Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2002. Die FAZ sorgt sich um Zeitungskultur und Qualitätsjournalismus. Die taz beschwört die Kultur als Hilfe zum Glücklichsein. Die FR lotet die Kollateralrisiken eines rot-grünen Wahlsieges aus. Die NZZ freut sich über den Wiederaufbau der griechisch-orthodoxen Kirche St. Nicholas in New York. Und die SZ erinnert daran, dass ein Deutschland ohne Ausländer eine kulinarische Wüste wäre.

FAZ, 17.09.2002

Frank Schirrmacher beschwört die "Krise der Zeitungskultur" und fragt sich, was es bedeutet, dass in den letzten Monaten Hunderte von Journalisten ihren Job verloren haben. "Die seriösen Medien, ihre Redakteure und Leser schufen die Voraussetzungen für unzählige intellektuelle Biografien, ja für geistige Karrieren, die gleichberechtigt neben den Laufbahnen des rein Ökonomischen standen. Sie gaben und geben festen freien Mitarbeitern - bei oft sehr guten ökonomischen Bedingungen - die Möglichkeit, das freie Leben des Geistigen zu führen, ohne den Preis der Wirkungslosigkeit zu zahlen." Und nun? "Die Öffentlichkeit aber muss wissen, dass die Veränderung dieser Arbeitswelt, die so oft beschworene Bedrohung des Qualitätsjournalismus, eine Bedrohung ihrer selbst ist."

Wolfgang Sandner berichtet vom Frankfurter Georg-Solti-Wettbewerb, in dem die vielversprechendsten Jungdirigenten gekürt wurden. Im dazugehörigen Interview erklärt der ehemalige Frankfurter-Dirigent und Juror des Wettbewerbs Michael Gielen, was einer braucht, um Dirigent zu werden, zum Beispiel: "Mut. Und eine eigene Vorstellung, so dass er als musikalische Persönlichkeit akzeptiert wird. Es muss sich sofort mitteilen, dass er etwas zu sagen hat. Ob er besser Takt schlägt oder weniger gut, ist nicht so entscheidend."

Weitere Artikel: Peter Kemper singt eine Hymne auf den Gitarristen Jeff Beck, der - "ständig angriffsbereit und gleichzeitig von betörender Geschmeidigkeit der Anpassung an die musikalische Umgebung" - in London eine ganze Konzertreihe gab. Christian Schwägerl resümiert eine Tagung des Medical Research Council (MRC) in London, in deren Vorträgen er das Embryo vollends zum bloßen Produktionsort von Stammzelllen werden sah. Zum Beispiel "sollen in Großbritannien in den nächsten Jahren die Zentren für künstliche Befruchtung umorganisiert werden. Sie sollen ihre Arbeit den Bedürfnissen der Stammzellforscher anpassen, damit der Rohstoff Embryo sich später, zum Ersatzgewebe transformiert, auch als verkäufliches Therapeutikum eignet." In einer Meldung erfahren wir von Gina Thomas, dass Fay Weldon, die sich für ihren letzten Roman von Bulgari sponsorn ließ, ihren nächsten Mäzen im Londoner Savoy-Hotel gefunden hat. Eva Menasse resümiert eine Wiener Tagung der Hofmannsthal-Gesellschaft über den Chandos-Brief.

Auf der letzten Seite erinnert Niklas Maak an Georg Christian Unger, Hofarchitekt Friedrichs des Großen, dessen Belvedere (Bild) im Park von Sanssouci jüngst nach jahrelanger Restaurierung wieder der Öffentlichkeit übergeben wurde. Renate Schostak berichtet vom Festakt zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne. (Auch Eduard Beaucamp kommentiert den Anlass.) Und Manfred Lindinger porträtiert den Pyramid Rover (Bild), jenen kleinen Roboter, der die letzten Geheimnisse der Cheops-Pyramide lüften soll. Auf der Medienseite schildert Andreas Kilb die Lage im Studio Babelsberg, das demnächst wohl von seinem Besitzer Vivendi Universal abgestoßen wird. Jordan Mejias erklärt die Praxis des "Endorsement" in amerikanischen Medien, die meistens unumwundene Wahlempfehlungen geben - die Financial Times Deutschland hat es ihnen jetzt nachgetan. Und Michael Hanfeld erzählt, wie es bei der FTD zur Wahlempfehlung kam.

