Außer Atem

Berlinale 5. Tag

Von Ekkehard Knörer, Anja Seeliger
10.02.2002. Urlaubsfilm mit Sinfonie-Begleitung: Dominik Grafs "Der Felsen". Üppige Frauenkörper in: "Satin Rouge" von Raja Amari. Reines Vergnügen: Hayao Miyazakis Anime "Spirited Away".
Sonntag, 18 Uhr

Urlaubsfilm mit Sinfonie-Begleitung: Dominik Grafs "Der Felsen" (Wettbewerb)

Dominik Graf ist das Paradox eines intellektuellen Regisseurs, dem es mit aller Kraft seiner Wörter, Bilder und Töne ausgerechnet um Emotionen zu tun ist. Stets geht er dabei aufs Ganze und es ist kein Wunder, dass er immer wieder an Grenzen gelangt. An denen einem Hören und Sehen vergeht, im glücklichen Fall. Oder an denen man das Pathos kaum mehr ertragen mag, vielleicht ist das der unglückliche Fall. Andererseits nötigt er einen gerade an den Stellen, an denen einem Bedenken kommen, zu etwas, das den meisten bisherigen Beiträgen des Wettbewerbs nicht einmal als Möglichkeit ihres Filmemachens bewusst ist: zum Nachdenken über das Erzählen selbst, über die Willkür von Zusammenhängen und nicht zuletzt über die Darstellbarkeit von Gefühlen. Tom Tykwers "Heaven" übrigens, der andere deutsche Festivalbeitrag der ersten Tage, stellt in gewisser Weise genau dieselben Fragen, fällt aber im entscheidenden Moment zurück auf den Glauben an die Kraft bloßer (großer, schöner) Bilder, die bei Graf gerade zur Diskussion steht.

Psychologie im herkömmlichen Sinne, als konsequente und nachbuchstabierbare Motivierung der Figuren, kann nicht die Lösung sein, ist sie für Dominik Graf auch nicht. Wer seine normalen, auf Realismus gepolten Sehgewohnheiten an "Der Felsen" heranträgt und nicht bereit ist, sie aufzugeben, wird keinen Zugang zu dem Film bekommen, wird die Geschehnisse nur entsetzlich unplausibel, die Handlungsweisen der Figuren unverständlich finden. Dabei müssten einen schon die ersten Einstellungen auf die Spur setzen, die der Film konsequent verfolgen wird. Ein schwarzer Straßenhändler breitet diverse Gegenstände vor sich aus, und aus dem Off werden wir auf die Möglichkeitsform des Geschichtenerzählens eingeschworen: Nehmen wir an, es ist ein Spiel, nehmen wir an, diese Geschichte wird von einem Gegenstand zum nächsten erzählt, folgt einer Logik des Zufalls, die Markierung alternativer Entwicklungsmöglichkeiten inklusive.

Diese Markierung erfolgt aus dem Off, mit der verführerischen Erzählerstimme von Corinna Harfouch. Die Stimme liegt neben der Spur der reinen Erzählung, gibt mehrmals die radikale Alternative an: einmal jagt Katrin Engelhardt (Karoline Eichhorn), die Heldin des Films, Malte, dem jungen Mann hinterher, dem sie zufällig begegnet ist, mit dem sie eine so radikale wie unerklärliche Liebe verketten wird, und die Erzählerin erklärt: "Es gibt zwei Straßen in dem korsischen Dorf. Nimmt sie die falsche, wird die Geschichte von Katrin und Malte zu Ende sein." Sie wird die richtige Straße nehmen, von selbst aber versteht sich das nicht. Schon zuvor hat der Film viele unberechenbare Wendungen genommen. Er beginnt als die Erzählung von einer zu Ende gehenden außerehelichen Affäre, nimmt eine kühne Abzweigung zum Erotikdrama, bis dann Malte und Katrin einander begegnen, sich verfolgen, sich verlieren, sich wieder finden werden. Nicht auf die Verbindungen und Anschlüsse kommt es an, sondern auf die Szenen höchster Intensität, in denen Graf die Bilder, die Tonspur (die weit über den Musik-Score hinaus ein Eigenleben führt), das atemberaubende Spiel seiner Hauptdarsteller zu Momenten selten gesehener Suggestivität verschweißt.

Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Dominik Graf bei "Der Felsen" mit der digitalen Videokamera gearbeitet, nicht ganz freiwillig, wie er in der Pressekonferenz erzählt: kurz vor Drehbeginn stellte sich heraus, dass das Budget für die geplante 35mm-Arbeit nicht reichen würde, also haben sich Graf und sein exzellenter Kameramann Benedict Neuenfels zum Dogma-Experiment entschlossen. Heraus gekommen ist, halb ironischer Originalton Graf, ein "Urlaubsfilm mit Sinfonie-Begleitung" (Musik: Dieter Schleip), der in radikaler Weise die Beweglichkeit der kleinen Kamera nutzt. Dabei hat sich die in Grafs Fernsehfilm "Der Skorpion" bereits auf die Spitze getriebene Zersplitterung des Erzählens noch einmal verschärft. Die Unschärfe vieler Bilder, ihre Rätselhaftigkeit, das grobe Korn und die rasch verfliegenden Fetzen sind ebenso bewusstes Kalkül wie die Sprünge in der Handlung, die Radikalität im Verzicht auf psychologische Auflösungen. Kein Wunder, dass Graf, wie er in der Pressekonferenz versichert, nie wieder mit einer konventionellen Kamera drehen will. In gewisser Weise ist "Der Felsen" ein in den Wettbewerb geschmuggelter Experimentalfilm, eine Zumutung in vieler Hinsicht, ein Wagnis nicht ohne Längen und nicht ohne kurze Momente, in denen er aus dem Gleis gerät. Dennoch und am Ende vielleicht gerade deswegen ist es ein grandioser Film, der die bisher gezeigten Konkurrenten um den Goldenen Bären bei weitem überragt.

Ekkehard Knörer
"Der Felsen", von Dominik Graf, mit Karoline Eichhorn, Antonio Wanneck, Deutschland, 116 Minuten.
Termine.
Weitere Informationen bei Jump-Cut.
Und wer heute keine Karten für die Berlinale hat, kann sich auf 3sat mit einem Filmessay von Graf trösten: "München - Geheimnisse einer Stadt".



Sonntag, 11.54 Uhr

"Satin Rouge" von Raja Amari (Forum)

Frauen sieht man in diesem Film! Fast alle sind über 40, mit großen Brüsten, breiten Hüften schlanken Waden und immer tanzend. Die Männer klatschen begeistert Beifall, als wollten sie kein Speckröllchen missen. Die 1971 in Tunis geborene Regisseurin Raja Amari erzählt in "Satin Rouge" die Geschichte der Witwe Lilia, die außer Putzen, Fernsehen und Stricken nur eine Aufgabe im Leben hat: sich um ihre erwachsene Tochter Salma zu sorgen. Die verliebt sich in den Musiker Chokri, dem Lilia hinterherspioniert. Unversehens landet sie in einem Nachtclub, wo Chokri trommelt und freundet sich mit den Bauchtänzerinnen an. Bald tanzt sie selbst...

Plötzlich sind die Rollen von Mutter und Tochter vertauscht: Statt Salma schleicht jetzt Lilia abends heimlich aus dem Haus und muss alberne Ausreden für die Nachbarn erfinden. Da macht es gar nichts, dass die Kamera viel zu oft auf den Gesichtern klebt, als seien ihr diese üppigen Frauenkörper selbst unheimlich. Egal auch, dass Chokri, mit dem Lilia eine Liebesnacht erlebt, selten mehr als ein hölzernes Lächeln über die Lippen bringt. Die Hauptattraktion des Films lässt den Zuschauer alle Schwächen dieses Debüts vergessen. Hiam Abbas ist eine hinreißende Lilia. Sie hat ein schmales, verschlossenes Gesicht, aber wenn sie lächelt, sieht sie aus wie eine 14-Jährige.

Am Ende heiraten Salma und Chokri. "Trag beige und halt den Mund", rät man angeblich in Amerika der Mutter der Braut am Hochzeitstag. Jetzt sehen Sie sich diese tunesische Schwiegermutter an!
Anja Seeliger
"Satin Rouge", von Raja Amari, Tunesien/Frankreich 2002, mit Hiam Abbass, Hend El Fahem u.a., 89 Min.
Termine.


