Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2002. Die NZZ stöhnt über den Störfaktor Sex. Die taz erklärt, warum die Ossis so unzuverlässige Wähler sind. In der FR beschreibt Predrag Matvejevic die unvollkommene Identität des heutigen Kroatiens. Die SZ beklagt die Inflation der Mittler. Die FAZ konnte in Wien kein Fahrrad leihen.

FAZ, 24.07.2002

Eva Menasse erzählt die kuriose Geschichte des öffentlichen Fahrradverleihs, der von der rotgrünen Wiener Stadtregierung betrieben wurde. Die Räder, die gegen einen Einwurf von zwei Euro geliehen werden konnten, waren natürlich schnell weg: "So kurz die bunten Dinger dagewesen waren, blieb es dennoch unmöglich, sie wie einen Frühlingsspuk einfach zu vergessen, denn man fällt ja seither an jeder Ecke über einen Terminal, lange, blaue, im Gehsteig verankerte Querbalken, an denen traurig einsame Ketten baumeln. Der Gipfel des anonymen Hohns wurde erreicht, als hie und da gekidnappte Einkaufswägen an die Radterminals gehängt wurden; immerhin bekam der Entführer so ja eine Münze zurück." Warum hat man nicht einfach Dosenpfand erhoben?

Silvio Berlusconi hat nun durch die Einsetzung des Neofaschisten Antonio Baldassarre im Verwaltungsrat der staatlichen Anstalt Rai nun auch im öffentlichen Fernsehen die Macht übernommen, meldet Dirk Schümer auf der Medienseite. Baldassarre versprach sogleich eine "Kulturrevolution". Und Schümer kommentiert: "Was das anhaltende Ringen um die Rai - neben der verfassungsrechtlich fragwürdigen Konkurrenz durch die Privatsender des Regierungschefs - zu einer gespenstischen Debatte macht, ist die ungeheure Niveaulosigkeit und Konsumorientierung aller - wirklich aller -, auch der öffentlichen Sender, die sich mit schamloser Werbung und endlosen Ballett- und Spielshows kaum von Berlusconis Dauerwerbesendungen unterscheiden."

Weiteres: Thomas Hürlimann setzt die jüngst von Wolfgang Hilbig eröffnete Reihe von Antworten auf Hofmannsthals Chandos-Brief fort. Jordan Mejias meldet, dass Norman Foster eine Erweiterung für das Bostoner Kunstmuseum bauen soll. Andreas Rosenfelder berichtet über die Fusion der Gesamthochschulen von Essen und Duisburg, die ihrerseits in den großen Zeiten sozialdemokratischer Bildungspolitik aus mehreren Hochschulen fusioniert worden waren. Ilona Lehnart analysiert das "diskursromantische" Programm der Bundeskulturstiftung hundert Tage nach ihrer Entstehung.

Auf der letzten Seite wandert Verena Lueken wie einst Ishmael aus Melvilles "Moby Dick" um die Südspitze Manhattans (es handelt sich dabei um ein Kapitel ihres Buchs "New York - Reportage einer Stadt", das im September erscheint). Alexander Bartl schreibt ein kleines Profil der ZDF-Nachrichtensprecherin Caroline Hamann. Und Paul Ingendaay setzt seine Berichterstattung über den Streit um das "Allgemeine Archiv des Spanischen Bürgerkriegs" fort - hier geraten unter anderem die Katalanen mit der spanischen Zentralregierung aneinander.

Besprochen werden Dominik Grafs neuer Film "Der Felsen", eine Ausstellung mit Werken von Vorbildern Balthus' im Musee Jenisch in Vevey, eine Ausstellung mit bildkünstlerischen Werken von Schriftstellern im Zürcher Museum Strauhof und eine Ausstellung mit Schmuck und Uhren von Cartier in Berlin.

NZZ, 24.07.2002

Mit der erstaunlichen Frage "Verschafft die sexuelle Liberalisierung größere Freiheit?" eröffnet heute Sieglinde Geisel das Feuilleton des führenden Zürcher Instituts. Es handelt sich um einen kleinen Essay, der unter anderem einen Verlust der Sexualität durch Sexualisierung der Sprache und den Einzug des Neoliberalismus in den Sex konstatiert: "Der flexible Alltag kennt keine verbindlichen Pausen, denn wer auf Abruf arbeitet, lebt auch auf Abruf, und das wiederum bedeutet Sex auf Abruf. Die Lust macht den Menschen unabkömmlich. In diesem Sinn ist Sex ein Störfaktor."

