Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2002. Die Feuilletons kommentieren die Wahlen. Die FAZ glaubt, dass die FDP von Joschka Fischer besiegt wurde. Die FR bescheinigt den abgesprungenen PDS-Wählern Kalkül. Die taz fand Hinweise auf eine psychische Befreiung Stoibers. Die SZ fragt: "Wollt Ihr den totalen Fettnapf?". Nur die NZZ blickt heute nach Amerika.

FAZ, 24.09.2002

Nun werden die Wahlen auch von den Feuilletons kommentiert.

Lorenz Jäger glaubt, dass die FDP nicht nur wegen Möllemann, sondern auch wegen Joschka Fischer so schlecht abschnitt: "Denn es bleibt die merkwürdige Tatsache, dass sich die Mehrheit der Bürger, unabhängig von ihrer Zustimmung oder Ablehnung grüner Programmatik, einen Außenminister Fischer vorstellen kann, wogegen ein Außenminister Westerwelle geradezu gespenstisch leichtgewichtig wirken würde." Und "über Joschka Fischer gibt es inzwischen mehrere Biografien, in denen sich die Geschichte der Bundesrepublik mit allen dramatischen Episoden spiegelt, von der Integration der Heimatvertriebenen über die Bewegung von 1968 bis zum Terrorismus - während allein die Idee, Guido Westerwelles Lebensbild zu zeichnen, etwas unfreiwillig Komisches hätte."

Patrick Bahners beschreibt die Stimmungen des Wahlabends und stellt fest, dass zwar alle Seiten Adenauer zitierten, "doch gehandelt hat niemand nach dem Vorbild des Alten, der sich den Fernseher erst gar nicht kaufte, den er hätte ausknipsen können, und den Schlaf des Gerechten antrat, um am Morgen der Wahrheit von der Mehrheit geweckt zu werden."

Außerdem zur Wahl: Von Florian Illies erfahren wir, dass die "Lindenstraße" drei Versionen vom Wahlausgang gedreht hatte - vom offenen Ausgang, vom Stoiber- und vom Schröder-Sieg - um dann die richtige senden zu können (und das alles von unseren Gebühren!) Im Interview erzählt Wolfgang Niedecken von BAP, wie er die Wahlnacht im Willy-Brandt-Haus erlebte. Auf der Medienseite erzählt Sandra Kegel, "wie die Hochrechnungskünstler aus der Wahl einen Fernsehkrimi machten". Und Heinrich Wefing verfolgte die Wahlnacht ab 11 Uhr morgens im Goethe-Institut von San Francisco.

Weitere Artikel: Jochen Schmidt unterhält sich mit dem Tänzer Mikhail Barischnikow, der bei der Ruhrtriennale gastiert. Hubert Spiegel kündigt die neue Vorabdruckserie der FAZ an, frühe Erzählungen von Anton Tschechow, die erstmals auf deutsch publiziert werden. Eine Meldung klärt uns auf, dass die Serie "Aus den Herbstprogrammen der Verlage" wegen der Seitenreduzierung des Feuilletons nur mehr im Internet läuft. Im naturwissenschaftlichen Feuilleton berichtet Reinhard Wandtner von Forschungsergebnissen, die belegen sollen, dass eine "böse Schwiegermutter" im Hause zumindest in früheren Zeiten die Säuglingssterblichkeit erhöhte. Gina Thomas schreibt zum Tod der Regisseurin Joan Littlewood. Thomas Wagner schreibt zum Tod des Bildhauers Michael Croissant. Thomas Rothschild berichtet von der Jahrestagung des Pen-Clubs am mazedonischen Ohrid-See.

Auf der letzten Seite schildert Gina Thomas in einem interessanten Hintergrundartikel die Beweggründe einer Riesendemonstration für die Fuchsjagd, die am Wochenende in London stattfand und in der sich zugleich der geballte Unmut der Landbevölkerung gegen die Blair-Regierung artikulierte. Und Oliver Tomein stellt den australischen Arzt Philip Nitschke vor, einen Befürworter der aktiven Sterbehilfe, der nun eine von ihm entworfene und produzierte Plastiktüte, den "Aussie-Bag", zum Suizid empfiehlt.