Sonntag, 10.45 Uhr

Reines Vergnügen: der japanische Animationsfilm "Spirited Away" (Wettbewerb)

Die Erfolge, die der Regisseur Hayao Miyazaki mit "Prinzessin Mononoke" und dem im Wettbewerb der Berlinale gezeigten "Spirited Away" in Japan feierte, sind ohne Beispiel. Keine Frage: eine Kultur, in der der Manga (die japanische Version des Comic) eine so dominierende Rolle spielt, ist eher bereit, den Animationsfilm als seriöse Kunstform zu akzeptieren. Und obwohl Miyazakis Filme durchaus als Kinderfilme konzipiert sind, obwohl die Kinder sie auch wirklich lieben, ist der Erfolg quer durch alle Publikumsschichten riesengroß. "Spirited Away" hat mit sagenhaften 19 Millionen Besuchern den bisherigen Rekordhalter "Titanic" locker abgehängt, zuvor war "Prinzessin Mononoke" bereits zum erfolgreichsten japanischen Film aller Zeiten avanciert. Der oft gehörte Vergleich Miyazakis und des von ihm gegründeten Animationsfilmstudios Ghibli mit Disney ist, des Mediums und der Erfolge wegen, nahe liegend. Die ästhetischen Unterschiede sind jedoch beträchtlich.

Während Disney im Prinzip Musicals dreht und immer dann in Schwierigkeiten gerät, wenn es etwas ernster zugehen soll (siehe zuletzt den Flop "Atlantis"), sind Miyazakis Werke stets Spielfilme ohne musikalische Auszeiten. Zudem geht es ihm nie um die Verfilmung existierender Legenden, Mythen und Märchen; jeder seiner Filme spielt, trotz zahlreicher Anspielungen und Bezugnahmen, in einer stets neu geschaffenen Welt, einem Kosmos für sich, oder wenigstens einem Nebenkosmos, der durch unzählige Motive mit dem Gesamtkosmos Miyazaki in Verbindung steht. "Prinzessin Mononoke" war ein Epos aus grauer Vorzeit, spielte in einer von Göttern und Zauberwesen bevölkerten Welt und thematisierte sehr aktuelle Probleme (wie Umweltzerstörung) im Umfeld einer fantastischen Welt von ungeheurem Detailreichtum. Verblüffend daran vor allem der Verzicht auf eindeutige Moral und die klare Zuordnung von gut und böse. In seinen oftmals drastischen Darstellungen von Gewalt und Zerstörungslust war der Film ganz klar an ein jugendliches oder erwachsenes Publikum gerichtet.

Das ist bei "Spirited Away" etwas anders. Die Zeit ist die Gegenwart, die Heldin ist ein Kind. Chihiro ist zehn Jahre alt und erfährt gerade die erste einschneidende Veränderung ihres Lebens: sie zieht mit ihren Eltern in eine andere Stadt. Auf dem Weg dahin verfährt sich Chihiros Vater und sie stehen plötzlich vor einem mysteriösen Tunnel, hinter dem sich ein verlassener Themenpark aufzutun scheint. Während ihre Eltern in einer der menschenleeren Gassen ein Restaurant finden und sich die Bäuche vollschlagen, erkundet Chihiro die kleine Stadt, die sich bei Einbruch der Dunkelheit zu beleben beginnt. Dunkle Gespenster erscheinen aus dem Nichts und Chihiros Eltern sind in Schweine verwandelt. Aus einer in der Ferne hell leuchtenden Stadt am anderen Ufer eines großen Sees legt ein Schiff ab und bringt eine eindrucksvolle Reihe tierähnlicher Gestalten in die kleine Stadt. Es handelt sich, wie man erfahren wird, um die Geister einstiger Gottheiten, zum zentralen Schauplatz wird ein Badehaus, in dem sie es sich gut gehen lassen, aber auch ihre Wunden heilen wollen.