Besprochen wird Niels-Peter Rudolphs Bonner Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt".

TAZ, 17.09.2002

Pascal Hugues lotet die hiesige (Un-)Wahrscheinlichkeit für Kultur als Wahlkampfthema aus und vergleicht das diesbezügliche Verhältnis von Politikern und Intellektuellen diesseits und jenseits des Rheins. "Zugegeben, es ist schwierig, sich Edmund Stoiber vorzustellen, wie er den Wiederaufbau des Berliner Hohenzollern-Stadtschlosses annulliert, um an seiner Stelle eine futuristische Pyramide zu errichten. Oder Gerhard Schröder, wie er einen kleinen, virtuosen Essay über Marsilio Ficino schreibt. 'Ein Staatsmann', bekräftigte kürzlich Jack Lang, 'muss denken, aber auch zu denken geben. Kultur ist eine Waffe. Sie ist nicht nur eine Bürde, nicht nur ein Budgetposten. Sie ist eine Hilfe fürs Glücklichsein.'" Tja, Franzose müsste man sein.

Weitere Artikel: Stefan David Kaufer untersucht die Vorbildfunktion des schottischen Spielers und Ökonomen John Law (lebte, dachte und wirkte im 18. Jahrhundert) für Peter Hartz' "Job Floater". Und Andreas Becker versucht unter dem Titel "Realtime-Aktion mit Aktien", qua einer Analyse des Zeitfaktors bei der Börsenspekulation, taz-Lesern und perlentaucher-Autorinnen nämliche irgendwie zu erklären: "Online kann ich in wenigen Sekunden mein gesamtes Kapital anlegen und beobachten, wie es weniger wird". Das zumindest überrascht nicht im mindesten.

Bücher: Besprochen werden u.a. Michael Jürgs Biografie von Günter Grass, eine Kritik der unpolitisch-distanzierten Haltung der kommerzialisierten Popkultur in den USA, "eine flotte Geschichte Breslaus als Mikrokosmos der Region", ein Buch von Helga Hirsch über deutsch-polnische Grenzgänger, und ein Kreuzfahrtbericht von David Foster Wallace (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FR, 17.09.2002

Martin Altmeyer räsoniert im Aufmachertext über die gerade noch rechtzeitige "Trendwende für Rot-Grün". Und fragt sich, ob der neue Antikriegskurs "die lang ersehnte Rückkehr zu einer wahrhaften Politik der Linken, eine neue Koalition der alten Gewissheiten" ankündigt: "Die Bedrohung durch den Irak - eine Erfindung des US-Imperiums? Der Bosnien-Einsatz, die Kosovo-Intervention, der Krieg in Afghanistan - ein militaristischer Irrweg, der endlich korrigiert werden muss? Der aggressive Islamismus - ein fehlgeleiteter Aufstand der Verzweifelten und Entrechteten? Und wenn Weltinnenpolitik und Verantwortungsdiskurs bloß einer Tarnveranstaltung entstammten, hinter der sich die Anmaßung des Westens verbirgt? Hier zeichnen sich bereits die Kollateralrisiken eines wahrscheinlichen Sieges ab."

Der Theaterregisseur Nicolas Stemann vom Wiener Burgtheater erzählt von einer grässlichen Vision, die ihn nach eigener Aussage so ab "April 2001" quälte, inzwischen aber wieder abgeklungen sein soll: "Ich war auf einmal Guido Westerwelle! Nur mit etwas weniger Haaren."