Besprochen werden ein "Fliegender Holländer", inszeniert von der Wagner-Urenkelin Katharina, in Würzburg, Jan Bosses Inszenierung von Molieres "Menschenfeind" im Hamburger Schauspielhaus, eine Ausstellung Edouard Manets und seiner Freunde in der Stuttgarter Staatsgalerie und drei neue Orpheus-Opern von Iris ter Schiphorst, Georg Nussbaumer und Manos Tsangaris in Bielefeld.

FR, 24.09.2002

Das FR-Feuilleton bringt zwei Kommentare zum Wahlabend. Der Soziologe Wolfgang Engler analysiert das Wahlverhalten der Ostdeutschen und das überraschend schlechte Abschneiden der PDS. "Anders als die Westdeutschen (...) fühlen sie sich Parteien mehrheitlich nicht aus Tradition verpflichtet, wählen sie nicht aus Gewohnheit oder innerer Verbundenheit, sondern rein pragmatisch, aus Kalkül. Einzig die PDS vermochte sich dieser erbarmungslosen Realitätsprüfung in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung zu entziehen, bisher jedenfalls." Engler sieht vor allen Dingen im Versäumnis der PDS, "SPD und Bündnisgrüne zeitig und öffentlichkeitswirksam unter Druck zu setzen (...) und dadurch ihren Ruf als einzig konsequente Friedenspartei zu festigen", eine Ursache für die hohen Verluste. Und so habe "mangels echter Alternativen das ostdeutsche Wahlvolk, anders als die Wähler im Westen, den Regierenden verzagt die Stange" gehalten.

Harry Nutt sorgt sich um die politische Kultur. "Ein zur Artikulation drängendes Unbewusstes war es wohl, dessen Einzug in die politische Arena in den letzten Tagen des Wahlkampfs nicht mehr zu vermeiden war. Während man Herta Däubler-Gmelins Bush-Hitler-Vergleich als performatives Ungeschick in einem halböffentlichen Rahmen lesen kann, ist Möllemanns Flyer-Aktion gegen die Politik Israels Ausdruck eines politischen Trotzes, der nicht davor Halt macht, religiöse und ethnische Ressentiments zu instrumentalisieren. Als politische Regression zeigen beide Vorfälle, wie sehr das nationale Unterbewusste noch mit seiner Herkunft aus dem Nationalsozialismus beschäftigt ist."

Doch der eigentliche Skandal ist dieser: die Berliner Buchhandlung Kiepert ist pleite, berichtet Christian Schlüter, die Filiale am Ernst-Reuter-Platz wird geschlossen. Hugendubel dagegen überlebt. Kann das bitte mal jemand erklären?

Weitere Artikel: Dirk Fuhrig resümiert das zweite internationale Berliner Literaturfestival, das einen Besuchererfolg verzeichnen konnte (mehr hier). Peko erzählt in der Kolumne Times mager von einem Beispiel für unzureichendes männliches Benehmen. Lutz Hagestedt gratuliert dem Romanisten Harald Weinrich zum 75. Geburtstag. Und Bert Noglik schreibt einen Nachruf auf den Kontrabassisten Peter Kowald.

Besprechungen gibt es zur Tagung und Ausstellung "Foucault und die Künste" im Karlsruher ZKM, zur neuen CD von Peter Gabriel, zu einer Aufführung von Gesine Danckwarts erstem Stück "Girlsnightout" am Frankfurter Schauspiel und zu Katharina Wagners Regiedebüt des "Holländers" in Würzburg.