Maja Turowskaja porträtiert in ihrer schönen Reihe "Moskau persönlich" den ehemaligen Untergrundliteraten Lew Rubinstein, der sein Werk auf Karteikarten bannt. " Die Idee des Buches lehnte er genauso ab wie die der Urheberschaft. Dafür ließen sich die Karteikarten als Quasi-Texte laut vorlesen, als Quasi-Dinge den Freunden schenken und in bestimmter Abfolge als Quasi-Kartothek sortieren."

"zit." stellt das KEO-Projekt des Künstlers und Wissenschaftlers Jean-Marc Philippe vor, der einen Satelliten mit Memorabilien bestücken will, die in 50.000 Jahren zur Erde zurückkehren sollen - wer etwas mitschicken will, soll sich hier melden. Max Nyffeler untersucht in einem längeren Hintergrundartikel die Möglichkeiten der DVD für die multimediale Darstellung von Musik.

Besprochen werden Paul Cox' Film "Innocence", das neue Heft der italienischen Architekturzeitschrift Casabella, die Schweizer Architekten gewidmet ist, Sibelius-CDs und einige Bücher, darunter Lucien Febvres historischer Klassiker "Das Problem des Unglaubens im 16. Jahrhundert" (mehr hier) und Steffen Kopetzkys Roman "Grand tour" (mehr hier).

TAZ, 24.07.2002

Der deutsche Osten - ein Alptraum für Wahlprognostiker? Dan Richter, ehemaliger Wahlhelfer in der DDR und Enkel einer resoluten "Schträuberle"-Gegnerin, klärt auf über das "Ossi-Monster" und seine politischen Präferenzen: "Solange den großen Parteien im Osten ein festes Image fehlt, werden sie nicht in der Lage sein, eine Traditionswählerschaft aufzubauen. Viel ist somit also von momentanen Stimmungen und Einzelpersonen abhängig. Die innere Logik des politischen Systems, zu behaupten, Lösungen für sämtliche Probleme parat zu haben, und sich genau mit dieser Erwartung konfrontiert zu sehen, greift besonders im Osten auf triviale Weise: Der Ostler erwartet Instant-Lösungen. Und wer sie ihm glaubwürdig verspricht, den wählt er. Wenn die Prognosen also behaupten, die Bundestagswahlen 2002 würden im Osten entschieden, dann ist der sicherste Weg, diese zu gewinnen, den Ossis das Blaue vom Himmel zu versprechen, allerdings auch, die Wahlen 2006 höchstwahrscheinlich zu verlieren."

Annett Busch stößt auf Posen und Klischees in Dominik Grafs Film "Der Felsen", Daniela Capücarova porträtiert Vera Bila (mehr hier), die Königin des Rom-Pop, Christian Broecking konnte Steve Reich und seine Komposition "Music for 18 Musicians" beim Rheingau-Musikfestival in Wiesbaden bewundern, Nils Röller schwelgt in der Erlesenheit des - bisher nur auf Englisch erschienenen - Bandes "Life Style" über den Buchkünstler Bruce Mau und sein Büro.

Und in den Tagesthemen besucht Dorothea Marcus das südfranzösische Orange, wo sich der Front National (leider erfolgreich) als Kultur-Weichspüler versucht.

Schließlich TOM.
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FR, 24.07.2002

Der aus Bosnien-Herzegowina stammende Autor Predrag Matvejevic (homepage) liefert ein Porträt des heutigen Kroatien - einer gebeutelten Region, in der noch immer die Angst vor der Rückkehr der Nationalisten regiert: "Mitteleuropa, zu dem mit Sicherheit auch das nördliche Kroatien gehört, ist zweifellos ein ruhigerer Raum geworden. Aber die Narben der jüngeren Geschichte sind geblieben: die Gewohnheiten des Kalten Krieges, die Unsicherheiten des Post-Kommunismus, eine unvollkommene Identität und Reizbarkeit der nationalen Bewusstseins, die Furcht vor einer neuen, von den Nachbarn ausgeübte Hegemonie, zusammen mit einem Gefühl der Ohnmacht angesichts der immer noch vorhandenen starken Präsenz nationaler und ethnischer Ideologien, die die Konflikte auf dem Balkan angezündet haben und sich immer weiter ausbreiteten."