Weitere Themen: Christian Schlüter bedauert den kulturpolitischen "Ausverkauf" in Berlin, wo 2003 laut einer Art "Giftliste" im Kultursektor angeblich noch einmal 23 Millionen Euro eingespart werden sollen. Gemma Pörzgen berichtet von der deutschen Präsentation bei den Belgrader Kulturwochen, Yvonne Strecke besuchte das 28. Amerikanische Filmfestival im französischen Deauville (mehr hier), und Rüdiger Suchsland verfolgte eine Tagung zum Thema "Medienmacht" in Lech, an der u.a. Norbert Bolz, Elisabeth Bronfen und Walter Grasskamp teil nahmen. In der Kolumne Times mager stellt Ulrich Clewing mehr oder weniger künstlerische "Zwitschermaschinen" vor.

Besprechungen: Vorgestellt werden zwei Ausstellungen, eine Werkschau des Stuttgarter Architekten Werner Sobek in der Berliner Galerie Aedes und ein Tablett flämischer Stilleben in der Essener Villa Hügel. Peter Iden kommentiert den Spielzeitauftakt in Basel (hier) und Wiesbaden (hier) mit "Romeo und Julia" und "Kabale und Liebe". Als "gescheit" wird zumindest der Schluss einer "Tannhäuser"-Inszenierung im Theater Basel gelobt, außerdem gefeiert werden zwei Choreografien von Lia Rodrigues in Potsdam (hier).
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NZZ, 17.09.2002

Dass es neben der Verzweiflung über die Anschläge am 11. September auch erfreuliche Entwicklungen zu vermelden gibt, illustriert Andreas Mink in einem Artikel über die "Kollateralschäden" am Rande der Katastrophe. Eine griechisch-orthodoxe Gemeinde beispielsweise hatte durch den Einsturz der Twin-Towers ihre traditionsreiche Kirche verloren - und war sich schon sehr bald einig, wie es weitergehen sollte: "St. Nicholas soll auch nach dem Willen des New Yorker Gouverneurs George Pataki 'als traditionelle griechisch-orthodoxe Kirche mit einer goldenen Kuppel und einem kreuzförmigen Grundriss' neu erstehen und ein internationaler Wallfahrtsort werden".

Einen knappe Standortbestimmung der Nutzungspläne für das zur Rekonstruktion bestimmte Berliner Schloss gibt Claudia Schwartz. Nachdem zunächst eine Mischnutzung des neubarocken Baus überlegt wurde, ist dieser Vorschlag nun wieder hinfällig. Die Experten hätten sich im Nutzungsvolumen um 40.000 Quadratmeter verkalkuliert (Schwartz findet das "skandalös") und es wird nun darüber nachgedacht, "die Berliner Zentral- und Landesbibliothek, neben den Staatlichen Museen zu Berlin und den Sammlungen der Humboldt-Universität einer der drei potenziellen Nutzer, wieder auszuladen oder nur ausgewählte Bibliotheksbestände zu integrieren."

Weitere Artikel: Paul Jandl berichtet vom 6. Philosophicum im idyllischen Bergdörfchen Lech, bei dem sich eine kleine Expertenrunde (darunter Verleger Hubert Burda, Klaus Kinkel und Ron Sommer) über den Zusammenhang von Macht und Medien verständigte. Außerdem: Am 19. September heißt es wieder um die Wette dichten; zum 6. International Poetry Slam in Bern versorgt uns Reto Sorg vorab mit Informationen. "Fabuliert, imaginiert" wird im filmischen Teil der Expo 2002, wie Andreas Maurer befindet. Die Ausstellung würde in diesem Jahr die Besucher betören, indem sie vor allem "sinnlich beeindruckt". Und: Joachim Güntner fasst das Nachspiel der Übernahme der Haffman-Konkursmasse durch den Fourier-Verlag zusammen.

