Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2004. In der FAZ ruft der ehemalige Diplomat Roger Morris die heutigen Diplomaten der USA zur Revolte auf. In der NZZ hakt Robert Menasse Österreich ab. In der Berliner Zeitung wird abgerissen, was von Peter Zumthor übrig blieb. Die SZ seufzt: "Katastrophen sind wunderschön!"

NZZ, 26.05.2004

Paul Jandl besucht den Schriftsteller Robert Menasse in seinem Haus in der tiefsten österreichischen Provinz: "Hier, im nördlichen Waldviertel, in einem Haus am See, schneidet der Schriftsteller Karotten in den Topf und sagt: 'Österreich ist als Thema für mich abgehakt. Das Land ist zu klein, um im Nachdenken darüber irgendetwas Bedeutungsvolles ableiten zu können.'"

Weitere Artikrel: Joachim Güntner hat die Jahrestagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Sankt Petersburg verfolgt. Bepsorchen werden einige Neuerscheinungen über das europäische Mittelalter, Mozarts "Zauberflöte" beim Glyndebourne Festival und auf einer ganzen Seite Kinderbücher.

FR, 26.05.2004

"Wer zur Folter greift, erklärt seinen moralischen und intellektuellen Bankrott", erklärt Richard Wagner all denen, die Folter in "außergewöhnlichen" Situationen zulassen wollen. Leider habe die Postmoderne mit ihrer Vorliebe für die Simulation "kaum ein Gespür für das Ausmaß und die Folgen des Verbrechens". Doch "zwischen uns und den Feinden der Demokratie muss eine klare Markierung sein. Diese Markierung wird nirgends so deutlich wie in der Achtung der Menschenwürde. Sie darf nicht antastbar sein."

Weitere Artikel: Klaus Naumann wirft einen Blick auf die Militärkultur diesseits und jenseits des Atlantiks und findet beide unbedingt verbesserungswürdig. Thomas Meyer war bei einem Vortrag über den Begriff "Schicksal" des Berliner Philosophen Michael Theunissen in München. Ulrich Speck fasst noch einmal den Streit um die Flick-Collection zusammen. In Times Mager gratuliert Ina Hartwig Rainald Goetz zum Fünfzigsten: "Das Experiment einer prolongierten Jugendlichkeit ist nun zu Ende." Gemeldet wird, dass Kirsten Harms, bisherige Intendantin der Kieler Oper, die Nachfolge Christian Thielemanns an der Deutsche Oper in Berlin antreten wird.

Auf der Medienseite stellt Monika Porrmann das Gruppen-Weblog Mehrzweckbeutel (Untertitel: "Magazin für non-lineare Lebensführung") vor. Und Jörg Reckmann berichtet, dass die britische Investment-Gesellschaft Apax das Verlagshaus PCM mit vier der größten niederländischen Tageszeitungen - Volkskrant, NRC HandelsbladTrouw und Algemeen Dagblad - kauft.

Besprochen werden die Inszenierungen von Arbeiterliedern durch Wittenbrink und Castorf ("Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"), Calixto Bieito ("Dreigroschenoper") und Schorsch Kamerun ("The Golden Age of Punk and Working") bei den Ruhrfestspielen, die Architektur-Ausstellung "Ostmoderne" in Berlin, Uraufführungen von Vykantas Baltakas und Mark Andre bei der Musiktheaterbiennale München und Bücher, darunter Germaine Krulls Fotobuch "Metal" und Norbert Müllers Roman "Der Sorgengenerator" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 26.05.2004

"Wer keinen Erfolg hat, ist ein Penner", beschreibt der britische HipHoper Mike Skinner alias The Streets im Interview die Einstellung britischer Mädchen zu jungen Musikern. Jens Fischer war bei der Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg an Noam Chomsky, und wenn wir seinen Artikel richtig verstehen, findet er Linke ziemlich spießig: "Links ist einfach da, wo man in aller Gelassenheit Recht hat - und unter sich bleibt: Die Debatte mit Chomsky findet im abgelegenen Uni-Audimax statt." Besprochen wird eine Ausstellung von Yinka Shonibare in der Kunsthalle Wien.