NZZ, 24.09.2002

Auch die NZZ berichtet heute von dem in der New York Times erschienenen Aufruf von 4000 amerikanischen Künstlern und Intellektuellen, der unter dem Titel "Nicht in unserem Namen" die offen imperiale Politik der Bush-Administration scharf kritisieren. Andrea Köhler verweist außerdem auf eine zweite Anzeige (mehr hier), ebenfalls in der New York Times, die von zwei ehemaligen Wissenschaftern der University of California verfasst wurde. Darin erinnern über 1200 Historiker aus allen amerikanischen Bundesstaaten an die verfassungsmäßige Notwendigkeit, über die Frage eines Krieges gegen den Irak zu debattieren und abzustimmen. "Mit einer Resolution, die militärische Eingriffe befürwortet, sei es nicht getan."

Alexandra Stäheli stellt unter dem Eindruck der Filme The Bourne Identity, The Man Without a Past und Spider, die in diesen Wochen in den Schweizer Kinos zu sehen sind, fest, dass Männern in Filmen wieder zunehmend ihr Gedächtnis abhanden kommt. Aus der Tradition des Film Noir kommend, scheinen heute am Rande eines neuen Jahrtausends "die Gedächtnislücken wie frische Wunden von neuem aufzuplatzen. Zumindest beschäftigen sich momentan auffällig viele Filme mit Gedächtnisschwächen, und wieder sind es ausschließlich Männer, deren Ich ins Vergessen sinkt."

Besprochen werden außerdem: Ermanno Wolf-Ferraris Goldoni-Oper "I quattro rusteghi", die nach fast vierzig Jahren erstmals wieder auf einer Bühne gespielt wurde, Doris Dörries Film "Nackt", Andre Messagers Oper "Veronique" in der kleinen Opera de Lausanne, die sechste Ausgabe der Reihe Bieler Fototage, die unter dem Leitthema Macht und Freiheit stand, Moritz Rinkes "Republik Vineta" im Stadttheater Bern und Amanda Millers Ballett "Freiburg Pretty Ugly" beim Luzerntanz.

Zudem sind Buchbesprechungen zu unbekannten Texten von Ferdinand de Saussure sowie zu Andrzej Stasiuks neuem Erzählzyklus Galizische Geschichten zu lesen. Schließlich gibt es in Anlehnung an eine im Herbst erscheinende Textsammlung von Bela Balazs ein kurzes Feuilleton.

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TAZ, 24.09.2002

Die taz-Kultur verarbeitet den Wahlabend in einer Sammelrezension; das sieht zwar zunächst nach nur einem Text aus, nach dem Anklicken erhält man aber sage und schreibe derer fünf. In den einzelnen Abteilungen geht es um Gefühlspolitik, Parteienpartys, vermeintliche Blue-Screen-Bilder, Nieselregen und Rollenschemata. So diagnostizierte Dirk Knipphals allerlei Gefühlsregungen, "nur die PDS wirkte irgendwie emotionslos". Dafür entschädigte der Kandidat: "Wie freudig Stoiber sich zum Sieger ausrief - gelöster kann der gar nicht. Gefühle zeigen! Am Wahlabend gabs bei ihm deutliche Fortschritte in diese Richtung zu registrieren. Zwar kein Aufbrechen des Kompetenzpanzers, aber Hinweise auf psychische Befreiung." Na Gott sei Dank.

Auf der Flimmern und Rauschen-Seite gibt es dann noch eine lesenswertes Interview mit dem Chef-Anchorman des Nachrichtensenders BBC World, Nik Gowing. Der kam offenbar voll auf seine Kosten ("Ich liebe solche Abende") und glaubt, seinen Kommentatoren-Job - vor allem die Erklärung der Überhangmandate - gut gemacht zu haben: "Das ist auch schon meine fünfte deutsche Wahl. Diesmal war es einfach nur viel dramatischer. Vorher ging es ja immer nur um Kohl, Kohl, Kohl. Und dann noch diese Unsicherheit durch die PDS, ob sie mit drei Mandaten und damit in voller Stärke in den Bundestag kommt oder nicht. Ich denke, das war so spannend, dass unsere Zuschauer auch mitgerissen wurden."

