschichte des Rütten & Loening-Verlags, der 1936 seinen jüdischen Eigentümern weggenommen wurde und dessen Erben bis heute nicht entschädigt wurden. Und Martin Lüdke schreibt zum Tod des Kritikers Heinrich Vormweg.

Besprochen werden zwei Basler Schwitters-Ausstellungen (mehr hier und hier).

Welt, 13.07.2004

Im Sudan findet ein Völkermord statt, und wieder gucken alle nur zu, schreibt bitter Rupert Neudeck. Nötig sei eine Blauhelm-Mission, aber "mit starkem Mandat und nicht wieder wie im Kosovo und im Kongo 50 Nationen zu einer Mission und einem Sprachenbabel zusammenpacken. Drei, vier Nationen reichen ..." Nötig sei vor allem eine "eine klare Sprache gegenüber den Herrschern, die ihre eigenen Völker in den Orkus des Verderbens verschwinden lassen. Hans Steercken, lang ist's her, hatte als Vorsitzender der Auswärtigen Ausschusses des Bundestags den ersten Besuch 1991 im Sudan gemacht. Er wurde als heimlicher Außenminister von Omar Al Baschir empfangen und verabschiedet. Vor laufender Kamera sagte Steercken dem Diktator: "Lieber Herr Präsident, Gott schütze Ihr Land (langes Händeschütteln), don't kill your people." Bringen Sie nicht Ihre eigenen Bürger um. Genau das müsste jetzt wieder so klar und ohne Abstriche gesagt werden. Und zwar gegenüber dem leider weiterhin an der Macht befindlichen Omar Al Baschir."

TAZ, 13.07.2004

Helmut Höge spricht dem offensichtlich schwer durchgeknallten Künstler und Musiker Genesis P-Orridge, ehemals Throbbing Gristle, seine Bewunderung aus: Zuerst piercte er "seine Hoden durch und durch" und nun: "In den letzten Jahren hat er sich - man möchte sagen: systematisch - mittels Hormonen, Goldkronen, Implantaten und chirurgischen Operationen in eine Frau verwandelt, während seine Frau - Jackie Breyer - sich umgekehrt in einen Mann umbauen lässt." Ja, Gott, was bleibt dann noch von einem?

Weitere Artikel: Frank Schäfer gedenkt des Krimiautors Jörg Fauser, der in diesen Tagen sechzig Jahre alt würde. Brigitte Werneburg bespricht eine Studie des Kunsthistorikers Walter Grasskamp über das Cover des Sergeant-Pepper-Albums.

Und hier Tom.
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FAZ, 13.07.2004

Susanne Klingenstein beschreibt den architektonischen Wettbewerb zwischen Harvard und Boston, der durch Frank O. Gehrys jüngstes Werk, das 285 Millionen Dollar teure Ray and Maria Stata Center für's MIT neuen Auftrieb bekommen hat. "Auf dem Campus und in der Presse hat man sich beeilt herauszustreichen, wie sehr Gehrys erratische Kreation dem Geist von MIT im allgemeinen und der freiwildernden Kreativität der neuen Stata-Bewohner im besonderen entspricht. Zu ihnen gehören Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, Butler W. Lampson, der die erste Version von Word schrieb, der Linguist Noam Chomsky und der Robotics-Pionier Rodney A. Brooks. Das hat die New York Times dazu veranlasst, das Stata Center innen und außen das klügste Gebäude der Welt zu nennen. Es ist gewiss eines der witzigsten ... Hier eckt man an, dort landet man in einer Sackgasse, und auf dem Weg zur Toilette wird man von Gehrys Geistesblitz getroffen. Gehrys Gebäude schafft und explodiert. Sein Anblick erinnert an nichts so sehr wie an die pfeifenden Maschinen in einem alten Disney-Cartoon."

Weitere Artikel: Dietmar Dath war bei Bill Clintons Signierstunde im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann. Heinz Berggruen erzählt von seiner vierwöchigen Affäre mit Frida Kahlo. Rainer Blasius berichtet über eine Tagung zum 20. Juli, die offenbarte, dass die Attentäter in Europa nahezu unbekannt sind. Tobias Döring schreibt zum Siebzigsten Wole Soyinkas. Burkhard Spinnen erklärt "Der Segelschiffe große Zeit" zu seinem Lieblingsbuch. Rüdiger Klein stellt das Lothar-Fischer-Museum im oberpfälzischen Neumarkt vor. Jürgen Kesting schreibt zum Achtzigsten des Tenors Carlo Bergonzi (das "heikle hohe B im Nil-Akt ('Il ciel de' nostri amori') sandte er pianissimo in den Himmel der Liebe"). Der Kirchenhistoriker Wolfram Kinzig erklärt, was Anglikaner und Protestanten noch trennt.