Schließlich Tom.

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FAZ, 26.05.2004

Gerhard Stadelmaier erzählt, wie George Tabori vorgestern Abend im Berliner Ensemble zum Neuunzigsten gratuliert wurde: "Der Regierende Bürgermeister bedankt sich für Berlin, von dem einst die Vernichtung der Juden ausgegangen sei und in das der Theaterkönig zurückgekehrt sei. Denn der Theaterkönig ist ja gleichsam auch der segenspendende Jude, der über die deutsche und die jüdische Vergangenheit nicht klagt, sondern mit ihr spielt - damit wir mit ihr spielen können und die grausige Katastrophe 'im kürzesten deutschen Witz' (Zitat George Tabori) wahrhaft begreifen, der da heiße: 'Auschwitz'. So hat der Theaterkönig auch eine geschichtshygienische, tabulösende Funktion."

Einen recht eindrucksvollen offenen Brief schreibt Roger Morris, ehemals Mitglied im Sicherheitsrat unter Präsident Johnson und zurückgetreten wegen der Invasion in Kambodscha, an die heutigen Diplomaten der USA: "Den meisten von Ihnen dürfte klar sein, dass die Regierung Bush ein besonderer Fall ist. Sie dienen einem Präsidenten, dessen Außenpolitik die mit Abstand schlimmste in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel fordert in der Leitglosse eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Eleonore Büning bringt erfreut die Kunde von der Kür Kirsten Harms' als neuer Intendantin der Deutschen Oper Berlin. Heinrich Wefing berichtet über die neuesten Peripetien in der "zunehmend hitzig geführten Debatte" um die Präsentation der Flick-Sammlung und missbilligt den "schrillen Ton", in dem Salomon Korn nun seine Kritik an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorbrachte. Dieter Bartetzko freut sich, dass Dürers "Johannes der Täufer" (Bild) "nach fünfzig Jahren Verschollenseins und zehn Jahren unerkannten Daseins im Magazin des Kunstmuseums von Tallinn" nun nach Bremen zurückkehrte, wo ihm eine Ausstellung gewidmet ist. Andreas Rosenfelder war dabei, als Elke Heidenreich ihr Hörbuch "Oper! Eine Liebeserklärung", das sich besonders an Kinder wendet, in Köln vorstellte. Im FAZ.Net finden wir die Meldung, dass der Bau für die Stiftung "Topographie des Terrors" nun ohne den Architekten Peter Zumthor verwirklich wird - was von seinem Entwurtf bereits verwirklicht ist, wird abgerissen.

Auf der Medienseite erzählt Jürg Altwegg, dass in Lyon ein Journalist des Lyon Mag wegen Verherrlichung von Gewalt unter Anklage gestellt wurde, weil der islamistische Imam Abdelkader Bouziane im Interview die Steinigung von Ehebrecherinnen befürwortet hatte, während es sich als unmöglich erwies, den Imam auszuweisen. Gemeldet wird, dass die Radiosendung "Der Tag" im Hessischen Rundfunk nun doch bleiben darf.

Auf der letzten Seite erzählt Joachim Seng, wie vor sechzig Jahren, also noch im Krieg der "Kampf um den Wiederaufbau des Frankfurter Goethehauses" begann. Dieter Bartetzko begrüßt den generalgereinigten David Michelangelos im Jahr 500 nach seiner ersten Aufstellung. Uta Bilow porträtiert die junge Biophysikerin Petra Schwille, die für neue Verfahren der Zellforschung einen der vier Forschungspreise der Philip-Morris-Stiftung erhält.

Besprochen werden Roland Emmerichs Film "The Day After Tomorrow", Michael Simons Inszenierung der Posse "Punch & Judy" in Düsseldorf und Alban Bergs "Wozzeck" an der Komischen Oper Berlin.