Harald Fricke besuchte ein "geschmackvoll und esoterisch" ausgeleuchtetes Konzert von David Bowie in Berlin. Helmut Höge berichtet über weitreichende Folgen des Börsencrashs, der u.a. laut Financial Times dazu führt, dass sich viele Paare nicht mehr scheiden lassen, "weil ihre wechselseitigen Ansprüche aus der Ehe durch Aktienverkäufe nicht mehr zu befriedigen sind." Und Wolfgang Müller erklärt den bleibenden Wert des Documenta11-Katalogs als belehrendes "Erinnerungsalbum".

Bücher
werden auch besprochen, u.a. neue Romane von Ian McEwan und Philip Ardagh und eine Studie von Mark Terkessidis und Tom Holert über "Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr)-

Und noch Tom.

SZ, 24.09.2002

In gleich fünf Texten widmet sich das SZ-Feuilleton dem Wahlausgang. Johannes Willms analysiert das Nord-Süd-Gefälle im Lande, das sich auch als Rot-Schwarz-Gefälle erweist - und auf historische und kulturelle Strukturen vor der Erfindung der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" zurückzuführen sei. Das "katzbalgen" um die Mitte habe die Parteien verwechselbar gemacht, die mittels zunehmend erratischer "Subventionen oder in Erhaltungsinterventionen" deren "gemeinsamen Nenner" - wirtschaftliche Prosperität - zu retten versuche. Es habe deshalb "ganz den Anschein, als bilde sich (im Rot-Schwarz-Gefälle) ein das Parteienspektrum transzendierendes Aufbegehren des Wählers ab, der sich auf ältere soziokulturelle Prägungen und Werthaltungen besinnt, um die Reformblockade (...) aufzubrechen."

Franziska Augstein beschäftigt sich mit der Niederlage der PDS. Der Schriftsteller Steffen Kopetzky erzählt eine wunderbare Geschichte über seinen Großvater, dem 1919 eine mit einer einzigen Stimme verlorene Wahl das Leben rettete. Und der Schriftsteller Jochen Schmidt berichtet von einer Wahlparty in Berlin-Friedrichshain. Zum Abschluss vergleicht Ulrich Raulff die Fettnapftiefe der Äußerungen von Herta Däubler-Gmelin und Christoph Stölzl, der in einem Radio-Interview "den rot-grünen Wahlerfolg mit demjenigen der Nazis von 1931/1932 verglichen" hatte.

Weitere Artikel: Holger Liebs präsentiert den künftigen Leiter des Hauses der Kunst in München Chris Dercon als "Glücksfall", was sich im anschließenden Interview mit Dercon überprüfen lässt. In der Reihe über die Zukunft des Berufsbilds der Architekten (debattenauslösender Vorwurf war ihre Beschreibung als "kommunikationsgestörte Autisten") macht der Architekturkritiker Alexander Hosch einen Vorschlag gegen das Hadern und Jammern in der Zunft: "Wie wäre es, wenn einfach jeder Architekt als erstes sein eigenes Haus baute." Christian Kortmann staunte auf der Messe "eternity 2002" über die neuesten "Requisiten für den starken Abgang". In der Kolumne Zwischenzeit räsoniert Harald Eggebrecht über ehemalige Prunk- und Prachtbauten und deren inzwischen weitgehend abgeschlossene Demokratisierung. Und schließlich informiert "mea" noch über hochfliegende Pläne für einen Themenpark namens "Shakespeare?s World" nahe Stratford-on-Avon.

Besprochen werden die "Holländer"-Inszenierung der Wagner-Urenkelin Katharina in Würzburg, eine Ausstellung des Karlsruher ZKM zu "Foucault und die Künste", Edith Clevers Selbstinszenierung mit Texten von Einar Schleef am Berliner Ensemble, Barry Skolnicks Film "The Mean Machine" und Bücher, darunter ein Roman von Veronique Olmi und eine Phänomenologie des politischen Skandals (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).