Elke Heinemann befragt die aktuelle "Spektrum"-Preisträgerin Sophie Calle zu ihrer Arbeit, in der immer wieder das eigene Scheitern der Künstlerin verarbeitet wird. So auch in ihrem Film mit dem sprechenden Titel "No Sex Last Night", der andernfalls gar nicht zustande gekommen wäre: "Wenn der Mann mich geliebt hätte, wenn unser Auto keine Pannen gehabt hätte auf der Fahrt durch Amerika, wenn alles gut verlaufen wäre, dann wäre dies der langweiligste Film der Welt geworden! Ich hätte sicher keinen Film gemacht über einen Mann, der mich liebt, über ein Auto, das fährt und über uns, die wir im Glück schwimmen - ganz bestimmt nicht." Sophie Calles laufende Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover bespricht Jochen Stöckmann.

Außerdem berichtet Dorothea Marcus vom Theaterfestival in Avignon, wo man Sasha Waltz feierte, und die "Times mager"-Kolumne erkundet die Hunzingerbedürftigkeit frisch Vereidigter: "Kaum an der Macht, muss der Politiker nicht nur die Beschränkung seiner Steuerungskompetenz, sondern auch seine Unsicherheit im Habitus gewärtigen. Frisch gewählt oder minstrabel geworden, wollen weder Gesichts- noch Anzüge so recht sitzen."

SZ, 24.07.2002

Wolf Lepenies bringt uns die in allen Kulturen und zu allen Zeiten wichtige Spezies des Hunzingers nahe. In Goethes "Wahlverwandtschaften" noch als eher kurioser Mittler firmierend, wird der Hunzinger (Volksmund für: Beziehungsmakler) in der modernen, in Subsysteme aufgeteilten Gesellschaft engültig unentbehrlich. Wie aber, fragt Lepenies, steht es mit demokratisch verfassten Gesellschaften, wenn sich in ihnen die Mittler-Rollen vermehren? "Goethe hatte ja recht, als er bemerkte, am Charakter seines Mittlers müsse etwas Wahres sein, weil er in der Gesellschaft mehrfach existiere. Heute ist er zum Massenphänomen geworden: in der Bundesrepublik sollen auf jeden Berufspolitiker 25 Lobbyisten oder Beziehungsmakler kommen. Die Mittler sind nicht die dunkle Kehrseite unserer Gesellschaft, sondern ihr Spiegel."

Der Menschenrechtsexperte Aryeh Neier ("War Crimes", Präsident des Open Society Institute in New York), erklärt, wie dem Widerstand der USA gegen einen ständigen Internationalen Weltstrafgerichtshof am besten zu begegnen ist. Kurzfristig, so Neier, gibt es wohl keine Möglichkeit, den Widerstand der Bush-Regierung zu brechen. "Falls man die Richter und den Ankläger für den internationalen Gerichtshof jedoch gewissenhaft aussucht, wird es kaum dabei bleiben. Es wird schwierig sein, einen Gerichtshof anzugreifen, in dem hervorragende Richter und faire Ankläger sitzen und sich mit Fällen befassen, die nach Gerechtigkeit schreien ... im Interesse der internationalen Gerechtigkeit und auch der Bekämpfung des Antiamerikanismus wäre es nützlich, wenn man Washington davon abhielte, den Internationalen Gerichtshof zu Fall zu bringen."

In weiteren Artikeln annonciert Jonathan Fischer das Comeback der Soul-Legende Solomon Burke (homepage). Helmut Mauro porträtiert den achtzehnjährigen Wunder-Pianisten Nikolai Tokarev aus Moskau. Siggi Weidemann erzählt, wie Hollands resolute Königin Beatrix sich den Thron und auch gleich die neue konservative Regierung warmhält. "holi" berichtet, wie ein kleines Dorf im Hohenlohischen dem weltweiten Art-Hopping Widerstand leistet. Und im Interview spricht der Regisseur Randall Wallace über seinen Vietnam-Film "Wir waren Helden" über "ganz normale Amerikaner" bei der Pflichterfüllung.

Besprochen werden Dominik Grafs Kinofilm "Der Felsen", eine repräsentative Auswahl aus Vincent van Goghs Werk in der Villa Flora in Winterthur, jede Menge neue Alben, u.a. von Herbie Hancock ("Live at Massey Hall"), Derek Bailey ("Ballads") und Chuck Prophet ("No Other Love"), schließlich Lesefutter: Ein Buch über die Krise der Philosophie im Zeitalter wissenschaftlich-technischer Rationalität, ein anderes über die Philosophie als Lebenskunst, ferner Czeslaw Milosz' Jahrhundert-Sichtung "Mein ABC" sowie ein Hörbuch, in dem (auf dem?) Hannelore Hoger Texte und Lieder über die Liebe schluchzt (siehe auch unsere Bücherschau um 14 Uhr).