Chihiro, die sich ganz langsam vom verängstigten kleinen Mädchen zur meist tapferen Heldin wandelt, erkämpft sich eine Aufenthaltsgenehmigung als Arbeiterin im Badehaus - und verliert mit dem Arbeitsvertrag ihren Namen. Die Chefin des Badehauses, die Hexe Yubaaba, gewinnt Macht über ihr Personal, indem sie ihm den eigenen Namen raubt und neue Namen gibt. Chihiro ist nun Sen. Die Abenteuer, die sie erlebt, bevor sie ihren Namen zurückgewinnen, den mit einem mächtigen Fluch im Bann der Hexe gefangenen Haku befreien und ihre Eltern in menschlicher Gestalt wiedersehen wird, sind zahlreich und fantastisch. Verzauberte, verhexte Wesen suchen Erlösung, es treten eine weise Spinne, ein verzogenes Riesenbaby und kleine Kohleschlepperameisen auf.

Die Welt von "Spirited Away" ist dabei jedoch nur auf den ersten Blick die Ausgeburt reiner Fantasie. In seiner sehr bewussten Verbindung von uralten animistischen Vorstellungen, dem Themenpark aus der Edo-Zeit, in der Japan sich gänzlich vom Westen abgeschottet hatte, westlichen Elementen wie der Hexe Yubaaba oder der Anspielung auf die seit nun zehn Jahren anhaltende ökonomische Misere ist der Kosmos von "Spirited Away" immer auch die Allegorie des heutigen Japan. Hier wie in den anderen Filmen Miyazakis fasziniert aber, wie wenig die einzelnen Momente sich in eindeutige Botschaften auflösen lassen, wie durch und durch ambivalent die Figuren bleiben. Noch die bösartige Hexe Yubaaba erweist sich als rückhaltlos liebevoll ihrem Sohn gegenüber, ein gesichtsloser Geist verwandelt sich vom unglücklichen Wesen zum Monster und wieder zurück. Atemberaubend wie stets ist die Überfülle an fantastischen Kleinst- und Großwesen, die Miyazakis Welten bevölkern, denen er eine fürs Große und Ganze der Geschichte oft ganz überflüssige Aufmerksamkeit widmet.

Ein wenig schade ist es dennoch, dass nun "Spirited Away" als erster Animationsfilm in der Geschichte der Berlinale im regulären Wettbewerb läuft und nicht schon "Prinzessin Mononoke". "Spirited Away" ist ein reines Vergnügen, aber doch immer auch ein Kinderfilm. Die monumentale Wucht des Vorgängers "Prinzessin Mononoke", der einen von einem Staunen ins nächste reißt, besitzt er nicht. Die Kritiker wenigstens scheinen dem Werk wenig Verständnis oder Interesse entgegenzubringen; in ungewöhnlich großer Zahl verließen sie die Pressevorführung, der Applaus blieb spärlich. Eine beinahe peinliche Angelegenheit war dann die Pressekonferenz, auf der allerdings nur der Produzent des Films anwesend war - eine Grußbotschaft Miyazakis wurde über Video eingespielt. Keine zwanzig Leute verloren sich im sonst so dicht gedrängten Rund, ein großer Teil davon japanische Korrespondenten. Einer von ihnen drehte vor dem Beginn der Veranstaltung einmal den Spieß um und fragte seine deutschen Kollegen nach ihren Eindrücken vom Film: die erste, die er fragte, hatte ihn leider gar nicht gesehen, der zweite erwies sich als deutscher Miyazaki- Experte und erklärte dem erstaunten japanischen Journalisten die inneren Zusammenhänge in dessen gesamtem Oeuvre.

Schön, dass es die eingeschworenen Fans gibt, aber eigentlich ist "Spirited Away" ein Film für alle und jeden. Accept Diversity lautet das Motto der Berlinale. Solange aber gut gemeinte Fernsehspiele wie "Bloody Sunday" das allgemeine Interesse wecken, während der vielleicht größte lebende Meister des Animationsfilms von den Kritikern weitgehend ignoriert wird, gibt es weiß Gott noch eine Menge zu tun.
Ekkehard Knoerer
(von Jump Cut)

Sen to Chihiro no Kamikakushi / Spirited Away, von Hayao Miyazaki, Japan 2001, 125 Min.
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