Auf der Medienseite stellt Sabine Windlin das Haus für verfolgte Journalisten in Paris vor. Auf der letzten Seite meldet Oliver Tolmein, dass es in dieser Legislaturperiode kein neues Transsexuellengesetz geben wird. Und Andreas Platthaus porträtiert Lucky Luke.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der Klassischen Moderne in der Staatsgalerie Stuttgart.

NZZ, 13.07.2004

Angela Schrader gratuliert - in der NZZ Global - dem Nobelpreisträger und "Löwen von Lagos" Wole Soyinka zum Siebzigsten. In einem weiteren Autorenporträt legt uns Günther Stocker den Wiener Lyriker Robert Schindel ans Herz. Außerdem macht sich Knut Henkel gemeinsam mit der Unesco Sorgen, dass die Inkastadt Machu Picchu vom touristischen Ansturm gefährdet wird. Ueli Bernays berichtet vom Jazzfestival in Montreux.

Besprechungen widmen sich Wolfgang Sawallischs Aufführung von Smetanas "Ma Vlast", und Büchern, darunter dem Roman "Inglaterra" von Leopoldo Brizuela und Politischen Büchern (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 13.07.2004

Typisch deutsch findet der in Berlin lebende amerikanische Journalist Eric T. Hansen die Angst der Deutschen, amerikanisiert zu werden. Er zumindest kann sie beruhigen: "Wer als Kind in der Schule keinen Eid auf die Fahne schwor (oder auf Druck seiner fortschrittlichen Eltern sich weigern musste), ist kein Amerikaner. Wer nicht sagen kann, wann er zum ersten Mal den Truthahn am Thanksgiving tranchieren durfte, ist kein Amerikaner. Wer Arnold Schwarzeneggers Akzent nicht nachmachen kann, ist kein Amerikaner... Was man hier als 'amerikanische Kultur' kennt, ist in Wirklichkeit amerikanische Exportkultur, und die ist wie chinesisches Essen: Man findet es auf der ganzen Welt, und überall schmeckt es ähnlich - nur zu Hause in China nicht. So kennt alle Welt den Jimmy-Stewart-Weihnachtsklassiker 'Ist das Leben nicht schön?', nicht aber 'Fröhliche Weihnachten', über einen Jungen, der sich nichts sehnlicher zu Weihnachten wünscht als ein Luftgewehr. Jeder Amerikaner versteht ihn gut; die Europäer nicht. Aus demselben Grund werden Meisterwerke wie 'Seinfeld', 'Die Sopranos' und 'Frasier' in Deutschland nicht zur Primetime ausgestrahlt."

Weiteres: Florian Welle begrüßt, dass die Kassenärztliche Vereinigung ihre NS-Archive öffnet. Henning Klüver meldet, dass die Medici exhumiert werden. Susanne Simor berichtet von einer Tagung auf Schloss Elmau zum jüdischen Humor. Dietmar Polaczek gratuliert dem Verdi-Tenor Carlo Bergonzi zum Achtzigsten. Kai Martin Wiegandt schickt Glückwünsche an den Nobelpreisträger Wole Soyinka. Albert von Schirnding schreibt den Nachruf auf den Literaturkritiker Heinrich Vormweg. Helmut Mauro sieht die Ära James Levine in München "weihevoll" zu Ende gehen. In der Zwischenzeit huldigt Harald Eggebrecht dem Pianissimo. Werner Burkhardt eröffnet mit Kanzler Schröder das Schleswig-Holstein Musik Festival. Tobias Timm fragt sich vor der Eröffnung von Sven Väths neuem Nachtclub "Cocoon" in Frankfurt, ob sich der Techno-Papst damit sein eigenes De-luxe-Mausoleum bauen will.

Burkard Spinnen widmet sich in der hübschen Kolumne "Vom Satzbau" der erlebten Rede, Horst Mühleisen sichtet neue Dokumente zum Leben von Claus von Stauffenberg.

Besprochen werden die Gerhard-Richter-Ausstellung in Bonn, das Bollywood-Melodram "Indian Love Story", und Bücher, darunter Ruben Gonzalez Gallegos Roman "Weiß auf Schwarz" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).