Besprochen werden Bücher, darunter der Neuling "Taiga Blues" vom russischen Autor Alexander Ikonnikow, leichte Geschichten über "die Trägheit des Lebens". Impressionen aus einem anderen Land liefert Juli Zeh in ihrem eigenwilligen Reisebericht "Die Stille ist ein Geräusch", und: Walter Rathenau führt uns in einem neu gedruckten Essay durchs "Spree-Athen" vor rund hundert Jahren.

SZ, 17.09.2002

Der Duisburger Japanologe Florian Coulmas bemerkt, dass Ausländer nun doch noch Wahlkampfthema werden. "Wir waren den Ausländern gegenüber zu tolerant", zitiert er Edmund Stoiber, der nun zeigen wolle, " wie man eine Wahl mit Xenophobie doch noch gewinnt und sich des Sieges dann mit liberalen Erfüllungsgehilfen erfreut". Und fragt verzweifelt :"Wo sind die Politiker, die laut und deutlich sagen, wie trostlos ein Deutschland der Deutschen wäre, die aussprechen, dass Deutschland ohne die Hilfe der anderen nicht nur eine kulinarische Wüste wäre, sondern auch ein geistiger Sumpf?"

Weiteres: Die Münchner Pinakothek der Moderne - die heute für das gemeine Fußvolk öffnet - wird uns noch etwas beschäftigen. So ventiliert der Kunsthistoriker Willibald Sauerländer deren "ästhetische Differenzen, welche von den Medien- und Spaßgesellschaft längst eingeschmolzen sind", Wieland Schmied besichtigt noch einmal die Säle der großen Maler, der Berliner Kunsthistoriker Michael Diers konstatiert eine "heitere Arroganz in Münchens Kanzleramt", der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt lobt den Neubau als angemessenes Quartier für das Architekturmuseum, und der Ordinarius für Neuere Kunstgeschichte an der Uni Basel, Gottfried Boehm, analysiert den Namensbestandteil "Moderne" des neuen Museums.

Reinhard J Brembeck berichtet über das nachsommerliche Münchner "Satyrspiel um die Kür eines neuen Chefdirigenten der Philharmoniker", namentlich das Gerangel um Christian Thielemann als Nachfolger des 2004 nach Boston wechselnden James Levine. sko informiert über die "Sonderauktion Bieten und Helfen" für Hochwassergeschädigte der Regierung im Internet, auf der bis morgen 18 Uhr noch für "fünf winzige Porzellanmasken aus der Volksrepublik China (50 Euro)" geboten werden kann. In der Kolumne Zwischenzeit räsoniert Joachim Kaiser im Zusammenhang mit Opernaufführungen in der Arena di Verona über "herzerweichenden Patriotismus" Und Jens Bisky verabschiedet (vorsorglich? prophetisch?) Bildungsministerin Edelgard Bulmahn.

Martin Bauer hat in Essen eine Debatte über die prekäre Natur des Menschen verfolgt, auf der unter anderem der Hirnforscher Wolf Singer "aus der Erkenntnis, dass unser Hirn ein zentrumsloses Netzwerk darstellt, dem jede koordinierende Metaintelligenz fehlt, ein "neues Bescheidenheitsethos" ableitete. Und Franziska Augstein war auf einer Tagung in Potsdam über Herder und das Judentum.

Besprochen werden die Inszenierungen von Alexander N. Ostrowskijs "Wölfe und Schafe" und Martin Crimps "Der Handel mit Clair" am Maxim Gorki Theater in Berlin und Luciano Berios Oper "La vera Storia" an der Hamburgischen Staatsoper. Angekündigt wird außerdem die bevorstehende Konzerttournee des englischen Songschreibers Damon Gough alias Badly Drawn Boy.

Bücher: besprochen werden u.a. eine Biografie des Chefs der Tierschutzbehörde in Kenia, eine Studie zu den Hintergründen des Anschlags auf das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen und ein Band des Zeichners der sonderbaren Titanic-Figur "Sondermann".