Berliner Zeitung, 26.05.2004

Die Berliner Zeitung dokumentiert einen Text von Stefanie Endlich, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der "Topographie des Terrors", der den Weg in den jetzigen Schlamassel beschreibt. Die Stiftung, berichtet sie, habe von Anfang an ein "zurückhaltendes, dezentrales Konzept" gewollt - im Gegensatz zur auslobenden Bauverwaltung: "Im Blick auf die 'Hauptstadtplanungen' in der Zeit nach dem Mauerfall erschienen ihr für dieses wertvolle innerstädtische Gelände die dezentralen Stiftungs-Vorstellungen wenig eindrucksvoll. Statt dessen sollte eine markante, ausdrucksstarke Lösung gefunden werden, die sich in ihrer städtebaulichen Präsenz und ihrem architektonischen Profil mit den Nachbarn messen sollte.... Auf diesem Hintergrund ist die Entscheidung für Zumthors Entwurf zu sehen; sie wurde gegen das Votum der Nutzer im Preisgericht getroffen. Städtebauliche Ideen erhielten Vorrang vor der eigentlichen Erinnerungsarbeit der Stiftung. Entgegen den Zielen der Auslobung wurde der Entwurf ausgewählt, der von allen Wettbewerbsbeiträgen am stärksten dem von der Topographie des Terrors entwickelten Profil des 'offenen Lernortes' widersprach."
Stichwörter: Mauerfall

SZ, 26.05.2004

"Katastrophen sind wunderschön, und Katastrophenfilme sind die reinsten Kino-Elegien", seufzt Fritz Göttler, dem es bei Roland Emmerichs "The Day After Tomorrow" ganz wohlig im Kinosessel war, "wenn die Ordnungen sich auflösen, wenn alles ins Knirschen, Gleiten, Fließen gerät..."

Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm erinnert an die Absolutheit des Folterverbots: "Rechtfertigungsgründe, die sie ausnahmsweise erlauben, gibt es nicht." Und: "In Amerika wird, wenn es um die Beschränkung von Grundrechten geht, gern das Argument des 'slippery slope' ins Feld geführt. Senkt man die Schranken, gibt es kein Halten mehr. Das englische Wort 'liberty dies by inches' sagt etwas Ähnliches. Das gilt auch für die Folter. Hat man das Verbot erst einmal relativiert, finden sich immer neue Anlässe und Gründe, es noch weiter zu lockern."

Weiteres: Jens Bisky findet die Entscheidung richtig, den Bau der "Topographie des Terrors" neu in Angriff zu nehmen. Peter Zumthors Entwurf wird unterdes zu den Akten gelegt, bereits erstellte Bauten werden abgerissen und das Projekt neu ausgeschrieben. Hans Leyendecker spürt den Steuerangelegenheiten von Friedrich Christian Flick nach, der seiner Kunstliebe ja gern in der Schweiz und auf Guernsey frönt. Thomas Meyer hat bei einem Vortrag des Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf ein intellektuelles Feuerwerk erlebt.

Auf der Plattenseite freut sich David Grubbs über das Wiedervereinigungsalbum "On Off ON" von Mission of Burma, Rezensionen widmen sich außerdem neuen Platten von Faust und s/t und der CD "All the Good Things" mit bisher Unveröffentlichtem von Jerry Garcia.

Besprochen werden auch Armin Petras' Inszenierung von Ibsens "Frau am Meer", eine Toulouse-Lautrec-Schau in den Kunstsammlungen Chemnitz, Boitos "Mefistofele" in der Frankfurter Inszenierung von Dietrich Hilsdorf, Philip Kaufmans Film "Twisted", und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Günter Grass, die Erinnerungen von Anne Franks Freundin Jacqueline van Maarsen und Hans Werner Richters Roman einer Jugend "Spuren im Sand" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).